Politisch korrekter Urlaub im Dschungelcamp?

Unterwegssein mit einer Soli-Brigade

- Was machst du denn diesen Sommer?
- Diesen Sommer? Ich fahr mit dem Ökubüro nach Nicaragua.
- Mittelamerika, Pazifik – geil! Kann man da tauchen?
- Nee, ich fahr nicht ans Meer. Ich mach mit bei einer Brigade.
- Brigade? Was is das denn? Wird da gekämpft??
- Neiiin. Das ist ne Soli-Brigade. Wir fahren in ein Dorf, leben da ein paar Wochen und bauen mit den Leuten dort ein Bildungszentrum.
- So eine Art Workcamp?Und dann noch ein bisschen Survival im Urwald?
- Blödsinn, das ist kein Pauschalabenteuer für Gutmenschen. Wir wollen beim Arbeiten vor allem die Leute dort kennenlernen, und danach haben wir in der Hauptstadt noch ein Gesprächs-Programm, bei dem wir mit politischen Gruppen und Leuten sprechen.
- Also dann eher ne politische Studienreise?
- Nee, auch nicht. Ist ein bisschen schwer zu erklären. Ich erzähl dir mehr, wenn ich zurück bin.

(ms) Ja, was ist das denn nun: eine Solidaritäts-Brigade? Wer das Außenstehenden vermitteln will, muss meistens weit ausholen. Workcamps, Freiwilligeneinsätze, politische Studienreisen sind im Kommen, aber eine Brigade ist nichts von alledem – auch wenn sie mit den verschiedenen Formen des (politisch korrekten) Alternativ- Tourismus Berührungspunkte haben mag. Eine Brigade ist für uns vor allem eines: ein politisches Projekt. Brigaden wollen Ansätze emanzipatorischer, linker Politik unterstützen und diskutieren. Ein Anliegen, für das eine Reise in diese Länder viel Stoff bietet, schließlich kann man dort nicht nur viel über das Leben in einem „Entwicklungsland“ erfahren sondern auch über die Geschichte ihrer Befreiungsbewegungen. Wer Ansätze emanzipatorischer Politik diskutieren will, kann aber auch in Deutschland Anknüpfungspunkte finden, sei es beim Widerstand gegen Anti-Terror-Gesetze oder im Kampf gegen Hartz IV. Warum muss man dann für politische Aktionen und Diskussionen viel Geld (das viele, die sich für Soli-Brigaden interessieren nur schwer zusammenkriegen) in ein Flugticket investieren und extra nach Nicaragua oder El Salvador reisen? Drei Wochen in einem Dorf auf dem Land zu leben, dort unmittelbar mitzukriegen, was extreme Armut bedeutet, und gleichzeitig die dortigen Widerstandsperspektiven kennenzulernen – das ruft politische Diskussionen in einer Brigade-Gruppe hervor, die hier so nicht stattfinden würden.

Und trotzdem: hinter der Entscheidung, mit auf Brigade zu fahren, darf man nicht nur politische Überlegungen vermuten. Da ist zum einen der Trend zum engagierten Auslandspraktikum: Studienordnungen fordern das genauso wie Berufsberater_innen oder Personalmanager_innen. Wer heutzutage mit auf Brigade fährt, muss das nicht als politisch brisantes Karrierehindernis verschweigen, sondern kann es durchaus nutzbringend in Studium oder Lebenslauf einbauen, als Praktikum, Recherche für eine Seminar- Arbeit und sonstiges. Zum anderen reizt an einer Brigade sicher noch etwas anderes: die Lust auf Abenteuer. In den 80er Jahren, da faszinierte die einen oder anderen sicher auch der Nervenkitzel, sich in einem Land im Kriegszustand zurechtzufinden. Und ein bisschen Revolutionsromantik konnte man durchaus auch noch finden....Doch auch heute beinhaltet eine Brigade-Fahrt nach Mittelamerika, sei es gewollt oder ungewollt, das Versprechen von Ursprünglichkeit und Authentizität: Wer in ein Dorf reist, wo nur zwei Häuser Telefon, fünf Straßen Strom und viele Familien kein fließend Wasser haben, der/die verlässt gesichertes Terrain des Industrieland-Alltags, muss sich zurechtfinden lernen in einer unbekannten und aus unserer Perspektive oft auch unberechenbaren Welt. Drei Wochen auf dem Land in Mittelamerika sind auch ein Stück weit Selbstversuch, wie sich so ein Leben anfühlt. Schweißtreibende Handarbeit auf einer Baustelle inklusive.

