„Unsere Stärke liegt in der Organisierung“

 

„Der Ausdruck Widerstand leisten gefällt mir nicht, weil es eine Form ist, sich zu ducken und Schläge auszuhalten. Statt von Widerstand zu sprechen, spreche ich von kämpfen.“

 

 

Alexander Aguilar ist 33 Jahre alt, Sozialarbeiter, alleinerziehender Vater von vier Kindern und Mitarbeiter der Partnerorganisation des Öku-Büros Oikos Solidaridad.

Wie sieht ein typischer Tag von dir aus?

Es gibt zwei Möglichkeiten, einen typischen Tag von mir zu beschreiben: einmal einen Arbeitstag und einmal einen Tag mit meiner Familie. Oikos Solidaridad ist eine der wenigen Organisationen, die mir aufgrund der Vision der Arbeit, dem Verhältnis zu den Leuten auf dem Land und der Art mit den Gemeinden zusammenzuarbeiten sehr nahe liegt. In diesem Sinn ist ein Arbeitstag für mich ein guter Tag, ein Tag, in dem wir uns in der Arbeit sehr mit  dem Leid der Leute hier auf dem Land identifizieren. Wir teilen uns mit acht Kollegen ein Haus, stehen früh auf und beginnen mit den Leuten zu arbeiten: bei Oikos haben wir einen Agraringenieur, einen Architekten, einen Biologen, eine Finanzkauffrau, einen Sozialarbeiter und so weiter. Aber wir ettikettieren uns nicht mit diesen Berufen; in den Gemeinden sind wir Alex, Vicente..., wir sind Leute ohne Titel, denn das trennt uns von den Leuten. Wenn wir zu den Leuten hingehen und uns mit unserem Beruf vorstellen, dann schauen sie uns aus der Distanz an, und zudem denken sie, ah dieser Ingenieur, der weiß mehr und weiß es besser als ich. Wir wissen aber, dass unsere Leute intelligent sind und nur nicht die Möglichkeit hatten, wie wir zur Schule zu gehen und zu studieren.

Wenn wir mit den Leuten arbeiten, dann tauschen wir uns mit ihnen aus, machen Workshops, Fortbildungen über Organisierung, machen Veranstaltungen, in denen es darum geht, die Initiative zu ergreifen, damit die Leute anfangen nachzudenken, und  ihre eigenen Stärken und guten Ideen entdecken. Und wir reflektieren darüber, dass wir Armen viele sind und dass wir, wenn wir uns nicht nur beklagen, sondern uns zusammenschließen, uns organisieren, Stück für Stück bessere Lebensverhältnisse erreichen können. Unsere Arbeit auf dem Land endet manchmal sehr spät abends, denn wir passen uns dem Tagesablauf der Leute an. Sie müssen ja ihr Leben leben, müssen Arbeit suchen und arbeiten, um überleben zu können. Deswegen fangen wir oft erst nachmittags mit unseren Aktivitäten an. Danach kehren wir ins Büro zurück und sind sehr müde. Dort treffen wir uns, tauschen uns über den Tag aus, und oft gibt es sehr gute Nachrichten über die Arbeit mit den Leuten zu berichten.

Wenn ich freitags zu meinen vier Kindern zurückkehre, dann treffe ich mich als erstes mit ihnen und wir essen zu Abend. Zum Glück verstehe ich mich sehr gut mit ihnen und wir haben ein freundschaftliches Verhältnis. Wir reden dann darüber, wie es uns ergangen ist, welche Probleme sie in der Schule hatten, ob sie ihre Mutter besucht haben. Dann machen wir eine Einkaufsliste und teilen die Hausarbeiten ein. Samstags schlafen wir aus, kaufen ein, machen Hausarbeiten, kochen, waschen, wir spielen Fußball und verbringen die Zeit miteinander. Montags ganz früh morgens fahre ich dann wieder in den Osten zum Arbeiten.

Vielleicht könntest du die Schwierigkeiten und Probleme, die du in deinem Alltag siehst, beschreiben. Wo siehst du Möglichkeiten, gegen diese Probleme anzukämpfen?

Okay. Sagen wir, dass es nicht die persönlichen Probleme von Alex sind, es sind die Probleme unserer Leute, die viele hier in ihrem Alltag haben. In der gemeinschaftlichen Arbeit stehen wir auf Grund der hohen Analphabetenrate unter den Leuten vielen Problemen gegenüber. Viele Leute auf dem Land, wo wir im Wesentlichen arbeiten, haben von klein auf gearbeitet. Es sind sehr arme Leute und eben diese Armut, in der sie leben, ermöglicht ihnen keine anderen Optionen. Sie gehen nicht zur Schule. Dann gibt es andere Leute, die über Schulbildung verfügen, aber soziale Analphabeten sind, weil sie von diesem System darauf getrimmt wurden, dass das einzige, was zählt ist Arbeit zu haben und diese Arbeit, so schlecht sie auch bezahlt ist, die Leute zum guten Leben führt.

