Den Kampf aufgeben, ist keine Option!

LGBT Demonstration
LGBT Demonstration in Tegucigalpa

Gespräch mit dem honduranischen LGBT-Aktivisten Donny Reyes

Interview, Transkription, Übersetzung: Eva Bahl, Christian Wimberger, Eberhard Albrecht

Donny Ramón Reyes, Aktivist für Menschenrechte schwuler, lesbischer, bi- und transsexueller Menschen in Honduras, war von Mai 2014 bis Januar 2015 Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte. In einem Gespräch im August 2014 in München erzählte er die Geschichte seines von Aktivismus geprägten Lebens.

Es wird häufig versucht, die Menschenrechte von LGBT-Personen getrennt vom Thema der Menschenrechte im allgemeinen zu sehen. Wieso eigentlich? Von Menschenrechten sprechen, heißt von Menschen sprechen. Wir sind doch Menschen. Eigentlich sollten wir nicht unseren individuellen Kampf führen müssen für unsere Individualität, sondern unsere Lebensträume erfüllen.
Wir LGBT-Personen haben in unserem Land ernsthafte Schwierigkeiten zu überleben. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich der organisierten LGBT-Bewegung angeschlossen habe. Heute bin ich Teil der Asociación para los Derechos Humanos Arcoíris1. Unser Thema ist die permanente Anklage.
In unserem Land gibt es mehrere LGBT-Organisationen, aber alle beschäftigen sich mit dem Thema Gesundheit, mit HIV/AIDS und Prävention, was unserer Meinung nach sehr wichtig ist. Für uns bedeutet das Thema der Menschenrechte allerdings mehr, als sich mit AIDS zu beschäftigen.
Es geht um viel mehr: Zugang zum Gesundheitswesen, Gesundheitsvorsorge, Zugang zu Bildung, Nichtdiskriminierung und Chancengleichheit, die uns verwehrt werden. Grundlegend für unsere Arbeit ist es geworden, die Würde von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen zu gewinnen. Denn in uns LGBT-Personen sieht man nur Unrat, als ob wir keine Rechte hätten. Immer werden wir auf das Grässlichste behandelt. Immer musst du den anderen vorspielen, der zu sein, den sie sehen wollen und du darfst nicht der sein, der du wirklich bist.
Wir stellen uns immer wieder die Frage, was mit den Erwachsenen passiert, den alt gewordenen Schwulen und Lesben in Honduras? Wo sind sie? Wir wissen es nicht. Es ist wie ein großes Rätsel. Es ist uns mit der Zeit immer klarer geworden, dass unsere Leben sehr kurz sind. Wir werden nicht 70 Jahre alt. Es gibt ganz wenige Schwule, die 50 werden oder älter, ganz zu schweigen von Transgender- oder Transsexuellen Personen. Sie werden 30 und viele noch nicht einmal das. Lesbische Frauen, wie andere Frauen auch, haben eine höhere Lebenserwartung als die Männer.  Das ist die große Frage. Wo sind wir älteren Männer und Frauen? Wer schaut nach uns? Warum sterben wir so jung? Wir können da nur spekulieren. Wir haben dazu noch keine Studie. So etwas zu machen wäre sehr interessant. Nach unserer Hypothese gibt es mehrere Gründe:
Einer ist die Gewalt, die schon immer vor allem das Leben von schwulen Männern und Transsexuellen ausgelöscht hat. Ein anderer ist die große Zahl der Frauenmorde 2. Wir sind sicher, dass es einige Fälle gibt, wo die ermordeten Frauen lesbisch waren. Dann ist da noch die Migration, wenn man älter wird. In Honduras bist du mit 30 schon alt. Ich kann mir vorstellen, dass viele mit 30 emigrieren, vorwiegend in die USA. Dort hoffen sie leben zu können. Andere leben ihre Sexualität nicht mehr öffentlich, um der Scham und der Ablehnung durch die Familie zu entgehen.

