Erinnern und Vergessen in Peru - Deutungskampf um die Geschehnisse des bewaffneten Konflikts

El ojo que llora
El ojo que llora (Das Auge, das weint) Gedenkstätte in Lima für die Opfer des bewaffneten Konflikts, Quelle: La Andina

 

Stella Wendlandt

Elf Jahre sind vergangen, seitdem die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Peru ihren Abschlussbericht veröffentlichte, um einen wichtigen Anstoß zur Auseinandersetzung und Aufarbeitung des bewaffneten Konflikts zu geben. Trotzdem herrscht in weiten Teilen der Gesellschaft ein geringes Bewusstsein über die Ereignisse zwischen 1980 und 2000, verbunden mit Vorurteilen gegenüber den betroffenen Akteur_innen und der Unkenntnis über die historischen Tatsachen. Auch die Regierungsseite scheint wenig Interesse daran zu haben, den Aufarbeitungsprozess voranzutreiben, im Gegenteil: Viele Initiativen aus dem zivilgesellschaftlichen Spektrum wurden und werden in ihrer Arbeit behindert, so dass der bewaffnete Konflikt bis heute keinen Eingang in ein nationales Gedächtnis finden konnte.


Wie lässt sich dieses gesellschaftliche Phänomen erklären? Nicht weniger als 69.000 Menschen verloren in der Zeit der bewaffneten Auseinandersetzungen bei den Anschlägen der linksgerichteten Terrororganisationen Sendero Luminoso und des Movimiento Revolucionario Tupac Amarú (MRTA) auf der einen Seite und bei den staatlichen Vergeltungsmaßnahmen auf der anderen Seite ihr Leben. Viele der Opfer wurden bis heute nicht entschädigt, obwohl dafür eigene (staatliche) Institutionen gegründet wurden. Nur ein Bruchteil der Täter_innen, welche im Namen der Regierung töteten, folterten oder „verschwinden ließen“, wurden strafrechtlich verfolgt. Viele der Verurteilten wurden nach wenigen Jahren bzw. Monaten Haft wieder freigelassen. Damit einher geht das fehlende historische Bewusstsein bei großen Teilen der Bevölkerung Perus und insbesondere bei der Bevölkerung Limas. Wie kommt es, dass die Bemühungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission nur wenig oder gar keinen Rückhalt im gesellschaftlichen Bewusstsein gefunden haben?

In Peru findet ein Deutungskampf um die Geschehnisse des bewaffneten Konflikts statt. Dieser Kampf verläuft schwerpunktmäßig zwischen dem offiziellen Gedächtnis – zu dem die Regierung, das Militär sowie die politische und wirtschaftliche Elite zu zählen sind – und einem inoffiziellen Gegengedächtnis, das vor allem von der Menschenrechtsbewegung getragen wird. Während erstere die Vergangenheit lieber ruhen lassen wollen und eine Strategie des Schweigens verfolgen, bemüht sich letztere um eine lückenlose Aufklärung der Verbrechen, die in dieser Zeit begangen wurden.

Was die Forderung nach Anerkennung und Entschädigung der Opfer und die Bestrafung der Täter_innen angeht, vertreten Regierung und Militär eine sehr einseitige Position. Die Gewaltakte des Militärs werden teilweise als notwendig und gerechtfertigt bezeichnet, da sie angeblich einzig dem Schutz der Zivilbevölkerung dienten, andererseits werden „Exzesse“ und „Fehltritte“ auf individuelle Entscheidungen einzelner Individuen, meist Soldaten, zurückgeführt: „Die Menschenrechtsverletzungen, die leider während des Krieges passierten, waren weder eine systematische Praxis, noch verordnet, noch inszeniert von den leitenden Ämtern der peruanischen Streitkräfte, sondern es waren Ereignisse, die auf rein individueller Entscheidung und Teilnahme beruhten ...“1  Auch der aktuelle Präsident Ollanta Humala Tasso, der im Jahr 2000 als Offizier einen Putsch gegen Alberto Fujimori anführte, unterstützt die Institution des Militärs und bezeichnet sie als „eine der respektiertesten und geliebtesten im Landesinnern und auf nationaler Ebene“2 . Dementsprechend hält Humala eine Verurteilung der in die Menschenrechtsverletzungen involvierten Streitkräfte im Rahmen von gerichtlichen Prozessen für unangemessen, da sowohl die Institution als auch die Individuen, aus denen sie sich zusammen setzt, über höchste moralische Autorität verfügen:

„Der Soldat ist wie ein Pfarrer, jenseits von Gut und Böse, und sein einziges Ziel ist es, die Erde zu erhalten, unsere Erde, für die viele gestorben sind [...] Deswegen ist es wichtig, über diese Themen zu diskutieren, in den dafür vorgesehenen Räumen, aber heben wir die Disziplin hervor, wo der Wert der Ethik und Moral über das Legale hinausgeht. [...] Moral und Ethik der Soldaten soll nicht einfach in gerichtlichen Prozessen verhandelt und verurteilt werden.“3

Der Präsident geht sogar so weit zu behaupten, dass sie ungerechterweise verurteilt werden von denjenigen, die „wenig oder nichts  über das Leben im Militär noch über das Soldatenleben wissen“4.

Die vorherrschenden Deutungsmuster der jüngsten gewaltvollen Vergangenheit sind durch die Vertreter_innen des offiziellen Gedächtnisses geprägt und werden von breiten Teilen der Bevölkerung Limas sowie der Medienlandschaft übernommen. Sie haben somit wichtige Plattformen der Reproduktion gefunden. Wie ist dieses Kräfteverhältnis aus selektivem Erinnern und Vergessen zu erklären? Vier große Einflussfaktoren können in Bezug auf die aktuelle Erinnerungskultur in Lima genannt werden: das Gesellschaftsmodell, die politische Tradition, die gesellschaftliche Mentalität und die Menschenrechtsbewegung.

El ojo que llora

 

El ojo que llora Steine mit den Namen von Opfern
Quelle: Autorin


Das Gesellschaftsmodell: Einerseits lässt sich eine gesellschaftliche Fragmentierung beobachten, die ihren Ursprung in der kolonialen Ständegesellschaft hat, andererseits kann man auch eine geografische Aufteilung des Landes in Zentrum und Peripherie erkennen. Das Zentrum von Staatlichkeit, Kultur, Politik und Wirtschaft stellt zweifelsohne die Hauptstadt Lima dar; auf dem Land ist der Staat mancherorts kaum repräsentiert. Gleichzeitig verkörpert er die „weiße“ Kultur der Reichen und Herrschenden. Die ländlichen Gebiete werden als kulturell minderwertig und rückständig angesehen. Die gesellschaftliche Fragmentierung zeigt sich also vor allem in der ungleichen Machtverteilung und -teilhabe. Ähnlich wie in der Kolonialzeit sind Macht und Herrschaft sowohl geografisch als auch kulturell zentralisiert. Diese Zentralisierung führt zu Defiziten bei Bildung, Technologisierung, Infrastruktur und nicht zuletzt bei den demokratischen Partizipationsmechanismen in weiten Teilen des Landes. Mit der gesellschaftlichen Fragmentierung geht ein alle Gesellschaftsschichten durchdringender Rassismus einher, der sich im alltäglichen Miteinander widerspiegelt und von offizieller Seite durch abfällige Äußerungen von Politiker_innen, durch komödiantische Verzerrung der indigenen Kultur im Fernsehen5  oder durch die traditionelle Abwesenheit des Staates in der ruralen Peripherie verstärkt wird.
 
