Privatisierte Kriegsführung

 

 

"Das Unternehmen Krieg", ein Buch von Dario Azzellini und Boris Kanzleiter (Hg.)


„Alle Funktionen, die vom privaten Sektor erfüllt werden können, zählen nicht zu den Kernaufgaben der Regierungsinstitutionen.“ Bei dieser Feststellung handelt es sich nicht etwa um eine der zahllosen Aussagen von Internationalem Währungs Fonds, Weltbank oder der Kreditanstalt für Wiederaufbau über die Erbringung von Basisdienstleistungen. Vielmehr bezieht sich Donald Rumsfeld auf das Geschäftsfeld „Kriege führen“ und fordert Umstrukturierungen in der US-Armee: „Nur Funktionen, die unbedingt vom Verteidigungsministerium selbst erfüllt werden müssen, sollen dort angesiedelt bleiben.“ Tatsächlich war Ende der 90er Jahre schon jede/r Zehnte an Operationen des US-Militärs Beteiligte Angestellte/r eines privaten Unternehmens. Bei „Desert Storm“, kaum zehn Jahre zuvor, galt das nur für jede/n Fünfzigste/n. Dass sich dieser Zuwachs auch in der Eröffnung von Märkten in Milliardenhöhe äußert, versteht sich von selbst. Aber nicht nur die US-Administration denkt über eine Privatisierung von Gewaltausübung nach: Das Peace-Keeping der Vereinten Nationen wird häufig schon heute als Auftrag für sogenannte „Private Militärunternehmen“ ausgeschrieben.

Der neu erschienene Sammelband „Das Unternehmen Krieg“ beschäftigt sich mit den „Akteuren der Neuen Kriegsordnung“, die in Gestalt der genannten Militärunternehmen, aber auch von Paramilitärs, Warlords etc. immer häufiger nicht-staatlich auftreten. Als Einleitung dient ein eher theoretisch gehaltener Artikel von Thomas Seibert, der die Begrifflichkeit der „Neuen Kriege“ historisch wie polit-ökonomisch in Zweifel zieht. Diese war eingeführt worden, um die „neuen“ kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen privaten Akteuren von den „alten“, zwischen Nationalstaaten ausgetragenen und völkerrechtlich reglementierten, Kriegen begrifflich abgrenzen zu können. Tatsächlich ist die Neuheit der Neuen Kriege – so die durchgängige These des Buches – aber eher in der Entwicklung des Kapitalismus seit dem Wegfall der Systemkonkurrenz begründet: Die gesellschaftliche Fragmentierung nimmt bei gleichzeitigem Wegfall einer gewissen sozialstaatlichen Integration stetig zu. Kriege treten im globalen Kapitalismus immer weniger als befristete Unterbrechungen einer – mehr oder minder – „friedlichen“ Reproduktion der jeweiligen Ökonomien auf, sondern sind als nur noch moralisch geächteter Dauerzustand anzusehen. Eine Grenze zwischen Krieg und Frieden lässt sich immer schwerer ziehen. Boris Kanzleiter untersucht in einem Artikel die Rolle der Privaten Militärunternehmen anhand von Beispielen eingehender. Dabei übernimmt er eine Einteilung, nach der folgende drei Gruppen unterschieden werden: private Unternehmen, die im Auftrag von Konfliktparteien selbst direkt und bewaffnet auf dem Schlachtfeld intervenieren, Unternehmen, die in den Bereichen Militärberatung und Training tätig sind und die letzte Gruppe, die Logistik, technische Unterstützung und Transportkapazitäten zur Verfügung stellt.

In neun Artikeln und einem Interview zu Neuen Kriegen auf der ganzen Welt trägt der Sammelband den großen Unterschieden im Einzelfall Rechnung und vermeidet unzulässige Verallgemeinerungen. An den Fällen Kolumbien und Chiapas untersucht Dario Azzellini die privatisierte Kriegsführung mit Hilfe von Paramilitärs bzw. Todesschwadronen. Im ersteren Fall sind auch Private Militärunternehmen involviert, die offiziell mit Drogenbekämpfung beauftragt sind. Dieter Drüssel portraitiert in diesem Kontext den Konzern DynCorp. Matilde Gonzales vom Sozialforschungsinstitut AVANCSO untersucht den Zusammenhang von Paramilitarismus und sexualisierter Gewalt am Beispiel Guatemala. In weiteren Artikeln geht es um die Verflechtungen zwischen organisierter Kriminalität, Paramilitärs und dem türkischen Staat oder den Jugoslawien-Krieg, wo das erbeutete Raubkapital oftmals mittels Privatisierungen Anlage fand. Gerade den Kriegen in Jugoslawien, Afrika und Indonesien haftet das rassistisch motivierte Missverständnis an, es handele sich dabei um das Aufeinanderprallen unterschiedlicher „Ethnien“, die nun mal nicht anders könnten, als aufeinander einzuschlagen. Im Buch finden sich Artikel, die geeignet sind, mit diesen Fehlinterpretationen aufzuräumen und stattdessen die zutiefst materiellen Ursachen der Konflikte beleuchten.

Abgeschlossen wird der Band mit einem Artikel zur Rolle der prosperierenden „Sicherheitsdienste“ in Deutschland. Hier wird nicht versucht, die Analyse der Neuen Kriege in der Peripherie ohne Weiteres auf die zunehmenden sozialen Auseinandersetzungen innerhalb von Metropolenstaaten - und die damit einhergehende Repression - zu übertragen. Neben der gebotenen Betonung der Unterschiede werden vielmehr Parallelen herausgearbeitet, die die Hinzunahme des Artikels dennoch rechtfertigen.

Auch wenn dem Sammelband ein wenig mehr Sorgfalt der Verleger beim Redigieren gut getan hätte, handelt es sich bei „Das Unternehmen Krieg“ um ein interessantes und lesenswertes Buch, das all denjenigen reiches Faktenmaterial an die Hand gibt, die sich erstmals mit den Neuen Kriegen beschäftigen wollen. Gerade im Vorfeld der Aktionen gegen die „Sicherheitskonferenz “ kann diese Neuerscheinung wärmstens empfohlen werden.

 

Dario Azzellini, Boris Kanzleiter (Hg.)
Das Unternehmen Krieg – Paramilitärs, Warlords und Privatarmeen als Akteure der Neuen Kriegsordnung,
Verlag Assoziation A, Berlin Hamburg Göttingen 2003
ISBN 3-935 936-17-6, 215 Seiten, 14,- Euro 

 

(Christian Rummel)
Privatisierte Kriegsführung
Erschienen in: Info-Blatt 62  des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2003

 

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