Kolumbien verzeichnet alle dreieinhalb Tage ein Massaker

Seit Jahresbeginn hat es bereits 28 Massaker gegeben. Die Departamentos Antioquia, Cauca, Valle de Cauca und Nariño sind besonders stark betroffen. Keine Trendwende in Sicht

Masssaker erschüttern die Bevölkerung. Quelle: Contagio Radio

Wir sind sehr besorgt, dass die Situation in Kolumbien immer schlechter wird. Der Artikel zeigt nur einen Teil dieser Gewalt. Vorallem werden indigene Vertreter*innen und Aktivist*innen geopfert. Wir fordern die Deutsche Bundesregierung auf, diese Situation anzuerkennen und ihre unkritische Haltung gegenüber der Regierung von Kolumbien zu überdenken. Deutschland muss den Krieg und die Verfolgung der Menschen in Kolumbien unverzüglich als Fluchtgrund anerkennen und den hier in Deutschland Schutzsuchenden das Grundrecht auf Asyl gewähren.

Von Hans-Peter Schmutz
amerika21

Bogotá. Die Anzahl der Massaker hat gemäß den Statistiken von Indepaz in den Monaten Januar bis März stetig zugenommen und sich im Vergleich zur entsprechenden Zeitspanne des Vorjahres um einen Drittel erhöht. Dieser Trend zeichnet sich auch für den Monat April ab.

Von Anfang des Jahres bis zum 13. April sind in elf Departamentos 102 Opfer zu beklagen. Die Gemeinden Argelia (Cauca) und Tumaco (Nariño) waren in dieser kurzen Zeit gleich zweimal betroffen:

Quelle: Indepaz

Das letzte Massaker fand in der Gemeinde Samaniego im Departamento Nariño statt. Während eines Festes wurden hier vier Personen umgebracht. Im Vorfeld dieser Tat kursierten in der Region Pamphlete, darunter auch dasjenige der illegalen, bewaffneten Gruppierung Los Cuyes (Die Meerschweine), so Einwohner:innen von Samaniego. In diesem Dokument wurde daruf hingeweisen, dass Personen, die Alkohol oder Drogen konsumierten, getötet würden. Bereits im August 2020 sind in Samaniego acht Jugendliche zwischen 17 und 25 Jahren anlässlich eines Festes umgebracht worden.

Neben den Los Cuyes sind andere bewaffnete Gruppierungen in der Region aktiv, unter anderem die Guerilla Nationale Befreiungsarmee (ELN) und die paramilitärischen Gaitán-Selbstverteidigungsgruppen (AGC).

Weiter wurden in diesem Jahr bisher 50 Aktivist:innen und Menschenrechtsverteidiger:innen getötet. In der gleichen Zeitspanne wurden 15 Ex-Kämpfer:innen der Farc-EP ermordet. Das letzte Opfer ist Faybe Camilo, der am 14. April nachmittags in der Gemeinde Macarena im Departamento Meta getötet wurde. Nach Angaben der Partei Communes handelt es sich bei diesen Morden um ein systematisches Phänomen, das zum Ziel hat, diejenigen Stimmen, welche sich für die Wiedereingliederung und für den Frieden einsetzen, zum Schweigen zu bringen.

Nach Massakern und Morden an Menschenrechtsverteidiger:innen reagiert die Regierung oft mit der Einberufung eines Sicherheitsrats in der betroffenen Region, der Entsendung von mehr Soldaten und einer Belohnung für Hinweise auf die Täterschaft.

Für Präsident Iván Duque ist der Grund für die herrschende Gewalt der Drogenhandel.

Es gibt jedoch noch viele andere Gründe wie die Ausbeutung von Gold (Antioquia und Cauca), die Konzentration von Land (im Osten Kolumbiens), den Schmuggel (im Grenzgebiet zu Venezuela), die Anschläge auf die Infrastruktur der Erdölwirtschaft (im Departamento Catatumbo) oder die Auseinandersetzungen um die territoriale Kontrolle mit dem Ziel, Erpressungsgelder zu erheben. Auch die Proteste gegen Erschließungsprojekte im Bergbau, Straßeninfrastruktur und Wasserkraftwerke (im Departamento Cauca) werden als wichtiger Faktor genannt (amerika21 berichtete).

Für die Zivilbevölkerung ist die Lage schwierig, in vielen Fällen weiß sie nicht, welche bewaffnete Gruppierung gerade in ihrem Dorf aktiv ist. Während es vor der Unterzeichnung des Friedensvertrags mit der früheren Farc-EP weniger bewaffnete Akteure gab, ist die aktuelle Situation mit paramilitärischen Gruppierungen, der ELN, Dissidenten der Farc und verschiedenen weiteren bewaffneten Gruppierungen wenig übersichtlich.


Zum Artikel auf Amerika21:
https://amerika21.de/2021/04/249796/massaker-kolumbien-stand-mitte-april

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