Editorial

Willkommen zu unserer Publikation „Tejiendo Solidaridad - Für die Verteidigung der Gemeingüter, Selbstbestimmung und ein Gutes Leben für alle“. Ursprünglich hatten wir für den Herbst 2021 geplant, mit mehreren Referent*innen aus Lateinamerikas eine Referent*innenrundreise durch Deutschland, mit einem anschließenden partizipativen Kongress in München zu organisieren. Leider hat uns die Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Als Alternative dafür konnten wir jedoch eine Reihe von interessanten Onlineveranstaltungen mit Referent*innen aus Lateinamerika organisieren, die durch die hier vorliegende digitale Publikation vertieft und ergänzt wird. Wie bei den Veranstaltungen ging es bei den Texten darum, entwicklungspolitisch relevante Themen aus der Perspektive von an der Basis aktiven Menschen aus dem globalen Süden zu darzustellen und zu verstehen. Deshalb sind wir froh, dass wir dafür Autor*innen z.B. aus Mexiko, Honduras und El Salvador gewinnen konnten.

Im ersten Beitrag beschreiben Jessica Fernandez und Randolfo Garcia wie Privatstädte bzw. die Zonen für Beschäftigung und wirtschaftliche Entwicklung (ZEDEs) die existentielle Bedrohung der Garífuna-Gemeinden in Honduras verschärfen. Dem Credo des „neoliberalen, rassistischen und patriarchalischen Systems“ stellen die Autor*innen die Philosophie und Praktiken der Garífuna-Gemeinden gegenüber. Bei diesen stehen elementare Dinge wie Ernährungssouveränität und Gesundheit sowie Harmonie und Gemeinschaftsleben im Mittelpunkt.

In El Salvador kämpfen die sozialen Bewegungen schon lange dafür, das Menschenrecht Wasser gesetzlich zu verankern. Nun hat die Regierung im Sommer 2021 das Allgemeine Wasserressourcengesetz im Parlament eingebracht. Omar Flores, Leiter der Abteilung für Kulturelle Rechte der Studienstiftung für Angewandtes Recht (Fundación de Estudios para la Aplicación del Derecho, FESPAD) diskutiert in seinem Beitrag „In El Salvador gilt das Recht auf Wasser – aber für wen?“, ob und inwiefern in dem geplanten Gesetz die fünf zentralen Forderungen der sozialen Bewegungen Beachtung finden oder ob nun doch die Privatisierung der Trinkwasserversorgung befürchtet werden muss.

Ein weiteres umstrittenes Thema in El Salvador war und ist die Einführung des Bitcoins als offizielles Zahlungsmittel neben dem Dollar. Die entwicklungspolitische Relevanz dieses Themas ergibt sich daraus, dass die Diskussion um den Bitcoin zahlreiche Aspekte beinhaltet, die sich auch in den Nachhaltigkeitszielen der Agenda 2030 wieder finden, wie z.B. Industrie, Innovation und Infrastruktur, (nachhaltiges) Wirtschaftswachstum oder keine Armut. Allerdings zeigt Julia Evelyn Martínez in ihrem Beitrag „Licht und Schatten rund um den Bitcoin“, dass der erhoffte Nutzen dieser Kryptowährung keinesfalls als gesichert gelten kann. Neben den diversen Risiken wie unvorhersehbaren Kursschwankungen und dem Missbrauch für kriminelle Aktivitäten zeigt sich die Autorin besorgt über den immensen Verbrauch umweltschädlicher Energien, die mit dem Erzeugen und Geldtransfer des Bitcoins einhergehen.

Ein weiterer Text führt uns nach Brasilien. Dabei thematisiert Christian Russau den gesellschaftlichen Disput um den Einsatz von Agrargiften. So hat deren Gebrauch dort in den letzten Jahren stetig zugenommen. Dies hat fatale Folgen für die Gesundheit der Menschen. So liegt in Gebieten mit hoher Pestizidverwendung die Krebsrate achtmal höher als in anderen Regionen. In diesem Zusammenhang profitieren auch deutsche Unternehmen durch den Verkauf von Agrargiften, die in der EU selbst jedoch nicht zugelassen sind.

In den beiden letzten Beiträge geht es um Mexiko. Leon Enrique Avila thematisiert dabei die ökologische und soziale Bedeutung von Bergfeuchtgebieten im südöstlichen Bundesstaat Chiapas.

Den Kampf für den Erhalt dieser Feuchtgebiete sind für den Autor eine „zivilisatorische Schlacht“, die durch die Schaffung von Prozessen der territorialen Verteidigung und des Kampfes für das Buen Vivir zum Aufbau neuer Identitäten beiträgt.

„Internationale Solidarität und planetarische Kämpfe“ steht im Zeichen des nachhaltigen Entwicklungsziels Partnerschaften zur Erreichung der Ziele. Alan Carmona Gutiérrez thematisiert dabei das mitunter komplizierte Spannungsverhältnis zwischen Entwicklungszusammenarbeit, professioneller bezahlter NGO-Arbeit sowie den Interessen von lokalen Basisinitiativen. Wir verstehen die Reflexionen des Autors als eine Einladung an uns in Deutschland und Europa, die eigene Rolle und die Machtasymmetrien der internationalen Zusammenarbeit konstruktiv kritisch zu hinterfragen.