Editorial

Alltagskämpfe

Globalisierung und Widerstand im Alltag

Zwölf Leute zwischen 17 und 33 Jahren aus München und Umgebung halten sich fünf Wochen in El Salvador auf, leben drei Wochen in Familien auf dem Land und arbeiten bei einem Bauprojekt der Partnerorganisation des Ökumenischen Büros mit, um anschließend zwei Wochen lang in der Hauptstadt Gespräche über die aktuelle politische und soziale Situation in El Salvador zu führen. Die diesjährige Solidaritätsbrigade.

Unser Schwerpunktthema war die neoliberale Globalisierung, die dort zur Zeit unter anderem in dem zwischen Zentralamerika und den USA verhandelten Freihandelsvertrag CAFTA (Central American Free Trade Area, siehe Infoblatt Nr. 61)  greifbar wird. In der Auseinandersetzung mit so abstrakten Themen wie beispielsweise Freihandel ging es uns in erster Linie darum, die Auswirkungen neoliberaler Globalisierung auf das Alltagsleben von Menschen zu erfahren und ausgehend davon eine Kritik an eben dieser Politik anzusetzen, sowie mögliche Formen des Widerstands kennen zu lernen und zu diskutieren. Wie es eine Teilnehmerin der diesjährigen Brigade formulierte, geht es dabei um ein Politikverständnis, das „am Menschen ansetzt und nicht am Anstieg von Exportraten“. Wichtiger Bezugspunkt bei einem solchen Politikverständnis ist neben dem Alltag der Menschen in El Salvador auch unser eigener Alltag. Unsere Lebensrealitäten in Deutschland und die der Menschen, mit denen wir in diesen fünf Wochen gelebt, gearbeitet und geredet haben, können unterschiedlicher kaum sein. Der Alltag einer Mitte zwanzigjährigen Studentin, die es sich leisten kann, neben dem Studium nicht arbeiten zu müssen, und der Alltag eines Landarbeiters, der tagtäglich damit beschäftigt ist, das Überleben seiner Familie sicherzustellen, haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun.

Vor diesem Hintergrund ist das diesjährige Brigadeprojekt „Alltagskämpfe“ entstanden, das sowohl die Alltagskämpfe von Menschen aus Mittelamerika, als auch die von Menschen aus Deutschland, unter anderem auch unsere eigenen, zum Thema hat. Für dieses Projekt haben wir insgesamt 18 Interviews geführt, die um die Themen Alltagskämpfe, Auswirkungen der neoliberalen Globalisierung auf das eigene Leben und mögliche Formen des Widerstands im Alltag kreisten. Ziel dabei war, nicht für oder über Leute zu sprechen, sondern sie selbst sprechen zu lassen, weshalb wir auch bewusst auf eine Vorabdefinition von Alltagskämpfen verzichtet und diese unseren jeweiligen GesprächspartnerInnen überlassen haben. Allerdings haben wir unsere eigenen Positionen durch die Fragen, die wir gestellt haben, eingebracht und eine politische Richtung durch die Auswahl unserer GesprächspartnerInnen vorgegeben: Sie sollten etwas mit uns oder der Brigade zu tun haben. In El Salvador waren es Menschen, denen wir im Rahmen der Brigade begegnet sind, in Deutschland zu einem Teil wir selbst, zum anderen Leute, mit denen wir im Zusammenhang der Brigadevorbereitung zu tun hatten oder Leute, die wir aus anderen politischen Zusammenhängen kennen. Zusätzlich zu den Interviews haben wir die GesprächspartnerInnen fotografiert, wobei nicht wir, sondern sie selbst bestimmten, wie sie fotografiert werden wollten.

Aus den Interviews und den Bildern planen wir eine spanisch-deutsche Ausstellung, die sowohl in München als auch in El Salvador im nächsten Jahr zu sehen sein soll. In diesem Infoblatt-Schwerpunkt veröffentlichen wir Auszüge aus fünf der Interviews, die wir mit Leuten aus El Salvador führten.

Außerdem findet Ihr/finden Sie in diesem Infoblatt wie immer aktuelle Infos aus den einzelnen Ländern, Rezensionen und Veranstaltungshinweise sowie eine kleine Bildcollage von unserem 20-Jahres-Fest im November 2003.

Viel Spaß beim Lesen!

 

 

Eure Redaktion Nr. 62

"Editorial"

Erschienen in: Info-Blatt 62  des Ökumenischen Büros

München

Dezember 2003

 

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