Peters-Projekt
Gerechte(re)s Weltbild? Die Peters-Projektion

 

Vermessene Welt(en)bilder und umkämpfte Karten

 



„Das Reich wird im selben Moment, in dem man seine Karte erstellt, undarstellbar.“
Umberto Eco

(eb)  Im Jahr 1973 veröffentlichte Arno Peters seinen Entwurf einer Weltkarte, mit der er dem Eurozen-trismus der heute üblicherweise verwendeten Weltkarten – zumeist basierend auf der so genannten Mercator-Projektion – entgegenwirken wollte. Der niederländische Geograph Mercator1  hatte im Jahr 1569 eine Weltkarte vorgestellt, die den Vorteil hatte, dass sie winkeltreu war. Seefahrer_innen konnten auf dieser Karte erstmals ein Ziel anvisieren und ihren Kurs bestimmen, indem sie eine Linie von ihrem Start- zu ihrem Zielpunkt zogen und den entsprechenden Kurswinkel ablasen. Aber nicht nur die Gunst der Seefahrer_innen hatte Mercator erworben, auch die europäischen Herrscher_innen sahen sich angemessen – nämlich als Nabel der Welt – repräsentiert: Bei der Abbildung einer (Erd-)Kugeloberfläche auf ein Blatt Papier – ein mathematisch nicht lösbares Problem – ist Verzerrung nicht zu vermeiden. Weltkarten zeigen insofern nie die wahre Gestalt der Erde. Im Fall von Mercators Karte war zwar die Winkeltreue gewährleistet, die Flächentreue litt aber darunter. Besonders kritisierte Peters, dass die fern vom Äquator liegenden Landmassen der nördlichen Erdhalbkugel im Verhältnis größer dargestellt werden: Europa mit seinen 9,7 Millionen Quadratkilometern erscheint auf der Mercator-Karte ebenso groß wie Südamerika, das in Wirklichkeit fast doppelt so groß ist. Die sehr weit im Norden liegende Insel Grönland erscheint als ebenso groß wie Afrika, das aber tatsächlich mehr als das 13fache an Fläche hat.

Mercator-Projektion

Verschobene Wahrnehmung: Die Mercator-Projektion
Quelle: Wikimedia


Mercator selbst ist bei dieser Geschichte eigentlich nichts vorzuwerfen. Er präsentierte explizit eine Karte, die das Navigieren erleichtern sollte. Diesen Zweck erfüllt sie bis heute. Er selbst verwendete für seinen Atlas2  eine andere, flächentreuere Erdkarte. Dennoch setzte sich seine Naviga-tions-Weltkarte durch und prägte nachhaltig unsere Wahrnehmung der Welt(-ordnung).
 Peters kritisierte den Mercator-Atlas als „erste[n] Ausdruck des geographischen Weltbildes im Zeitalter des Kolonialismus“ und präsentierte seinen Peters-Atlas (1990), in dem „alle Staaten und Kontinente im gleichen Maßstab“ abgebildet seien. Heute klingt seine euphorische Ankündigung, diese paritätische Darstellung sei „Ausdruck jenes weltumspannenden solidarischen Bewußtseins, das im Begriffe steht, das herkömmliche europazentrische Denken zu überwinden”, dann doch etwas zu optimistisch. Die Peters-Projektion wurde im Kontext der Nord-Süd-Arbeit verwendet, ansonsten sehr kontrovers diskutiert und hat sich nicht allgemein durchgesetzt. Peters’ Anspruch, eine sowohl winkel- als auch flächentreue Karte entworfen zu haben, wurde von anderen Geograph_innen schwer in Frage gestellt. Das Problem, eine Kugel auf Papier zu projizieren, kann eben nicht vollends gelöst werden – auch wenn heute über 400 verschiedene Projektionsmodelle bekannt sind.
An der Art und Weise, wie hier über Karten und die „wahre“ Repräsentation der Erde diskutiert wurde, lässt sich ablesen, dass Kartierung immer einer Prozesshaftigkeit unterliegt und ihre Ergebnisse immer umkämpft sind. Da die Abbildung von einem „gegliederten, vielfach unterteilten Raum mit hellen und dunklen Bereichen, mit unterschiedlichen Ebenen, Stufen, Vertiefungen und Vorsprüngen“ (Foucault 2005: 9) auf ein Blatt Papier immer eine Vielzahl von Auswahlentscheidungen voraussetzt, können Karten nicht als objektive Abbildung von Wirklichkeiten gesehen werden. In einer seiner surrealen Erzählungen beschreibt Jorge Luis Borges den Versuch, die absolute Karte eines imaginären Reiches zu erstellen:
„In jenem Reich erlangte die Kunst der Kartographie eine solche Vollkommenheit, daß die Karte einer einzigen Provinz den Raum einer Stadt einnahm und die Karte des Reichs den einer Provinz. Mit der Zeit befriedigten diese maßlosen Karten nicht länger, und die Kollegs der Kartographen erstellten eine Karte des Reichs, die die Größe des Reichs besaß und sich mit ihm in jedem Punkt deckte. Die nachfolgenden Geschlechter, die dem Studium der Kartographie nicht mehr so ergeben waren, waren der Ansicht, diese ausgedehnte Karte sei unnütz, und überließen sie, nicht ohne Verstoß gegen die Pietät, den Unbilden der Sonne und der Winter. In den Wüsten des Westens überdauern zerstückelte Ruinen der Karte, behaust von Tieren und von Bettlern; im ganzen Land gibt es keine anderen Überreste der geographischen Lehrwissen-schaften.“ (Borges 1982: 121 ).
Jedoch selbst diese perfekte, jede Auswahl vermeidende Karte, die 1:1-Abbildung eines Reiches, kann nur eine Momentaufnahme sein, die bald – vielleicht auch wegen ihrer Unhandlichkeit – an Relevanz verliert und der Witterung überlassen wird.
Karten genießen jedoch unser großes Vertrauen, ihre Objektivität wird allzu selten in Frage gestellt, besonders, wenn Autoritäten wie Regie-rungsinstitutionen oder Universitäten sie produziert haben. In Zeiten von Navigationsgeräten für Telefon und Auto kennt jede_r das ganz selbstverständliche Alltagsvertrauen in Kartenmacher_innen. Es soll auch unbestritten bleiben, dass Karten eine große Orientierungshilfe sein können: das Konzept des Sich-Verfahrens ist jeder/m von uns ebenso bekannt wie die große Erleichterung, die ein Stadtplan oder eben ein Navigationssystem in einer solchen Situation bringen können.

