Beweglich wie eine Katze

22.06.2010 09:52

Tagesspiegel vom 21.06.2010


Nichts war vor ihm sicher. Ob es um Politik, Sexualität, Philosophie,
Kino oder Fußball ging ? stets war er mit einem witzigklugen Essay,
einem launigen Interview oder gleich einem ganzen Buch zur Stelle.
Mexikos Gewissen: Zum Tod des engagierten Schriftstellers Carlos Monsivaís.

Diese Omnipräsenz machte ihn zu einem der bekanntesten Intellektuellen
Mexikos. Und zum einzigen, der auf der Straße erkannt wurde, wie ein
Schriftstellerkollege neidisch bemerkte.

Denn Monsivaís scheute das Fernsehen nicht: er wusste um die Wirkung in
einem Land, in dem Bildung nach wie vor ein Privileg ist. Und obwohl
hochgebildet galt seine Liebe der unendlich bunten mexikanischen
Populärkultur, ihren Jargons, ihrem Essen, ihren Bräuchen. Diese
Zuneigung fand ihren Ausdruck im Museo del Estanquillo, das vor vier
Jahren im Zentrum von Mexiko-Stadt eröffnete. Die Geschichte der
Metropole wird dort anhand von 10 000 Ausstellungsstücken aus Monsivaís'
Privatsammlung erzählt, darunter Kunstwerke, Kalender, Spiele und Fotoalben.

1938 in Mexiko-Stadt geboren, begann Monsivaís seine Karriere in den
turbulenten Sechzigern. Das Massaker von Tlatelolco, bei dem die Armee
kurz vor den Olympischen Spielen 1968 mehrere hundert Studenten
erschoss, war der Schlüsselmoment für eine ganze Generation
mexikanischer Intellektueller, darunter auch Carlos Fuentes oder
Monsivaís' enge Freundin Elena Poniatowska. Seitdem war klar, wo
Monsivaís stand: ablehnend gegenüber der politischen und
wirtschaftlichen Elite und auf der Seite der Machtlosen. So
sympathisierte er 1994 mit den Aufständischen der Zapatistischen
Befreiungsarmee im verarmten Bundesstaat Chiapas. Und obwohl schon
schwer von einer Lungenfibrose gezeichnet, drückte er zuletzt noch seine
große Sorge über die zunehmende Ungleichheit und den eskalierenden
Drogenkrieg in Mexiko aus.

Doch das eine Werk, für das Monsivaís berühmt wäre, gibt es nicht.
Stattdessen schuf er ein schier unüberschaubares Oeuvre aus rund 50
Büchern (darunter Anthologien, Zeitzeugenberichte und Biografien über
Frida Kahlo und den Schauspieler Pedro Infante) sowie unzähligen
Kolumnen und Essays in den unterschiedlichsten Publikationen. Um
Monsivaís zu ersetzen, meinte etwa die Schriftstellerin Laura Esquivel,
müsse man schon recht viele Menschen in einem vereinen. So wurde
Monsivaís mit den Jahren nicht nur zum gefragten politischen
Kommentator, sondern auch zum Chronisten seines Landes, der ernst,
humorvoll und ätzend zugleich sein konnte und über den Carlos Fuentes
sagte, er habe das Essay in Mexiko zu neuem Leben erweckt.

Der unverheiratete Monsivaís lebte jahrelang im Haus seiner Mutter in
Mexiko-Stadt mit 20.000 Büchern und rund einem Dutzend Katzen zusammen.
Die Tiere wurden in Interviews häufig zu Protagonisten, wenn sie es sich
auf seinem Schoss gemütlich machten und der weißhaarige Monsivaís sie
seelenruhig kraulte. Im Gespräch mit einer Tierzeitschrift sagte
Monsivaís: "Die Katze ist sensibel und stark, listig und bescheiden, nah
und distanziert, niemals absolut domestizierbar, sie verteidigt ihr
Territorium und geht, wenn man sie zu sehr nervt." Es war, als ob er
sich selbst beschreibe.

Am Samstag ist Carlos Monsivaís mit 72 Jahren in Mexiko-Stadt gestorben.
Über seinem Sarg im Museum der Schönen Künste wurden drei Flaggen
ausgebreitet: die mexikanische; die der Autonomen Nationaluniversität
Mexikos, seiner Alma Mater; und die Regenbogenfahne.



Zurück