Als „Armuts-Selbstversuch“ sind Brigaden nicht gedacht. Trotzdem ist dieser Aspekt auch legitim, denn er ist schwer zu trennen von dem Willen, die Lebenswirklichkeit des Südens kennenzulernen und diese Perspektive bei der politischen Positionierung mit einzubeziehen. Aber es lauern dabei viele Fallen: Wer am kühlen Morgen den auf offenem Feuer gebrauten Kaffee schlürft, mit herbem Rauchgeruch in der Nase und mit Blick auf Palmen und blauem Himmel, der ertappt sich auch schnell beim Gedanken „arm aber glücklich“. Und genau da beginnt die Herausforderung für Brigaden. Denn solange die Gruppe dabei stehenbleibt, das Abenteuer-Feeling zu genießen, ist etwas schiefgelaufen. Wenn eine Brigade sich als politisches Projekt verstehen will, dann müssen Reflexions- und Diskussionsprozesse stattfinden, die klar machen, dass solche Lebensumstände temporär ja ganz nett sein mögen, dass sie aber auf Dauer die Wahl- und Gestaltungsfreiheit eines Lebens extrem einengen.

Die Chancen für solche Diskussionen sind gegeben. Da die Brigadistas nicht nur mal zwei Tage lang ins Dorfleben reinschnuppern, sondern drei Wochen mit den Leuten zusammen leben, bekommen sie auch eine Vorstellung davon, wie schwierig es ist, in einem kleinem Haus genügend Platz für Matratzen oder Hängematten zu finden, wie der Rauch der offenen Kochstelle in den Augen beißt, wie das Wasser auf den Magen schlägt, wie wenig Geld zum Überleben die Familien trotz harter Arbeit zur Verfügung haben und noch viel mehr. Da zerbricht die Romantikbrille schneller als gedacht, und die Konfrontation mit Armut wirkt eher schockierend als romantisch.

Auch die Gruppe selbst kann helfen, dass Diskussionsprozesse über den Arm-Reich-Gegensatz schnell in Gang kommen. Schließlich hocken die Brigadistas so eng zusammen, dass sie sich auch gegenseitig beobachten. Irgendjemandem wird am dritten Tag vielleicht auffallen, dass es ziemlich daneben ist, wenn die Gruppe in der Mittagspause verschwitzt ihre eisgekühlte Cola zelebriert, während die Leute aus dem Dorf daneben stehen und Wasser aus dem Baustellenschlauch trinken. Die Gruppe kann der Begegnung mit den Leuten in Mittelamerika (und einer Auseinandersetzung mit ihren Sichtweisen) aber auch extrem im Wege stehen. Wenn am fünften Tag auch noch die letzte über Durchfall berichtet, verwandeln sich viele Gruppen-Gespräche in Nabelschau und in schulterklopfendes Feixen über Magenprobleme, nichtschmeckendes Essen, Mückenstiche, stinkende Latrinen etc. Willkommen in der Erlebniswelt des Dschungel-Camps.

Wenn der Austausch mit den Leuten ausbleibt, kann sich eine Brigade in ihrem Soli-Anspruch auch nicht damit trösten, dass sie ja immerhin was Sinnvolles geleistet hat, nämlich ein Bildungszentrum mitgebaut, Bewässerungsgräben ausgehoben oder Bäume gepflanzt. Die Mitarbeit bei einem gemeinsamen Projekt ist ein zentraler Gedanke bei Solidaritäts-Brigaden (ob das nur ein symbolischer oder nennenswerter Beitrag ist, darüber mag man sich von Fall zu Fall streiten). Doch der Arbeitseinsatz bringt gar nichts, wenn der Brigade-Aufenthalt dabei stehen bleibt. Und je mehr eine Brigade klagt, dass sie zu wenig zu arbeiten kriegt, desto mehr hat sie sich vielleicht in die Welt der Workcamps verirrt. Denn dann ist das Schuften auf dem Bau vielleicht nur Teil der Suche nach Authentizität und Abenteuer und Brigade nicht viel mehr als Eskapismus, nämlich der Versuch, mal was ganz anderes zu erleben. Dann ist sie politisch engagierter Alternativ-Urlaub, aber kein politisches Projekt.