Koloniale Vermessenheiten


Das Zeitalter der Eroberungen und der Kolonialisierung ist nicht zu denken ohne die Vermessung und Kartierung neu erschlossener Gebiete und die damit verbundene Festschreibung eines Anspruchs auf Territorium und Autorität. In völliger Ignoranz der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen vor Ort wurden mit dem Vertrag von Tordesillas3  1494 oder auf der Berliner Afrika-Konferenz4  1884 ganze Kontinente durch einige Striche auf dem Papier unter Kolonialmächten aufgeteilt. Dabei herrschte das Verständnis vor, dass durch zunehmende technische Raffinesse immer exaktere, objektivere und damit bessere Karten erstellt werden könnten.

Tordesillas

Päpstliche Vermessenheit – die Aufteilung der Welt
in eine spanische und eine portugiesische Hälfte
Quelle: Wikimedia


Aber auch die Vielzahl an – noch „unentdeckten“ – weißen Flecken regten zu exotistischer5  Projektion und kolonialen Abenteuern an. Sehr treffend zeigt sich dies in den Worten Kapitän Marlows, der Hauptfigur aus Joseph Conrads 1899 erschienenem Kolonialroman Herz der Finsternis: „Als kleiner Junge hatte ich eine große Passion für Landkarten gehabt. Stundenlang konnte ich Südamerika oder Afrika oder Australien betrachten und mich in die Herrlichkeiten des Entdeckerlebens verlieren. Zu jener Zeit gab es noch viele weiße Flecken auf der Erde, und wenn ich auf der Landkarte einen erblickte, der besonders einladend aussah [...], pflegte ich mit dem Finger darauf zu weisen und zu sagen: Wenn ich einmal groß bin, gehe ich dort hin.“ (Conrad 2004: 12).
Kartierungspraxen waren zentral für den modernen Blick auf die Welt: Menschen zogen Linien, schrieben Unterschiede fest und erschufen Hierarchien. So schufen, domestizierten und ordneten sie die Welt, indem z. B. Europa und „die Anderen“, Westen und Nicht-Westen, Erste und „Dritte Welt“, Menschen mit und „Menschen ohne Geschichte“ etc. konstruierbar wurden.
Durch das umkämpfte Ende der Kolonialzeit, marxistische und feministische Kritiken an hegemonialer Wissensproduktion und die grundsätzliche In-Frage-stellung der Abbild-barkeit von sozialen Wirklichkeiten gerieten jedoch Gewissheiten der Kartografie ins Wanken. Sie galt nun nicht mehr als nur der möglichst genauen Abbildung von objektiven Gegebenheiten verpflichtete Wissenschaft. Und Karten galten fortan nicht mehr als wahre Abbildungen „natürlicher“ Wirklichkeiten, sondern als von subjektiven Interessen geprägte Produkte, die sowohl als Texte als auch als Bilder gelesen und interpretiert werden müssen. Parallel setzte sich die Annahme durch, dass auch Raum eine sozial konstruierte Kategorie ist, die gesellschaftliche Kategorien re-produziert. Der reale Raum wurde durch die für die Menschen dominante, sozial und kulturell überformte Raum-Wahrnehmung ergänzt. Wenn aber selbst der Raum – also das der Karte vorausgehende – nicht mehr als objektiv gegeben angenommen wird, dann hat dies auch Auswirkungen auf die
(Un-) Möglichkeit seiner Repräsentation6 .

