Zwischen Krieg und der Hoffnung auf Frieden

Das Ökumenische Büro hat sich 2013 in zwei Veranstaltungen zum ersten Mal intensiver mit Kolumbien beschäftigt. Kolumbien liegt zwar nicht in Zentralamerika, hat aber vieles mit El Salvador oder Honduras gemeinsam. Staatliche und parastaatliche Gewalt bestimmen seit Jahrzehnten das Leben vieler Menschen. Der soziale Widerstand der Opfer und deren Ruf nach Aufarbeitung der Menschenrechtsverbrechen üben aber immer größeren Druck auf die Mächtigen aus.

Macht Erinnerung Frieden?

(cw) In Kolumbien hat sich in den letzten Jahren einiges verändert – auch vieles in eine positive Richtung! Die Demobilisierung des paramilitärischen Dachverbandes Autodefensas Unidas de Colombia (AUC) rückte eine bis dahin weitgehend unsichtbare, aber enorm große Bevölkerungsgruppe immer weiter ins Zentrum der Aufmerksamkeit: die Opfer des seit Jahrzehnten andauernden bewaffneten Konfliktes.1  Der Staat verschreibt sich seit der Verabschiedung des Gesetzes „Gerechtigkeit und Frieden“ im Jahr 2005 einem Wiedergutmachungsprojekt, durch das die Opfer symbolisch anerkannt und materiell entschädigt werden sollen. Doch die Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen des Konfliktes betrifft nicht nur staatliche Akteur_innen. Vielmehr scheint in einem großen Teil der kolumbianischen Gesellschaft ein Aufarbeitungs- und Reflexionsprozess begonnen zu haben, in dem die Frage des „¿Por qué?“ (Warum?) lauter denn je gestellt wird. Ohne das Empowerment der Opfer- und Menschenrechtsbewegung wäre es aber weder zu der staatlichen Reparationspolitik noch zu einer stärkeren Aufmerksamkeit der urbanen Mittelschicht für das Schicksal der Millionen Opfer gekommen. Der physischen Gewalt ging in vielen Fällen die rhetorische voran. Letztere ging nicht nur von paramilitärischen Gruppen aus, sondern auch von Unternehmer_innen, Politiker_innen und den Medien. Bis heute bleibt die Stigmatisierung als Kollaborateure der Guerilla für viele campesinos und Aktivist_innen eine der schmerzvollsten Erfahrungen: „Wir wurden nicht wie Besitzer dieses Landes behandelt, nicht wie Besitzer dieses Rechts, weil man den Begriff des Bürgers durch den des guerilleros ersetzt hat. (…) Ich glaube, das war das Schlimmste. Zu sehen, wie deine Mitbürger dich ablehnen“, sagte ein Gemeindeführer der vertriebenen Gemeinde Mampuján in einem Interview.2 

Das Vertrauen der Millionen Leidtragenden eines Krieges, von dem einige wenige profitierten, wiederherzustellen, wird sich als eine langwierige und konfliktreiche Aufgabe für Staat und Gesellschaft herausstellen. Beispielhaft für das gesamtgesellschaftliche Projekt der Aufarbeitung kann das Centro Nacional de Memoria Histórica stehen, in dem Vertreter_innen staatlicher Einrichtungen und zivilgesellschaftlicher Organisationen die Geschichte der Gewalt auf der Grundlage tausender Berichte von Zeitzeug_innen rekonstruieren. Solche Initiativen können wichtige Anstöße für Veränderungen in der Gewaltkultur geben, also in der Art und Weise, wie in einer Gesellschaft mit Gewalt umgegangen wird. Die wohl bemerkenswerteste Folge des Bewusstseinswandels ist aber die Tatsache, dass die aktuelle Regierung unter Juan Manuel Santos ein bis vor wenigen Jahren undenkbares Ziel in die öffentliche Debatte zurückholte, nämlich den Konflikt mit den FARC3  durch einen Friedensvertrag zu beenden.

Dialog in Havanna

Der vierte Versuch: Repräsentant_innen der Regierung und der FARC verhandeln in Havanna
Bildnachweis: Fundación Paz y Reconciliación (Bogotá)

 