 

Arcoiris

 

In den Räumen von ARCOIRIS


Was Homophobie in der Familie betrifft, kann ich mich gut daran erinnern, wie meine Brüder beim Fernsehen sagten: „Guck dir den Schwulen an! Wenn so etwas bei uns vorkommt, bringen wir ihn besser um, bevor er uns Schande macht.“ Und Papa sagte: „Also ich hätte lieber eine Rolle Draht als einen Schwulen. Mit einer Rolle Draht kann man das Haus umzäunen, mit einem Schwulen kann man nichts machen“. So etwas bringt einen moralisch und emotional um. Man fragt sich „Was ist hier los? Warum bin ich anders?“ Übereinstimmend haben wir alle die Erfahrung gemacht, dass wir schon früh, mit 10, 12 Jahren, daran gedacht haben von zuhause wegzulaufen oder uns das Leben zu nehmen. Wir flüchteten ins Spirituelle, wurden religös und dachten ans Emigrieren. Und die, denen nichts von alledem gelang, blieben zu Hause und versuchten sich Zuneigung zu erkaufen. Solange man zum Haushalt beiträgt, Miete und Elektrizität zahlt, zum Essen beiträgt, werden keine Fragen gestellt. Wenn man nichts zahlt, dann gibt es Probleme. Dann wird von der Familie Druck ausgeübt: „Du müsstest dir eine Wohnung suchen, eine Frau suchen, die bereit ist dich zu heiraten.“
Ich bin in relativ stabilen Familienverhältnissen aufgewachsen, mit Vater, Mutter und acht Geschwistern. Wenn man Kind ist und arglos, hat man es oft schwer. Kinder sagen die Wahrheit ohne darüber nachzudenken und meine Geschwister haben mir Sachen gesagt, die sehr hart waren. Aber das haben sie nicht getan, weil sie mich nicht mochten, sondern weil es ihre Art war, das auszudrücken, was sie wahrnahmen und was man ihnen beigebracht hatte. So war es auch mit meinem Vater und mit meiner Mutter.
Besonders schwer hatte ich es mit meinem Vater. Er ist ein Supermacho, geprägt von dem Weltbild einer fundamentalistischen Kirche. Ich behaupte nicht, dass er mich nicht mochte, es war eben seine Art mich zu beschützen. Damit war er aber weit davon entfernt, mir zu helfen. Er hat mir schwer geschadet. Er hat mich als Sohn abgelehnt und es war und ist für ihn immer noch schwer zu akzeptieren, dass er einen homosexuellen Sohn hat. Meine Mutter ist wesentlich verständnisvoller. Sie hat sich organisiert und arbeitet mit anderen Frauen zusammen. Sie hat sich weitergebildet. Bei meinen Schwestern ist es auch so, dass sie verstanden haben, dass es unterschiedliche Lebensformen gibt. Das bedeutet, dass ich heute eine sehr verständnisvolle Familie habe.

