„Kennen lernen werden wir uns unterwegs“

 

“Ich glaube, dass die Veränderungen von unten kommen müssen. Als Gegenmacht, die in der Lage ist, die vorherrschende Ideologie auf den Kopf zu stellen.”

 

Angel Ibarra ist 47 Jahre alt, Arzt und hat eine lange bewegte politische Geschichte. Zur Zeit ist er unter anderem Präsident des Ökologieverbands UNES und der Partnerorganisation des Ökumenischen Büros Oikos Solidaridad.

Wie würdest du einen typischen Tag in deinem Alltagsleben beschreiben?

Ich fange mal mit der Nacht an, um dann zum folgenden Tag zu kommen. Ein typischer Tag endet für mich um 2 Uhr nachts und beginnt um sechs, halb sieben morgens, wo ich dann die ersten Nachrichten sehe und mich für den Tag vorbereite. Danach kommt eine Zeit, in der ich vor allem mit den Institutionen arbeite. Das passiert meistens vormittags, und da geht es darum mit den Medien zu sprechen, an Demonstrationen, Versammlungen, Workshops teilzunehmen usw. Am Nachmittag geht die Arbeit weiter, am späten Nachmittag mache ich ein bisschen Sport und erhole mich. Von zehn, halb elf bis zwei Uhr nachts lese ich und bilde mich weiter. So sieht ungefähr mein Tagesablauf aus. Es ist nicht nur Aktivismus und es ist nicht nur Reflexion, sondern ich versuche, das mehr oder weniger ins Gleichgewicht zu bringen.

Wo sind die Punkte in deinem Alltag, an denen die meisten Schwierigkeiten – und dann auch die meisten Kämpfe – auftauchen, in welchen Situationen fühlst du dich in Alltagskämpfe verwickelt?

Manchmal versteht man unter „kämpfen“  nur, nach außen hin zu kämpfen. Das heißt, dass du nur kämpfst, wenn du zu deiner Organisation gehst oder auf einer Demo bist, nicht aber bei dir zu Hause. Ich aber denke, dass es verschiedene Formen von Kampf gibt. Ich glaube nicht, dass Kampf nur mit dem Agieren im öffentlichen Raum verbunden ist, sondern ich glaube, dass es auch innere Kämpfe gibt.

Der erste Kampf ist, dem Leben einen Sinn zu geben. Was bedeutet es, Mensch zu sein in dieser Welt, die das Leben zu einer Ware macht? Persönlich kämpfe ich dabei vor allem gegen ein Gefühl der Angst. Das Leben macht mir Angst, eine kreative Angst manchmal, aber Angst. Und die Gesellschaft, in der ich lebe, erzeugt Einsamkeit, es ist eine Gesellschaft, die ausschließt, die gewalttätig ist, die diskriminiert, die ungerecht ist. So etwas erzeugt in dir das Gefühl, dass das nicht die Gesellschaft ist, in der du leben willst. Es gibt zwei Konzepte, darauf zu reagieren, und die dienen dir gleichzeitig als Antrieb: eine Art von Angst und eine Art von Einsamkeit. Das ist die eine Ebene.

Die andere Ebene von Kampf ist, gegen bestimmte Sachen zu kämpfen, die zur Ideologie und zur Kultur unserer Gesellschaft gehören. Du weißt, dass sie mit deinen Überzeugungen nicht übereinstimmen, aber wenn du versuchst, so zu sein, wie du denkst, dass du sein sollst, und nicht wie die Gesellschaft dich wünscht, dann brauchst du viel Bestimmtheit, musst dir deiner sehr sicher sein, um dich gegen die Norm durchzusetzen. Diese Gesellschaft fordert uns zum Konsumieren auf, dazu, das Sein mit dem Haben zu verwechseln, und ob man will oder nicht, man wird von der Propaganda leicht verführt. Und das ist der andere Kampf: streng mit sich selbst sein, nicht dem Konsumzwang verfallen, darum kämpfen feste Verhaltensmuster zu durchbrechen, seien es machistische Muster in den Beziehungen oder Mechanismen der Gewalt. Bestimmte Werte aufrechtzuerhalten, die man für jene Gesellschaft anstrebt, in der man zu leben wünscht, auch das fordert von einem Einsatz. Und wenn man nicht aufpasst, dann kann man ganz schnell vom Weg abkommen. Das wäre es, was das Persönliche betrifft.

