Unsere Stadt für alle

Peters-Projekt
Quelle: melek (cc); http://blog.rebellen.info/tag/gentrifizierung

 

oder: Wie kann man sich einen Porschefahrer vom Leib halten?

Die Stadt hat Konjunktur und sie ist kompliziert – ein Versuch der Klärung

(gf) Heute geschlossene Gesellschaft. Das Schild an der Eingangstür lässt vermuten, dass drinnen geraucht werden darf. Aber darum geht es nicht. In der Kneipe, die im Bayerischen als Boazn1  bezeichnet wird, findet an dem Abend eine Geburtstagsparty statt. Ein Freund von mir, überzeugter Bewohner des Wohnprojekts um die Ecke und Gegner der Gentrifizierung, feiert seinen 30. Geburtstag. Die Kneipe ist Trash. An der Decke hängen Faschingsgirlanden, es gibt Spielautomaten, an denen man gender bender und erotic games spielen kann, ab und an wird auch die Dartscheibe angebracht, darauf weist der abgetretene gelbe Klebestreifen am Fußboden hin, der den richtigen Abstand zur Scheibe markiert. Zur vollen Stunde dröhnen Radionachrichten aus den Boxen. Der Wirt sagt zu allen Du.
Trotz geschlossener Gesellschaft sitzen am runden Tisch in der Ecke vier Männer, die dort immer und an diesem Tag wahrscheinlich auch schon länger sitzen. Sie haben ihre Gesichtszüge nicht mehr so richtig unter Kontrolle. Einer von ihnen schläft immer wieder mit dem Kopf im Nacken und offenem Mund, ein anderer döst mit der Stirn auf der Tischplatte. Beide wachen auf, wenn es darum geht, stoisch das nächste Bier zu bestellen.

Machen wir hier Gentrifizierung?

Diese Kneipe unterscheidet sich deutlich von denen, die die Geburtstagsgäste sonst besuchen. Und genau das ist der Grund, warum das Fest hier stattfindet. Wir wollen anders sein. Wir wollen nicht in die schicken Kneipen gehen, die im Zweifelsfall mit dem Label „Gentrifizierung“ beschrieben werden. Von verschiedenen Gästen wird der Wunsch geäußert, hier eine Stammkneipe zu etablieren. Eine Freundin aus Berlin berichtet, wie unerträglich mittlerweile die Zustände in Kreuzberg seien. Es sei nicht mehr möglich, in die Kneipe zu gehen, ohne von oben bis unten taxiert und eingeordnet zu werden. Spaßgesellschaft und Normierung. Das sei nicht auszuhalten. Deswegen sei sie jetzt nach Neukölln gezogen, in ein Wohnprojekt. Klar, es sei ihr durchaus bewusst, dass dort auch nur Mittelschichtsweiße mit Uniabschluss eingezogen sind, aber in den Kneipen um die Ecke müsse sie sich nicht mit Yuppies abgeben, sondern freue sich über die Leute, die halt auch von woanders her kommen. Freudig und vielleicht ein bisschen belustigt zeigt sie auf den runden Tisch mit den vier schlafenden Bierdimpfeln. Geil oder, sagt sie.

