Aus dem Logbuch

60 Leute an Bord


Color is what my arms feel
even through shirt sleeves,
taste is the work of my eyes,
my lips and tongue see.
love:
it is a tonic I drink with my senses,
it is molasses, sassafras

                   Faye Kicknosway
                   2nd chance man
 

Im Juni 1994 hisste in Chiapas in Mexiko ein Schiff seine Segel, mitten in den Bergen, mitten im Schoß der Maya. Dieses Schiff, für manche eher eine "Muschel im Meer", sollte alle zum Treffen von Aguas Calientes Eingeladenen beherbergen. Ein riesiges Gelände mit großen Zeltplanen, mächtigen Segel gleich, mit Bänken für die Zuschauer oder Ruderer, einer Küche und Schlafgelegenheiten für die Gäste, einer kleinen, behelfsmäßigen Krankenstation und einer Bibliothek.
Zusammen mit der lokalen Zivilgesellschaft und den ausländischen Teilnehmern gelang es der EZLN, das Schiff mit ihren berechtigten Forderungen zu beladen, den grundlegendsten, aber auch am schwierigsten zu erfüllenden, nämlich "Gerechtigkeit, Land, Freiheit und Friede in Würde".

Das Militär als der unterdrückerische Arm der Regierung enterte das Schiff und seine Besatzung zerstreute sich im Urwald, um sich später neu zu organisieren.

Im April 1998, in Cañada de Perla Chiapas in der Nähe von Ocosingo (einem der Orte mit den meisten Militärposten in dieser Zone) ging Sergio Valdez Ruvalcaba (Checo) mit einem weiteren, kleinen Boot unter Segel, beladen mit Hunderten von Farben. Dort malte er ein Wandbild zusammen mit den Künstlern des Ortes, Künstlern, die die Arbeit auf den Mais- und Reisfeldern und im Kaffee liegen ließen, um den Pinsel in die Hand zu nehmen und einen kleinen Teil ihrer Sicht der Welt und ihres täglichen Lebens zu malen. Für einmal klebten an den Händen der Indigenas nicht Dung oder Erde, sondern Farben.

Checo hat bei der Verwirklichung verschiedener Wandbilder mitgewirkt, auch im Gefängnis von Chiapas, als er wegen des Malens eines Wandbildes mit "deutlich politischem Inhalt" eingesperrt war und der "Rebellion" beschuldigt wurde.
 

Landgang in München

Dieses Mal war Checo eingeladen, ein Wandbild zu malen, ein Wandbild im Zentrum des Viertels, das einmal das Künstlerviertel Münchens war, am Elisabethplatz in Schwabing. Die Vorbereitungen für dieses Wandbild dauerten ungefähr zwei Wochen. Am Anfang stand die Formulierung der Ideen und Vorstellungen, die sich zu einem konkreten Bild verdichteten, das dann auf einer Wand von 10 mal 11 Metern verwirklicht werden sollte. Wie die Besatzung eines Schiffes, eines Piratenschiffes auf offener See, kletterten die Leute, als es dann endlich mit dem Malen losging, auf dem Gerüst herum, stiegen hinauf und wieder herab, in einer Hand den Pinsel und Brot in der andern, und sangen und tanzten, ganz auf mexikanische Art, auf dem Gerüst herum. Manchmal konnte man die Personen des Wandbildes mit den Künstlern selbst verwechseln, es schien, als ob die Künstler ganz einfach in das Wandbild eintraten und wieder heraustraten.

Menschen verschiedenen Alters, aus verschiedenen Ländern arbeiteten auf der Werft zusammen, gaben dem Bild Farbe und Leben; Menschen aus Asien, Europa, Lateinamerika und selbstverständlich eingefleischte Münchner. Das Wandbild sollte die Ideen aller Alterstufen und Geschmäcker enthalten, vom einfachen, aber deshalb nicht weniger wichtigen Fußballspiel bis hin zur polizeilichen Repression in Europa, von der Ausgrenzung ethnischer Minderheiten bis hin zum angenehmen täglichen Leben in München. Die Nachbarn gaben gute Kommentare zum Bild ab, einige reihten sich ein in die Reihen der Künstler und der eine oder andere brachte Musik mit zum Zeitvertreib. Es war wichtig, dass das Gemälde auch den Nachbarn gefiel, da sie es sind, die Tag für Tag mit dem Bild leben müssen.
Wir laden alle ein, die Barkasse zu besteigen, wenn sie nach Schwabing kommen, sich Zeit zu nehmen und sich satt zu sehen und zu laben an den Farben, an dem bitteren und süßen Geschmack, mit diesem mexikanischen Anklang, dieser Dualität des Mexikanischen, in der sich Schwarz und Weiß mischen, Tod und Leben, das Gute mit dem Schlechten.
 
(Bilder anschauen...)

Francisco Jaimes (Paco)
Übersetzung: Eva-Maria Bach
"Color is what my arms feel"
Erschienen in: Info-Blatt 53  des Ökumenischen Büros
München
Oktober 2001

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