Die Alltagskämpfe, die man dann begleiten will, sind die Kämpfe der Leute. Nicht ausgehend von der Frage, was die Leute brauchen, sondern von der Frage, wozu sie ein Recht haben. Die Leute haben ein Recht darauf, Mensch zu sein und in einer gerechten Gesellschaft zu leben. Und dieser Kampf zielt darauf ab, dass die Leute zu Subjekten werden und ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Eine der zentralen Fragen dabei ist für uns und für mich im Besonderen, dass die Leute sich einmischen; egal mit welchem politischen Hintergrund, doch sie müssen sich einmischen. Wenn die Leute sich an politischen Prozessen beteiligen, dann werden sie Wissen und Erfahrungen sammeln und indem sie sich beteiligen, beziehen sie Position und lernen, was ihre Rechte sind.

Ich habe keinen Zweifel, dass, wenn die Leute sich einmischen, die ganz normalen Leute, auch solche, die die Rechte wählen, die zu einer evangelikalen Sekte gehören usw., dass die soziale Partizipation ihnen die Richtung zeigen wird. Angesichts einer solch hoffnungslosen Situation wie der unseren geht der Kampf darum, wie die Leute sich aus der Resignation befreien und rebellisch werden.

Das sind die kleinen Kämpfe, die man auszutragen hat, und die zeigen sich dir, wenn du Kundin bist, als Arbeiterin, als Arbeitslose, wenn du zu einem Amt gehst, um etwas bittest und abgewiesen wirst und so weiter. Doch hier müssen wir beginnen.

Ich glaube, in der Vergangenheit, während des revolutionären Kampfes in Lateinamerika, hat man die Subjektivität der Leute missachtet, die Leute waren Masse. Ich glaube, dass wir nicht wirklich weiterkommen, wenn wir uns nicht auf uns als Menschen, Bürgerinnen und Bürger, auf unsere eigene Identität besinnen. Und wir wollen auch keinen Dogmatismus oder eine totalitäre Vision mit einer Wahrheit, die von oben kommt. Ich glaube, dass war einer der größten Fehler des realen Sozialismus, dass er die Subjektivität der Leute ignorierte, als ob die Menschen nicht auch Hunger nach Schönheit hätten oder Hunger nach Kultur. Man muss miteinbeziehen, dass wir Menschen sind, mit all unseren Widersprüchen, persönlichen Problemen, Enttäuschungen, Lieben und so weiter, und dass wir all das mit uns herumtragen. Von da müssen wir ausgehen und etwas Neues bauen.

Während des Krieges gab es kaum Möglichkeit, das anzugehen, aber ich glaube, dass wir darüber nachdenken und der Subjektivität der Leute Raum geben müssen. Fragen, was sind die Träume und Hoffnungen der Leute. Von dort müssen wir ausgehen und etwas Neues bauen.

Klar, dass das alles nur Sinn hat, wenn du kollektiv handelst und Teil einer Gemeinschaft bist. Diese Gemeinschaft besteht aus Personen, die zueinander in Beziehung stehen – worin sich übrigens auch wieder Machtverhältnisse ausdrücken, die manchmal gar nicht beachtet werden. Deswegen bin ich so sehr auf das Thema des Privaten, des Subjektiven eingegangen. Es geht nicht darum die Entweder-Oder-Frage zu stellen: „Was ist wichtiger: dein persönlicher Kampf, den du mit dir austrägst, oder der Kampf, der außen ist?“ Ich denke, beide Ebenen sind dynamisch aufeinander bezogen. Du kannst kein Revolutionär auf der Straße sein, wenn du zu Hause autoritär und machistisch bist.

Globalisierung hat Auswirkungen auf das Leben von allen – und es wird uns ja auch immer wieder erzählt, dass die Auswirkungen positiv seien. Was hat sie für Auswirkungen auf deine Kämpfe? Haben sich deine Kämpfe durch die Globalisierung verändert?

