Stellungnahme der Redaktion zum Artikel „Geschacher in den Parlamenten, CAFTA-DR – ein Zwischenbericht“ im Infoblatt 67

Stellungnahme der Redaktion zum Artikel „Geschacher in den Parlamenten, CAFTA-DR – ein Zwischenbericht“ im Infoblatt 67

(zp) Auch wenn offener Antisemitismus in der deutschen Mehrheitsgesellschaft – zumindest zur Zeit und zum überwiegenden Teil – als nicht salonfähig gilt, sind eine Vielzahl von mehr oder weniger latenten Antisemitismen nach wie vor weit verbreitet. Die in Deutschaland lange zurückreichende Geschichte von Antisemitismus hat dazu geführt, dass sich antisemitische Vorurteile und Stereotype in Diskursen, Denkmustern, Bildern und in der Sprache abgesetzt haben und dort – wenn auch häufig unbewusst – weiter wirken. Dies zeigt sich beispielsweise an aus dem Hebräischen entlehnten Begriffen, die Eingang in die deutsche Sprache gefunden haben. Dass solche Begriffe auch im Infoblatt auftauchen können, mussten wir anlässlich der Überschrift „Geschacher in den Parlamenten“ in der letzten Ausgabe feststellen.

Die Assoziationen, die diese Überschrift wecken sollte und sicherlich auch bei vielen LeserInnen geweckt hat, liegen auf der Hand: Da ist wohl etwas nicht mit „rechten Dingen“ zugegangen, da wurde gefeilscht und möglicherweise auch getrickst. Angesichts der Art und Weise, wie im nicaraguanischen Parlament der Freihandelsvertrag CAFTA verabschiedet wurde, scheint die Wahl einer solchen Überschrift nahe liegend (vgl. Infoblatt 67)

Es kann angenommen werden, dass dem Großteil der LeserInnen des Infoblatts ebenso wenig wie der Redaktion bewusst war, dass es sich bei dem Wort „Geschacher“ um ein aus dem Hebräischen entlehntes Wort handelt. Im Hebräischen bedeutet „schachern“ zunächst einmal nichts weiter als Handel treiben. In der deutschen Sprache hat sich diese Bedeutung in Richtung „feilschend handeln“ gewandelt und damit eine negative Konnotation erhalten. Die Übernahme von hebräischen Wörtern in die deutsche Sprache ging häufiger mit einem Bedeutungswandel in Richtung einer Negativbesetzung einher. Bei dem Wort „Geschacher“ handelt es sich folglich nicht um einen Einzelfall. Ein weiteres Beispiel hierfür ist das Wort „mauscheln“, das wörtlich mit „in der Sprache Moses sprechen“ übersetzt werden kann, im Deutschen jedoch soviel wie „heimlich Vorteile aushandeln“ bedeutet.

Inwiefern dieser Bedeutungswandel als Ausdruck von Antisemitismus betrachtet werden kann, bleibt die Frage. Angesichts der in Deutschland lange zurückreichenden Geschichte von Antisemitismus liegt jedoch der Schluss nahe, dass die Negativbesetzung von aus dem Hebräischen entlehnten Worten im Deutschen in diesem Sinne zu verstehen ist. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass der Bedeutungswandel entlang antisemitischer Stereotype und Vorurteile verläuft.

Man könnte die Wahl der Überschrift „Geschacher in den Parlamenten“ als „bewusstes Versehen“ auffassen. Versehen, weil weder dem Autor, noch der Redaktion bewusst war, dass „Geschacher“ ein aus dem Hebräischen entlehntes Wort ist. „Bewusst“, weil unterstellt werden kann, dass das Wort „Geschacher“ auf Grund der Bedeutung „feilschend handeln“ gewählt wurde.

 

(zp)
Stellungnahme der Redaktion zum Artikel „Geschacher in den Parlamenten, CAFTA-DR – ein Zwischenbericht“ im Infoblatt 67
Erschienen in: Info-Blatt 68  des Ökumenischen Büros
München
Mai 2006

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