Kein Kommentar

Kein Kommentar

Quelle: http://www.dataloo.de/


Auf der Tanzfläche taucht die Frage auf, ob wir hier nicht auch Gentrifizierung betreiben. Hm, sagt die eine. Jetzt ohne Witz, klar machen wir das, der andere. Naja, aber immerhin schaffen wir gerade ziemlich viel Umsatz und dadurch kann die Kneipe überleben, überlegt die dritte. Eine andere Freundin erzählt von ihrem Kollegen. Er habe, als sie ihm den Partyort nannte, gefragt, ob das jetzt so sei wie früher, als die Linken in die Fabrik gegangen sind. Wahrscheinlich nicht. Es geht nicht darum, mit denen, die da schon sind, in eine politische Auseinandersetzung zu treten. Es geht eher darum, sich irgendwie mit ihnen gemein zu machen und sich bewusst von dem abzugrenzen, was als ein negativ bewerteter Trend angesehen wird: chillige, schicke und teure Kneipen, die ein bestimmtes Publikum anziehen. Vielleicht geht es auch darum, von sich selbst das Bild des „underdogs“ zu entwerfen.
Auf einmal komme ich mir vor wie ein Teil einer paternalistischen Gruppe. Mit dem Selbstbewusstsein, zu „den Guten“ zu gehören, eignet sich die Partygang die Kneipe zumindest an diesem Tag an. Sollten wir die Leute hier nicht einfach in Ruhe lassen? Wieso gehen wir davon aus, dass die uns hier haben wollen? Unsere Musik – denn erst wird das Radio durch mitgebrachte CDs ersetzt und dann durch einen DJ mit Laptop –, unsere für uns witzigen Geburtstagseinlagen, unsere Tresengespräche zu später Stunde. Oder ist das übertrieben? Vielleicht gehen die zwei Wirte abends nach Hause und denken sich, was für ein komisches Volk, aber die Kasse hat gestimmt. Vernünftig wäre das.
Immerhin – das ist auch ein Effekt der Gentrifizierungsdebatte – machen wir uns darüber Gedanken. Gentrifizierung – der Begriff ist mittlerweile fast zu einem Maßstab für „richtiges“ oder „falsches“ Leben geworden. Wie kommt es, dass dieser ursprünglich aus der Stadtsoziologie kommende Begriff diese moralischen Aufladung erfahren hat?

Gentrifizierung – was heißt das eigentlich

Der Begriff „Gentrifizierung“ selbst ist viel älter, als es der Hype der Recht-auf-Stadt-Bewegungen vermuten lässt. Er geht auf die britische Stadtsoziologin Ruth Glass zurück, die 1964 den Zuzug von Londoner Mittelklassefamilien in den Londoner Arbeiterstadtteil Islington so bezeichnete.2  Seitdem werden Aufwertungsprozesse von innenstadtnahen Stadtvierteln in größeren Metropolen als Gentrifizierung bezeichnet. Die Erforschung der dahinter stehenden komplexen Dynamiken, Begründungsversuche, das Herstellen von ökonomischen, kulturellen und politischen Zusammenhängen sowie das Herausarbeiten der Akteur_innen (so genannte gentrifier) beschäftigen Stadtsoziolog_innen, Kulturwissenschaftler_innen und Geograph_innen. Zu den gentrifiern werden oft Künstler_innen, Intellektuelle, Studierende oder Schwule gezählt, die aufgrund ihrer meist nicht komplett normierten Lebensweise zunächst günstige Wohn- und Arbeitsräume suchen. In den Vierteln, in denen sie leben, entstehen dann (sub)kulturelle Angebote an Kneipen, Läden und Galerien, die das Viertel auch für eine bürgerliche Mittelschicht attraktiv machen. Die Folge: Mieten steigen, über den Zuzug von Teilen der bürgerlichen Mittelschicht verändert sich die Zusammensetzung des Viertels, die Menschen, die sich die höheren Mieten nicht mehr leisten können, müssen wegziehen.
Zugegeben: Gentrifizierung ist sehr viel komplexer, als das in dieser Beschreibung deutlich wird. In den Grundzügen passiert jedoch genau das. Daraus wird deutlich: Viele von uns, die wir uns als Gentrifizierungskritiker_innen verstehen, sind Teil des Aufwertungsprozesses. Wir sind offensichtlich die, die zuerst kommen, sich in Vierteln mit billigen Mieten Wohnungen suchen, das Viertel dadurch verändern, aufwerten und dann dazu beitragen, dass die Mieten teurer werden. Dann können sich erst die, die noch weniger Geld haben, die Wohnungen nicht mehr leisten und dann wir selbst. Oder vielleicht auch nicht wir alle, denn einige von uns sind mittlerweile keine Studierenden mehr, haben sich eine bürgerliche Existenz aufgebaut, können sich die teure Miete leisten, haben sich eine Wohnung gekauft von ihrem Geld oder dem ihrer Eltern.

