Her mit dem guten Leben!

nahua script 14

 

nahua script 14, Gegenentwürfe zur globalen Krise, 112 S.


(ea) Wer sich schon länger von dem Begriff „Buen Vivir“ (Gutes Leben) angesprochen gefühlt hat, aber bisher noch keine Zeit fand, sich damit näher zu beschäftigen, der ist mit diesem Büchlein gut bedient. Als Ergebnis einer Veranstaltungsreihe aus dem Jahre 2011 hat das Informationsbüro Wuppertal darin zehn Beiträge versammelt, die die Idee des „Buen Vivir“ aus dem indigenen Kulturraum der Anden vorstellen und zeigen, wie Menschen bei uns, die davon überzeugt sind, dass es Zeit ist für fundamentale Änderungen, sich davon inspirieren lassen.
Man erfährt zuerst, welche Einflüsse diese Ideen schon jetzt auf die Politik südamerikanischer Staaten haben. In den Verfassungen von Ecuador und Bolivien wird inzwischen die Natur als Rechtssubjekt anerkannt und sie enthalten das „Recht auf Gutes Leben“. Das ist aber nur ein Anfang. Das Interview mit dem Vertreter eines Indigenenverbandes macht deutlich, dass „Buen Vivir“ die Macht in Frage stellt. Denn mittel- und langfristig geht es um ein neues Entwicklungsmodell, mit dem die geänderten Verfassungen umgesetzt werden müssen. Und bis dahin ist es noch ein weiter, mühsamer Weg.
So erfrischend wie der Titel, so breit gefächert sind die Beiträge der Autor_innen, die sich Gedanken zu den bei uns notwendigen Änderungen machen. Den Herausgeber_innen ist dabei eine geschickte Mischung aus anspruchsvollen theoretischen Texten und Beschreibungen kleiner praktischer Schritte gelungen. Beispielhaft hierfür sind die beiden letzten Beiträge von Friederike Habermann und Thomas Seibert. Beide beschäftigen sich mit Commons bzw. öffentlichen Gütern. Friederike Habermanns Artikel ist geprägt von persönlichen Erfahrungen und führt zu konkreten Handlungsempfehlungen: Besitz statt Eigentum, teile was du kannst, beitragen statt tauschen (das bekannteste Beispiel hierfür ist freie Software) und Freiwilligkeit und Offenheit. Auf Grund einer sehr theoretischen Herangehensweise gelangt Thomas Seibert hingegen zu radikalen Forderungen an die Politik. Für ihn liegt die Antwort auf die neoliberale Globalisierung in dem, was er die „Globalisierung von Politiken öffentlicher Güter“ nennt. Darin ist soziale Sicherung ein globales öffentliches Gut, das dann natürlich von der Arbeit entkoppelt ist.
Angesichts der Bedeutung eines harmonischen Verhältnisses mit der Natur in der Idee des „Buen Vivir“ kann es nicht überraschen, dass die Beiträge wachstumskritisch sind und ökologische Überlegungen ins Zentrum stellen. Um Klimagerechtigkeit und Wohlstand ohne Wachstum geht es. Auch bei den Ideen, wie Wirtschaftswachstum und Kapitalismus in Frage zu stellen sind, sind die Bezüge zum „Buen Vivir“ deutlich. Wie im indigenen Denken das gute Leben von einem erfüllten Leben in der Gemeinschaft abhängt, so beschäftigen sich viele hiesige Autor_innen mit der Idee der Commons und mit den damit verwandten Begriffen wie Gemeingütersystem und der schon erwähnten Politik der öffentlichen Güter.
Hoffnung macht der Artikel von Dorothee Rodenhäuser über alternative Kategorien zur Messung von gesellschaftlicher Entwicklung. Es geht um die Entwicklung eines „Nationalen Wohlfahrtsindexes“, als Ersatz für das BIP. Es sieht so aus, als ob es selbst in den Wirtschaftswissenschaften neue Ansätze gäbe, die sogar eine Chance in der Politik zu haben scheinen.
Auch der auf den ersten Blick thematisch etwas am Rande liegende Artikel „Recht auf Stadt“ findet seine Berechtigung, wenn man ihn im Zusammenhang mit den Gedanken zum urbanen Gärtnern liest. Beide Texte ermuntern zu widerständiger Praxis.
Es ist ein lohnendes Büchlein, das Anregungen zum Nachdenken liefert, auch über all das, was in den wenigen Seiten gar nicht stehen kann.

 

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