Ich glaube, dass die neoliberale Globalisierung überhaupt keine positiven Aspekte für die Leute hat. Denn das, was die Globalisierung bewegt, ist, das Leben zu einem Ding zu machen. Die ganze Welt ist ein Marktplatz und alle Dinge, die es in dieser Welt gibt, sind Waren, die man kaufen und verkaufen kann. Das ist die Zuspitzung des „Wie viel du hast, soviel bist du wert“. Das heißt, ideologisch gesehen zielt die Globalisierung auf völlige Nivellierung der Unterschiede, darauf, die ganze Welt in dasselbe Raster zu pressen. Es verschwinden die unterschiedlichen Kulturen und es gibt nur noch eine, nämlich die herrschende Kultur. Die Sprachen und Dialekte verschwinden und alles wird immer einseitiger. Die Globalisierung malt die Welt in einer einzigen Farbe an und das ist die Farbe, die SIE bestimmen.

Die gegenwärtige Entwicklung des Kapitalismus in der Form der neoliberalen Globalisierung ist ein Angriff auf die Freiheit, richtet sich gegen das Bewusstsein, sich als BürgerIn zu fühlen. Und wir glauben, dass der entscheidende Kampf sich darum dreht, das Bewusstsein, Mensch und aktiver Bürger zu sein, zu bewahren – und nicht zu verdinglichen.

All die Kämpfe um seine Kultur zu behalten, seine Sprache, seine Visionen, seine Werte etc. müssen im öffentlichen Raum ausgetragen werden. Wir erreichen nichts, wenn wir uns zu Hause einschließen und dort vor uns hinjammern. Der öffentliche Raum ist es, den wir retten müssen und die Instrumente, die es gibt um dort zu handeln. Die persönlichen Kämpfe, die man austrägt, die Widersprüche, in denen man lebt, die persönlichen Herausforderungen – das alles hätte keinen Sinn, wenn wir uns nicht in einer Gemeinschaft fühlten und nicht gemeinsam kämpften.

Es gibt keinen Ausweg auf individuellem Wege. Das ist nämlich genau das, was der Neoliberalismus will: die Idee von Solidarität zerschlagen. Für den Neoliberalismus ist Wettbewerb der einzige Mechanismus, sich aufeinander zu beziehen. Du musst effizient sein, konkurrenzfähig, pragmatisch – und wer nicht so ist, zählt nicht als Person. Deswegen glaube ich, dass man auch im öffentlichen Raum für seine persönlichen Kämpfe streiten muss. Und wenn wir genau diese Bedrohungen, denen wir als Personen ausgesetzt sind, gemeinsam überwinden, dann eröffnet uns das die Möglichkeit etwas zu verändern.

Ich glaube, dass die Veränderungen von unten kommen müssen. Wir müssen Vertrauen und Solidarität unter den Schwachen schaffen, eine Gegenmacht von unten, die in der Lage ist, die vorherrschende Ideologie auf den Kopf zu stellen. Ich glaube, das ist die Herausforderung.

Das kann man nicht durch Reformen erreichen. Das kapitalistische System hat heutzutage keinen Gegenspieler mehr, es hat den Wohlfahrtsstaat nicht nötig, der in Ländern wie den europäischen oder wie den USA einen mehr oder weniger befriedigenden Lebensstandard sichert. Selbst in den Ländern, wo der Durchschnitt der Leute in einigermaßen guten Bedingungen lebt, wird sich die Lebensqualität verschlechtern. Die Reform-Strategie stößt an ihre Grenzen. Ich denke, dass eine andere Welt – jene andere Welt, von der wir sagen, dass sie möglich ist – nicht innerhalb des neoliberalen Modells entstehen kann, auch nicht innerhalb des kapitalistischen Systems. Deswegen rufen wir zu einem Kampf gegen das System auf, auch wenn angesichts der globalen Kräfteverhältnisse die Zeichen nicht auf Sieg stehen, dessen sind wir uns bewusst. Aber wir müssen uns im Klaren darüber sein, an welchen Punkten wir nicht nachgeben dürfen.

Für unser Projekt Alltagskämpfe führen wir Gespräche nicht nur mit Leuten hier, in El Salvador, sondern auch mit TeilnehmerInnen der Brigade und Leuten aus Deutschland. Was kann Globalisierung für den Widerstand heißen? Unsere Vorstellung wäre, dass wir die Kämpfe, die wir in Deutschland austragen, und die, die Menschen zum Beispiel in El Salvador kämpfen, verbinden müssen. Wie könnte diese Verbindung hergestellt werden?