Wir sind ein Teil davon

Dieser Zirkelschluss – Teil eines Prozesses sein, den wir eigentlich kritisieren und bekämpfen – macht es auf einmal so schwierig, sich darin zu verhalten. Wie kann man etwas auslösen und es gleichzeitig bekämpfen? Geht das überhaupt? Vermutlich macht genau dieser Zirkelschluss die Widersprüche deutlich, mit denen Recht-auf-Stadt-Aktivist_innen konfrontiert sind. Einerseits erscheint es reizvoll, Kritik an der Entwicklung in den eigenen Stadtvierteln zu formulieren. Das ist Politik aus der Ich-Perspektive, es geht um konkrete Projekte und es besteht im Zweifelsfall die Möglichkeit, diese Kritik in einen größeren gesellschaftlichen Kontext einzubetten. Trotzdem, oder vielleicht gerade weil die verschiedenen Ebenen zusammengebracht werden sollen, bleibt manchmal unklar, worum es eigentlich genau geht. Möglicherweise liegt die Ursache für diese Unklarheit neben der eigenen Verwicklung in den Prozess in einer weiteren Verkomplizierung: in der Stadt selbst. Denn was ist Stadt überhaupt? Und wer will welches Recht auf welchen Aspekt oder Teil der Stadt? Und warum ausgerechnet Stadt als Fokus politischer Proteste? Und warum gerade jetzt?

