Internationale Solidarität und planetarische Kämpfe

Giftiger Schaum am Wasserfall El Salto de Juancatlán
Giftiger Schaum am Wasserfall El Salto de Juancatlán Foto: Arquímides Flores

Von Alan Carmona Gutiérrez / Un Salto de Vida

Bereits seit Jahrhunderten gibt es auf der ganzen Welt Formen von interethnischen, „internationalen“ Allianzen. Sie wurden gebildet, um sich gegen gemeinsame Gegner zu verbünden, deren wachsende Macht nicht nur bereits unterdrückte Bevölkerungen gefährdete, sondern auch andere, die sich weiter weg befanden. Dennoch formierte sich der Begriff des Internationalismus und der internationalen Solidarität unter den Unterdrückten erst im 18. Jahrhundert mit der Gesellschaft der Brüderlichen Demokraten und anderen Organisationen, die in der Ersten Internationale und im Aufruf an die Arbeiterklasse zur Vereinigung gegen die bürgerliche Ausbeutung gipfelten.(1)

Wenngleich der Internationalismus früher mit der Arbeiterbewegung verbunden war, so ist unser nächster Bezugspunkt heute der Zapatismus, seit die EZLN 1996 zum Ersten Interkontinentalen Treffen für die Menschheit und gegen den Neoliberalismus(2) einlud. Der Aufruf zu diesem Treffen lautete wie folgt: „Gegen die Internationale des Schreckens, die der Neoliberalismus darstellt, müssen wir die Internationale der Hoffnung erheben. Die Einheit jenseits der Grenzen, Sprachen, Hautfarben, Kulturen, Geschlechter, Strategien und Gedanken all derer, denen eine lebende Menschheit lieber ist.“(3) Damit gelang es, Kämpfe für Autonomie, die Verteidigung des Territoriums und indigene Rechte auf der ganzen Welt zu inspirieren.

Der Bruch mit dem traditionellen Konzept von Klasse (mit dem die großen vorangegangenen Bemühungen abgesteckt waren) und der Aufruf, sich dem Neoliberalismus entgegenzustellen und die Menschheit zu verteidigen, beflügelte wichtige Mobilisierungen gegen die Globalisierung in verschiedenen Regionen wie beispielsweise Seattle (USA), Genua (Italien), Davos (Schweiz), Johannesburg (Südafrika), Guadalajara (Mexiko) usw., bei denen es auch zu Repressionen, Ermordungen und Folter durch die Polizeikräfte des jeweiligen Landes kam.

Entgegen aller Kritik, die ihr Naivität, mangelnde Organisation und das Fehlen einer klaren politischen Agenda vorwarf, stellte die globalisierungskritische Bewegung die angeblichen Bemühungen zur Bekämpfung der Armut durch internationale Verträge und die Abkommen gegen den Klimawandel in Frage. In diesem Sinne wurden parallele Gipfeltreffen von Gemeinschaften und Organisationen ins Leben gerufen, an denen auch wir als Kollektiv teilnahmen, wie 2010 beim Klimaforum in Cancún gegen die COP16 und 2012 beim Alternativen Weltwasserforum (FAME) in Paris gegen das Weltwasserforum.

Im Jahr 2006 startete der Zapatismus mit der Anderen Kampagne in Mexiko eine Initiative, um die Menschen von unten in einer landesweiten Bewegung zusammenzuführen. Auf seinem Weg durch El Salto, Jalisco, schlug der Subdelegierte Null (Subcomandante Marcos) unter anderem vor: „dass wir gemeinsam zu einem landesweiten Treffen zur Verteidigung des antikapitalistischen und linken Daseins aufrufen“(4) – eine Anstrengung, die jedoch wegen der Repression von Atenco und aus anderen Gründen seitens der EZLN nicht konkretisiert wurde. Doch wurde dieser Aufruf dann 2007 mit der Gründung der Nationalversammlung der Umweltgeschädigten (Asamblea Nacional de Afectados Ambientales, ANAA) realisiert, die bei ihren ersten Versammlungen mehr als 160 Gemeinden aus ganz Mexiko zusammenführte. Leider wurden diese Versammlungen wegen diverser Widersprüche und Mobilitätsprobleme 2015 eingestellt.