Seit Oktober 2012 wird in Havanna verhandelt. Inzwischen gibt es schon Übereinkünfte in den Punkten ländliche Entwicklung und politische Partizipation. Die öffentliche Stimmung gegenüber dem Prozess ist ausgesprochen positiv, verglichen mit dem Klima des Hasses und Misstrauens nach gescheiterten Verhandlungen zu Beginn der 2000er – ein wichtiges Kapital des Uribismo.4  Mit der Partei Centro Democrático gelang dem Expräsidenten Álvaro Uribe inzwischen eine Neuauflage der rechten Unternehmer_innen - und Großgrundbesitzer_innenvertretung im Kongress. Diese macht sich beharrlich daran, die Verhandlungen in Havanna politisch zu sabotieren. Zumindest konnten die FARC der Bevölkerung ihre Ernsthaftigkeit durch zwei kurzzeitige Aussetzungen der Gewalt gegen die Armee im Dezember 2012 und 2013 zeigen. Auch konnten sie sich über ihren Sprecher Pablo Catatumbo zu der Anerkennung durchringen, dass „die Reihen der FARC viele Grausamkeiten und Schmerz verursachten“.5  Kurz vorher hatte der Präsident zum ersten Mal von der Verantwortung des Staates als Ganzem in gravierenden Menschenrechtsverbrechen gesprochen. Jenseits der großen Äußerungen bei den Verhandlungen auf Kuba und in der Regierungspolitik in Bogotá scheint ein gesellschaftlicher Frieden aber nur durch die Integration der Ausgeschlossenen erreichbar zu sein. Schließlich hängt das Prinzip der Nicht-Wiederholung von Menschenrechtsverbrechen eng mit der Annäherung der verwundbarsten Bevölkerungsteile an den Rechtsstaat zusammen.

Die Arbeit des Ökumenischen Büros zu
Kolumbien

Warum beschäftigt sich nun das Ökumenische Büro seit Kurzem auch mit Kolumbien? Der kolumbianische Unternehmensberater Alejandro Pacheco Zapata findet, dass der Friedensprozess in Kolumbien von zivilgesellschaftlichen Organisationen in Europa begleitet werden sollte – gerade jetzt, wo die EU durch den Freihandelsvertrag mit Kolumbien mehr denn je von den Rohstoffgeschäften profitiert. „Wenn wir die ausgeschlossenen Bevölkerungsschichten in Kolumbien unterstützen wollen, müssen wir zunächst die komplexen Ursachen der Gewalt verstehen. Die alten Klischees über Pablo Escobar und Drogenkartelle greifen da viel zu kurz“, meint er. Deshalb entschied er sich, im Rahmen eines Praktikums im Öku-Büro eine Veranstaltungsreihe über die Gewalt in seinem Land zu organisieren. Dem Projekt schlossen sich bald einige Unterstützer_innen aus dem Öku-Büro und von außer-halb an.

Für die erste Veranstaltung am 2. Juli 2013 konnten wir eine Reihe namhafter Referent_innen gewinnen. Die Journalistin Dr. Nelly Castro zeigte in ihrer historischen Einführung, dass die Landkonzentration in wenigen Händen die Hauptursache der Gewalt in Kolumbien darstellt. Als zu Beginn der 1980er Drogenhändler_innen immer mehr Land aufkauften und sich widerrechtlich aneigneten, um illegale Gelder zu waschen und sozial in den Kreis der Großgrundbesitzer_innen aufzusteigen, wurde diese Auseinandersetzung weiter verschärft. Der moderne Paramilitarismus, der aus einer Allianz dieser neuen Eliten, Unternehmer_innen und Militärs hervorging, brachte den bewaffneten Konflikt durch zahlreiche Massaker auf eine noch grausamere Ebene. Solange die tief verwurzelten Konflikte um die Landnutzung nicht bearbeitet werden, glaubt Nelly Castro, ist auch nach einem Friedensvertrag mit der Guerilla nicht mit einem Ende der Gewalt zu rechnen. Die über vier Millionen intern Vertriebenen, denen die Regierung als Teil der Reparation nun ihre geraubten Ländereien rückerstatten will, sind das offensichtlichste Symptom der Landkonflikte.
Nach diesem düsteren Schnelldurchlauf durch die Geschichte berichtete Camilo Martínez von der NGO Yanapaqui über ein friedenstiftendes Selbstorganisierungsprojekt. Im barrio La Paralela in Medellín setzen ca. 20 Familien ihr traditionelles Wissen ein, um die Fläche einer ehemaligen Müllhalde landwirtschaftlich zu nutzen. Angesichts der weltweiten Probleme bei der Nahrungsmittelversorgung ist diese Initiative urbaner Landwirtschaft auch aus einer entwicklungspolitischen Perspektive interessant. Yanapaqui will mit seinen Projekten die kommunitäre Organisation der Bevölkerung auf dem Land und in den Armenvierteln fördern und gegen die Macht transnationaler Agrarunternehmen sowie die Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten ankämpfen.

