„Wir geben einfach zu oft auf.“

 

 

Es heißt immer, Gott weiß was für Wohltaten kämen aus den Industrieländern zu uns, aber davon merkt man hier gar nichts.

Fangen wir mit einigen persönlichen Angaben, wie Name, Alter, Familie und Beruf, an.

Ich heisse Eliza Vargas Castillo, bin 36 Jahre alt und verheiratet. Mein Mann ist aber in den USA. Ich habe drei Kinder: 13, 10 und 7 Jahre alt. Wir wohnen in unserem eigenen Haus, wir zahlen es mit Hilfe meines Mannes.  Ich habe das Wirtschaftsabitur gemacht und arbeite im Moment bei Oikos Solidaridad in der Verwaltung. Ich gehe im Rahmen meiner Projektarbeit auch in verschiedene Gemeinden.

Könntest du uns vielleicht einen typischen Tag in deinem Leben beschreiben?

Ich wohne in Soyapango, das ist eine Stadt im Bezirk San Salvador. Das Büro von Oikos ist aber im Department San Miguel. Wenn ich mit dem Bus von zu Hause aus hierher fahre, brauche ich fast dreieinhalb Stunden, außerdem muss ich drei Mal umsteigen.

Ein Tag bei mir zu Hause beginnt um fünf Uhr morgens. Meine Kinder sind vormittags in der Schule. Morgens sehe ich zu, dass sie sich waschen, während ich das Frühstück herrichte. Ich helfe ihnen, sich anzuziehen und zahl dann den Bus, der sie in die Schule bringt. Dann richte ich mich selbst her und gehe. In San Salvador passt meine Mutter auf meine Kinder auf. Vormittags sind sie in der Schule, mittags bringt sie der Bus zu meiner Mutter. Und später bringt sie dann eine meiner Schwestern in unser Haus.

Ich bin die ganze Woche hier im Büro von Oikos. Ich verbringe also nicht viel Zeit mit ihnen. Aber die Fahrt ist lang und die Fahrtkosten sind hoch, deswegen bleibe ich unter der Woche hier. Wir haben hier ein Haus gemietet, und so sind wir dann manchmal bis neun Uhr im Büro.

Wenn ich freitags nach Hause komme, sind die Kinder das Wichtigste für mich. Ich überprüfe, ob sie ihre Aufgaben erledigt haben, ich schaue ihre Schulhefte durch, sehe mir an, wie sie sich benommen haben, was sie gemacht haben. Am Samstag und am Sonntag versuche ich dann, alles zu erledigen. Putzen, Wäsche waschen, bügeln, das ist so das, was ich dann erledigen muss.

Das Thema unseres Projektes sind Alltagskämpfe. Wie sehen deine Alltagskämpfe oder deine Schwierigkeiten, die du in deinem Leben hast, aus?

Als Mutter ist mein wichtigster Alltagskampf der, den ich für meine Kinder führe. Ich versuche, sie vorwärts zu bringen, sie in die Schule zu schicken; sie sollen eine bessere Zukunft haben. Es ist ein ziemliches Opfer für mich, sie so viel sich selbst zu überlassen. Ich habe eine Menge Vertrauen in meine Familie, ich weiß, dass sie meinen Kindern hilft, aber die Entfernung...

Bedingt durch die Art von Arbeit, die Oikos macht, führen wir einen Kampf darum, das Beste zu leisten. Alle notwendige Hilfe und Unterstützung zu bieten. Es gibt etwas zu tun, also erledigen wir's!  Aber das Wichtigste sind für mich meine Kinder.

Ist es schwierig, eine angemessene Ausbildung für deine Kinder zu sichern?

Ja. Im Moment sind sie Gott sei Dank an einer Schule, an der das Ministerium gewisses Lehrmaterial stellt, sie kriegen also schon ein bisschen was von der Schule. Nur - sie werden älter, sie werden mehr brauchen, und es wird schwieriger werden. Weiter erschwert wird die Situation natürlich durch die schlechte Wirtschaftslage, die hier im Land herrscht. Das Geld reicht einfach nie. Ich setze meine Prioritäten: Am wichtigsten ist für mich, das Haus, das Wasser, den Strom, die Telefonrechnung - weil ich viel mit ihnen telefoniere - die Schule und den Bus zu zahlen. Es ist wirklich eine sehr schwierige Situation. In meinem Fall als alleinerziehende Mutter zum Beispiel, mein Mann schickt uns ja, was er kann, aber mehr geht eben nicht.

Und warum ist dein Mann in den USA?

Er ist vor zwei Jahren dorthin. Hier hat er als Koch in diesem bekannten Fast-Food-Restaurant „Pollo Campero“ gearbeitet, fast 17 Jahre. Obwohl er eigentlich einen guten Abschluss hat. Dann ist er von dem ganzen Zeug, mit dem er in der Arbeit in Kontakt kam, krank geworden. Alle seine Brüder leben in den USA. Sie haben gesagt, er könne es dort zu etwas bringen, könne dann die Schulden für das Haus schneller abbezahlen, sie würden ihm helfen, in die USA zu kommen. Er hat ein Visum für die USA beantragt, aber er hat keines bekommen. Deshalb haben sie sich entschieden, es mit einem coyote zu versuchen. Er hat angefangen mit den Kindern und mir darüber zu sprechen, dass es hier nicht mehr geht, die Situation sehr schwierig ist.  Seine Geschwister haben ihm Geld geliehen, 5000 US-Dollar, damit er gehen konnte.

