Landwirtschaft in der Dauerkrise

 

Der salvadorianischen Landwirtschaft geht es schlecht. Die Anbaufläche für den inländischen Konsum ist zwischen 1990 und 2001 von knapp 350.000 auf 270.000 ha weiter gesunken. Als Folge dieses anhaltenden Niedergangs ist der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen von 28% im Jahre 1994 auf 22% im Jahre 2002 zurückgegangen.
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Welches sind die Ursachen dieser tiefgreifenden Krise?
Der mit Beginn der Weltwirtschaftskrise Anfang der 70er Jahre einsetzende technologische Wandel und die parallele Umstellung von einem keynesianischen Wirtschaftsmodell (in den abhängigen Ländern das Modell der Importsubstitution) auf ein neoliberales, der Umbau des salvadorianischen Akkumulationsmodelles und der interne Krieg von 1980 bis 1992 sind die Hauptursachen.
Bis nach dem Zweiten Weltkrieg und vom kapitalistischen Wiederaufbau profitierend (z.B. hohe Kaffee-Weltmarktpreise), basierten in El Salvador Wirtschaft und Entwicklung auf Agrarexport: Kaffee ab Ende des 19. Jahrhunderts, Baumwolle seit Mitte des 20. Jahrhunderts und Zucker waren die Hauptexportprodukte. Die Baumwolle fiel dem ökologischen „Selbstmord“ zum Opfer, Zuckerrohr wird nach wie vor in bestimmten Regionen des Landes angebaut, und die Kaffeeproduktion ist mit dem Preisverfall seit Kündigung des Internationalen Kaffeeabkommens 1989 vollends in die Krise geraten. Alle drei Produkte sind „soziale Kulturen": Sie haben abertausenden von Menschen Arbeit gegeben. Entfallen diese Arbeitplätze, wandelt sich die ländliche Armut, basierend auf der Kombination der Bewirtschaftung von kleinen Parzellen neben saisonaler Lohnarbeit in der Erntezeit der genannten drei Produkte, zu ländlichem Elend. Das wiederum lässt Landflucht und Migration, vor allem in die USA, zunehmen. Wo einst der Kaffee die wichtigste Devisenquelle war, leben die Menschen heute von den Überweisungen (remesas) ihrer Verwandten, die es ohne Papiere in die USA geschafft haben.

Was ist an die Stelle des Agrarexportes getreten?
Das Akkumulationsmodell beruht heute auf Handel (die remesas fließen in den Konsum von primär importierten Waren), „Lohnveredelung" (in Maquilas), Finanzwirtschaft und zunehmend auch Tourismus. Landwirtschaft und Industrie fristen neben den neuen Boom-Sektoren ein stiefmütterliches Dasein, stiefmütterlich eben auch deshalb, weil Kreditwirtschaft und Staat diese Sektoren nicht mehr fördern. Befördert wurde dieser Umbau maßgeblich durch die neoliberale Strukturanpassungspolitik seit 1989, die von den rechtsextremen ARENA-Regierungen konsequent durchgezogen wird. Neben der Verschlankung des Staatsapparates, Aufhebung aller Preiskontrollen, „Steuerreform" (Umstellung auf Mehrwertsteuer) und Privatisierungen (Telekommunikation, Elektrizitätsverteilung, Rentenversicherung) gehört der Abbau der Importzölle zum allseits bekannten Werkzeugkasten einer solchen Politik. So betrachtet wird der Freihandelsvertrag der mittelamerikanischen Länder mit den USA (CAFTA) dem Ganzen nur noch ein Sahnehäubchen aufsetzen. Ein Beispiel: Vor 15 Jahren wurden 80% des im Land konsumierten Reises auch im Land produziert und 20% wurden importiert. Heute ist es gerade umgekehrt und mit CAFTA werden die letzten 20% und alle damit verbundenen Arbeitsplätze vollends verschwinden.
Die Krise der salvadorianischen Landwirtschaft mag Wirtschaftskrise genannt werden, vor allem aber ist sie eine soziale Krise.

 

(bw)
"Landwirtschaft in der Dauerkrise"
Erschienen in: Info-Blatt 62  des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2003

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