Liliana Uribe

Liliana Uribe berichtete von außergerichtlichen Hinrichtungen

Liliana Uribe von der Corporación Jurídica Libertad brachte die Verantwortung der staatlichen Sicherheitspolitik bei der Terrorisierung der Bevölkerung zur Sprache. Für die Europäer_innen, aber auch für die meisten Kolumbianer_innen sei der Krieg nur schwer begreifbar, da das Denken, dass ein Staat im Sinne des Gemeinwohls und einer Verfassung handelt, tief in uns verankert sei. Deshalb „scheint es unglaublich, dass die Paramilitärs, die in kriminellen Strukturen organisiert sind und viele Verbrechen gegen die Bevölkerung begangen haben, einmal vom Staat gesetzlich ins Leben gerufen wurden!“ Liliana Uribe versicherte uns, dass die tausende außergerichtlichen Hinrichtungen vor allem auf eine breite und sinnentleerte Definition von Subversiven und Staatsfeinden zurückzuführen sind. In Kolumbien werden diese willkürlichen Hinrichtungen von Unbeteiligten, mit denen die Streitkräfte Erfolge im Kampf gegen die Guerilla präsentieren wollen, mit dem Begriff der „falschen Positiven“ beschönigt. In den beiden Amtsperioden Uribes fielen dieser perfiden Praxis von Armee und Paramilitärs, Jugendliche zu entführen, sie in Guerilla-Uniformen zu stecken und dann zu ermorden, 3.500 Menschen zum Opfer.6 

In der zweiten Veranstaltung am 30. November 2013 wollten wir jungen Nachwuchsforscher_innen und Aktivist_innen die Gelegenheit geben, ihr Wissen zu teilen. Zunächst stellten der Jurist Alejandro Guerrero Torres und die Erinnerungsforscherin María Paula Santana González sehr prägnant das Gesetz „Gerechtigkeit und Frieden“ (2005) und das Gesetz für Opfer und Rückerstattung geraubter Ländereien von 2011 vor. Während das Gesetz von 2005 stark von der Stoßrichtung der Demobilisierungsverhandlungen zwischen Regierung und der AUC beeinflusst war, will man nun mit dem neuen Gesetz den Opfern eine staatliche, von den Strafverfahren unabhängige Wiedergutmachung garantieren. Eine wichtige Erkenntnis beider Vorträge war, dass die juristischen Verfahren der Gesetze oft sehr weit von der Realität der Opfer entfernt sind – sowohl in räumlicher als auch in kultureller Hinsicht. Christian Wimberger vom Öku-Büro zeigte im Anschluss anhand des kollektiven Reparationsprozesses für die Gemeinde Mampuján, dass die Opfer durch den Anerkennungskampf mit den staatlichen Behörden als selbstbewusste politische Akteure_innen gestärkt werden. Da die Behörden im Reparationsprozess immer wieder ihre Versprechen brachen, mussten sich die Gemeindeführer_innen Wissen über institutionelle und juristische Zusammenhänge aneignen und ihre Forderungen in Medien und über Opfernetzwerke äußern. Schließlich stellte Alejandro Pacheco in seinem Vortrag die Frage, warum die Länder Lateinamerikas immer mehr militarisiert werden. Besonders interessant war hierbei die geographische Übereinstimmung von Rohstoffvorkommen, Brennpunkten sozialen Protests und (US-amerikanischen) Militärbasen in Südamerika. Er kam zu dem Schluss, dass gerade die Logik einer extraktiven Wirtschaft, die alle Karten auf die Rohstoffausbeutung setzt, zu einer militarisierten Territorial- und Bevölkerungskontrolle führt.

Die Münchener Arbeitsgruppe für
Menschenrechte in Kolumbien

Aus der Veranstaltungsreihe ging bereits eine Arbeitsgruppe für Menschenrechte in Kolumbien mit ca. zehn Mitgliedern hervorgegangen. Am 19. März 2014 lud die Gruppe den indigenen Aktivisten Francisco Javier Cortes ein, um über die Situation seiner Ethnie zu berichten. Der Stamm, der im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Ecuador lebt, umfasst ca. 22.000 Menschen. Die indigenen Stämme sind neben den afrokolumbianischen Gemeinden wohl die Bevölkerungsgruppen, deren Situation die enorme Kluft zwischen dem Anspruch verfassungsrechtlicher Normen und der Wirklichkeit am drastischsten verdeutlicht. Seit der neuen Verfassung von 1991 verpflichtet sich der Staat zum Schutz der Autonomie und der Territorien der 34 indigenen Völker. Gerade diese litten aber in den letzten Jahrzehnten enorm unter der bewaffneten Konfrontation, da die an natürlichen Ressourcen reichen Ländereien der Indígenas die Gier der Paramilitärs und der Guerrilla anheizten. Doch der Staat trägt nicht durch die Unterlassung seiner Schutzfunktion, sondern auch durch die Förderung von Großprojekten wie der Errichtung einer Erdöl-Pipeline zur physischen und kulturellen Vernichtung der Awá-Ethnie bei. Francisco Javier Cortes nutzte seine Rundreise durch Europa, um neue Allianzen mit NGOs zum Schutz seiner Ethnie zu schmieden und so Druck auf die Regierung von Kolumbien und Ecuador auszuüben.



