Teuflische Schatten - Zwei Frauen gegen die Mara Salvatrucha

Horlemann. 2011, 298 Seiten, 19,90 €

Eine Rezension von Vera Suschko.

Teuflische Schatten erzählt die wahre Geschichte von Sandra Lopez, deren Leben in der guatemaltekischen Kleinstadt Palencia von massiver Gewalt und ständiger Lebensgefahr geprägt ist. Schon in ihrer Kindheit, die noch vergleichsweise harmonisch beschrieben wird, erlebt sie regelmäßig, wie der Lebensgefährte ihrer Mutter diese mit Schlägen und Tritten malträtiert.  Auch sie selbst muss immer wieder körperliche Züchtigungen durch ihre Mutter und ihre Großmutter ertragen.
Als Sandra 15 Jahre alt wird, verliebt sie sich in Tino, der sich kurze Zeit später als ein Mitglied der gefährlichen Jugendbande „Mara Salvatrucha“ entpuppt. Sandras Mutter ist von Anfang an gegen den Kontakt  zu ihm. Sie ahnt bereits die große Gefahr, die von diesem Jugendlichen und seinem kriminellen Netzwerk ausgeht. Doch all den Warnungen und Strafen der Mutter zum Trotz, bleibt Sandra bei Tino und bekommt schließlich ein Kind von ihm. Als Tinos „Mara-Braut“ lebt sie nun in einer  gewaltvollen Beziehung und ordnet sich ihm und den Regeln seiner Gang völlig unter, zunächst noch aus Liebe, später nur noch aus Angst. Sie wird Zeugin von den Verbrechen der Mara und muss doch schweigen, um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen.
Diesem Prinzip, sich nicht einzumischen, scheint ganz Palencia zu folgen. Kaum ein Verbrechen der Mara wird bei der Polizei angezeigt. Sandras Mutter Bernada jedoch lässt sich nicht einschüchtern. Sie informiert die Polizei über die kriminellen Aktivitäten der Mara und stellt sich als Zeugin für Gerichtsverhandlungen gegen einzelne Mareros zur Verfügung.
Diesen Mut muss sie schließlich mit dem Leben bezahlen. Trotz Polizeischutz wird Bernarda eines Nachts im Schlafzimmer vor den Augen einer der Töchter erschossen.
Nun liegt es an Sandra, gegen die Mörder ihrer Mutter auszusagen.

Das Buch basiert auf zahlreichen Interviews, die der  Autor Andreas Böhm mit Sandra über mehrere Jahre hinweg geführt hat.  Über Sobrevivientes, eine Stiftung, die sich um Frauen kümmert, die Opfer von Gewalt wurden, hatte der Schweizer Journalist sie kennengelernt. In offensichtlich sehr vertrauten Gesprächen hat Sandra ihm intime Erlebnisse aus ihrer Jugend erzählt. Diese Erzählungen fügte Böhm dann in seinem Roman zu einer authentischen Geschichte aus der Ich-Perspektive zusammen. Das Besondere dabei ist, dass im Gegensatz zu den gewohnten statistischen Abhandlungen zum Thema, die Beziehungen der Täter und Opfer zueinander äußerst genau geschildert werden und ihnen so beispielhaft ein klares Gesicht gegeben wird.

Leider verliert die Geschichte genau diese Spannung, wenn Böhm Sandras Schilderungen um seine eigenen Erklärungen erweitert. So ist es für die Leserin/den Leser zwar informativ, wirkt aber auch etwas gestelzt, wenn beispielsweise Bernardas Äußerungen über Tino, den „hässlichen Schwarzen“, in den Kontext des in Guatemala verbreiteten Rassismus gegen Indigene gestellt werden. Dies gilt auch für Informationen über die Geschichte und Struktur der Maras, die Sandra scheinbar in den Mund gelegt wurden. Möglicherweise ist dieser Eindruck aber auch der Übersetzung ins Deutsche geschuldet.
Dennoch berührt und schockiert das Buch in allen Kapiteln. Die ausweglose Situation, in der sich die Opfer der Maras, aber auch die Bandenmitglieder selbst befinden, wird besonders gut deutlich.
Man bangt mit Sandra um ihr Leben und das ihrer Familie. Diese Sorge bleibt auch nach dem Lesen des Buches. Denn wie im Nachwort erklärt wird, befindet sich die heute 30-Jährige weiterhin in großer Gefahr.

 

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