„Der Klimawandel ist ein Rennen, das wir verlieren, aber auch gewinnen können“

Am 22. Oktober sprachen wir mit Nardely Hernández und Cynthia Rodriguez vom Movimiento Comunal Nicaragüense (MCN) über die Auswirkungen des Klimawandels in Nicaragua, sowie über deren Aktivitäten zur Anpassung an, sowie gegen den Klimawandel.

Zentralamerika ist weltweit eine der am meisten vom Klimawandel betroffenen Regionen. Existentiell betroffen von dieser Entwicklung sind vor allem Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Diese müssen jedes Jahr damit rechnen, ihre Ernte oder sogar ihr Leben zu verlieren – sei es durch Trockenheit, Überschwemmung oder Wirbelstürme. Für sie ist es keine Option, darauf zu warten, dass Regierungen und Konzerne auf globaler Ebene endlich effektive Maßnahmen ergreifen. Um den Klimawandel überleben zu können, sind die Menschen vor Ort gezwungen, selbst aktiv zu werden.Ein Beispiel dafür ist die Arbeit des Movimiento Comunal Nicaragüense (MCN - Nicaraguanische Kommunalbewegung).

Das MCN ist eine gemeinnützige, unabhängige und demokratische Organisation. Dessen Stärke liegt im ehrenamtlichen Engagement der Mitglieder in den verschiedenen Gemeinden. Ziel ist es, die Bevölkerung im Kampf für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit zu unterstützen. Dies erfolgt unter Berücksichtigung von Genderaspekten, Intergenerationengerechtigkeit, Multikulturalität und Umweltschutz, basierend auf den Prinzipien und Werten von Solidarität, Partizipation, Freiwilligenarbeit, Autonomie, Transparenz, Ethik, Gerechtigkeit und Inklusion. Besonders berücksichtigt werden die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen.

Im Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels setzt das MCN zum einen auf die Organisation und die Sensibilisierung der Bevölkerung. Auf lokaler Ebene werden Komitees gegründet, die Risiken wie drohende Überschwemmungen oder Erdrutsche identifizieren und gemeinsam mit Gemeinden werden Pläne zum Katastrophenschutz entwickeln.

Förderung einer Kultur der Prävention

Mittelfristig geht es den MCN jedoch darum, weg von einem ständigen reagieren auf Katastrophen, hin zu einer Kultur der Prävention zu gelangen. Diese hat zum Ziel, die Auswirkungen möglicher extremer Wetterphänomene bereits im Vorfeld zu verringern und den Menschen auch unter den Bedingungen des Klimawandels ein Leben und Überleben in Würde zu ermöglichen. Ein wichtiger Bestandteil der Vorsorge ist das Einrichten von Baumschulen zur Wiederaufforstung von Wasserquellen oder Berghängen.

Zur Prävention gehört jedoch nicht nur der Schutz vor unmittelbaren Katastrophen. Mindestens genauso wichtig ist es, die kleinbäuerlichen Landwirtschaft an die Bedingungen des Klimawandels anzupassen. Dabei setzt das Movimiento Comunal Nicaragüense (MCN) in erster Linie auf eine ökologische und nachhaltige Landwirtschaft. Dabei handelt es sich um ein holistisches Modell, welches darauf abzielt, diversifizierte Ökosysteme, angepasst an die lokalen Bedingungen, zu schaffen. Die Diversifizierung ermöglicht, dass sich in den Feldern und Gärten Krankheiten und Schädlinge selbst regulieren. Verwendet werden nur natürliche Düngemittel und Pestizide. Auf genmanipuliertes oder industriell hergestelltes Saatgut wird verzichtet.

Des Weiteren werden eine Reihe von Maßnahmen durchgeführt, um die Ernte vor schädlichen Umwelteinflüssen zu schützen. Zum einen werden natürliche Barrieren angelegt, um die Bodenerosion bei starken Regenfällen zu minimieren. Das Anlegen von Terrassen verbessert das Einsickern des Wassers, schützt vor Überschwemmungen und erlaubt einen effektiveren Gebrauch der landwirtschaftlichen Flächen.

Zum Schutz vor Schädlingen oder Stürmen werden um die Felder herum verschiedene Büsche angepflanzt. Zentral in diesem Konzept ist das Aufziehen und Anpflanzen von Bäumen. Ihr intelligenter Einsatz kann es schaffen, auf Gärten oder Feldern das Mikroklima und den Wasserhaushalt so zu regulieren, dass eine größere Vielfalt von Produkten angebaut werden kann. Ergänzt werden all diese Maßnahmen durch das Anlegen von Gärten rund um die Häuser. Dort werden verschiedenste Obst- und Gemüsesorten gepflanzt. Diese leisten einen entscheidenden Beitrag zur Ernährungssicherheit der Familien.

Die Arbeit des Klimaüberwachungsnetzwerkes

Unterstützt werden die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern durch ein kommunal organisiertes Netzwerk der Klimabeobachtung. In immer mehr Gemeinden entstehen Messtationen, an welchen die Menschen selbst Daten von Temperatur, Niederschlag oder Luftdruck sammeln. Diese werden dann von einem Forschungsinstitut in der Hauptstadt Managua ausgewertet. Das ermöglicht genauere Vorhersagen über die Entwicklung des Mikroklimas. Dadurch wissen die Kleinbäuer*innen genau, an welchem Tag die Saat ausgebracht werden muss, beziehungsweise mit welchen Sorten in einem Jahr die besten Erträge zu erwarten sind.

„Der Klimawandel ist ein Rennen, das wir verlieren, aber auch gewinnen können“

Im Hinblick auf die Anpassung an den Klimawandel bringen diese Praktiken verschiedene Vorteile. Die verschiedenen Maßnahmen schützen die Feldfrüchte vor extremer Sonne, zu vielen Niederschlägen oder Stürmen. Sollte ein bestimmtes Produkt durch extreme klimatische Bedingungen oder durch Schädlinge zerstört werden, bleiben noch die Erträge vieler anderer angebauten Sorten übrig und sichern somit das Überleben der Familien. Während früher die lokalen Produzenten durch Brandrodung mitverantwortlich für die Zerstörung des Regenwaldes und der Umwelt waren, trägt deren Produktion heute maßgeblich zum Schutz und Erhalt der Böden und Wälder bei.

Auf der Veranstaltungen wurde deutlich, dass es für den Kampf gegen den Klimawandel nicht genug ist, auf die Entscheidungen der Weltpolitik zu warten. Stattdessen wurde gezeigt, welchen konkreten Beitrag Initiativen von Basisorganisationen im globalen Süden leisten können, um Situationen vor Ort zu verändern. Oder um es mit den Worten von Nardely Hernandez zu sagen:
„Der Klimawandel ist ein Rennen, das wir verlieren, aber auch gewinnen können. Allerdings müssen die Lösungen von uns kommen. Wir haben die Werkzeuge, aber wir müssen sie auch anwenden.“

 

Gefördert durch Engagement Global mit Mitteln des

Für den Inhalt dieses Beitrages, sowie der dazugehörigen Veranstaltung ist allein das Ökumenische Büro für Frieden und Gerechtigkeit e.V. verantwortlich; die hier dargestellten Positionen geben nicht den Standpunkt von Engagement Global gGmbh und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit wieder.

 

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