Als ich acht oder zehn Jahre alt war, wollte ich nicht mehr leben. Wir sind neun Geschwister und ich war der Liebling meiner Großmutter, der Mutter meines Vaters, die mit uns zusammen lebte. Meine Großmutter beschützte mich immer, ich war ihr Ein und Alles. Obwohl sie viele Enkel hatte, nahm sie immer mich mit zum Einkaufen auf den Markt. Oder wenn sie in eine andere Stadt fuhr, nahm sie mich mit. Ich war etwa zehn, als sie starb, und ich wollte mit ihr sterben. Ich wollte nicht allein weiterleben, denn ich war mir sicher, dass Mama und Papa mich nicht liebten. Wenn mein Papa mich bestrafen wollte, hatte sie mich beschützt.
Wir sind eine arme Familie. Als ich ein Kind war, ging meine Mutter Wäsche waschen  und mein Vater war
Schuster. Mit dem was sie damit verdienten, mussten die vielen Kinder ernährt werden. Mit 16 bin ich deshalb illegal in die USA gegangen.
Auf meinem Lebensweg gab es viele Momente der Traurigkeit und Einsamkeit. Viele Jahre lang fühlte ich sie wie ein schwarzes Loch in meinem Magen. Ich bekam keine Antworten. Wen soll man auch fragen in einer homophoben, machistischen und frauenfeindlichen Gesellschaft? Ich wollte ein ganz normales Kind – normal im Sinne einer heteronormativen Weltsicht – wie alle anderen sein. Das ging aber nicht, ich war eben kein heterosexuelles Kind. Wie ich schon erzählt habe, bin ich mit 16 von Mexiko über die Grenze in die USA gegangen. Bis ich 28 war, habe ich immer gesagt, dass ich dem Mann, der mich dabei geführt hat, sehr dankbar bin. Ich habe immer gesagt, er war ein wahrhaftiger Engel in meinem Leben. Ich habe mich immer wieder gefragt: „Warum hat der Mann das getan?“ Obwohl ich mich schon mit Freunden unterhalten hatte, die von ähnlichen Erlebnisse berichteten - nur dass sie dabei Drogen transportieren mussten. Ich antwortete: „Bei mir war es auch so, der Mann ließ mich den Rucksack tragen“. „Also warst du Drogenkurier!“ - und ich stand da mit offenem Mund. Mein Vater hat uns gezwungen, nach dem Schulabschluss das Schuhmacher-handwerk zu lernen. Mir gefiel das nicht, ich wollte immer Schneidern lernen.
Schließlich bin ich, wie gesagt, in die USA. Von dort kehrte ich zwei, drei Jahre später zurück, aber nicht mehr nach Hause, sondern ich ging nach Tegucigalpa. Dort begann ich bei der organisierten Schwulenbewegung mitzumachen. Damals, 1996, gab es die Gruppe PRISMA. Sie schotteten sich ziemlich ab, man kam nur mit Empfehlung und mit dem richtigen Codewort an der Tür hinein. Zwei, drei Jahre später  verschwand PRISMA als Organisation und später bildete sich dann Arcoíris. Damals ging es mir darum, mir einen Freiraum zu schaffen und ich begann in der LGBT-Bewegung aktiv zu werden. Bis dahin war ich zu Veranstaltungen gegangen, hatte mich manchmal an Aktionen beteiligt, war aber nicht aktiver Teil der Bewegung gewesen. 2003 trat ich ein, um die Gründung von Arcoíris zu unterstützen. Wir, Denis, Ricardo und eine transsexuelle Genossin, wollten nicht nur zu AIDS arbeiten sondern zu den Menschenrechten im allgemeinen. Außerdem war uns wichtig, dass Transsexuelle und Lesben, die keinen Ort hatten, wo sie hingehen konnten, dabei waren. Mit dieser Idee haben wir 2003 begonnen und bis heute hat sich die Gruppe behauptet.

 

Arcoiris

 

In den Räumen von ARCOIRIS

 

Unser Ziel ist es, für das Empowerment der LGBT-Gemeinde zu arbeiten. Wir wollen ihre Problematik aus der sozialen Perspektive sichtbar machen, weg von dem medizinischen Blickwinkel, weg von Tabletten und Behandlungen. Wir sind der Ansicht, dass LGBT-Personen in einer Situation der Exklusion leben, weil ihnen die Eigenverantwortung verwehrt wird. Bei unserer Arbeit bedienen wir uns der öffentlichen Anklage, bzw. befähigen wir die Personen dazu, Anzeigen zu erstatten und/oder öffentlich Anklage zu erheben. Wenn es mehr Anzeigen gibt, muss das irgendwann eine Wirkung haben.
Ein anderer Aspekt unserer Arbeit ist die Dokumentation. Wir haben verschiedene Untersuchungen über die Hassverbrechen in Honduras gemacht. Das ändert natürlich zuerst einmal nichts, es gibt sogar gewisse Rückschritte. Unser größtes Problem ist, dass wir durch unsere Arbeit verletzlicher geworden sind, denn es ist nicht das Gleiche, wenn ich sage, ich brauche mehr Kondome, wie wenn ich fordere, dass wir weniger ermordet werden.
Das ist heute unsere Arbeit. Die Geschichte ist schnell erzählt, aber dahinter stehen viele Jahre mit traurigen Erfahrungen, aber auch mit glücklichen. Wie die, einen Freiraum wie das Haus von Arcoíris zu haben, von dem alle sagen, es sei ihr zweites Zuhause. Einige Freunde sagen sogar, dass Arcoíris sie süchtig mache. Einfach weil es ein Ort ist, wo sie mit ihrem Freund hingehen können und sich wohlfühlen, weil sie zusammen sind mit Menschen, die wie sie sind.
Einmal kam eine Familie, eine Mutter mit ihrer Schwester und ihrer Tochter und einem Mann. Sie verkündeten, dass sie Arcoíris anzeigen würden, weil dort Minderjährige zugelassen seien. Das sei gegen das Gesetz, weil die Jugendlichen dadurch verdorben würden. Ich fragte: „Worum geht es Ihnen, meine Dame?“ Sie sagte: „Mein Sohn versteckt sich jeden Nachmittag hier.“ Ich entgegnete: „Er kann
sich hier nicht verstecken, denn dies ist kein Versteck, sondern ein öffentlicher Ort. Sie können auch kommen und es selbst sehen.“ Sie fragte dann: „Aber was macht er hier? Ist er homosexuell?“ und ich antwortete: „Ich weiß es nicht, sprechen Sie mit ihm. Mit ihm müssen Sie sprechen, nicht mit mir.“ Sie gebrauchte starke Worte und warf uns alle möglichen Beleidigungen an den Kopf. Dann zeigte sie uns an, was aber ohne Konsequenzen blieb. Wir tun ja nichts, was verboten wäre. Heute ist die Frau Mitglied der Gruppe der Mütter schwuler Söhne bei Arcoíris.

