„Von Organisationsprozessen aus Lateinamerika lernen?“

 

Rezension

Nahua Script 13:
Recht auf Stadt - Gemeinwohlorientierte Selbstorganisation in Lateinamerika, 111 Seiten

Mit diesem schmalen Bändchen setzen die Autor_innen eine lange Tradition des Informationsbüros Nicaragua fort und haben dabei zugleich Neuland betreten. Wie in vorhergehenden Nahua Scripten stehen Austausch und Begegnung mit Basisorganisationen in Lateinamerika im Zentrum des Interesses. Neuland haben die Autor_innen buchstäblich betreten, indem sie über Mittelamerika hinausgegangen, in die südamerikanischen Länder Uruguay, Argentinien, Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbien und Venezuela gereist sind und sich dort umgesehen haben.

Im ersten Block der Broschüre werden den Leser_innen unterschiedliche Modelle kommunaler Selbstorganisation in Venezuela, Nicaragua und Uruguay vorgestellt. Der zweite Block präsentiert Formen genossenschaftlichen und kollektiven Eigentums: Wohnungsbaukooperativen in Uruguay und Ecuador, kommunitäre Gemüsegärten in Kuba und instandbesetzte Betriebe1  in Argentinien. In einem abschließenden dritten Teil folgt ein Beitrag aus Bolivien zum Thema „Lokale Autonomie“. Im Zentrum dieser Beiträge stehen gut geführte Interviews, von denen auch Leser_innen, die sich in den untersuchten Regionen nicht auskennen, profitieren können, denn den Interviewten wird ausreichend Gelegenheit gegeben, ihre politische Arbeit und Überzeugung mit Erfolgen und Zweifeln plastisch darzustellen. Die gewählte Form der Interviews, bei der die Worte der Beteiligten im Mittelpunkt stehen, verleiht dem Ganzen einen besonderen Reiz. Die Leser_innen können sich selbst ihre Meinung bilden. Umrahmt werden die Beiträge von zwei Artikeln, die versuchen, Verbindungen zur Recht-auf-Stadt-Bewegung bei uns aufzuzeigen.
Hierin liegt der hauptsächliche Reiz dieser Publikation: Sehr ernsthaft wird der Frage nachgespürt: Können wir von Organisationsprozessen aus Lateinamerika lernen?

Besonders interessant sind dabei für Menschen, die sich bei uns mit dem Recht auf Stadt beschäftigen, die Untersuchungen zur kommunalen Selbstorganisation. Worüber darf entschieden werden? Wie geht die Regierung mit oppositionellen Bewegungen um? Welche Machtbeziehungen entwickeln sich zwischen staatlichen Strukturen und sozialen Bewegungen? Wie weit geht die Bereitschaft der Bürger_innen zum Engagement, wo liegen die Hemmnisse dafür? Das sind auch für hier spannende Fragen.

Beim Themenkomplex „Genossenschaftliches und kollektives Eigentum“ werden die dargestellten Beispiele daraufhin untersucht, ob sie mehr sind als die Selbstverteidigung der von Sparpolitik und Arbeitsplatzverlust Betroffenen. Ob sie, weil sie gemeinschaftlich verwaltet werden, zur Gemeinwohlorientierung beitragen können. Ob sich aus einzelnen nicht marktwirtschaftlich, sondern für die Bedürfnisse im Stadtteil produzierenden Betrieben solidarische Produktionsketten2  organisieren lassen?

Antworten, die man in der Broschüre findet, werden jetzt nicht verraten. Nur so viel sei gesagt: Wie so häufig bleiben auch hier Fragen offen. Aber auch eine Lektüre mit unbeantworteten Fragen, die zum Weiterdenken anregt, kann man guten Gewissens empfehlen.


 1    Nach der Insolvenz der Besitzer wurden die Betriebe von den Belegschaften besetzt und weiter geführt.
 2    Selbstverwaltete Betriebe verschiedener Branchen arbeiten zusammen und vereinbaren dabei solidarische Austauschbeziehungen (z. B. stabile Preise).

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