Metropolen als Gesichter gesellschaftlicher Widersprüche

Große Städte – und die sind es, um die es jeweils geht – sind letztendlich Räume, in denen gesellschaftliche Widersprüche sichtbar werden. Auf der subjektiven Ebene zeigt sich der Widerspruch zwischen einem freieren Leben in Anonymität und der Gefahr, unterzugehen, wenn soziale Netze nicht (mehr) funktionieren. In der Unterschiedlichkeit der Stadtviertel materialisiert sich auf einer sozialräumlichen Ebene soziale Ungleichheit, denn – platt gesprochen – die Sozialstruktur der Bewohner_innen von Stadtvierteln macht sich nicht in erster Linie an gemeinsamen Interessen fest, sondern am Einkommen (was sich indirekt natürlich sehr wohl auf Lebensformen auswirkt). Die Herkunft aus bestimmten Stadtteilen stellt also bereits eine Art Statussymbol dar. Das Bild, das von dem jeweiligen Stadtteil vorherrscht, überträgt sich auf die Menschen, die in diesen Vierteln wohnen. Dies kann, abhängig vom Stadtviertel, integrierende oder ausgrenzende Dynamiken hervorrufen. Beispielsweise haben Menschen, die aus stigmatisierten Vierteln kommen, schlechtere Jobchancen. Aus einem „benachteiligten Quartier“ wird dann „ein benachteiligendes“.3  Diese sozial segregierte Stadt, in der die soziale Polarisierung sichtbar wird und sich reproduziert, existiert in den westlichen Industrie-Metropolen erst ungefähr seit den 1980er Jahren und ist damit ein Ergebnis des Postfordismus. Allerdings zeigte sich eine strukturell ähnliche, wenn auch qualitativ vollkommen unterschiedliche Entwicklung bereits im 19. Jahrhundert, als im Zuge der Industrialisierung Elendsviertel der Arbeiterfamilien entstanden.4  Das heißt also, dass die Stadt auch immer einen sichtbaren Ausdruck hegemonialer gesellschaftlicher Verhältnisse, vielleicht sogar gesellschaftlicher Ideologien, darstellt.
Nicht ausschließlich der Umgang mit sozialer Ungleichheit prägt das Stadtbild, auch hegemoniale Lebensformen und damit soziokulturelle Normen wirken sich unmittelbar auf städtisches Leben aus. In den 60er und 70er Jahren beispielsweise setzte sich die Kleinfamilie mit dem arbeitenden Vater und der Zuständigkeit der Frau für Haushalt und Kindererziehung als hegemoniale Lebensform nach dem 2. Weltkrieg wieder durch. In München bedeutete das beispielsweise, dass diese Familien in Einfamilienhäuser im so genannten Speckgürtel zogen. Vororte und Umlandgemeinden wuchsen. Dort wurden Reihenhaussiedlungen und Einfamilienhäuser gebaut. Die Innenstadt und die innenstadtnahen Viertel Münchens entwickelten sich zu Orten derer, die wenig Geld hatten. Dort wohnten vor allem Migrant_innen mit ihren Familien. Lange Zeit lag die Innenstadt nicht im Fokus der Stadtpolitik. Mitte der 80er Jahre veränderte sich das. Innenstädte wurden als Orte von Kultur und Hipness attraktiver, Arbeitsformen wurden flexiblisiert, Outsourcing-Prozesse der großen Unternehmen führten zu einer Vielzahl von kleineren Betrieben wie Marketing- oder Web-Agenturen in der Stadt. Lebensformen pluralisierten sich. Heiraten und Kinder kriegen stellte bei vielen nicht mehr das oberste Ziel der Lebensplanung dar und wenn, so war das auch in einer Stadtwohnung vorstellbar. Die Folge: Die kommunale Entwicklungsplanung reagierte. Es wurden Sanierungspläne für Innenstadtviertel erstellt, Häuser und Wohnungen wurden saniert und teurer, Menschen mit weniger Geld vertrieben. Die Mieten verteuerten sich aber nicht nur aufgrund der Sanierungen, sondern weil – wie sich am Beispiel des Münchner Stadtteils Haidhausen nachvollziehen lässt – diese Sanierungen überwiegend privatwirtschaftlich durchgeführt wurden und zudem die Preisbindung für Altbauwohnungen wegfiel.5  Das Ineinandergreifen von Aufwertung und Privatisierung, also von kulturellen und ökonomischen Richtungswechseln führte zu den ausgrenzenden Folgen für die damaligen Bewohner_innen. Dieser Prozess veränderte die Städte weg von der Wohlfahrtsstadt hin zu den oben beschriebenen sozial segregierten Räumen. Die Stadt hat unterschiedliche Gesichter, je nachdem in welcher gesellschaftlichen Situation sie sich gerade befindet.
Veränderungen

Veränderungen

Quelle: http://www.dataloo.de/

 