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LGBT-Demonstration in Tegucigalpa

 

Nachdem ich viele Jahre an der Spitze der Organisation gestanden habe, haben sich viele Aggressionen auf mich konzentriert. Deshalb mussten wir unsere Arbeitsstrategie neu ausrichten, vor allem die Arbeit stärker aufteilen. Ich bin so etwas wie das Gesicht der Gruppe nach außen, aber intern koordiniert wird die Gruppe von zwei Genoss_innen. Das hat die Arbeit von Arcoíris sehr erleichtert. Ich mache die Öffentlichkeitsarbeit und die anderen können diskret, risikofreier und ohne von der Presse belästigt zu werden ihre Arbeit machen. Damit erreichen wir heute viel.

Im Jahr 2008 bin ich von der Polizei verhaftet und in der Haft vergewaltigt worden. Ich habe das angezeigt und war damit der erste Homosexuelle, der ein Mitglied der Polizei vor Gericht gebracht hat. Ich habe nicht nur bei der Staatsanwaltschaft Anzeige erstattet, sondern bin auch in die Öffentlichkeit gegangen. Ich habe Interviews gegeben und so viel wie irgend möglich publiziert, damit die Leute erfahren, dass die Polizei verantwortlich ist für viele Verbrechen, die an Homosexuellen verübt werden. Das provozierte Drohungen und Mordversuche und ich bin sicher, dass repressive Kräfte dahinter stehen, besonders die Polizei. Im Jahr 2009 haben wir den
ersten Bericht über die „Hassverbrechen“ gemacht.3 Wir waren damals mitten im Staatsstreich. Wir haben festgestellt, dass 60 % der Verbrechen, die wir belegen konnten, von Angehörigen der Polizei oder der Streitkräfte verübt worden waren. Der Staat ist also direkter Komplize und wenn du das anprangerst, gehst du natürlich ein großes Risiko ein.
Die Situation seit dem Staatsstreich 2009 hat sich fundamental geändert! Es ist alarmierend und ich frage mich, was noch passieren kann. Wir sind zurückgewichen, leben unsere sexuelle Orientierung nicht mehr öffentlich, wir haben organisierte Freiräume wieder geschlossen. Zahlreiche Menschen-rechtsverteidiger_innen, Aktivist_innen und Führungspersönlichkeiten der LGBT-Bewegung mussten das Land verlassen, sie sind geflohen. Denken wir an die Straflosigkeit, ja sie war vorher schon hoch, aber jetzt ist sie 100 %! Überall Rückschritte: bei den Menschenrechten, beim Respekt individueller Freiheiten. Und es wird vieles kriminalisiert: das Recht auf Protest, das Recht, Anzeige zu erstatten und das Recht, aktiv zu werden. Es gibt weniger Menschenrechtsverteidiger_innen, weil sie emigriert sind. Und auch wir in der Schwulenbewegung werden täglich weniger und zurückhaltender. Wer will schon Opfer eines Überfalls werden, wobei er oder ein Angehöriger sein Leben verlieren kann? Wer will, dass sich die Familie abwendet, wenn du eine Sache verteidigst, von der viele Leute glauben, sie sei Unrecht? Es ist eine totale Rückentwicklung, die alle überfordert.