 

Partizipative Vermessungen


Zunehmend hatte die Kritik an der Macht von Karten eine alternative Kartenproduktion „von unten“ zur Folge. Karten können – nach John Pickles (2004) – als Archiv ver-messungstechnischer Daten, als Bild der räumlichen Ordnung der Welt, als Werkzeug, um räumliche Verhältnisse zu ergründen und als Objekt ästhetischen und historischen Interesses gelten. Neuere Kartierungen legen zumeist den Schwerpunkt auf den Werkzeug-Aspekt, und ergründen und dokumentieren zunehmend nicht nur räumliche, sondern auch soziale Verhältnisse. Ein Pionier solch einer Kartierung gesellschaftlicher Machtverhältnisse war William „Wild Bill“ Bunge, der Ende der 1960er Jahre in Detroit das unzureichende Schulsystem für die arme – und zumeist schwarze – Bevölkerung kartierte, indem er Jugendlichen aus eben diesen Stadtvierteln kostenlosen Kartografie- und Stadtplanungs-Unterricht gab und sie darin unterstützte, ihre eigenen Forschungen zu Stadtplanung zu machen, die Bedürfnisse und Gegebenheiten ihrer Community zu visualisieren und diese dann einzusetzen, um politischen Druck auszuüben7 .
Vierzig Jahre später beschreibt der Geograph Joe Bryan (2010) ein Projekt des Partizipativen Mappings in der Miskito-Region an der Atlantikküste von Honduras, das er gemeinsam mit indigenen Bewohner_innen der Region durchführte. Einige indigene Organisationen hatten ihn damit beauftragt, da sie sich gezwungen sahen, Karten ihres Gebietes zu erstellen, um so territoriale Besitzansprüche verteidigen und den Kampf um Landtitel auf besserer Grundlage führen zu können. Ergebnis des Projekts war eine Karte mit vielen sich überlappenden Gebietsnutzungen, während die Regie-rungskarten der Region zumeist kaum Siedlungen und Gebietsansprüche verzeichneten. Bryan beschreibt anhand dieses Projekts, wie Kartenproduktion ein Raum für die Auseinandersetzung um gesellschaftliche Machtverhältnisse sein kann. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass solche Strategien (post-)koloniale Gesellschaftsstrukturen nicht aufbrechen können, da sie dem Prinzip des Privateigentums an Land unterworfen bleiben.
Auch mit den neuen Formen des neoliberalen Regierens ist die Kartierung indigener Landnutzung als (begrenzte) Anerkennung kultureller Rechte durchaus kompatibel8 . Angesichts dieser Widersprüchlichkeiten, mit denen Bryan sich im Projekt des Partizipativen Mappings konfrontiert sieht, plädiert er dafür, Mapping als eine kritische Praxis der sozialen Kämpfe (unter vielen anderen) zu nutzen und dabei stets im Blick zu behalten, wer welches Wissen zu wessen Nutzen (re-)produziert.
Den beiden „radical geographers“ Bunge und Bryan ist der Bildungsaspekt gemein. Sie sehen Kartierung nicht nur als Werkzeug der alternativen Wissensproduktion, sondern auch als einen kollektiven Prozess des gemeinsamen Lernens und der Bewusst-seinsbildung.
Rebellisches Lateinamerika

Kollektives Kartieren von sozialen Konflikten und Kämpfen: Ausschnitt aus der Karte „Rebellisches Lateinamerika“
Quelle: iconoclasistas.com.ar

 

Karten ohne Orte – utopische Karten?