Solidarität heißt sich in gemeinsame politische Kämpfe zu begeben, und das heißt vor allem: die Fragen, die sich bei den Begegnungen in Mittelamerika und durch Erleben von sozialer Ungleichheit ergeben, auf die eigene Lebensrealität zu beziehen. Das fängt bei der gemeinsamen Vorbereitung auf die Reise an, und geht weiter während des Landaufenthalts, genauso aber während des Gesprächsprogramms in der Stadt. Wie schafft es die kapitalistische Weltwirtschaftsordnung, so viel globale Ungleichheit hervorzubringen, dass mehr als die Hälfte der Menschen in Nicaragua und El Salvador in Armut leben? Welche Rolle spielen wir in den Ländern des Nordens, inwieweit bleiben wir trotz politischer Reflexion als Nutznießer- Innen darin verflochten, und wo kann politischer Widerstand hier ansetzen – das sind die Fragen, die eine Brigade stellen muss, wenn sie nicht folgenlose Abenteuerreise bleiben will.

Und wenn Solidarität heißt, eine gleichberechtigte Begegnung zu suchen, dann hat die Brigade noch eine weitere Frage, an der sie sich vom ersten bis zum letzten Tag abarbeiten kann. Wie kann diese Begegnung beim Bauprojekt aussehen, wenn die Arbeitstage für die einen (die Brigadistas) interessante Abwechslung zum Studienalltag sind, für die anderen (die Leute vom Dorf) ein zusätzlicher Einsatz, den sie irgendwie zwischen die Arbeit auf dem Feld einschieben? Wie kann diese Begegnung aussehen beim Leben im Dorf, wenn die einen wissen, dass sie theoretisch jederzeit abreisen können, wenn sie sich der Situation nicht mehr aussetzen wollen, und die anderen den Besuch der Brigade-Gruppe wie einen Besuch vom anderen Stern hinnehmen müssen, den sie selber kaum steuern können? Wenn die Brigade-Gruppe ungeahnte Konflikte im sozialen System Dorf aufbrechen lässt, die sie weder durchschauen noch lösen kann? Wenn die Brigade bei Informationsgesprächen zwar viel über soziale Bewegungen in Mittelamerika erfahren kann, ihren Gesprächspartner_innen aber nur wenig Anknüpfungspunkte für eine gemeinsame Strategie des Widerstands bieten kann? Und zuletzt: wie kann eine gleichberechtigte Begegnung aussehen, wenn die Brigade Geld (und ein bisschen Arbeitskraft) für ein Projekt zur Verfügung stellt, und die Dorfgemeinschaft oder Kooperative dann ganz „selbstbestimmt“ darüber entscheiden soll, was für ein Projekt sie verwirklichen will? Decken sich politische Ziele noch, wenn das Dorf beschließt, eines der gemeinsam gebauten Häuser für Gottesdienste einer evangelikalen Sekte zu nutzen?

Wenn die Brigade sich diesen Fragen stellt, und das immer wieder von neuem, anstatt sich mit schnellen Lösungen auf eine scheinbar richtige Seite zu stellen, dann ist sie schon einige Schritte weit gekommen. Unzählige Widersprüche und Fragen wirft eine Brigade auf. Wenn diese Fragen, Diskussionen in konkretes Handeln münden, dann ist aus der Brigade-Reise ein politisches Projekt geworden. Wenn das Handeln in der Gruppe geschieht, dann ist eine Brigade womöglich sogar ein erster Ansatz, um die Verhältnisse ins Wanken zu bringen. Wenn sie ohne Folgen bleibt, dann war sie nicht mehr als ein politisch interessanter und um politische Korrektheit bemühter Urlaub.

Brigade

(ms)
Unterwegssein mit einer Soli-Brigade, Politisch korrekter Urlaub im Dschungelcamp?
Erschienen in: Info-Blatt 72  des Ökumenischen Büros
München
Juni 200

 

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