Diejenigen, die heute Unterstützung bei Arcoíris suchen, sind sehr jung. Und wenn ich mich mit ihnen dann unterhalte, dann höre ich meine eigene Geschichte von vor zwanzig, dreißig Jahren. Nichts hat sich geändert. Ich weiß, dass die großen Änderungen, die wir gewollt haben, uns nicht gelungen sind und ich weiß, dass wir mehr gewollt haben. Aber das Wenige, dass  geschehen ist … Vor 2009 hatte es niemals eine Demonstration von Schwulen in Honduras gegeben. Zum 17. Mai 2009, also noch vor dem Staatsstreich, riefen wir  zu einer Kundgebung auf, wo wir die Einrichtung eines Tages gegen die Homophobie forderten. Wenn es hoch kommt, waren 30 bis 40 Leute auf dieser ersten Demonstration, aber wir wären auch mit zwei zufrieden gewesen.
Bei der nächsten Kundgebung, 2010, kamen aus gleichem Anlass 200 und in diesem Jahr (2014) waren wir mehr als 600. Wir sind der Meinung, das hat sich gelohnt. Für den 28. Juni des gleichen Jahres 2009 hatten wir erstmals die Genehmigung für eine Feier auf dem zentralen Platz von Tegucigalpa bekommen. Wie jedes Jahr wollten wir den Tag des Gay Pride mit Theater und Umzügen feiern. Niemals zuvor hatte uns die Stadtverwaltung dafür den Zentralplatz genehmigt.
Aus all dem wurde nichts, es gab weder Festival noch Theater, sondern es kam der Staatsstreich. Damit begann ein neues Kapitel, unser Weg hinein in die organisierten sozialen Bewegungen. Das war hart, weil wir mit Ablehnung empfangen wurden. Aber mit Arbeit, Beharrlichkeit und Ausdauer haben wir eine halbe Anerkennung erreicht. Vielleicht weniger als eine halbe.
Man sollte eigentlich annehmen, dass Frente und LIBRE für die LGBT-Gemeinschaft offen sind. Das stimmt aber nicht mit unseren Erfahrungen überein. Wir haben der Frente4 angeboten, sie in Sachen der sexuellen Vielfalt weiterzubilden. Die Antwort war: „Klar, das machen wir.“ Dann ging es aber fast noch zwei Monate hin und her, bis zum Tag der Weiterbildung. Es kamen irgendwelche Leute, aber niemand aus dem Führungskreis. Wir haben  verstanden, dass es ein Thema war, das ihnen weder behagte, noch sie interessierte. Wir haben dann die geschult, die uns geschickt wurden.  Ja, es ist aufwärts gegangen und und wir haben zusätzliche Räume gewonnen. Das gelang mit Anstrengungen, Ausdauer, Opfern und Demonstrationen. Das erinnert mich an die ersten Demonstrationen, als wir an den Barrikaden der Soldaten vorbei zogen und die Leute anfingen „Arschficker“5 zu schreien. So geht das nicht, sagte ich ihnen und erklärte ihnen warum: „Die Arschficker sind hier unter uns.“ Sie schauten mich an und fragten mich, was sie stattdessen zu den Soldaten sagen sollten. „Man muss erfinderisch sein, man muss neue Parolen erfinden. Sonst sind wir dumme Maschinen, die den Machismo wiederholen und das führt zu nichts.“ Dann haben wir etwas erfunden und es entstand die berühmte Parole “Estudiar y aprender para chepo nunca ser“6 . Das hat eine von uns erfunden. Es war ein wunderbarer Prozess, wo auch wir gelernt haben.
Arcoíris war Gründungsmitglied für die Jugendorganisation der Resistencia7. Bei dem ersten Treffen für die Vorbereitung einer verfassungsgebenden Versammlung in Esperanza, in der Provinz Intibucá wurde einer von uns auf den Posten des Vizesekretärs gewählt. Es waren sehr viele Leute von vielen Organisationen da, so dass eine Auswahl stattfinden musste und jemand von uns wurde gewählt, obwohl wir praktisch eine neue soziale Bewegung sind. Das waren freudige hoffnungsvolle Momente.