Die Leugnung einer tausendjährigen Kultur, welche nur noch in Museen oder in der Folklore einen Platz zu haben scheint und die damit einhergehende Weigerung, sich mit dieser Kultur zu identifizieren, befördert eine diskriminierende Haltung derjenigen, welche sich zu den „Bürgern erster Klasse“6 , dem westlich orientierten, „weißen“ und gebildeten Peru zählen, gegenüber denjenigen, welche in ihrer scheinbaren Rückständigkeit und Unzivilisiertheit arm und indigen sind. „Weiß sein“ ist keine rein biologische Kategorie. Auch wenn die Hautfarbe und die Gesichtszüge nicht gänzlich unbeachtet bleiben, so spielt es vor allem eine entscheidende Rolle, nach welchem kulturellen Modell gelebt wird. Die Adaption westlich geprägter Lebensmodelle ist ein wichtiger Mechanismus, um gesellschaftlich aufzusteigen und Anerkennung zu erhalten. Dieser Umstand mag die Tatsache erklären, dass drei Viertel der Opfer des bewaffneten Konflikts –  indigen, arm und quechua- oder aymarasprachig  –  weder vom Staat noch von der Gesellschaft in Lima (an-)erkannt und entschädigt werden.

Yo no soy Jacinta

 

Protest gegen die rassistische TV-Serie "La paisana Jacinta", Quelle: Centro de Culturas Indígenas del Perú


Auch die politische Tradition in Peru beeinflusst die Aufarbeitungsbemühungen bzw. die Erinnerungspraktiken. Die politische Ordnung ist von einem steten Wechselspiel demokratischer und autoritärer Elemente geprägt. Bis heute weist die formelle Demokratie Perus autoritäre Züge auf, was sich beispielsweise in dem starken Einfluss des Militärs widerspiegelt: In der peruanischen Verfassung ist die Institution des Militärs als „vormundschaftliche Kraft“ (fuerza tutelar) verankert. Der Soziologe Julio Cotler spricht auch von der „fünften Macht“ im Staat, die als Garant der Verfassung fungiert.7 
Wie bereits deutlich wurde, stellen die Streitkräfte auch für Humala ein unverzichtbares Instrument für die Durchsetzung politischer Interessen dar: soziale Massenproteste werden beispielsweise mit Militäreinsätzen beantwortet oder die letzten Überbleibsel von Sendero Luminoso im Kokaanbaugebiet VRAE (Valle de los Ríos Apurímac y Ene) mit militärischen Mitteln bekämpft. Mit dem Einsatz von Gewalt geht die Kriminalisierung Andersdenkender einher. Da die Regierung auch eine weitgehende Kontrolle über die Massenmedien besitzt, wird ihre Sicht auf die protestierenden Massen, die meist aus der ärmeren Unterschicht stammen und nicht selten eine indigene Identität besitzen, als Kriminelle und Terrorismussympathisant_innen mit Erfolg in der öffentlichen Meinung der Limeños verankert. Die Fixierung auf das Militär hängt nicht zuletzt mit dem Machtvakuum zusammen, welches bis heute nicht durch eine konsolidierte Parteienlandschaft ausgefüllt werden konnte. Die Parteien in Peru waren und sind ausnahmslos schwach und kurzlebig. Das gilt im lokalen Bereich und auch für die nationale Ebene. Ihre von Partikularinteressen geleiteten Politiker_innen scheinen nicht in der Lage zu sein, die Forderungen der Zivilbevölkerung zu kanalisieren. Dementsprechend hat sich der Widerstand gegen die regierungspolitische Position nicht in der Parteienlandschaft, sondern in zivilgesellschaftlichen Bewegungen formiert. Die ungleiche Verteilung von Macht und Einfluss, welche sich auch in der weitgehenden Kontrolle der politischen Elite über die Massenmedien widerspiegelt, hat demnach auch Auswirkungen auf die Rezeption und Deutung der peruanischen Geschichte.