Der Blick über den Tellerrand

Das gilt nicht nur für westliche Industrie-Metropolen. Allein ein Blick auf die Städte Zentralamerikas zeigt, wie sich auch dort gesellschaftliche Verhältnisse in Städten widerspiegeln. Die Armut in Nicaragua ist immens. 45 Prozent der Bevölkerung, also fast die Hälfte der Nicaraguaner_innen, müssen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen, das sind ca. 60 Dollar im Monat. Die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten für eine sechsköpfige Familie werden mit 400 Dollar angesetzt. Auch die von der FSLN eingeführten Sozialprogramme ändern daran wenig. Die Menschen werden überwiegend sich selbst überlassen, müssen selbst sehen, wie sie über die Runden kommen. Dies zeigt sich auch in Managua (siehe Artikel „Wem gehört die Stadt Managua?“). In der Hoffnung auf ein leichteres Überleben kommen Menschen vom Land in die Stadt. Bezahlbare Wohnungen gibt es für sie nicht, deswegen siedeln sie wild, bauen sich Hütten oder bewohnen alte Erdbeben-Ruinen. Wenn überhaupt, sind diese Unterkünfte illegal an Infrastruktur wie Wasser und Strom angeschlossen. Die Stadt Managua kümmert sich nicht darum, dass für diese Menschen billige Wohnungen zur Verfügung gestellt werden. Unterkünfte für sozial Schwache existieren nicht. Andererseits ergreift die Stadt auch keine repressiven Maßnahmen, um die illegalen Siedlungen zu räumen. Die Menschen werden sich selbst überlassen. Eine gezielte kommunale Sozial- und Wohnungspolitik gibt es höchstens in dem Sinne, dass die gated communities der reichen Bewohner_innen Managuas mit schnellen Zufahrtswegen versorgt werden. Die Polarisierung zwischen arm und reich wird somit in den städtischen Lebensformen in Managua sichtbar.
Noch krasser sind die Planungen für so genannte charter cities in Honduras (siehe Artikel „Eine Musterstadt für die Reichen“). Die Idee: Es werden Entwicklungsgebiete ausgewiesen, in denen eigene Gesetze gelten, in denen unabhängig von der Regierung eigene Handelsverträge abgeschlossen werden können, in denen vergünstigte Steuersätze gelten und die von Investor_innen betrieben werden. So könnten Stadtkolonien entstehen, deren Kolonialherren nicht andere Staaten, sondern internationale oder nationale Konzerne sind. Hier wird neokoloniales Denken offenbar, das Ländern in der Peripherie häufig entgegengebracht wird und das zumindest die honduranische Regierung aufgreift und mit großer Mehrheit unterstützt. Der Begriff charter cities weist darauf hin, dass es sich dabei um das Entstehen städtischer Gebiete handelt. Unter dem Deckmantel der „Entwicklung“ sollen Sozialräume möglichst vollständig der ökonomischen Verwertbarkeit untergeordnet werden. Auch in Honduras gibt es Zweifel, ob diese „Entwicklungsstrategie“ tatsächlich umgesetzt wird. Doch unabhängig davon, was letztendlich Realität wird, ist die Idee der charter cities bereits Teil des öffentlichen Diskurses. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass diese in leicht entschärften Varianten in die Tat umgesetzt werden.
In El Salvador (siehe Artikel „Der Eiskaffee im Einkaufszentrum und Joggen hinterm Zaun“) ist die Debatte um Kriminalität und Sicherheit in den letzten Jahren zu einem zentralen Thema geworden. Das Sicherheitsbedürfnis der Menschen spiegelt sich wider in der Art, wie in San Salvador öffentlicher Raum genutzt und/oder privatisiert wird. Gerne werden Shopping Malls zum Flanieren aufgesucht, weil Menschen, die als Gefährdung gelten, kein Zugang zu den Malls gegeben wird. Das Bedürfnis, das eigene Haus zu sichern, zieht sich durch bis in die untere Mittelschicht. Dabei gibt es Abstufungen von gated communities, also Wohnanlagen, in denen nur Bewohner_innen oder von ihnen autorisierten Personen Zugang gewährt wird, bis hin zu von Anwohner_innen selbst errichteten Zäunen an Straßeneinmündungen. Sicherheit und die Privatisierung von öffentlichem Raum gehen Hand in Hand.

Mühsal der Ebenen

Vielleicht doch?

Vielleicht doch?

Quelle: http://www.linksfraktion-hamburg.de

 