Die Macht von Karten ist nur zu brechen, indem sie reflektierter produziert und rezipiert werden. Diese Erkenntnis prägt die neuen Formen der Kartenerstellung. Während Peters noch mit dem Anspruch angetreten war, die bessere, moralisch überle-genere und wahrere Repräsentation der Erdoberfläche auf Papier zu präsentieren, stellen Künstler_innen, Aktivist_innen und kritische Geo-graph_innen zunehmend die Prozess-haftigkeit und Subjektivität der Kar-tenproduktion in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Vermehrt entstehen heute Karten, bei denen es nicht mehr notwendigerweise darum geht, Wege und Distanzen möglichst nachvollziehbar zu machen. Vielmehr wird die Subjektivität und Intentionalität der Karten ganz bewusst genutzt, um Gegen-Informationen zu visualisieren und Sehgewohnheiten zu irritieren. Vielstimmigkeit ist als Ziel an die Stelle der „einen wahren“ Repräsentation getreten. Karten werden nun als Thesen, als Produkte kollektiver Wissensproduktion und – vor allem – als Momentaufnahmen verstanden.

 1    Gerhard De Kremer, latinisiert: Gerardus Mercator, 1512 – 1594, war ein niederländischer Mathematiker, Geograph, Philosoph, Theologe und Kartograf.
 2    Gerardus Mercator war der erste, der den bis heute gebräuchlichen Namen Atlas als Titel für eine Kartensammlung verwendete. Kurz nach seinem Tod (1595) erschien der von ihm geschaffene Atlas, sive Cosmographicae Meditationes de Fabrica Mundi et Fabricati Figura (Atlas, oder kosmografische Betrachtungen über das Weltgebäude und die Gestalt desselben).
 3    Der Vertrag von Tordesillas kam 1494 auf Betreiben von Papst Alexander VI. zwischen den damals vorherrschenden Seemächten Portugal und Spanien zustande. Er sollte eine bewaffnete Konfrontation verhindern, indem er die Welt in eine portugiesische und eine spanische Hälfte aufteilte.
 4    Auf Einladung der deutschen Regierung trafen am 15. November 1884 die Vertreter_innen der damaligen Kolonialmächte zur Berliner Afrika-Konferenz zusammen. Ihr Ziel war es, sich über die weitere Aufteilung und Ausbeutung Afrikas zu verständigen.
 5    Im Exotismus erfolgt eine Projektion von allem Wünschenswerten aber Unerfüllten auf das „Fremde“. Verglichen mit der Xenophobie (=dem Fremdenhass) ist diese Reaktion nicht weniger problematisch, da tief eingeprägte Stereotypen gefestigt und gesellschaftliche Hierarchien fixiert werden.
 6    Vgl. hierzu: Stephan Günzel 2008
 7    Vgl. hierzu: http://indiemaps.com/blog/2010/03/wild-bill-bunge/ (aufgerufen am 26.6.2011)
 8    Vgl. hierzu: Charles Hale 2005

Literatur:
Jorge Luis Borges 1982:
    Borges und ich. In: Gesammelte Werke, Bd. VI. München: Carl Hanser Verlag.
Joe Bryan 2010:
    Walking the Line: Participatory Mapping, indigenous rights, and neoliberalism.
     In: Geoforum, Volume 42, Issue 1, January 2011, Pages 40-50.
Joseph Conrad 2004:
    Herz der Finsternis. München: Süddeutsche Zeitung Bibliothek.
Umberto Eco 1990:
    Platon im Striptease-Lokal. Parodien und Travestien. München: Carl Hanser Verlag.
Foucault 2005: 
    Heterotopien – Les hétérotopies. Der utopische Körper – Le corps utopique. Zwei Radiovorträge. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Stephan Günzel 2008:
    Spatial Turn – Topographical Turn – Topological Turn. Über die Unterschiede zwischen Raumparadigmen. In: örg Döring, Tristan Thielmann (Hrsg.): Spatial Turn. Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Bielefeld: Transcript. S. 219-237.
Charles Hale 2005: 
    Neoliberal Multiculturalism: The Remaking of Cultural Rights and Racial Dominance in Central America. In: : Political and Legal Anthropology Review, . 28, No. 1, Pages 10-28.
Arno Peters 1990:
    Peters Atlas. Vaduz: Akademische Verlagsanstalt.
John Pickles 2004:
     A History of Spaces. Cartographic reason, mapping and the geo-coded world. London & New York: Routledge.

 

 

 

 

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