Ein dritter Faktor in Bezug auf auf die Erinnerungspraktiken ist die gesellschaftliche Mentalität. Unter dem Begriff der gesellschaftlichen Mentalität verstehe ich die Verfestigung einer bestimmten Haltung und eines bestimmten (Denk-)Verhaltens. Es geht um bewusste und unbewusste kognitive und emotionale Prozesse. Die über einen längeren Zeitraum geschaffenen Verhaltens- und Denkmuster sind schwer zu durchbrechen und stellen diejenigen, die einen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen wollen, vor große Herausforderungen. Rassismus und  Gleichgültigkeit sowie die politische Kultur sind verschiedene  Aspekte der gesellschaftlichen Mentalität8. Der Rassismus auf gesamtgesellschaftlicher Ebene macht eine solidarische Haltung zu den geografisch und kulturell weit entfernten Opfern des bewaffneten Konflikts unmöglich. Stattdessen herrschen Gleichgültigkeit und Verachtung vor. Diese Haltung wird auf der offiziellen Ebene, von den Massenmedien oder von politischen Prominenten, aber auch in der Erziehung und im Alltagsleben reproduziert und beeinflusst stark die Wahrnehmung bei den Bürger_innen Limas. Auch die staatliche Repressionspolitik hat offensichtlich dazu geführt, dass gesellschaftlicher Widerstand teilweise gar nicht erst entstehen kann aus Furcht vor Ausgrenzung und anderen negativen Sanktionen. Die allgemeine Zufriedenheit der Peruaner_innen mit dem demokratischen System ist vergleichsweise niedrig9  und das Vertrauen in die staatlichen Institutionen ist  sehr schwach ausgeprägt. Dies hat einerseits dazu geführt, dass sich die Zivilgesellschaft außerhalb des formellen politischen Systems organisiert und eigene Institutionen bildet, in denen politische Meinungsbildung vollzogen wird. Andererseits ist –  nach dem offensichtlichen Scheitern der demokratischen Regierungsweise –  eine autoritär geprägte politische Kultur entstanden, d. h. eine hohe Akzeptanz autoritärer Regierungsmuster.

Was hat die politische Kultur nun mit der Erinnerungskultur in Lima zu tun? Einerseits ruft der Einsatz staatlicher Gewalt gewaltsame Antworten der Zivilgesellschaft hervor. Diese Gegengewalt wiederum wird von offizieller Seite genutzt, um die sozialen Protestbewegungen per se zu delegitimieren. Die allgemeine Kriminalisierung sozialer Bewegungen – dazu sind auch die Anhänger_innen der Menschenrechtsbewegung zu zählen – führt zu einer Abwehrhaltung unter der nicht betroffenen Bevölkerung. Und dies hat letztlich auch Auswirkungen auf die Wahrnehmung der meisten Opfer des bewaffneten Konflikts, der Menschen also, die nicht in Lima leben, andere Bedürfnisse haben, meist ärmer sind und in vielen Fällen Quechua sprechen. Die Identifikation „der Anderen“ als gewalttätig und kriminell hat also auch Auswirkungen auf die Erinnerungspraktiken, in diesem Fall auf die Sichtweise auf die Opfer des bewaffneten Konflikts.