Das ist für uns schwierig, weil die Leute nur ans Arbeiten denken. Die Leute denken nur ans Überleben, die Leute denken nur daran, Geld zu bekommen, weil es die einzige Möglichkeit ist zu überleben. Deshalb vernachlässigen sie viele andere Dinge, manchmal sehr wichtige, wobei sie nicht merken, wie wichtig sie sind. Zum Beispiel die Ausbildung der Kinder, zum Beispiel, organisiert in der Gemeinde zu arbeiten. Wir kämpfen mit der Schwierigkeit, dass den Leuten immer vermittelt wurde, dass andere ihre Probleme lösen und so wissen sie oft nicht, dass sie selber die Kraft haben, die Probleme zu lösen, wenn sie sich organisieren.

Klar müssen sie arbeiten, aber die Arbeit ist nicht das einzige, was sie brauchen, um gut leben zu können. Sich neben der Arbeit zu organisieren, zu entdecken, dass es nicht nur sie, eine Familie, einen Mann, eine Frau, ihre Kinder gibt, sondern dass es neben ihnen andere mit den gleichen Problemen gibt.

Die Leute merken dann, dass sie andere Probleme haben, dass, obwohl sie arbeiten, der Lohn nicht reicht, weil das Wasser, der Strom, der Reis, die Bohnen durch die Privatisierungen teurer werden. Die Leute merken dann, dass ein Arbeitsplatz allein nicht alle Probleme gelöst hat. Dass man sich mit dem Rest der Leute, die diese Probleme auch haben, zusammenschließen muss, um gemeinsam Lösungen zu finden.

Ein wichtiger Teil dabei ist, aufzuzeigen, dass die Leute von der Regierung verraten werden, seit langer langer Zeit. Und dass es nicht stimmt, dass ein Leben in einer Blechhütte ein gutes Leben ist. Es geht darum, dass die Leute das entdecken und gleichzeitig auch, dass sie bei allen Problemen über Stärken und Fähigkeiten verfügen, um Lösungen zu finden. Wir haben erreicht, dass an vielen Orten die Leute unserer Arbeit, die wir entwickeln, vertrauen und beginnen, an sich selbst zu glauben; an den Freund, den compañero, der neben ihnen lebt, an sich selbst als Familie, an sich selbst als Personen und in diesem Maß an die übrigen in der Gemeinde.

Das Projekt Alltagskämpfe ist im Zusammenhang des Brigadeschwerpunkts „Globalisierung“ entstanden. Siehst du Verbindungen zwischen diesen Problemen im Alltag und dem Prozess der neoliberalen Globalisierung, die sich zur Zeit abspielt?

Das alltägliche Leben unserer Leute ist heute mit der Globalisierung schwieriger geworden. Wenn früher 50% der Bevölkerung arm waren, sind es jetzt auf Grund der Globalisierung 75%; um nur eine Zahl zu nennen. Was ich damit sagen will ist, dass es durch die Globalisierung viel mehr Arme gibt. Und wenn wir in unserem täglichen Leben schon Probleme hatten, heute werden die Probleme auch noch globalisiert.

Die Privatisierungen als Folge der Globalisierung haben vielen Leuten Arbeitslosigkeit gebracht. Beispielsweise wurde die Stromversorgung schon kommerzialisiert und privatisiert. Früher gab es Subventionen von der Regierung, vom Staat, damit die Kosten für den Stromverbrauch einigermaßen niedrig waren. Man könnte sagen, dass die Leute trotz ihrer Armut in der Lage waren, das zu bezahlen. Jetzt mit der Privatisierung gibt es keine Kontrolle der Stromkosten mehr. Die Leute haben keine Arbeit und das wenige, das sie mit Gelegenheitsjobs verdienen, brauchen sie, um das Essen zu bezahlen und nicht den Strom und erst recht nicht die Ausbildung oder das, was mit Gesundheitsfragen zu tun hat, und so geht es mit vielen anderen Sachen. So kommt es, dass die Armut sich Stück für Stück verschärft.

Leute, die keine Arbeit haben, entscheiden sich sogar, betteln zu gehen. Sie betteln um einen Arbeitsplatz, einen Arbeitsplatz mit sehr niedrigen Löhnen. Das bedeutet, dass die Kapitalisten die große Menge Arbeitskräfte, die es gibt, ausnutzen und diejenigen, die weniger Lohn verlangen, die Arbeit bekommen. Genau diese Armen bekämpfen sich jetzt gegenseitig, um eine gute Arbeit zu bekommen.

