Hoffnung ist die Basis für Veränderung

 

"Ich kann Ihnen sagen, wenn diese Privatisierungen durchkommen, werden mehr Leute sterben."

 Wie heißen Sie, wie alt sind Sie, was arbeiten Sie, haben Sie Familie?

Mein Name ist José Atilio Morales Vázquez. Ich wohne im „Barrio La Merced, San Rafael Oriente“ im Bezirk „San Miguel“. Ich arbeite als Tagelöhner in der Landwirtschaft. Mein Einkommen, das kann ich sagen, ist gering. Wir verdienen drei Dollar am Tag und manchmal wird nur an wenigen Tagen gearbeitet, da es keine Arbeit gibt. Wir Menschen auf dem Land fühlen uns ziemlich niedergeschlagen, da es ohne Arbeit keine Beschäftigung gibt. Das Produkt des Bauern hat wenig Wert, so muss er 3.000 oder vielleicht 3.500 Colones (18,75 Colones sind 1 US-Dollar) investieren und verkaufen kann er sein Produkt nur für gute 2.000 Colones. Deshalb wird in der Landwirtschaft momentan nicht viel gearbeitet, da Verlust gemacht wird.

Vielleicht können Sie einen typischen Tag in Ihrem Leben beschreiben. Wann stehen Sie auf, wann gehen Sie zur Arbeit, wann kommen Sie nach Hause? Wie leben Sie…?

Wir, die Menschen auf dem Land, stehen im Allgemeinen immer früh auf, manchmal um halb fünf. Nach dem Aufstehen waschen wir uns, während wir darauf warten, dass unsere Frau uns das Essen macht, das wir dorthin mitnehmen, wo wir arbeiten. Ich bin verheiratet, meine Frau heißt Marta Adelina Calderón de Mural.

Wir haben vier Kinder auf die Welt gebracht. Vier, von denen haben wir im Moment nur zwei im Haus, einen ganz kleinen Jungen und einen schon großen Sohn, der bereits 21 ist. Die anderen sind bereits verheiratet. Das Leben wird uns aus verschiedenen Gründen schwer gemacht. Das Haus, das ich habe, brach beim Erdbeben 2001 zusammen. Die Wände stürzten ein, aber nicht alle. Ich wohne in einem Hüttchen, sagen wir besser einer Wellblechhütte. Wir überlegen uns ständig, wie wir ein Haus bekommen können. Man macht es uns schwer, denn wenn man drei Dollar verdient, ist es nicht leicht ein Haus zu haben. Es reicht nur für das Essen. Gerade ist eine Institution gekommen. Sie versprach uns in diesen Angelegenheiten zu helfen. Dort, wo ich lebe, soll nur neun Familien geholfen werden, aus dem Grund, dass die Leute keine Papiere, keinen Besitztitel oder ein anderes amtliches Schreiben für ihr Land haben. Deshalb werden nicht alle aus der Gemeinde, deren Häuser zusammengebrochen sind, berücksichtigt. Wir haben immer mit der Hoffnung gelebt ein Haus zu haben, aber bisher ist sie nicht erfüllt worden. Es ist in Arbeit. Sie haben die Kopien des Eigentums mitgenommen, aber bisher ist kein Zuständiger für die neun Häuser gekommen. Meine Familie ist unter den neun ausgewählten, aber wir warten immer noch.

Hat die Regierung nach dem Erdbeben Hilfe geleistet?

An dem Ort, an dem ich lebe, war die einzige Hilfe Holz und Wellblech, um Hütten bauen zu können. Aber andere Hilfe, wie etwa Lebensmittel, nein. Man bekam das Blech und das Holz und sie sagten, sie würden uns 1.500 Colones schenken, doch von den 1.500 kamen zunächst nur 200, dann 400. Die restlichen 900 Colones behielt der Bürgermeister, um Müllwägen zu bestellen, den Schutt weg zu räumen. Aber tatsächlich ist es so, dass es kaum feste Häuser gab, die einstürzten. Es stürzten die Häuser mit Erdwänden ein, so gab es kaum Schutt, und es kamen keine Müllwägen. So blieb das Geld beim Bürgermeister. Ich denke, dass es hier an Kontrolle oder Vertrauenswürdigkeit fehlt.

Sie sagten bereits, dass Sie drei Dollar am Tag verdienen. Kann man damit die Grundbedürfnisse abdecken? Wie viel Geld bräuchten Sie für ein besseres Leben?

Nein, drei Dollar sind nicht ausreichend. Drei Dollar sind umgerechnet 26 Colones und 25 Cent. Die Kosten für die Grundversorgung liegen wesentlich darüber, das ist eine Misere. Wenn wir auf den Markt gehen, wo die Nahrungsmittel billiger sind, werden sie drei Dollar berechnen, aber für eine Person. Wir sprechen vom Markt, nicht zu sprechen von anderen Orten, die höher auf der Skala stehen, wo das Essen teurer ist. Mit drei Dollar eine Familie unterhalten, die möglicherweise vier oder fünf Kinder hat, ist eine Misere.