Ich möchte noch unterstreichen, dass Organisationen wie die LGBT-Bewegung  nicht isoliert sind. Wir arbeiten immer mit der feministischen Bewegung zusammen. Im Augenblick z. B. beim Kampf um die Pille danach und wir unterstützen sie bei ihren Aktionen zur Abschaffung des totalen Abtreibungsverbots. Wir glauben, dass es sehr wichtig ist, nicht nur solidarisch zu sein, sondern konkrete Aktionen zu machen. Mit der Bauernbewegung machen wir auch so viel wie möglich zusammen. Sie ist die Seele unseres Landes, unseres Bodens und dessen Ertragsfähigkeit. Vor allem aber haben wir eine sehr harmonische Beziehung zu den Jugendorganisationen. Unsere Organisation ist auch eine Bewegung mit vielen jungen Menschen. Ich erinnere mich daran, dass vor einem Jahr eine Gruppe Jugendlicher von Arcoíris in Zacate Grande bei einer  Veranstaltung war, wo es um die  Unterstützung von kommunitären Radios ging. Für die Jungen von Arcoíris war das eine eindrucksvolle Erfahrung. „Zuerst fühlten wir uns wie das fünfte  Rad am Wagen. Nachdem wir uns aber mit den Leuten von Zacate Grande und den anderen Organisationen ausgetauscht und sie kennen gelernt hatten, hatten wir plötzlich 1000 Freunde.“ Sie wurden einbezogen und zum Schluss waren sie es, die man damit beauftragte, die Feste zu organisieren. Ich meine, genau darum geht es, um das Dabeisein. Damit ändert sich nicht unbedingt das Leben, aber du hast 20 Freunde mehr, die dich anrufen und mit dir Kaffee trinken gehen und nicht mehr denken, mit dem will ich nichts zu tun haben, der ist homosexuell. So etwas ist für unser seelisches Gleichgewicht sehr wichtig, dass wir außerhalb der LGBT-Gruppen Freund_innen haben können.
Donny Reyes in München

Donny Reyes in München

 

Viele meiner Freunde fragen mich jetzt , ob ich in Deutschland bleiben werde. Nein, das ergibt keinen Sinn, schon allein, wenn ich an die Erfahrungen von Einsamkeit und Trauer der Freunde denke, die Honduras verlassen mussten. Ich habe immer gesagt: Den Kampf aufzugeben, ist keine Option. Wir müssen arbeiten, solange wir noch Energie haben. Ich bin mir  sehr bewusst, dass die Verhältnisse in Honduras so sind, dass jeden Tag Schluss sein kann, dass dies hier eines der letzten Interviews gewesen sein
könnte. Aber wenn ich gehen muss, dann gehe ich gelassen, weil ich versucht habe, mein Land in seinem Verhältnis zu den LGBT-Personen zu ändern.


1 Menschenrechtsgesellschaft Regenbogen
2 Er spricht an der Stelle von Feminicidio. Der Begriff stellt das Systematische an diesen (Hass-)Verbrechen an Frauen im Kontext von patriarchalen Gesellschaftstrukturen heraus.
3 http://www.portalsida.org/repos/Informe_Crimenes_de_Odio_Final%5B1%5D%5B1%5D.pdf
4 Frente Nacional de Resistencia Popular
5 „culero“, abschätzige Bezeichnung für Schwule, die in Mittelamerika üblich ist.
6 Studieren und lernen um niemals ein Bulle zu werden
7 Frente Nacional de Juventudes en Resistencia

 

 

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