Zuletzt ist die Menschenrechtsbewegung als vierter wichtiger Einflussfaktor auf die Erinnerungskultur in Lima zu nennen. Das sichtbarste Ergebnis dieses Einflusses stellt die Wahrheits- und Versöhnungskommission CVR dar. Ohne den Druck der lokalen Menschenrechtsorganisationen, gepaart mit internationaler Unterstützung, wäre wohl keine Wahrheits- und Versöhnungskommission gegründet worden. Obgleich die Menschenrechtsbewegung relativ machtlos gegenüber regierungspolitischen Entscheidungen ist, begünstigte der spektakuläre Regimekollaps im Jahr 2000 ein Umdenken in Richtung Demokratie und den Schutz der Menschenrechte.
Der Politikwissenschaftler und Soziologe Martín Tanaka stellt fest, dass nach dem Fall des Fujimori-Regimes kein hegemonialer Akteur mehr die politische Bühne beherrschte, sondern dass es zu einer Erhöhung des politischen Wettbewerbs zwischen schwachen politischen Akteuren gekommen ist, der bis heute anhält.10  Auch auf institutioneller Ebene kam es durch den Einfluss der Menschenrechtsbewegung zu einigen Veränderungen. Auf Empfehlung der CVR hin wurde die CMAN (Multisektorielle Hohe Kommission) und der CR (Reparationsrat) von staatlicher Seite gegründet, um den Reparationsprozess für die Opfer des bewaffneten Konflikts anzustoßen. Der aktuelle Präsident Ollanta Humala hat das Justizministerium um eine Sektion speziell für Menschenrechte erweitert und das Gesetz der Voranfrage
(Ley de Consulta Previa) verabschiedet, welches den indigenen Völkern das Recht auf Anhörung einräumt  vor legislativen oder administrativen Maßnahmen, die ihre kollektiven Rechte, ihre kulturelle Identität oder Lebensweise beeinträchtigen könnten.

Humala und das Militär

 

Präsident Ollanta Humala pflegt die Beziehungen zu den Streitkräften, Quelle www.rpp.com.pe


Trotz dieser vielversprechenden Maßnahmen von staatlicher Seite ist die peruanische Gesellschaft von sozialer Ungleichheit, Rassismus, Armut und Machtkonzentration geprägt. Formell setzt sich die Regierung für mehr Demokratie und Menschenrechte ein, in der Praxis jedoch erweisen sich viele staatliche Initiativen als nicht nachhaltig (kollektive Reparationen) oder ungenügend (begrenzte Aufnahme von Opfern in das staatliche Zahlungsregister der Reparationen). Auch wenn Präsident Humala international für die Verabschiedung des Gesetzes Ley de Consulta Previa gelobt wird, zeugen die anhaltenden sozialen Konflikte in von Bergbau betroffenen Regionen von einer anderen Realität.

Ausblick: Angesichts der aktuellen Lage spricht Einiges dafür, dass das hegemoniale Gedächtnis den Kampf um die Deutungshoheit gewinnen könnte.
Einerseits stützt es sich auf eine breite Machtbasis aus Militär, den Massenmedien und dem Bildungssystem, andererseits kann sich der politische Widerstand nur jenseits der offiziellen politischen Parteien formieren, welche seit jeher eine schwache Stellung und relative Kurzlebigkeit aufweisen.
Außerdem herrscht in der Bevölkerung eine relativ hohe Akzeptanz autoritärer Machtstrukturen, so dass die politischen Autoritäten keinen massiven Wider-stand bei undemokratischen Maßnahmen fürchten müssen. Dies hängt allerdings auch eng mit dem
Motiv der persönlichen Betroffenheit zusammen. In Peru konnte bislang kein nationales kollektives
Gemeinschaftsgefühl hervorgebracht werden. Der allgegenwärtige Rassismus verhindert ein Gefühl der Solidarität für die Opfer von Gewalt, die eine andere kollektive Identität als die eigene besaßen und besitzen.
Wenn die traditionell benachteiligten Bevölkerungsschichten nun weiter diskriminiert und entrechtet werden, so dürfte der Widerstand aus der nicht betroffenen Bevölkerung relativ gering sein.

