"Ich habe alles verloren, was ich in den USA hatte"

 

 

„Ich wurde abgeschoben am 4. Mai 2001, weil sie mich für einen Mörder halten. Sie sagten, ich sei ein potentieller Terrorist."

Wie heißt du, wie alt bist du und wo bist du aufgewachsen?

Ich heiße Mariano Rafael Rodriguez Suares, ich bin 22 Jahre alt. Ich wurde in San Salvador geboren und habe dieses Land mit meiner Mutter verlassen, als ich zwei Monate alt war; wir gingen nach Miami um dort zu leben. Dort verbrachte ich mein ganzes Leben, ich arbeitete, studierte, beendete die High School.

Ich wurde 4. Mai 2001 nach El Salvador abgeschoben am und seit dem bin ich hier. Ich arbeitete hier, ich war für zehn Monate ein Assistent Manager in einem Strandhotel. Ich schmiss den Job hin. Jetzt bin ich arbeitslos und suche einen Job.

Das Hauptthema unseres Interviews heißt „Alltagskämpfe". Vielleicht kannst du uns etwas über deinen Tag und deine Kämpfe im täglichen Leben erzählen.

Okay. Jetzt kämpfe ich, weil ich keinen Job habe. Neun Monate lang wurde ich von meiner Mutter unterstützt. Die letzten zwei Monate nicht, weil sie selbst finanzielle Schwierigkeiten hat in Miami. Meistens stehe ich auf, dusche, esse was und manchmal gehe ich auf Jobsuche, wenn ich ein Angebot in der Zeitung sehe.

Ich versuche letztendlich mein Geld zu machen, weil ich kein monatliches Einkommen mehr habe. Und ich möchte meine Mutter nicht nach Geld fragen, weil ich 23 Jahre alt bin. Ich bin ein Mann, kein Kind mehr. Ich muss auf meinen eigenen Füßen stehen. Das kann sehr hart sein in diesem Land, weil es hier nicht viele Möglichkeiten gibt. Ich glaube, die Arbeitslosenrate beträgt 68 %. So versuche ich lediglich zu überleben. Zu kämpfen.

Wenn ich einmal angefangen habe mit dem Arbeiten, werde ich weitersehen, wie ich studieren kann. Als ich in dieses Land kam, konnte ich nicht an der Universität studieren, weil ich die Sprache nicht verstand und nicht fließend sprechen konnte.

Aber ich plane nicht in diesem Land zu bleiben. Ich kann nicht mehr in die Staaten zurückgehen, weil ich auf Lebenszeit verbannt wurde, weil ich einige kindische, dumme Verbrechen begangen habe. Aber El Salvador hat mir überhaupt nichts zu bieten. Ich habe nicht mal einen Job. Weil ich niemanden kenne. Hier klappt das nur mit Beziehungen.

Wenn ich auf der Stelle einen Job bekommen würde, würde ich nicht mehr als acht Dollar am Tag bekommen, für einen Arbeitstag mit zehn Stunden. Wie viel Cent pro Stunde sind das? Siebzig Cent, vielleicht fünfundsiebzig Cent. Eine Stunde! Das ist Ausbeutung.

Das neue Gesetz, das, glaube ich, noch nicht verabschiedet ist, Mano Dura. Ich bin kein Gang-Mitglied mehr, aber ich bin tätowiert und ich trage Beggi-Klamotten. Wenn du tätowiert bist, wenn du anders aussiehst, kann dich die Polizei mitnehmen und ins Gefängnis werfen. Das ist zum Kotzen.

Wie war es für dich, als du nach El Salvador abgeschoben wurdest?

Es war sehr hart. Ich kannte niemanden hier. Die Sache ist, ich verließ dieses Land, als ich zwei Monate alt war, also ist das nicht mehr mein Heimatland. Und meine Familie hier, meine Stieftanten, Stiefonkel haben von mir gehört, weil ich in der Zeitung, in den Nachrichten kam; es wurde ein großer Skandal um meinen Fall gemacht, als ich eingesperrt wurde. Als ich hierher abgeschoben wurde, waren sie nett, sie haben mich angerufen. Sie haben mich mitgenommen, um Mittag essen zu gehen, aber es war nicht wie mit meiner Familie in den Staaten, mit der ich mein ganzes Leben aufgewachsen bin. Man ist wie ein Fremder.

Jetzt lebe ich hier mit meinem Stiefbruder. Ich wurde am 4. Mai 2001 hierher gebracht. Ich habe ihn zum ersten Mal im November gesehen. Also war ich die ersten sieben Monate auf mich alleine gestellt; man muss sich ein Zimmer mieten, man spricht die Sprache nicht. Ich bekam einen Job, ungefähr zwei Monate später, ich habe Bücher verkauft auf Kommissionsbasis, aber weil ich kein Spanisch konnte, habe ich keine Bücher verkauft. Also wurde ich nicht bezahlt. Ich habe zwei Monate damit verschwendet. Aber zumindest habe ich so das Land kennen gelernt. Ich lernte die Busrouten und wie man sie benützt.

