Das Centro Calpulli in Oaxaca, Mexiko

Friederike Goschenhofer

Im Sommer 2014 besuchen wir das Centro Calpulli in Oaxaca im Süden Mexikos. Sein Mitbegründer und heutiger Leiter, Felipe Sánchez Rodriguez, ist ein Freund von mir seit Anfang der 90er Jahre in München.
Er holt uns an einem Dienstag im August in unserem Hostal morgens um 9 Uhr ab – meine Tochter, meinen Bruder, meine Schwägerin und mich. Im Centro Calpulli, im über der Stadt gelegenen Viertel Lomas de San Jacinto, empfängt uns die Crew der Mitarbeiter_innen zu einem Frühstück mit Kaffee und Bananen –  und erzählt uns von ihrer Arbeit.
Das Centro wurde 1993 von Swantje Burmester und Felipe Sánchez in diesem Stadtviertel von Oaxaca gegründet. Hier gibt es wenig Infrastruktur und im Viertel lebt vor allem arme Bevölkerung. Heute, gut 20 Jahre später, ist das Centro Calpulli ein verwurzeltes und bekanntes Projekt in der Stadt.
Es erhält Finanzierung aus Deutschland (über den Freundeskreis Oaxaca), von staatlichen mexikanischen Stellen und von einheimischen Spender_innen.

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Tanzaufführung im Centro Calpulli

 

Hier bekommen Vorschulkinder ab drei Jahre Unterstützung. Der Kindergarten umfasst 30 Kinder. Sie erhalten gezielte Förderung in allen Bereichen des Lebens: Spielen, Singen, Förderung im kreativen und kognitiven Bereich, in Umwelterziehung und im sozialen Miteinander. Am Nachmittag kommen die Hortkinder dazu. Dieser „Unterstützungskurs“ fördert, in enger Zusammenarbeit mit der inzwischen existierenden Grundschule im Viertel, circa 40 Kinder der Klassen 1 bis 6. Sie erhalten schulische Lernhilfe und ein fundiertes pädagogisches Freizeitangebot. Dazu gehören neben Spiel, Sport, kreativen Angeboten auch Gruppenaktivitäten und Ausflüge in die Umgebung.
Zwei der acht Mitarbeiter_innen kümmern sich um ein gesundes, warmes Mittagessen für ungefähr 60 Kinder täglich. Dies ist ein wichtiger Baustein zur Förderung des Ernährungsbewusstseins, zur Gesundheitsvorsorge und zur Armutsprävention. Und es stellt eine Entlastung des Haushaltsbudgets der Familien dar. Diese bezahlen für das Essen, aber es ist sehr kostengünstig. Wichtig ist die finanzielle Beteiligung der Familien deshalb, damit sie sich nicht als Hilfe-Empfänger_innen erleben. Für ein tägliches gesundes Kochen zuhause fehlt neben dem Geld ganz oft die Zeit, da viele Mütter und Väter mit der Sicherung des existenziellen Lebensunterhalts sieben Tage die Woche ausgelastet sind.
Eine Bibliothek gibt den Kindern die Möglichkeit, je nach ihren Interessen zu lesen und verschafft ihnen Zugang zur Literatur. Auch können sie an Computerkursen teilnehmen. Das Highlight von Calpulli ist der Tanzworkshop, der mit Unterstützung einer Gruppe von Eltern organisiert und von diesen begleitet wird.
Insgesamt acht Stunden pro Woche übt ein Tanzlehrer vor allem oaxaquenische Tänze mit Freiwilligen. Von den Kleinsten im Grundschulalter bis zu den großen Teenagern werden hier kunstvolle Choreografien eingeübt und bei verschiedenen Events innerhalb und außerhalb des Centro aufgeführt. Die Kostüme besorgen die Eltern und nähen sie teilweise selbst.
Großer Wert wird auf die Aktivierung der Eltern in der Arbeit des Centro Calpulli gelegt – und auf die Einbeziehung der familiären und sonstigen Lebenssituation. Das Projekt ist also stark partizipativ ausgerichtet und arbeitet gemeinwesenorientiert. Sieben bis neun Mitarbeiter_innen (dies wechselt u.a. auch deshalb, weil zeitweise Freiwillige aus dem Ausland im Projekt mitarbeiten) kümmern sich neben Felipe um die Organisation des Centro in allen Bereichen. „Nicht alle von uns sind ausgebildete Fachkräfte, aber wir alle machen die Arbeit auf hohem professionellen Niveau“, erklärt Felipe in unserem Gespräch. Das ist spürbar während unseres Besuchs. Die Kolleg_innen beeindrucken uns durch ihre Erfahrung, Professionalität und ihr Engagement. Als Kollegin kann ich beurteilen, dass die Förderung von Selbstbewusstsein, das Erleben von Geborgenheit einher geht mit Vermittlung und Förderung in Bereichen von Lern- und Lebenskompetenz. Außerdem steigt mit der Bildungsförderung die Chance auf einen Schulabschluss und das Absolvieren von Berufsausbildung oder Studium. Damit wird oft ein persönlicher Ausstieg aus der Armutsspirale möglich. Dies dokumentieren Berichte „Ehemaliger“, die im Infobrief 2013 von ihrem Lebensweg erzählen.
Die politische Organisation des Centro zeigt sich in der Mitgliedschaft beim „Forum für die Rechte der Kinder in Oaxaca“, einem Zusammenschluss aller Organisationen dieses Bereichs in der Region. Hier wird auf politischer Ebene für die Verbesserung der Situation der Kinder und ihrer Familien gearbeitet, und immer wieder mit konkreten Erfolgen.
Beeindruckt verlassen wir das Projekt – und bekommen die Einladung, zum Tanzworkshop noch einmal wiederzukommen. Das tun wir einige Tage später. Wir werden herzlichst begrüßt und sehen, wie konzentriert die Choreografien eingeübt werden und mit wie viel Spaß und Können die Kinder und Jugendlichen tanzen. Das Tanzen, ebenso wie Besuche in Werkstätten, Museen und archäologischen Stätten hat als Hintergrund die Förderung des Bewusstseins über die eigene kulturelle Identität.
Felipe gibt mir zum Abschied Grüße nach München mit. Denn seine aktive Mitarbeit beim Ökumenischen Büro für Frieden und Gerechtigkeit Anfang der 90er Jahre hat ihn in seinem politischen Bewusstsein stark geprägt.


