„Wir Frauen bewegen die Welt“ (Text und Video)

Maria Auxiliadora Romero Cruz im Gespräch mit den Teilnehmer*innen der Soli-Reise 2017 - Foto: Tamara Sophia Kaschek

Das Red de Mujeres de Matagalpa (Frauennetzwerk von Matagalpa), ein Sprachrohr der Frauen in Nicaragua, erhebt auch auf der Straße die Stimme. Die Aktivistin Maria Auxiliadora Romero Cruz sprach Mitte August mit der Brigade aus 2017 über die Verschlechterung der Situation von Frauen in Nicaragua.

(Der Beitrag wurde erstmals im Rundschreiben 2018 des Informationsbüros Nicaragua veröffentlicht)

Gewalt gegen Frauen

Die Gewalt gegen Frauen hat in den letzten Jahren zugenommen und ist schlimmer geworden. Noch bis vor eineinhalb Jahren hat es Frauen-Kommissariate bei der Polizei gegeben. Das  meist weibliche Personal dieser Kommissariate wurde für die Aufnahme von Anzeigen bei Gewalt gegen Frauen speziell geschult. Diese sind inzwischen leider weitgehend abgeschafft. Dadurch finden keine angemessenen Untersuchungen der Anzeigen mehr statt.Die Straftaten der Männer gegen Frauen wurden durch Gerichte und Staatsanwaltschaft nicht angemessen verfolgt, ein absurdes Argument waren die zu vollen Gefängnisse. Eine Folge davon ist die gestiegene Unsicherheit bis hin zu Lebensgefahr für Frauen und eine Straffreiheit für die Täter. Dies hat eine „Welle der Straffreiheit“ ausgelöst. Es ist schon schwierig gewesen, als Frau genug Selbstbewusstsein zu haben, um eine Anzeige bei der Polizei zu machen. Nun besteht zudem die Möglichkeit, dass die Anzeige gar nicht erst aufgenommen wird, da die Polizei die Gewalterfahrung als nicht ausreichend schwer ansieht, oder man zu einer Mediation mit dem Gewalttäter rät. Ein Teil der Frauenmorde im letzten Jahr ist an Frauen verübt worden, die bereits eine Anzeige aufgegeben hatten. Frauenmorde Die Organisation Católica por el derecho a decidir (Katholikinnen für das Recht zu Entscheiden) berichtet von 39 Femiziden im Zeitraum Januar bis August 2017, d.h. Morden an Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Für Maria Auxiliadora Romero Cruz, die sowohl im Frauennetzwerk als auch im Movimiento Comunal Nicaragüense de Matagalpa (MCNM) Mitglied ist, ist die Reform des seit 2012 existierenden Gesetzes 779 eine Farce. Frauenmorde werden nicht als Frauenmorde klassifiziert, sondern unter die Zahl der Morde an sich. Zudem können Straftaten mit einem Strafmaß von bis zu vier Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. Romero Cruz stellt dazu fest: „Es gibt sehr viel Straffreiheit bei Gewalt an Frauen. Das führt dazu, dass wir als Frauen weiter aktiv gegen das Problem kämpfen. Wir können nämlich nicht gleichgültig sein und nicht still bleiben angesichts des Dramas der Gewalt, das wir von Tag zu Tag erleben.“

Abtreibungen

Seit Jahren ist selbst die therapeutische Abtreibung verboten, d.h. selbst wenn das Leben der Frau durch die Schwangerschaft bedroht ist, ist eine Abtreibung illegal. Die Mehrheit der Vergewaltigungsopfer in Nicaragua sind Mädchen unter 14 Jahre. Viele dieser Mädchen sind durch das Gesetz dazu genötigt, die Kinder zu gebären. Vorher konnten vergewaltigte Mädchen ab treiben. Jetzt geht das nicht mehr, dementsprechend müssen die Mädchen – sogar im Alter von 9 Jahren - gebären. „Das ist für uns nicht verhandelbar, weil das Ausmaß der sexuellen Gewalt so schrecklich groß ist. Sie zerstören eine ganze Generation“, kommentiert Romero Cruz.

Nicaragua steht in Lateinamerika an zweiter Stelle bei Schwangerschaften von Jugendlichen und Kindern. Bei drei von zehn Schwangerschaften handelt es sich um Jugendliche und Kinder. Im öffentlichen Diskurs wird die Behauptung vertreten, die Mädchen würden einfach „früh beginnen“. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass viele Opfer von innerfamiliärer oder sonstiger sexueller Gewalt sind und schwanger werden als Folge einer Vergewaltigung von Bekannten und Familienangehörigen. Mit der Kampagne „Diese Kreatur trifft keine Schuld“ wird kritisiert, dass der Staat die Mädchen zur Geburt verpflichtet und sie danach im Stich lässt. Es gibt keine Orte, wo die Mädchen hin können, wenn sie keine eigene Unterkunft haben. Ebenso mangelt es an einer Adoptionspolitik.Nach Romero Cruz gibt es bei den Vergewaltigungen Straffreiheit. Es ist kein Fall bekannt, in welchem eine Untersuchung stattgefunden hat, um festzustellen, von wem das Mädchen schwanger ist und unter welchen Umständen es schwanger wurde.

Arbeit von Frauen

Ein weiterer Kampf, in welchen die Frauen des Red de Mujeres de Matagalpa im letzten Jahr involviert waren, war der Kampf um die Sichtbarmachung der Arbeit, welche Frauen leisten. Ein Motto lautete: „Wir Frauen bewegen die Welt, lasst uns aufhören, um sie zu verändern.“ Dies war eine Kampagne am 8. März, an welcher sie sich beteiligten, um Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen. Mit ihrer Arbeit für die Rechte von Frauen hört das Frauennetzwerk jedoch nicht auf und Romero Cruz sagt: „Was uns bleibt ist die Arbeit fortzusetzen, um für eine Anerkennung und Verteidigung der Rechte einzutreten und zudem sexuelle Gewalt anzuklagen. Das ist uns geblieben. Wir haben nicht aufgehört anzuklagen.“

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