Dann rief mich mein Vater an, ich habe ihn nach der Nummer meines Bruders gefragt. Ich rief meinen Bruder an, erzählte ihm, dass ich hier bin, wir begannen, gemeinsam wegzugehen. Dann, im Januar sagte er mir, dass ich bei ihm leben könne. Und kurz danach bekam ich den Job in dem Hotel. Ich konnte nicht so viel Spanisch sprechen, aber mein Englisch half mir, weil es ein Hotel war. Als ich den Job hatte, habe ich der Familie meines Bruders jeden Monat fünfzig Dollar abgegeben. Ein Drittel meines Schecks. Es war zumindest eine Rechnung, zum Beispiel für Wasser.

Wenn du das erste Mal hierher kommst, ist die Kultur sehr anders. Als ich alleine lebte, haben sie ungefähr acht Mal versucht mich auszurauben. Weil ich nicht wusste, wie das Leben hier gelebt wird. Du verlässt zu einer bestimmten Zeit nicht das Haus. Du gehst zu einer bestimmten Uhrzeit nicht an einen bestimmten Ort. Du machst nicht dies, du machst nicht das. Ich habe es gemacht. Und so habe ich gelernt, das nicht mehr zu tun, ich gehe diese Straße zu dieser Zeit nicht mehr runter.

Die Leute denken manchmal, dass ich ein Gang-Mitglied bin, ein Drogenabhängiger. Ich werde in diesem Land diskriminiert wegen meinen Tattoos, wegen meinem Englisch. Er ist tätowiert, er spricht Englisch, er war im Gefängnis, er wurde abgeschoben.  Denn nicht besonders viele Menschen kommen aus freiem Willen hierher. Wenn ich nicht abgeschoben worden wäre, wäre ich niemals hierher kommen. Für was auch? Drüben hatte ich alles, was ich brauchte.

Es ist hart hier, es ist hart. Ich möchte wirklich nicht hier sein. Ich könnte jetzt gerade in Deutschland sein, aber die Sache ist, meine Mutter könnte das nicht zahlen. Meine Mutter will auch nicht, dass ich hier bin, weil sie weiß, dass es hier gefährlich ist. Verdammt gefährlicher Shit. Fuck.

Meine Mutter hat dieses Land mit 26 Jahren verlassen, das ist 22 Jahre her, 1980. Seitdem war sie nicht mehr hier. Sie kam hierher im letzten November um mich und meine Großmutter zu besuchen. Sie sagte, das Land hat sich sehr verändert, zum Schlechten. Du siehst Menschen auf den Straßen. Es ist sehr schmutzig. Sehr große Armut. Sie sagte, sie wolle nicht, dass ich hier lebe, aber es gab nichts, was sie in dem Moment für mich hätte tun können.

Ich habe meine Lektion gelernt. Ich habe anderen Schlimmes zugefügt, und ich wurde für drei Jahre eingesperrt, ich wurde abgeschoben, ich habe meine ganze Familie verloren und alles, was ich drüben hatte.

Mein Leben hat sich zweimal geändert. Auf der Straße in Miami habe ich cool gelebt, weißt du. Als ich eingesperrt wurde, das war die erste Veränderung. Ich war ein Sträfling. Danach wurde ich abgeschoben, und ich habe mein Leben ein zweites Mal ändern müssen, um in einem lateinamerikanischen Land leben zu können, in dem ich die Sprache nicht sprechen konnte. Ich weiß, es werden weitere Veränderungen in der Zukunft kommen, weil ich nicht hier bleiben möchte.

War es wichtig für dich, dass du die Organisation Homies Unidos getroffen hast?

Die Homies Unidos waren eine gute Verbindung für mich in diesem Land, weil sie eine Menge Leute kennen. Einige von ihnen kamen in dieses Land unter den gleichen Umständen wie ich. Die Homies Unidos haben einer Menge Leute geholfen, um in Ausbildungen, Studien, Jobs zu kommen. Ich mache beim Kunst-Programm mit.

Ein Thema für uns ist hier die Globalisierung. Siehst du eine Verbindung zwischen deiner Situation und der Globalisierung? Du wurdest aus den USA abgeschoben und möchtest nach Deutschland gehen?