Das Projekt kann über den „Freundeskreis Oaxaca“ unterstützt werden. Es finanziert sich vor allem aus Spenden.

IBAN: DE797609 05000000713333

BIC: GENODEF1SO6

 

Weitere Informationen über

info@freundeskreis-oaxaca.de

www.freundeskreis-oaxaca.de

 

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Das Team des Centro Calpulli mit Besucher_innen

 

Der Freundeskreis Oaxaca

Das Centro Calpulli ist eines der Projekte, das der Freundeskreis Oaxaca mit Sitz in Würzburg unterstützt. Informationen über die Projekte, deren Arbeit und Wissenswertes zum Freundeskreis findet sich unter www.freundeskreis-oaxaca.de . Im Infobrief des Freundeskreises werden viele Details aus den Projekten, über die Erfolge und die politische Situation in Oaxaca berichtet.
Felipe Sánchez Rodriguez und Swantje Burmester sind Anfang der 90er Jahre mit dem Ökumenischen Büro jeweils zum Schulbau nach Nicaragua gefahren. Im Februar 1991, auf einer Veranstaltung über einen Fall von Menschenrechtsverletzung in Mexiko, gründete sich das Mexiko-Komitee. Gründungsmitglieder waren Teresa Ávila, Swantje Burmester, Felipe Sánchez, Friederike Goschenhofer und Francisco Martínez. Das Ziel des Komitees war, über Menschenrechtsverletzungen und die sozial-politische Lage in Mexiko zu informieren  und Urgent Actions zu aktuellen Fällen zu starten (Protestbriefe an den mexikanischen Präsidenten und zuständige Behörden).

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