Kommentar zu den "Eindrücken aus Nicaragua"

In diesem Haus in Managua kamen am 16. Juni 2019 durch Brandstifung sechs Menschen ums Leben. Foto: Öku-Büro
In diesem Haus in Managua kamen am 16. Juni 2018 durch Brandstifung sechs Menschen ums Leben. Foto: Öku-Büro

Der Reisebericht unseres Nicaraguareferenten Eindrücke aus Nicaragua vom Mai 2019 ist auf große Resonanz gestoßen.
Eine kritische Zuschrift aus Nürnberg und unsere Antwort darauf sind auf der Website des Informationsbüros Nicaragua in Wuppertal zu finden.Der folgende Beitrag eines in Nicaragua lebenden Menschen wurde nicht direkt an uns gerichtet. Wir finden jedoch, dass dieser Artikel einige sehr interessante Aspekte beinhaltet. Mit Einverständnis des Autors veröffentlichen wir den Text als Diskussionsbeitrag. Rückfragen bezüglich des Inhaltes leiten wir gerne an den Verfasser weiter.


Ihr Lieben,

seit Monaten will ich da auch mal was zu sagen, aber ich bin immer im Brassel. Im Gegensatz zu den Meisten von Euch lebe ich ja mehr Zeit in Nicaragua, wenn auch im ruhigen Departement Rivas, welches das einzige war, in dem bei den Protesten keine Toten zu verzeichnen waren.Den Beginn der Proteste haben wir auch nur im Fernsehen gesehen. Dann bin ich sowieso in der ersten Pause wieder hierher zum Arbeiten - also ich bin kein Augenzeuge.

Aber ich habe so manches von vertrauenswürdigen Personen erfahren, dazu kommen noch eigene Erfahrungen von früher, so dass ich Eure Einschätzung und Aktionen nicht teile. Seit Jahren habe ich schon gelernt, das die Nicaraguaner*innen Meister sind das rauszuhören, was der Gegenüber hören will, und das erzählen sie einem dann. Wobei der Begriff Wahrheit sehr dehnbar ist, „Wahrheit ist, was mir nützt“. Ein Beispiel dafür ist Professor Medina, der in der Wuppertaler Rundschau von Zehntausenden, die verhaftet worden wären und Hunderttausende, die ins Exil getrieben wurden, spricht.

Die Proteste, wie auch immer sie losgingen, waren später zu einem guten Teil die Möglichkeit für das Lumpenproletariat sich zu bereichern. Fragt mal kleine Ladenbesitzer*innen in Masaya und Granada zu dem Thema. In Rivas war die größte Sorge dieser Menschen, das die Leute aus Masaya nach Rivas kommen würden. Sie haben Selbstschutz vor ihren Läden organisiert mit Knüppeln und Macheten und mehrere Anträge der „Masayas“ zum "Helfen" nach Rivas zu kommen, abgelehnt. Die Polizei war nicht auf den Straßen. Sie kam damit der Anordnung von Ortega aufgrund einer Forderung der Opposition nach. Dies wurde hemmungslos zum Plündern genutzt. Wie viele Existenzen wurden so vernichtet?

Viele bei den Straßenblockaden wurden dafür bezahlt. Das fand ich vorher auch abstrus, wer geht wegen Bezahlung auf ne Demo? Zumindest bei uns und so wollen wir nicht wahrhaben, das es in Nicaragua anders ist. Ich weiß ganz direkt von einem jungen Mann aus dem Norden, der an der Grenze bei Peñas Blancas bei der Baufirma MECO am Neubau des Grenzpostens mitarbeitete. Er hat zweimal Kumpel im Norden angerufen und ihnen gesagt, sie sollten runterkommen, die Arbeit würde gut bezahlt. Die Antwort war: "Warum soll ich für Geld arbeiten? Bei den Blockaden bekommen wir 500 Cordobas täglich (das ist ein Facharbeiterlohn), dazu dreimal Essen gratis und guaro". Außerdem gab es feste Tarife um Autos etc. durchzulassen, 100 Cordobas für ein Motorrad, 200 für ein Auto und 500 für LKW und Busse. Das ging auch in die eigene Tasche. Warum also arbeiten?