Dennoch bleiben die Gemeinden, Organisationen und Individuen weiter verbunden. Im Jahr 2019 führten wir die #ToxiTourMexico durch, eine Reise durch Gebiete in Mexiko, die unter Umweltzerstörung und toxischer Verschmutzung infolge des Freihandels leiden. Ausgehend von der inneren Stärkung unserer Prozesse nehmen wir diese Bemühung wieder auf, um unseren Kampf trotz der großen Einschränkungen, die uns durch die Pandemie auferlegt werden, weiter zu internationalisieren. Dabei zählen wir auf das anhaltende Engagement der beteiligten Organisationen aus Europa, den Vereinigten Staaten und Südamerika. Aus diesem Prozess sind interessante Reflexionen mit den Beteiligten über die Herausforderungen entstanden, die die internationale Solidarität bewältigen muss.

Eine davon ist die notorische Diskrepanz zwischen den materiellen Voraussetzungen der europäischen Organisationen und der Organisationen Lateinamerikas (und der übrigen Kontinente), die es schwierig macht, in gemeinsamen Prozessen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Zeit und Ressourcen zu erreichen. Das führt immer wieder zu Schwierigkeiten bei der gemeinsamen Arbeit, von Paternalismus über die Aneignung kritischer Stimmen bis hin zur Bequemlichkeit und Abhängigkeit von Organisationen, die kaum eigene Mittel haben. Es ist daher wichtig, solidarische Beziehungen auf Augenhöhe anzustreben, wobei der Dialog und Austausch zwischen Gemeinschaften und Organisationen, die diese Formen hinterfragen, in allen Breitengraden von entscheidender Bedeutung ist.

Wir müssen erkennen, dass es zwischen der Selbstwahrnehmung derer, die sich in Europa mobilisieren, und unseren Kämpfen nicht nur unterschiedliche, sondern sogar gegensätzliche Ausgangspunkte gibt, was das Verständnis der Realität und des Kampfes angeht. Das Gespräch über die Privilegien Europas und somit der europäischen Organisationen ist nicht neu, aber durchaus wichtig, damit wir uns darüber im Klaren sind, wie sich das – zusammen mit dem Willen und den materiellen Möglichkeiten – auf die politische Arbeit für die Umwelt auswirkt. Dabei müssen wir unbedingt deutlich machen, dass die politische Arbeit in unserem Kontext nicht (nur) aus unserem Willen, sondern auch aus der Notwendigkeit heraus entsteht. Angesichts der Katastrophe sind wir gezwungen, aktiv zu werden, weil unser Leben davon abhängt.

In Europa und in Mexiko gibt es beispielhafte Kämpfe, sei es zur Verteidigung von Territorien als auch in Form von Organisationen in Freiwilligen- oder Arbeitskontexten. Wir müssen unsere Unterschiede zu ihnen kennen und dürfen sie nicht ausblenden. Nur so können wir organisatorische Prozesse aufbauen, die diese Gegensätze berücksichtigen. Wie wichtig das ist, zeigt sich daran, dass nicht selten mit lokalen Nicht-Regierungsorganisationen (NRO) zusammengearbeitet wird, die jene Motivationen erfüllen, was zu einer Verteilung von Projekten und Ressourcen nach dem Gießkannenprinzip führt, die sich nur selten in einer Unterstützung der Proteste niederschlägt. So hat die Entwicklungszusammenarbeit zwischen Stiftungen mit öffentlichen oder privaten EU-Mitteln als vermeintliches Zeichen internationaler Solidarität bislang lediglich dazu gedient, die Autonomie kämpfender Gemeinschaften zu untergraben, lokale Prozesse zu behindern und eine Asymmetrie zwischen den begünstigten NRO und der Bevölkerung herzustellen, was den politischen Einfluss und die Sichtbarkeit angeht. Die NRO, die diese Mittel in der Regel erhalten, sind nach wie vor nicht Teil der Gemeinden.