Ich glaube, dass die Tatsache, dass heutzutage mit der G 7 eine Weltregierung existiert – ich sage bewusst G7 und nicht G8, denn Russlands Einfluss schrumpft immer mehr -, und die Tatsache, dass die Macht sich immer mehr in den Händen weniger konzentiert, dass das vorherrschende Wirtschaftsmodell alle platt macht und tagtäglich mehr Leute in die Armut stürzt, dass es sie immer mehr ausbeutet, ihnen richtiggehend das Blut aus den Adern saugt, bloß um effizient zu sein – das bedeutet, dass wir uns einer globalen Bedrohung gegenübersehen, die die Freiheit selbst in Frage stellt. Niemals wurde so viel über einen Polizeistaat, in dem die ganze Welt kontrolliert werden soll, gesprochen wie heute; niemals haben die nordamerikanischen Unternehmen der Welt ihren Stempel so stark aufgedrückt wie heute.

Die Instanzen, die bestimmen, was in Argentinien passiert oder in El Salvador oder in Afrika, sind – und das war vor einigen Jahren noch nicht so offensichtlich wie heute – dieselben. Die globale Macht liegt konzentriert in wenigen Händen und das ist ein Aspekt, der uns im Kampf vereinen kann. Ich glaube, der globale Kampf drückt sich auf lokaler Ebene aus. Ja, es gibt einen globalen Kampf, aber er ist die dialektische Summe aller lokalen Kämpfe. Man kann Ereignissen wie in Genua, in Seattle oder in Prag nicht auf dieselbe Weise entgegentreten, sondern muss von den alltäglichen Kämpfen ausgehen, die sich auf lokaler Ebene abspielen. Denn die globalen Katastrophen werden im Lokalen greifbar: die Leute sterben, leiden, träumen in ihrem Dorf (comunidad). Es ist eine neue Dimension von Kampf notwendig, die das Lokale überwindet ohne es zu negieren.

Deswegen verbinden sich die Kämpfe über Grenzen hinweg, und das erste Mal seit hundert Jahren sind Bedingungen gegeben, um einen echten Internationalismus zu schaffen. Setzen wir doch die technologische Entwicklung ein. Viele jener weltweiten Demonstrationen, wie die, die wir am 15. Februar 2003 gegen den Irak-Krieg gemacht haben, und die die größte Demonstration der Geschichte war, sind erst durch den Einsatz dieser Mittel möglich geworden.

Ich glaube, wir sind an einem guten Punkt. Wir wissen, wo der Feind ist. Wir wissen, wie er sich verhält. Wir wissen, welche Instrumente er weltweit einsetzt, aber wir wissen auch, wie er auf lokaler Ebene handelt. Das versetzt uns in die Lage, das Lokale mit dem Globalen und das Globale mit dem Lokalen zu verbinden – etwas, das für Umweltaktivisten ganz einfach zu verstehen ist.

Ich denke, wir müssen vor allem drei Dinge tun: Erstens müssen wir uns als Menschen kennenlernen, als verschiedene, mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund, aber als Menschen. Dann müssen wir zusammen nachdenken, indem wir uns treffen und austauschen. Oder über die modernen Kommunikationsmittel, indem wir sie popularisieren und die Machtmonopole aushebeln. Und drittens müssen wir zusammen handeln.

Es geht für mich nicht darum, zum Neoliberalismus einfach ein Gegenmodell zu entwickeln. Ich glaube, das gibt es nicht, sondern es gibt nur verschiedene Modelle, die sich an jedem Ort anders herausbilden, abhängig von der Kultur, von den Tradition, den Formen des Kampfes. Ich denke, der Kampf gegen die Globalisierung muss jener Idee zum Leben verhelfen, die auch die Zapatisten formulieren: eine Welt, in der viele Welten Platz haben. Das ist der Leitspruch.

Bei diesen drei Gedanken möchte ich es belassen: Das gegenseitige Kennenlernen, das Nachdenken über Lebenssituation und Kultur und das gemeinsame Handeln. Ich fordere keine Internationale, kein Programm und auch kein einheitliches Motto. Nein. Kennen lernen werden wir uns unterwegs.

 

(bw)
"Kennen lernen werden wir uns unterwegs“
Erschienen in: Info-Blatt 62  des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2003

 

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