Francisco Javier Cortes Guanga

Francisco Javier Cortes Guanga, Vertreter der Awá-Ethnie am 18.März 2014 in München

 

In Zukunft wollen wir soziale Bewegungen in Kolumbien weiterhin durch Informations- und Kampagnenarbeit unterstützen. In Zukunft wollen wir eine Gemeinde oder ein Friedensprojekt in Kolumbien durch Informationsaustausch und Öffentlichkeitsarbeit unterstützen. Wir glauben, dass das Öku-Büro von einer Beschäftigung mit Kolumbien profitieren kann, da Probleme wie die (Para)militarisierung und die Gewalt gegen soziale Bewegungen auch in Mexiko oder Honduras anzutreffen sind. Die oft diffusen Mechanismen des Terrors, die der Zivilbevölkerung jede Möglichkeit des selbstbestimmten Handelns nehmen, kennen viele, die sich mit Zentralamerika beschäftigen, nur zu gut. Umgekehrt ist die Erfahrung aus Guatemala oder El Salvador, dass Friede ohne eine unabhängige Zivilgesellschaft Gefahr läuft, zur Legitimierung ungerechter sozioökonomischer Verhältnisse instrumentalisiert zu werden, auch für Kolumbien von Bedeutung. Wir möchten uns beim Kurt-Eisner-Verein für politische Bildung, beim Ausländerbeirat München sowie bei LIG e.V. und Desierto Florido e.V. für ihre freundliche finanzielle Unterstützung bedanken. Ein herzliches Dankeschön geht auch an Christiane Schulz für die sehr gelungene Moderation der beiden Veranstaltungen.

 1    Die Unidad de Víctimas erfasste 166.069 Morde seit 1985 durch bewaffnete Akteure. Das ist aber nur der traurige Gipfel einer humanitären Katastrophe: Die Einrichtung anerkennt außerdem 27.007 Ver­­schwun­-­dene, 1.754 Opfer sexueller Gewalt, 6.421 zwangs-rekrutierte Kinder und 4.744.046 Zwangsvertriebene. Vgl. Grupo de Memoria Histórica (2013): ¡Basta ya! Colombia: Memorias de guerra y dignidad, Bogotá, S.32-33: http://www.elpais.com.co/elpais/archivos/bastaya.pdf.
 2    Vgl. Interview mit einem Gemeindeführer Mampujáns am 16.07.2012.
 3    Die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) sind aus ländlichen Konflikten hervorgegangen und grün-deten sich 1964 als linksgerichtete Guerilla-Gruppe. In dem Maß, in dem die FARC in den 1980ern militärisch immer erfolgreicher wurden, verloren sie auch durch ihre Annäherung an den Drogenhandel und einer Viel-zahl von Menschenrechtsverbrechen die Unterstützung der campesinos. In beiderlei Hinsicht – militärischer Stärke und Entfernung von der Basis – unterscheiden sich die FARC von den zentralamerikanischen „Guerillas der Armen“. Vgl. Sánchez, Gonzalo (2013): „Moderniza-ción y barbarie: signos convergentes del conflicto armado en Colombia“, in: Centro Nacional de Memoria Histrócia: Guerrilla y población civil. Trayectoria de las FARC 1949-2013, Bogotá, S. 12.
 4    Als Uribismo werden die Koalition und das politische Programm des ehemaligen Prsäsidenten Álvaro Uribe (2002-2010) bezeichnet, das sich durch einen personalisierten Führungsstil und eine Militarisierung der inneren Sicherheit auszeichnete. Während und nach seiner Amtszeit wurden zahlreiche Skandale aufgedeckt, für welche die Regierung direkt oder indirekt verantwortlich war, darunter unzählige von den Streitkräften verübte Menschenrechtsverbrechen sowie Beziehungen zwischen Kongressabgeordneten und paramilitärischen Gruppen.
 5    Vgl. El Espectador: „FARC reconocen responsabilidad en parte de las víctimas”, 20.08.2013: http://www.elespectador.com/noticias/paz/farc-admiten-responsabilidad-parte-de-victimas-del-conf-articulo-441014.
 6    Vgl. Semana.com: „La historia inédita de los falsos positivos”, 06.07.2013: http://www.semana.com/nacion/articulo/la-historia-inedita-falsos-positivos/349851-3. (Angesehen am 26.01.2014)

 

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