Das hängt davon ab, ob Deutschland mich reinlassen würde. Ich weiß nicht, ob Deutschland ein Freund der Vereinigten Staaten ist, ob sie Informationen über Gefängnisse austauschen. Aber wenn sie das machen, kann ich auch nicht nach Deutschland gehen. Ich habe versucht nach Kanada zu kommen. Aber Kanada und die USA sind sehr eng. Wenn ich ein Verbrechen in den USA begehe, wird mich auch Kanada deswegen nicht reinlassen. Ich weiß nicht, ob das in Deutschland genauso ist. Ich hoffe nicht, denn ich will weg von hier. Wenn ich eine deutsche Aufenthaltserlaubnis habe, kann ich vielleicht auch nach Kanada. Sie werden vielleicht nicht rausfinden, dass ich in den Staaten gelebt habe.

Die USA schließen ihr Land wegen Terrorismus. Aber ich wurde vor dem Terrorismus hierher gebracht. Ich wurde im Mai hierher gebracht; es geschah am 11. September.

Kannst du durch die USA reisen?

Nein. Ich wurde auf Lebenszeit verbannt, ich kann nicht rein. Wenn sie mich in den Staaten finden würden, würde ich für 20 Jahre in ein Bundesgefängnis gebracht werden und dann würde ich wieder hierher abgeschoben werden.

Ich wurde abgeschoben, weil sie mich für einen Mörder halten. Sie sagten, ich sei ein potentieller Terrorist.

Du hast uns erzählt, dass dein Hauptkampf darin besteht, dass du hier bist, aber nicht hier sein möchtest und dass du keinen Job hast. Welche Möglichkeiten siehst du, da auszubrechen, deine Situation zu verändern?

Zuerst brauche ich einen Job. Wenn ich erst mal arbeite, kann ich anfangen zu studieren. Wenn ich angefangen habe zu studieren, wenn ich das beende, einen Universitätsabschluss habe, kann ich mein eigenes Geschäft aufziehen. Ich möchte kein Angestellter für den Rest meines Lebens sein. Meine Mutter und mein Vater haben mir gesagt, ich soll kein Angestellter sein. Sie haben für ihr Geschäft gekämpft. Viele Jahre. Und jetzt haben sie es. Sie sind ihre eigenen Herren. Ich möchte auch mein eigener Boss sein. Ich möchte von niemandem abhängig sein, denn, stell dir vor, wenn sie dich nicht mehr brauchen. Was kannst du dann machen, dann bist du alt.

Wenn ich nach Deutschland gehe, möchte ich einen Universitätsabschluss haben. Ich möchte kein Flüchtling sein ohne Bildung. Der erste Schritt meine Situation zu ändern ist einen Job zu bekommen, Menschen kennen zu lernen, die mir helfen können, denn ich habe es die letzten Monate alleine probiert, und es hat nicht geklappt.

Wenn Du jetzt deine Situation nimmst. Wie wichtig ist das für dich, die Homies Unidos, dieses Kunst-Programm und die Musik? Denkst du, dass Graffiti und die Kunst hier auch Versuche sind, die Situation zu ändern? Ist es eine Form des Widerstandes?

Das hat zu tun mit der HipHop-Kultur. Es ist ein Versuch etwas von der Kultur der Staaten hierher zu bringen. Um Menschen die Augen zu öffnen, um die Verbindung zu sehen. Die Kids wollen nicht, dass Menschen auf sie herabschauen. Ich mache bei einer non-profit-Organisation mit, helfe Kindern. Wir geben ihnen einen Ort, Zeit, bestimmte Stunden, die sie nicht auf der Straße sind. Wo sie nicht in Ärger geraten, wo sie eine andere Art von Handwerk lernen, denn Graffiti kann auch benutzt werden um Geld zu machen. Deswegen will ich Grafikdesign studieren. Manche Menschen können von der Kunst, dem Dichten leben, Rappen. Die Kids sind gut in dem, was sie machen. Sie können damit Geld machen später. Ich arbeite von acht bis fünf, wenn ich nachts singe, kann ich extra Geld machen. Und hoffentlich wird sich das hier bald ausdehnen. Es kann klappen und uns sehr helfen. Es kann uns das ganze Leben lang helfen.

Die Menschen hier haben es nötig, dass man ihnen die Augen öffnet. Die Kultur hier ist sehr geschlossen, sehr engstirnig. Mehr Menschen wachrütteln. Die Bewegung findet statt, langsam kann man das sehen. Wenn es einmal ins Rollen kommt, wird es sehr stark, aber auf eine friedliche Art und Weise. Liebe, keine Gewalt. Keine Gewalt, keine Drogen, kein Alkoholismus. Wenn jemand betrunken kommt, muss er gehen, er kann nicht mittanzen. Das ist um zu helfen. Man kann high werden vom Tanzen, ich werde high vom Malen.
 

(sp)
"Ich habe alles verloren, was ich in den USA hatte"
Erschienen in: Info-Blatt 62  des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2003

 

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