Du hast einige Auswirkungen, die die Globalisierung auf deinen Alltag und deine Arbeit hat, beschrieben. Wo gibt es Möglichkeiten, hier in El Salvador mit den Leuten Widerstand zu leisten?

Ich glaube, dass es zur menschlichen Entwicklung gehört, in der Lage zu sein, Problemen in die Augen zu sehen und dabei nach Alternativen zu suchen. Es gibt neue Strategien des Widerstands und Möglichkeiten, wie man mit Alternativen auf die Globalisierung antworten kann. Das Ergebnis ist, dass es die Leute zu einem größeren Bewusstsein und einem größeren Engagement, sich zu organisieren, gebracht haben. Durch die Armut, in der sie leben und durch die Notwendigkeit zu überleben wurden neue Mechanismen des Widerstands geschaffen. Einer dieser Mechanismen des Widerstands ist die kommunale Organisierung. Aber um genau zu sein, hat die Globalisierung dazu geführt, dass die Leute neue Strategien des Zusammenschlusses, neue Strategien der Organisierung nutzen. Das Ergebnis ist, dass sich die Gemeinden nicht mehr nur hier vor Ort, wo sie leben, organisieren, sondern dass die Gemeinden sich innerhalb von Regionen organisieren. So ist es im Fall der Intercomunal, als einem regionalen Zusammenschluss. Die Intercomunal wiederum ist koordiniert und verbunden mit einer anderen größeren Organisation auf landesweiter Ebene. Und diese ist Teil einer breiten Bewegung gegen die Privatisierungen und Freihandel. Es gibt Organisationen, die lokal sind, regional oder national.

Zum Beispiel waren wir vor ungefähr zwei Wochen in Honduras auf einem Forum. Das ist ein Forum, wo lokale und kommunale Organisationen, soziale Organisationen und Organisationen des Widerstands gegen die Globalisierung, gegen die Privatisierungen als Mittel der Globalisierung sich auch auf internationaler Ebene organisiert haben. Es gibt VertreterInnen aus El Salvador, VertreterInnen aus Honduras, VertreterInnen aus den anderen Ländern Mittelamerikas. Das ist es, was wir auf mittelamerikanischer Ebene machen. Als lokales Mittel, als Mittel der Gemeinden.

Im vergangenen Jahr hatten wir am 12. Oktober eine Aktion auf mittelamerikanischer Ebene. Wir blockierten die Grenzen und wichtigsten Straßen in ganz Mittelamerika, einschließlich in El Salvador. In ganz Mittelamerika wurden diese Aktionen am 12. Oktober koordiniert.

Das ist eine Form des Widerstands, das ist eine Form von Organisierung, die nicht mehr auf die Ebene der Gemeinden beschränkt ist, sondern sogar über die Landesgrenzen hinaus geht. Es war praktisch ein historisches Ereignis. Einzigartig und sehr bezeichnend als Beispiel des Widerstands gegen die Globalisierung und als Beispiel der Organisierung, die es auf lokaler Ebene gegeben hat.

Du hast den Prozess der Koordinierung und Organisierung auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene beschrieben. Wie würdest du deine eigene Rolle in diesem Prozess beschreiben?

Man könnte meine Rolle vergleichen mit der einer unserer Zellen im Körper. Man könnte sagen, ich bin ein nahezu unbedeutender Teil in diesem organisatorischen Prozess der Gemeinden, aber ich bin dieser Teil, diese kleine Zelle dieses regionalen Teils der lokalen Organisierung. Und meine Rolle in diesem Moment war zu ordnen, zu koordinieren und auch teilzunehmen, Beispiel zu sein für die Leute. Ja, ich glaube, dass als in die kommunale Organisierung integrierte Gruppe, als in die regionale Organisierung integrierte Person, jeder von uns eine sehr wichtige Rolle spielt. Dass in dem Maß, in dem eine gute Planung und Koordination zwischen uns als Individuen existiert, wir diese Art von Aktionen erreichen werden.

Zum Beispiel haben wir die Straße hier besetzt, die wichtigste Straße hier. Es kamen fast 150 Polizisten, die darauf vorbereitet waren, uns zu vertreiben. Das erste Mal, als wir die Straße blockiert haben, waren wir 100 Personen. Die Polizisten waren mehr als wir. Ich war an der Reihe, gemeinsam mit anderen compañeros, unter den ersten beim Besetzen der Straße zu sein. Wir waren so wenige, dass die Leute die Straße nicht besetzen wollten, aus Angst vor der Polizei. Aber wir waren an der Reihe, diese Rolle zu spielen, anzufangen und ein Beispiel zu geben: auf die Straße zu gehen und sie zu besetzen. Auch wenn wir wenige waren. Das motivierte nach und nach andere Leute, sich anzuschließen. Am Anfang waren wir weniger als die Polizisten, danach waren wir drei mal so viel wie die von der Polizei, weil wir ein Beispiel von Widerstand gegeben haben. Nach und nach sind es mehr Leute geworden, annähernd 650 Personen haben die Straße eingenommen. Wenn wir das nicht gemacht hätten und nicht diese Entscheidung getroffen hätten, die eine sehr individuelle Entscheidung war, glaube ich, dass die Leute das nicht gemacht hätten.

