Koloniale Kontinuitäten beim Schulausflug

Sehr geehrte Geschäftsleitung und Mitarbeiter:innen der MVG,

Wir – die Gruppe CAMBIO München – wenden uns gemeinsam mit den weiteren Unterzeichnenden aus Anlass der Beschlüsse für das Leistungsprogramm der MVG 2022 an Sie. Unsere Gruppe setzt sich für die Aufarbeitung kolonialer Kontinuitäten in München ein und möchte einen Perspektivwechsel innerhalb der allgemeinen Geschichtsschreibung anstoßen. Im Rahmen eines Projektes wurden wir von Münchner Bürger:innen auf die Existenz des Programms KolumBus der MVG hingewiesen und haben nun einige Fragen bezüglich dieses Angebotes, das sich gezielt an Schulen richtet. Wir möchten Sie auf die Problematik des Wortspiels des Angebots hinweisen und bitten Sie eindringlich um ein Statement mit dem Ziel einer Umbenennung.

1. Die Benennung nach Kolumbus ist problematisch

Als problematisch erachten wir, dass für ein Wortspiel der Kolonialist Christoph Kolumbus verwendet wird. Mit den Worten: “Mit dem MVG KolumBus auf Entdeckungstour: Stressfrei hin und zurück”, wenden Sie sich an potenzielle Kund:innen und suggerieren, Kolumbus sei eine ‘tolle’ Person zum ‘Begleiten’. Kolumbus ist jedoch eine falsche Leitfigur.

Lediglich aus eurozentrischer Sicht war Kolumbus ein ‚Entdecker‘, denn zu dem Zeitpunkt seiner Ankunft war der Kontinent, der heute als Amerika bekannt ist, bereits seit Jahrtausenden bewohnt.1 Schlussfolgernd müsste der Slogan „Mit dem MVG KolumBus auf Entdeckungsfeldzug: Stressvoll hin und zurück“ heißen. Das ist jedoch sicherlich nicht die Intention der MVG.

Im Folgenden listen wir eine Übersicht auf, in welchem Zusammenhang Kolumbus steht:

  1. Durch Kolumbus Ankunft auf einer Insel der Bahamas beginnt der Kolonialismus und die erzwungenen Christianisierung. [1]
  2. Kolumbus versklavte Menschen und verschiffte sie nach Spanien. Bei den Überfahrten starben viele indigene Personen aufgrund von Krankheiten und Kälte. [2 & 5]
  3. Kolumbus legte den Taínos eine Goldsteuer auf. Wenn diese nicht bezahlt wurde, wurden ihnen von den Kolonialisten die Hände abgehackt und man ließ sie verbluten. [3]
  4. Kolumbus führte Feldzüge gegen die indigene Bevölkerung – unter anderem die Taínos. Er unterstützte den Missbrauch an Frauen – seine Armee vergewaltigte indigene Frauen. [4]
  5. Er trug durch seine Ankunft dazu bei, dass verschiedene indigene Kulturen und Bevölkerungsgruppen wie bspw. ein Großteil der Taíno-Indigenen ausgelöscht wurden. [5]

Durch diese einseitige und eurozentrische Sichtweise von Kolumbus als „Entdecker“ wird Geschichte lückenhaft wiedergegeben. Indem ihm Straßen, Plätze, Bahnhöfe oder in diesem Fall sogar Busse gewidmet werden, werden kolonial-rassistische Strukturen täglich reproduziert.

2. Was wird mit „stressfrei hin und zurück“ suggeriert?

Hinzu kommt, dass durch die Überfahrten nach Spanien indigene Personen starben. Wie stressfrei waren wohl deren Fahrten? Welche Werte vermittelt die MVG somit durch den KolumBus und den Slogan: „Mit dem MVG KolumBus auf Entdeckungstour: Stressfrei hin und zurück“?

Wir bitten eindringlich, dass die MVG reflektiert, welche Werte und Haltungen durch den KolumBus vermittelt werden.

3. Problem der Vermittlung an Kinder

Zudem richtet sich der Bus auch an Schulen und somit an Kinder. Zum einen zeigt die Darstellung einer stressfreien (Über-)Fahrt deutlich, dass durch das Marketing des KolumBusses Geschichte verharmlost wird. Wie bereits angeführt, war Kolumbus kein ‚Entdecker‘, sondern ausschlaggebend für einen grausamen Völkermord. Wir sehen es als problematisch, dass Kolumbus beschönigt dargestellt wird, da besonders eine korrekte und vielseitige Bewusstseinsbildung bei Kindern enorm wichtig ist.

4. Statement der MVG zum KolumBus und dessen Umbenennung

Es wird also mit einem Slogan geworben, der auf den ersten Blick eine stressfreie Fahrt suggeriert und einem Mann gewidmet ist, der für den Beginn des Kolonialismus steht und grundlegend zur Etablierung des transatlantischen Sklavenhandels beitrug. Eine falsche Leitperson, die unter all den Grausamkeiten, den Missbrauch als auch Vergewaltigungen an indigenen Frauen unterstütze.

Wir bitten Sie eindringlich um ein Statement, weshalb mit dem Slogan „Mit dem MVG KolumBus auf Entdeckungstour: Stressfrei hin und zurück“ geworben wird als auch eine Umbenennung des Busses. Denn insbesondere im Umgang mit Kindern erachten wir statt einer Verherrlichung dieser Gräueltaten eine kritische Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte für besonders wichtig.

1 Das Territorium, welches heute als amerikanischer Kontinent bekannt ist, wurde und wird bspw. von den Nahuas Cemanahuac, von den Inkas Tahuantinsuyo und Abya Yala von den Kunas in Panama genannt.

Quellen:

[1] Vgl. Walter D. Mignolo. The Idea of Latin America (Malden: Blackwell Publishing, 2005), xiii.
[2] Galeano, Eduardo: Die offenen Adern Lateinamerikas, 56.
[3] Zinn, Howard: Eine Geschichte des amerikanischen Volkes, 14.
[4] Vgl. Todorov: Die Eroberung Amerikas, 63f.
[5] https://www.smithsonianmag.com/smithsonian-institution/bringing-taino-peoples-back-history-180967637/; Zeuske, Michael: “Globale Sklavereien: Geschichte und Gegenwart.” Politik und Zeitgeschichte bpb 65 (Nr. 50–51/2015: 7–14), 11.

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