¿El Pueblo unido?

¿El Pueblo unido?

(ea) Auf fast 600 Seiten finden sich in dem Sammelband von Jürgen Mittag und Georg Ismar „Bewegungen und politischer Protest in der Geschichte Lateinamerikas“ insgesamt 25 Beiträge zu fast allen Aspekten dieses Themas.
Der Band beginnt mit ausgewählten Beiträgen zur Geschichte der sozialen Bewegungen in den größeren Ländern und vermittelt einen Eindruck davon, welche Vielfalt sich in dem Thema verbirgt. Vervollständigt wird diese Darstellung durch thematische Beiträge, welche die Breite der von sozialen Bewegungen behandelten Themen zeigen: Kampf um Landbesitz, indigene Rechte, Stadtviertelinitiativen, Frauenbewegungen, Menschenrechte, Gewerkschaften usw.
Die Autor_innen bemühen sich, aus der Menge der empirischen Befunde die spezifisch lateinamerikanischen Rahmenbedingungen herauszuarbeiten und deren gemeinsame Fundamente aufzuzeigen. Im Vergleich mit sozialen Bewegungen in der westlichen Welt empfinden sie die Bewegungen Lateinamerikas als pluralistischer; zum Beispiel engagieren sich Frauenbewegungen dort auch für Menschenrechte (in Argentinien) und gerechte Arbeitsbedingungen (in den Minengebieten Boliviens) und indigene Bewegungen kämpfen immer auch für ökonomische Ziele (Cocaleros).
Genau darin spiegeln sich die besonderen Bedingungen Lateinamerikas. Die Bewegung der Madres de Plaza de Mayo war zuerst eine Reaktion auf den Staatsterror der Militärdiktatur in Argentinien ab 1976 und die Comités de Amas de Casa im Minengebiet Boliviens war zuerst ein Kampf von Hausfrauen um bessere Lebensbedingungen. Erst später wurde daraus auch ein Kampf um die Anerkennung dieses Kampfes. Von zentraler Bedeutung für die Entstehung und und die Formen des Kampfes sozialer Bewegungen in Lateinamerika ist die dortige soziale Ungleichheit. Lateinamerika ist die Region mit der größten sozialen Ungleichheit weltweit. Die gravierenden ökonomischen Mängellagen – seit Jahrzehnten leben über 40%  der lateinamerikanischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze – führen immer wieder zu tiefen sozialen Konflikten und zur Entstehung neuer sozialer Bewegungen.
Im letzten Beitrag „Soziale Bewegungen in Lateinamerika: Bilanz und Perspektiven“ fragt Dieter Boris nach deren Erfolg. Dabei beschäftigt er sich mit dem aktuellen Trend in Lateinamerika zu linken Regierungen und der Ambivalenz der Folgen, wenn diese versuchen, die Bewegungen in das Regierungshandeln einzubinden. In einer Gesamtbilanz kommt Boris zu einem eher pessimistischen Urteil. „Generell muss man vom relativen oder vollständigen Scheitern vieler Bewegungen und Protestversuche sprechen (wenn man die direkten Ziele als Maßstab nimmt).“ Ihr Erfolg ist ein indirekter. Am meisten haben sie mit ihrer Vielfalt und Beharrlichkeit zur Verbesserung der politischen Kultur in Lateinamerika beigetragen. Für Dieter Boris ist es vor allem ihr Verdienst, dass die lateinamerikanischen Demokratien heute partizipativer sind als früher.
Für jemanden, der/die sich intensiver mit dem Thema Soziale Bewegungen in Lateinamerika im Allgemeinen beschäftigen will, ist das Buch wegen seiner ausführlichen historischen und theoretischen Passagen ein Gewinn. Wenn jemand in dem Buch aber konkrete aktuelle Informationen zu ganz bestimmten sozialen Bewegungen sucht, wird er/sie wahrscheinlich enttäuscht sein. Zentralamerika fehlt zum Beispiel ganz.

Jürgen Mittag, Georg Ismar (Hrsg.) ¿“Pueblo unido“?, Soziale Bewegungen und politischer Protest in der Geschichte Lateinamerikas,
Westfälisches Dampfboot 2009,
576 Seiten, 39,90 €
ISBN: 978-3-89691-762-1

 

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