Es könnte aber auch anders kommen. Anlass zur Hoffnung kann die Tatsache geben, dass die Zivilgesellschaft bereits heute hoch organisierte Strukturen aufweist.  Auch die neuen Medien tragen zu einer wachsenden Sichtbarkeit und Organisationsfähigkeit bei und können helfen, einen Wandel des gesellschaftlichen Bewusstseins herbeizuführen. So könnte der gesellschaftliche Umbruch von  unten kommen und sich von dort bis in die höchsten politischen Ebenen ausbreiten.
Diese Entwicklung hat bereits begonnen: Aufgrund des  Unvermögens der  staatlichen Institutionen, die zivilgesellschaftlichen Forderungen und Bedürfnisse in einer angemessenen Politik zu bündeln und somit in einen konstruktiven Dialog mit der Bevölkerung zu treten, haben sich alternative Institutionen und Bewegungen gebildet, welche parallel und teilweise sogar in Konkurrenz zu den offiziellen staatlichen Institutionen funktionieren und die bürgerlichen Interessen aufgreifen.
Diese Initiativen auch und vor allem im Bezug auf die Aufarbeitung des bewaffneten Konflikts  sind im Wachstum begriffen und haben über Menschenrechts-NGOs und andere unabhängige Institute Eingang in das Bildungssystem, in Schulen und Universitäten gefunden. Außerdem üben supranationale Institutionen wie der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte zusätzlichen Druck auf die nationale Regierung aus und stellen ein wichtiges Instrument zur Durchsetzung internationaler Standards dar. Von internationalen Standards ist Peru freilich noch weit entfernt. Die Straflosigkeit der staatlichen Akteure ist stattdessen der Normalfall.11

Stella Wendlandt hat sozialwissenschaftliche Konfliktforschung studiert. Der vorliegende Artikel basiert auf ihrer Masterarbeit. Ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit war die Auswertung von Interviews mit Vertreter_innen der Menschenrechtsbewegung.

 1    Comisión Permanente de Historia del Ejército: En honor de la verdad, Lima 2010, S.299.
 2    Vgl.: Rede des Präsidenten während seiner Teilnahme am Forum “Die innovative Rolle der Streitkräfte und der Nationalen Polizei Perus bei der sozialen Inklusion” in Lima vom 26.11.12, http://www.presidencia.gob.pe/discurso-del-presidente-de-la-republica-ollanta-humala-tasso-durante-su-participacion-en-el-foro-rol-innovador-de-las-fuerzas-armadas-y-de-la-policia-nacional-del-peru-en-la-inclusion-social (Stand: 09.03.15).
 3    Vgl.: Rede des Präsidenten am Tag des peruanischen Militärs in Ayacucho vom 09.12.11, http://www.presidencia.gob.pe/discurso-del-presidente-de-la-republica-ollanta-humala-por-el-dia-del-ejercito-peruano/pdf (Stand: 09.03.15).
 4    Vgl.: Rede des Präsidenten während der feierlichen Zeremonie des Tags der Streitkräfte vom 24.09.12 in Lima, http://www.presidencia.gob.pe/discursos-del-presidente/blog?limitstart =515 (Stand: 09.03.15).
 5    Ein prominentes Beispiel ist die Serie „La Paisana Jacinta“ (Die Bäuerin Jacinta), in der ein als India verkleideter Mann die andine Kultur als rückständig, primitiv und lächerlich karikiert.
 6    Diesen Begriff prägte der damalige Präsident Alan García, als er im Zusammen-hang mit sozialen Protesten der armen Landbevölkerung von „Bürgern zweiter Klasse“ sprach.
 7    Alberto Flores Galindo: La tradición autoritaria, Lima 1999, S. 34.
 8    Unter politischer Kultur wird generell „... die subjektive Dimension der Politik und [...] allgemein das Verteilungs-muster aller Orientierungen einer Bevölkerung gegenüber dem politischen System als der Summe aller Institutionen [verstanden].“ Vgl.: http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/handwoerterbuch-politisches-system/40357/politische-kultur (Stand: 03.03.15).
 9    Julio F. Carrión/Patricia Zárate: Cultura política de la democracia en Perú 2010. Consolidación democrática en las Américas en tiempos difíciles, IEP/Vanderbilt University, Lima 2010, S. 95.
 10    Martín Tanaka: Democracia sin partidos. Perú 2000-2005: los problemas de representa-ción y las propuestas de reforma política, Lima 2005, S. 27.
 11    Esteban Cuya: „Las comisiones de la verdad en América Latina”, Link: http://www.derechos.org/koaga/iii/1/cuya.html  (Stand: 05.03.15).

 

 

 

 

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