Er hat fast zwei Monate gebraucht, um in die USA zu kommen. Bei dem Versuch, dorthin zu gelangen, wurde die Gruppe, nachdem der coyote sie allein gelassen hat, überfallen. Als mein Mann in den USA ankam, war er abgemagert und krank. Er war verletzt, sie haben ihm alles geraubt. Schließlich hat er es, Gott sei Dank, beim dritten Versuch geschafft, nach Los Angeles zu kommen. Von da flog er nach Houston und da wohnt er jetzt. Aber es ist dort nicht viel anders als hier, obwohl er zwei Jobs hat. Sie bezahlen ihn schlecht für all die Arbeit, denn er ist ja illegal dort, ohne Papiere. Tagsüber arbeitet er auf einem Golfplatz, nachts geht er zum Putzen in ein Krankenhaus. Und seine Schwester verlangt von ihm Miete und Geld fürs Essen. Wir sind also fast wieder in derselben Situation wie vorher. Es ist nicht leicht.

Aber er verdient dort mehr als hier?

Ja, aber der Preis dafür ist hoch. Um vier Uhr morgens geht er zum Arbeiten, kommt um drei Uhr nachmittags nach Hause, muss um fünf wieder los und kommt dann erst spät abends wieder heim. Klar, um ein wenig mehr zu verdienen, um die Schulden die wir haben, schneller abbezahlen zu können.

Wo siehst du die Gründe für diese Situation und deine Probleme und Kämpfe?

Die, die haben, wollen mehr. Und sie geben denen, die darum kämpfen, wenigstens das Nötigste für eine Familie zusammen zu kriegen, keine Chance. Dann ist zu Beispiel mit der Dollarisierung alles teurer geworden. Manchmal heißt es „Billige Schuhe, ah, billig, schön und alles“, aber die halten dann auch nur einen Monat. Du musst halt schauen, für was du dein Geld ausgibst. Wenn ich meinen Haushaltsplan mache, ist da kein Geld für Medizin oder sowas vorgesehen, und wenn ich dann krank werde oder die Kinder?

Das Thema unserer Brigade ist die neoliberale Globalisierung. Glaubst du, dass zwischen diesem Prozess der neoliberalen Globalisierung und den Problemen, von denen du erzählt hast, eine Verbindung besteht?

Na klar. All diese Prozesse bringen immer noch mehr Armut ins Land. Sie reden alle von mehr Arbeit, aber die ist schlecht bezahlt. In eurer Heimat ist es ja okay, alles modernisiert und so. Aber wer kommt schon in solche Länder? Es heißt immer, Gott weiß was für Wohltaten kämen aus den Industrieländern zu uns, aber davon merkt man hier gar nichts. Weniger Bildung, weniger Gesundheit, wir müssen für alles bezahlen.

Hast du eine Idee, wie man gegen diese Prozesse ankämpfen könnte? Könnte man Widerstand leisten und diese Probleme überwinden?

Ja, aber mit einer guten Ausbildung und Organisierung. Die Bildung ist das wichtigste hier. Ich glaube, wir selbst geben einfach zu oft auf, wir sind schon desillusioniert. Dabei gibt es schon eine Menge Leute, die alles dafür tun, dass man ihnen zuhört; nämlich dass all das, was uns ständig erzählt wird, nichts als Lüge ist. Es ist nichts als Lüge, weil es nicht die Probleme der Mehrheit lösen wird. Es wird die Probleme einer kleinen ausgesuchten Minderheit lösen; hier im Land sind das vielleicht fünf Familien. Die anderen werden unter den Konsequenzen zu leiden haben. Einige vielleicht jetzt noch nicht, aber in drei, vielleicht sogar schon in zwei Jahren werden auch sie all diese Konsequenzen zu spüren bekommen. Abgesehen davon, dass wir sowieso schon zu leiden haben.

Und was tut man für diesen ständigen Kampf? Man versucht vorwärts zu kommen. Aber nehmen wir einmal mich, was könnte ich denn gegen all das tun? An Protesten teilnehmen, nein sagen. Aber was noch? Ich könnte euch nicht sagen, was ich als Einzelperson mehr tun könnte. Aber es gibt schon viele, die was tun. Auf die Straße gehen. Nein sagen! Wir alle spüren, dass wir uns in einer Krise befinden, aber es ist uns nicht bewusst, dass diese Situation an unsere Kinder weitergegeben werden wird. Uns wird es nicht mehr so sehr betreffen, aber unsere Kinder, unsere Enkelkinder.

Glaubst du, dass diese Schwierigkeiten oder Kämpfe in deinem Alltag individueller oder kollektiver Art sind?

Die Schwierigkeiten haben viele Leute. Aber alle verhalten sich so, wie sie glauben, dass es am nützlichsten ist. Natürlich versucht man den Nachbarn, die Leute, die einem am nächsten sind, zu überzeugen. Aber sie sagen dann: „Guck mal, wenn der da glaubt, dass die Freihandelsverträge für uns von Vorteil sein werden, wie wird er mich dann auf der Straße anschauen?“ Also kämpft jeder seinen individuellen Kampf. Und oft schaffen wir es nicht, ihn kollektiver zu gestalten, wie er es eigentlich sein müsste. Und unsere Stimme ist auch nicht laut genug, um wahrgenommen zu werden und damit sich uns immer mehr Leute anschließen. Aber wir kämpfen diesen Kampf!
 

(sp)
„Wir geben einfach zu oft auf.“
Erschienen in: Info-Blatt 62  des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2003

 

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