Städte sind also Orte, in denen die Auswirkungen gesellschaftlich hegemonialer Ideologien auf die eigene Lebenswelt sichtbar werden. Dort werden diese hegemonialen Ideologien spürbar, indem sie Möglichkeiten und Grenzen der Lebbarkeit eigener Lebensentwürfe markieren. In Städten findet ein Ineinandergreifen von Privatheit und Öffentlichkeit statt. Gleichzeitig bieten Städte aber auch Nischen und Räume, in denen alternative Lebensentwürfe lebbar und sichtbar werden können. Das macht Städte für die politische Auseinandersetzung interessant – vor allem in einer Phase, in der gesellschaftliche Utopien fehlen. Es wird möglich, über die Forderung nach einem Recht auf Stadt direkt eingreifen und gleichzeitig gesellschaftliche Verhältnisse kritisieren zu können. Allerdings ist das Zusammenführen der verschiedenen Ebenen komplexer als auf den ersten Blick vermutet. Manchmal führt die Fokussierung auf „die Stadt“ oder „das Viertel“ dazu, dass Forderungen auf gesellschaftlicher Ebene ausgeblendet werden. Und umgekehrt. Das zeigt sich immer wieder an Manifesten, die aus dem heterogenen Spektrum verschiedenster Recht-auf-Stadt-Bündnisse entstehen.
In seinem Buch „GENTRIFIDINGSBUMS oder Eine Stadt für alle“ beschreibt Christoph Twickel anhand der Kämpfe in Hamburg seine Kritik an der als Gentrifizierung bezeichneten Stadtpolitik. Am Beispiel der illegalisiert in Hamburg lebenden Kubanerin Inés macht er deutlich, wie sehr sich die Gentrifizierung auf ihr Überleben im Alltag auswirken kann, wenn es in der Großen Bergstraße nach der Aufwertung des Viertels keine Wühltische mehr gibt. Denn dann hätte sie, da sie wenig Geld hat, keine Chance mehr, in Billigläden der Innenstadt einzukaufen. Das wiederum würde das Leben von Inés nach Twickels Einschätzung sehr erschweren. Twickel blendet in seinem Text die gesellschaftliche Ebene vollkommen aus. Durch Legalisierung ihres Aufenthaltsstatus und gute Bezahlung ihrer Arbeit wäre Inés nicht mehr auf Billigläden angewiesen und könnte dort nur dann einkaufen, wenn sie es wollte. In paternalistischer Art spricht Twickel für Inés und legitimiert seine eigentlich konservative Sehnsucht nach Erhalt des Stadtviertels mit vermeintlich sozialpolitischen Argumenten.
Wie viele andere kritisiert er die Aufwertung der Innenstädte als neoliberale Stadtpolitik. „Die Armen“ und „die Prekarisierten“ (so werden diese Gruppen in seinem Buch zu einer homogenen Masse konstruiert) würden in die Randgebiete der Stadt vertrieben, damit die Innenstadtbezirke der Verwertungslogik besser folgen können. Diese Stadtpolitik ist mit Sicherheit sehr kritisierenswert. Nur: wäre es besser, wenn „die Armen“ und „die Prekarisierten“ in ihren Wohnvierteln wohnen bleiben könnten, dabei aber weiterhin arm und prekarisiert blieben? Ginge es nicht eher darum, Lebensverhältnisse zu kritisieren, die zu Prekarisierung führen und gut sanierte Wohnungen zu bezahlbaren Preisen für alle zu fordern?
Auch im Manifest des Recht-auf-Stadt-Bündnisses in München wird darauf verwiesen, dass die Menschen zwei bis drei Jobs brauchen, um die Mieten bezahlen zu können. Wird hier die Argumentation nicht umgedreht? Ginge es angesichts drastischer Reallohnkürzungen nicht eher darum, bei der Bezahlung für Arbeit anzusetzen und daran anschließend eine Mietpreiskappung zu fordern oder sich für einen festen Anteil am Einkommen auszusprechen, der höchstens für Miete ausgegeben werden darf?

Auf den Zug aufspringen?