Bei einem Vortrag im Iraultza Txikien Akanpada(5) in Artea, Bizkaia, verwies Raúl Zibechi darauf, dass es seitens der Kämpfe von Abya Yala mittlerweile zu einer schlechten Angewohnheit geworden sei, Europa lediglich als Quelle wirtschaftlicher Ressourcen zu sehen. Zwar kann dies als symbolischer Beitrag aufgrund einer historischen Schuld an der Bereicherung dieses Kontinents durch jahrhundertelange Plünderungen gesehen werden, so sollte nicht vergessen werden, dass dasselbe System auch die Rechte und Territorien der ursprünglichen Gemeinschaften des heutigen Europas mit Füßen getreten hat, während sie weiter Widerstand leisten. Das ist auch der Grund, warum die Zapatistas bei ihrer Reise für das Leben erklärt haben, dass es ihnen nicht nur um eine Entschuldigung für die letzten 500 Jahre geht, sondern um einen „Austausch von Geschichten, Wissen, Gefühlen, Einschätzungen, Herausforderungen, Misserfolgen und Erfolgen [...] Wir sind der Meinung, dass dieser kritische Blick des «Außenseiters» notwendig und lebenswichtig ist, da er uns erlaubt, Dinge zu sehen, die in der Hitze des Kampfes nicht gesehen werden. Und er trägt – Obacht! – zu Wissen über die Genealogie der Bestie, ihre Transformationen und ihr Funktionieren bei.“(6)

Jenseits des Zapatismus gibt es in Mexiko Hunderte weitere Organisierungsprozesse, die ebenfalls auf internationale Solidarität angewiesen sind und viel zu den Kämpfen auf anderen Kontinenten beitragen können. So haben wir beispielsweise im Rahmen der #ToxiTourMexico 2019 ein Netzwerk mit europäischen, US-amerikanischen und südamerikanischen Organisationen aufgebaut und gestärkt. Dieses Netzwerk entstand nicht aus bloßem Mitgefühl mit unserem Unglück, sondern weil wir verstanden haben, dass wir den industriellen Projekten des Kapitalismus von verschiedenen Fronten aus entgegentreten und dies in gemeinsamen Prozessen verbinden müssen.

Während in Europa und den Vereinigten Staaten der größte Teil des Kapitals angesiedelt ist, Freihandelsabkommen durchgesetzt werden und der höchste Energie- und Warenverbrauch der Welt auf diese Regionen zurückgeht, erleben wir in Mexiko die Auswirkungen dieser unregulierten Industriewirtschaft, die aufgrund von toxischer Verschmutzung Krankheiten hervorruft, und Südamerika leidet unter dem Abbau von Commodities für den Export, wodurch den Gemeinden gewaltsam ihre Lebensgrundlage entzogen wird. Diese allgemein gehaltenen Aussagen sollen hier nur als Beispiele dienen, denn wir wissen wohl, dass die Realität viel komplexer ist. An dieser Stelle geht es uns lediglich darum, die Notwendigkeit zu betonen, uns über unser eigenes Territorium hinaus zu vernetzen, weil wir beschlossen haben, uns diesem System des Todes, das ohne jede Einschränkung oder logische Grenze funktioniert, in den Weg zu stellen.