Diese Aktion, die wir an diesem Tag gemacht haben, hat sich auch auf die persönliche Ebene ausgewirkt. Ich treffe ständig die Polizei hier in der Nähe von dem Haus und bei zwei Gelegenheiten hat man mich bedroht. Als Person fühle ich mich von Seiten der Polizei angeklagt. Das ist ein typisches Vorgehen der repressiven Gruppen. Unsere Art zu handeln ist wesentlich intelligenter. Ohne Gewalt anzuwenden. Unsere Stärke liegt in der Planung, unsere Stärke liegt in der Organisierung. Ihre Stärke liegt in der Manipulation durch ihre Machtposition. Das, was wir benutzen, ist eher die Intelligenz und die Solidarität unter uns.

Du hast die Probleme, denen du in deiner Arbeit und in deinem Alltag gegenübertrittst, beschrieben. Diese Probleme sind nicht individuell, sondern kollektiv. Und du hast auch den Prozess der Organisierung und Koordinierung beschrieben, der sich hier zum Beispiel gegen die Privatisierungen oder andere Auswirkungen der Globalisierung entwickelt. Diese Koordination und Organisierung entsteht in einem Klima, in dem nicht nur du, sondern viele Leute sich bewusst sind, dass alle sich in einer Form des Kampfes befinden. Die Alltagskämpfe haben auch mit einem Politisierungsprozess zu tun. Wie empfindest du das Klima zur Zeit? Ist es so, dass sich die Leute innerhalb eines Kampfes fühlen, den sie mit anderen teilen, oder sind das lediglich individuelle Kämpfe?

Ja, ich habe von meinen individuellen Problemen gesprochen, die nicht nur meine sind, sondern die ich mit vielen anderen Leuten teile. Der Unterschied ist, dass sich nicht alle bewusst sind, dass sie diese Probleme haben. Wie ich vorhin gesagt habe: sie haben vielleicht andere, für sie viel wichtigere Probleme, wie essen zu können, sich ernähren zu können. Das ist eine viel unmittelbarere und tiefere Notwendigkeit. Ich kann ohne Strom sein, aber ich kann nicht ohne Essen sein. Die Leute können ohne ein Haus leben, aber sie können nicht leben ohne zu essen. Erst wenn ich gegessen habe, kann ich mich um andere Probleme kümmern. Es sind nicht viele, die in der Lage sind, sich um andere Probleme zu kümmern. Mit ihnen zusammen sind wir verantwortlich für die Koordinierung und dafür, dieses Bewusstsein weiterzutragen, damit nach und nach die organisierte Bewegung mit den Leuten in den Gemeinden wächst. Das erreichen wir nur mit den Leuten, indem wir mit ihnen leben, indem wir mit ihnen kämpfen und gemeinsam entdecken, dass wir andere Probleme haben. Wir können erreichen, dass die Schwierigkeiten und Probleme, die wir gemeinsam haben, uns einen, indem wir uns organisieren, zusammenschließen. Ohne die individuellen Probleme und Gedanken, die jeder einzelne hat, zu missachten, indem wir die Individualität jedes Einzelnen respektieren. Das versuchen wir zu machen und das ist sehr schwierig. Deshalb gibt es keine Ergebnisse von einem Tag auf den anderen, es sind Ergebnisse, die sich nach und nach ergeben.

Die Schritte sind langsam, aber das macht nichts. Diese Schritte waren sicher und jetzt haben wir eine starke organisierte Bewegung. Wir haben an diesem 12. Oktober im vergangenen Jahr erreicht, das Land einen Vormittag lang zum Stillstand zu bringen. Wir haben erreicht, dass die Wirtschaft, die Transnationalen, die Kapitalisten gelitten haben und das war ein gutes Beispiel der Organisierung und des Kampfes, den die Leute mit dieser Bewegung führen. Aber es fehlt noch mehr. Und das werden wir nach und nach mit der Realität, die wir mit den Leuten aufbauen, erreichen.

 

(sp)

"Unsere Stärke liegt in der Organisierung"

Erschienen in: Info-Blatt 62  des Ökumenischen Büros

München

Dezember 2003

 

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