Sie haben schon einige Alltagskämpfe beschrieben. Haben Sie auch Probleme, das Wasser, das Licht und ähnliches zu bezahlen? Wie stehen Sie zu Privatisierungen?

Lassen Sie uns davon sprechen, was Telefonieren für die Leute bedeutet. Als Antel, das wir heute Telecom nennen, noch Eigentum des Staates war, konnte man mit 35 oder 40 Cent telefonieren. Heute ist es schwieriger, denn ein Gespräch, das jemand mit einer Telefonkarte führen will, kostet drei Dollar. Ein Tag Arbeit, und man hat wenig Zeit, vielleicht 15 Minuten, das ist wenig, sehr wenig. In Bezug auf den Strom ist der Preis auch sehr gestiegen. Das ist schwierig hier, Strom ist sehr teuer, früher war er billiger. Das Wasser genauso, wenn sie das privatisieren, wird es schwer. Ich werde Ihnen ein Beispiel geben: Ein Mensch auf dem Land verdient wohl drei Dollar, was der übliche Tagessatz ist, wovon das Essen, Trinkwasser, Kleidung, Medikamente weggehen und der Strom bezahlt werden muss; das ist keine einfache Sache. Sie können darüber eine Rechnung aufstellen, dass es uns hier, den armen Leuten, mit dem Leben, das wir im Augenblick führen müssen, nicht leicht gemacht wird.

Wenn Sie krank werden würden, wäre es Ihnen möglich Medikamente zu kaufen, zum Arzt zu gehen oder wäre das zu teuer?

Wenn ich zum Arzt gehe, sind die Kosten für den Besuch zehn Dollar, zehn Dollar nur für den Besuch, die Medikamente müssen extra bezahlt werden. Uns würde es noch schwerer gemacht werden, wenn das Gesundheitssystem privatisiert würde. Ich hatte ein einschneidendes Erlebnis. Ein Freund von mir wurde krank, und als er im Sterben lag, hatte er kein Geld, um sich nachts ins Krankenhaus bringen zu lassen. So mussten wir ein Polizeiauto holen, damit sie uns halfen, ihn aus dem Bett und ins Krankenhaus zu bringen. Denn wenn man extra ein Fahrzeug bestellt, muss das bezahlt werden, aber da er kein Geld hatte, lief ich los. Ich kann Ihnen sagen, wenn diese Privatisierungen durchkommen, wer weiß, werden mehr Leute sterben. Denn für das privatisierte Krankenhaus muss man zahlen, und der Arme hat nichts, wovon er das bezahlen könnte, das wäre ein ernstes Problem. Deswegen würden wir niemals, niemals wollen, dass die Gesundheit oder die Bildung privatisiert werden. Ich bin mir vollkommen sicher, dass es dann mehr Analphabeten gäbe, deshalb wollen wir die Privatisierung nicht. Doch die Regierungen lenken die Geschehnisse und können machen, was sie wollen; so kann es passieren, dass wir vom Regen in die Traufe kommen.

Denken Sie, dass diese Schwierigkeiten individuell behoben werden können, oder muss ein gemeinsamer Kampf geführt werden?

Diese Probleme können nicht individuell gelöst werden. Das muss gemeinsam geschehen. Allein ist es schwer, denn wenn ich mich in meinem persönlichen Fall an den Herrn Präsidenten wenden und sagen würde: „Nein, privatisieren Sie nicht, wir werden in ein großes Unglück laufen.“, würde er mir nicht einmal zuhören. Es würde mir erst gar nicht erlaubt werden, mich mit ihm zu unterhalten. Das Beste wäre es, wenn sich die Armen mit den Leuten der Mittelschicht vereinen würden, damit die Privatisierungen nicht durchkommen und damit sie überhaupt angehört werden.

Haben Sie die Hoffnung, die Situation zu verändern, oder sind Sie völlig hoffnungslos?

Die Hoffnung darf man nie verlieren, die Hoffnung, dass es einen Wandel gibt. Die Hoffnung ist die Basis um etwas verändern zu können, die Dinge zu verbessern. Es wäre das Beste, die Hoffnung zu behalten, auf Gott zu vertrauen, eines Tages kann der Wandel kommen, dass es den Armen besser geht. Die Hoffnung behalten, sich mit der Mittelklasse vereinen, weiter kämpfen, damit man vielleicht nach und nach eine Veränderung erzielt. Nach und nach kann etwas erreicht werden.

 

(sp)
"Hoffnung ist die Basis für Veränderung"
Erschienen in: Info-Blatt 62  des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2003

 

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