Wir glauben, dass wir in den internationalen Beziehungen unserer Kämpfe die Vorstellungen von institutioneller Solidarität, Wohlwollen und Hierarchien überwinden müssen. Es ist dringend notwendig, die Prozesse zu dekolonisieren und die Kapazitäten und Ressourcen jeder Gemeinschaft einzuordnen, uns als gleichberechtigt anzusehen, ohne unsere Unterschiede aus den Augen zu verlieren, Autonomien zu respektieren und darauf zu achten, dass die Sprachen und Materialien, die entwickelt werden, wirklich uns allen dienen können, je nach ihren/unseren Bedürfnissen. Die Ressourcen und die Zeit, die auf gleichberechtigte Weise bereitgestellt werden und den Gemeinschaften oder der Nothilfe in Risikosituationen dienen können, dürfen nicht mehr durch die Schmelztiegel der Bürokratie wandern, sondern müssen von unten aufgebaut werden.

Die globalen Prozesse der Enteignung, Ausbeutung und Plünderung des Lebens als Ganzes haben zerstörerische Folgen, die über Grenzen hinausreichen. Deshalb lautet der Aufruf, die lange Geschichte der internationalen Solidarität fortzuführen, jenseits von allem Nützlichkeitsdenken und einer Instrumentalisierung durch die eine oder andere Seite. Es ist nämlich an der Zeit, planetarische Kämpfe aufzubauen.

(1) Novack, 1977, La Primera Internacional (1864-76). Auf Spanisch verfügbar unter: https://www.marxists.org/espanol/novack/1977/1inter.htm
(2) Besser bekannt als Intergalaktisches Treffen.
(3) An alle, die für die menschlichen Werte der Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen. An alle, die sich darum bemühen, dem weltweiten Verbrechen namens «Neoliberalismus» zu widerstehen, und danach streben, dass die Menschheit und die Hoffnung, besser zu werden, zu Synonymen der Zukunft werden. An alle Individuen, Gruppen, Kollektive, Bewegungen, soziale, politische und Bürgerrechts-Organisationen, an alle Gewerkschaften, Nachbarschaftsorganisationen, Kooperativen, an alle vergangenen und zukünftigen Linken, Nicht-Regierungsorganisationen und Gruppen der Solidarität mit den Kämpfen der Bevölkerungen der Welt, Banden, Stämme, Intellektuelle, Indígenas, Studierende, Musiker*innen, Arbeiter*innen, Künstler*innen, Lehrer*innen, Campesines, Kulturinitiativen, Jugendbewegungen, alternative Medien, Umweltbewegte, Slumsiedler*innen, Lesben, Homosexuelle, Feminist*innen, Pazifisten*innen. An alle Menschen ohne Haus, ohne Land, ohne Arbeit, ohne Nahrung, ohne Gesundheit, ohne Bildung, ohne Freiheit, ohne Gerechtigkeit, ohne Unabhängigkeit, ohne Demokratie, ohne Frieden, ohne Heimat, ohne Morgen. An alle, die gleich welcher Hautfarbe, ethnischer Herkunft oder Grenzen die Hoffnung zu ihrer Waffe und ihrem Schild machen. (Subcomandante Marcos, 1996) Erste Erklärung aus La Realidad. Gegen den Neoliberalismus und für die Menschheit. Auf Spanisch verfügbar unter: https://enlacezapatista.ezln.org.mx/1996/01/01/primera-declaracion-de-la-realidad-contra-el-neoliberalismo-y-por-la-humanidad/
(4) (SCI Marcos, 2006): https://enlacezapatista.ezln.org.mx/2006/03/22/reunion-en-el-salto-jalisco-20-marzo/
(5) Camp der kleinen Revolutionen: https://omal.info/spip.php?article9546
(6) SupGaleano, (2021), La travesía por la vida: ¿a qué vamos? Verfügbar unter: http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2021/06/27/la-travesia-por-la-vida-a-que-vamos/

Aus dem Spanischen von Katja Rameil

Gefördert durch Engagement Global mit Mitteln des BMZ sowie durch Katholischer Fonds und Brot für die Welt

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