Die Kämpfe um das Recht auf Stadt haben Konjunktur. Passt das nicht – provokant gesprochen – gut zum Neoliberalismus? Parallel zur Aufwertung der Städte im neoliberalen Machtgefüge, zur Konkurrenzbeziehung zwischen den Städten bilden sich auch auf lokaler Ebene Proteste, die relativ isoliert voneinander arbeiten, obwohl sie manchmal für sich in Anspruch nehmen, die soziale Frage mit zu thematisieren. Es findet eine Dezentralisierung von Protest statt, lokale Netzwerke konzentrieren sich auf einzelne Projekte, der Widerstand und auch das Netzwerk verlieren schnell an Schlagkraft, sobald unverrückbare Entscheidungen wie Baugenehmigungen oder Abrissgenehmigungen getroffen sind. Es stellt sich die Frage, ob beispielsweise ein bundesweites Bündnis für bezahlbare Mieten vorstellbar wäre.
Sicherlich ließe sich der Hype um Gentrifizierung, der mittlerweile auch in den bürgerlichen Medien angekommen ist, dazu nutzen, fundamentale Kritik an gesellschaftlichen Lebens- und Arbeitsverhältnissen zu üben. Um dabei die Schlagkraft des Protestes nicht zu verwischen,  erscheint es umso wichtiger, genau zu unterscheiden, auf welcher Ebene gesprochen wird. Das wird vielleicht am folgenden Beispiel deutlich: Die Kolleg_innen des Infobüros Wuppertal ordnen in ihrem Buch „Recht auf Stadt“ die Proteste gegen die Wirtschafts- und Finanzkrise in Spanien, die Zeltstädte dort wie die Besetzung der Wall Street durch die Occupy-Bewegung als Teil der Kämpfe um Recht auf Stadt ein.6  Die Protestgruppen nutzten jedoch die Öffentlichkeit der Städte oder des symbolischen Orts der Wall Street, um eine Krise zu kritisieren, deren Konsequenzen weit über die jeweilige Stadt hinaus gehen. Sicher, der Protest findet in der Stadt und im öffentlichen Raum der Stadt statt. Ihn als einen Teil der Recht-auf-Stadt-Bewegung zu definieren, würde diese Proteste aber regelrecht reduzieren. Ihre Kritik richtet sich nicht in erster Linie gegen Stadtpolitik und Stadtentwicklung. Die Kritik richtet sich gegen eine Arbeits-, Wirtschafts- und Finanzpolitik, die gravierende negative Auswirkungen für einen Großteil der Bevölkerung hat – und zwar nicht nur in den Städten, in denen der Protest stattfindet. Nur weil Protest in einem öffentlichen Raum der Stadt sichtbar wird, ist das kein Kampf um das Recht auf Stadt.

Und der Porschefahrer?

Ein Freund von mir wendet ein: Und trotzdem ist es doch richtig, sich dafür einzusetzen, dass im Viertel Räume erhalten bleiben, in denen nicht die Verwertungslogik die wichtigste Rolle spielt. Es sei doch wichtig, mitzubestimmen, wie ein Viertel aussieht. Er habe keine Lust, dass Porschefahrer in seiner Straße rumfahren, das nerve ihn.
Verständlich. Es ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, sich für den Erhalt von Räumen einzusetzen, in denen Lebensformen gegen den Mainstream Platz haben, sichtbar werden und damit auch Kritik an den herrschenden Verhältnissen lebbar machen. Es stellt sich nur die Frage, ob man sich damit den Porschefahrer vom Leib halten kann.

 1    = Eckkneipe
 2    http://de.wikipedia.org/wiki/Gentrifizierung, letzter Abruf 12.3.2012
 3    Schmincke, Imke (2009): Gefährliche Körper an gefährlichen Orten. Bielefeld, S. 40
 4    a.a.O.
 5    Zölls, Philip (2011): „Eine menschenwürdige Stadt wird uns nicht geschenkt, wir müssen sie erkämpfen.“, In: Pfeiffer, Zara S. (Hg.): Auf den Barrikaden – Proteste in München seit 1945, S. 191 - 199
 6    Recht auf Stadt. Gemeinwohlorientierte Selbst-organisation in Lateinamerika. Nahuascript 13, S.8

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