Genau wie die sandinistische Polizei frage ich mich auch, wer steckt dahinter, wer hat so viel Geld? Zum Thema bezahlte Banden fällt mir noch ein Vorfall aus der Zeit von Arnoldo Alemán (Anm. d. Red.: ehemaliger korrupter Präsident Nicaraguas, 1997 - 2002) ein. Ich war in Managua bei einer "vigilia" in den 19.7. rein, alles ganz ruhig, ein Familienfest mit Kindern und alten Leuten, leiser Musik und fritanga (Essensstand). Plötzlich stürmten steinewerfende Jugendliche auf die Vigilia zu, ohne irgendwelche Vorwarnung. Wir haben sie zurückgeschlagen - Steinewerfen kann ich auch - und die sandinistischen Jugendlichen haben sie in das angrenzende Barrio hinein verfolgt und ein paar erwischt. Sie sagten aus, sie wären von einem damals bekannten Rechstsaussenpolitiker von Arnoldos Partei dafür bezahlt worden. Die vigilia war dadurch aber vorbei, viele hatten Angst dazubleiben. Dasselbe passierte in der Nacht an mehreren Stellen in Nicaragua.
Zum Thema Flüchtlinge: In meiner eigenen Familie gibt es “Flüchtlinge" in Costa Rica. Sie haben einfach die günstige Gelegenheit genutzt, um nach Costa Rica auszuwandern und dort arbeiten zu können. Mit dem Flüchtlingsstatus ist das sehr leicht.

Umgang mit dem eigenen und mit fremden Leben: Da herrschen hier gänzlich andere Vorstellungen als in Nicaragua. Schon der Nachbar ist nicht der Señor Tal (Anm. d. Red.: Herr XY), sondern der comemierda, der hijodeputa, der sinverguenza (Anm. d. Red.: beleidigende Ausdrücke). Und so behandeln sich die Leute dann auch. Jedes Jahr werden in Nicaragua über 3000 Tötungen mit der Machte begangen, die unaufgeklärt bleiben. Es geht um Land, um Frauen oder nur um Machismo. Dazu kommen die Frauenmorde oder das hirnlose Umbringen seiner Mitbürger*innen im besoffenen Zustand mit Autos und Motorrädern. Wenn ich das alles mal zusammenzähle und mit den ca. 400 Toten im Zusammenhang mit den Protesten vergleiche, gab es in den Monaten der Proteste weniger Tote als normal.

Wer hat sich nach dem Ende des Contra-Krieges für die 5000 Entführten interessiert, die angeblich nach ihrer Entführung zu den Contras übergelaufen waren und nach dem Krieg nie zurückkamen? Niemand. Und über die allgemeine politische Lage redet die damalige solidarische Linke auch nicht mehr, die völkerrechtswidrige Blockade von Cuba, die von der EU trotz gegenteiliger Gesetzeslage durch Nichtstun zumindest legalisiert wird. Reden wir von der Türkei, die mit dt. Waffen die Kurd*innen platt macht. Von dem Durchwinken von Putschen wie in Honduras und jetzt in Bolivien. Hätte Evo bewaffnete Anhänger gehabt, hätte sich die gewaltbereite Oligarchie das mehrfach überlegt. Reden wir von Venezuela, von der NATO vor Russlands Grenzen, von den Gesetzten und Vorbereitungen, die es hier in der BRD zur Zerschlagung von Opposition gibt (sollte es sie einmal geben) ...aber ihr redet von dem "Diktator Ortega". Auch mir passt vieles nicht, was seine Frau und er politisch treiben, sein Taktieren über Jahre mit der Opposition von Kirche und Unternehmern, das Rausdrängen von feministischen Frauen aus der Frente (Regierungspartei), der Kanal, der Schutz der Umwelt, der autofreundliche Umbau von Managua etc. Für uns ist auch der Familienklüngel anrüchig, und da wird sich auch bereichert, aber das tun die anderen auch, bloß von denen erwarten wir nichts Anderes.
Wo saß die Alemán-Sippe und die Chamorro-Sippe zu deren Regierungszeit?
Bei Bolaños weiß ich es nicht, der schien immun zu sein.

Ich finde Samuel (Öku-Büro) hat recht, die Aufarbeitung der Toten auf beiden Seiten
zu fordern, und Ihr macht es Euch zu leicht, alle Toten auf das Konto von Ortega zu packen.

UND WIE KOMMT MENSCH ALS LINKER; ODER AUCH EHEMALS LINKER DAZU; VON "UNSERER" REGIERUNG EINE INTERVENTION ZU FORDERN?

Haben wir alles vergessen?

Ihr könnt bitte meine Gedanken auch im Rundbrief veröffentlichen als
Diskussionsbeitrag.

Solidarische Grüße

J.S.

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