Piraterie in Nicaragua und ihre Hintergründe

 

(ea) Wenn heute jemand als Tourist_in nach Nicaragua fährt, dann stehen die Zeugnisse der kolonialen Vergangenheit mit ganz oben im Reiseprogramm. Wegen ihrer kolonialen Architektur sind die Städte Granada und León ein absolutes Muss. Ob die Besucher_innen dabei erfahren, dass beide im 17. Jahrhundert von Seeräuber_innen gebrandschatzt wurden, weiß ich nicht. Aber wenn man die etwas beschwerliche Reise in den Süden an den Grenzfluss zu Costa Rica, zum Río San Juan, auf sich nimmt und dort den Ort El Castillo besucht, wird man unweigerlich mit historischen Zeugnissen der Piraterie konfrontiert.

El Castillo de la Inmaculada Concepción1

El Castillo de la Inmaculada Concepción


Der kleine Ort wird von einem Hügel mit der imposanten Festung El Castillo de la Inmaculada Concepción  dominiert. Es lohnt sich, diesen Hügel zu besteigen und nach Osten zu blicken, den Fluss hinab, Richtung Karibik. Von dort mussten die Pirat_innen kommen. Direkt am Fuß des Hügels sieht man Stromschnellen. Der Hügel und die Stromschnellen haben die Spanier_innen Ende des 17. Jahrhunderts bewogen, hier eine Festung zu errichten. Deren Aufgabe war es, die damals wichtigste Stadt Nicaraguas, Granada, vor den Piraten zu schützen. An der nördlichen Spitze des Nicaraguasees gelegen, ist Granada über diesen See und den Río San Juan mit dem karibischen Meer verbunden und war damals ein wichtiger Hafen. Dreimal schon innerhalb von 20 Jahren (1665, 1670 und 1685) waren Pirat_innen über den Río San Juan gekommen und hatten die Stadt geplündert, als die Kolonialverwaltung sich entschloss, die Festung zu bauen. All dies erfährt man in dem Museum, das heute in der Festung untergebracht ist. Im Zentrum der Ausstellung aber steht die Geschichte von Rafaela Herrera.

Rafaela Herrera2

Von dort mussten die Pirat_innen kommen


1762 drangen englische Schiffe in den Río San Juan ein und bedrohten El Castillo. Ein paar Tage vor der Ankunft der Engländer_innen starb der Kommandant der Festung. Seine Tochter – die 19-jährige Rafaela Herrera – hatte an seinem Totenbett geschworen, „die Festung zu verteidigen und wenn es ihr Leben kosten sollte“. Sie lehnte die von England geforderte Übergabe ab und versuchte, die verzagten Verteidiger_innen zum Kampf zu motivieren. Da sie damit keinen Erfolg hatte, stieg sie selbst auf den Burgturm und feuerte mehrere Kanonenschüsse auf die Engländer_innen ab. Einer davon traf den britischen Anführer tödlich. Die folgenden wütenden Angriffe der Engländer_innen hatten keinen Erfolg, sondern trafen jetzt auf tapferen Widerstand. Da die Verteidiger_innen aber zahlenmäßig weit unterlegen waren, ersann Rafaela in der Nacht eine überraschend erfolgreiche List. Sie ließ Betttücher in Alkohol tränken, auf Zweige spannen und längs des Ufers anzünden. Der Feind geriet in Panik, hielt die Belagerung aber noch drei Tage lang aufrecht und zog sich dann zurück. Verständlich, dass Rafaela Herrera damit Nationalheldin wurde und ihre Geschichte heute Pflichtlektüre der nicaraguanischen Schulkinder ist.

Weitere Pirat_innenüberfälle iin Nicaragua und Zentralamerika


Die geschilderten Ereignisse aus Granada und El Castillo sind keine Einzelfälle. In Nicaragua wurden im Laufe des 17. Jahrhunderts alle wichtigen Städte von Pirat_innen geplündert. Schon 1643 wurde Matagalpa angegriffen. Hier kamen die Angreifer_innen, die von damals noch nicht unterworfenen Indigenen unterstützt wurden, über den Río Grande de Matagalpa, also auch von der Karibik her. Im gleichen Jahr 1685, in dem Granada überfallen wurde, wurde auch die andere wichtige nicaraguanische Stadt, León, angezündet und zerstört. Die Gruppe, die von dem Engländer William Dampier angeführt wurde, war im einzigen damals existierenden Pazifikhafen El Realejo gelandet und hatte auch den zerstört. Auch Ciudad Antigua wurde in dieser Zeit von Pirat_innen angegriffen. Die Stadt liegt in der Provinz Nuevo Segovia im zentralen Bergland, in einer Gegend, in der damals geringe Mengen Silber gefunden wurden. Die Pirat_innen, deren Anführer der berühmte Henry Morgan war, drangen im Jahr 1656 wahrscheinlich über den Río Coco ein, und zerstörten die Stadt so gründlich, dass sich der Ort nie wieder davon erholt hat.
Aber nicht nur Nicaragua, sondern auch die anderen Länder Zentralamerikas, die damals alle Teil der kolonialen Verwaltungseinheit Generalkapitanat Guatemala waren, wurden von Pirat_innen überfallen. Aus allen damaligen Hafenstädten an der Karibikküste sind Überfälle überliefert: Santo Tomás de Castilla (Guatemala) 1607, Trujillo (Honduras) (1639 y 1642), Matina (Costa Rica) (1666 y 1676). Aber hier soll nicht weiter auf Details eingegangen werden, sondern es wird versucht, Zusammenhänge und politische Hintergründe zu beleuchten.

Wer waren diese Pirat_innen?


 Die Pirat_innen, die während der spanischen Kolonialzeit in Zentralamerika und in der Karibik operierten, waren mit Sicherheit eine sehr heterogene Gruppe. Sie stammten aus den verschiedendsten europäischen Ländern, vor allem aus den Seefahrernationen England, Frankreich und Holland. Ähnlich vielfältig wie ihre Herkunft waren die Namen mit denen man sie bezeichnete: Piraten, Freibeuter, Bukaniere, Filibustiere, Kaperer usw. Den politische Hintergrund dessen, was all diese Bezeichnungen, auf deren unterschiedliche Bedeutung hier nicht besonders eingegangen werden soll, ansprechen, erschließt die Beschäftigung mit den Bukanier_innen3 .
 Seit etwa 1530 tauchten immer häufiger Schiffe der erwähnten Seefahrernationen in der Karibik auf, schmuggelten oder überfielen die spanischen Schatzschiffe. Mit diesen Unternehmungen gelangten jedes Mal desertierte, meuternde, ausgesetzte oder schiffbrüchige Seeleute an die Küsten der Karibikinseln4 . Häufig trafen sie auf Gegenden, die von den Spanier_inne verlassen worden war, da diese in einem regelrechten Goldrausch zu den Schätzen Mexikos und Perus gezogen waren. Die von ihnen zurückgelassenen Schweine und Rinder waren inzwischen verwildert und die Jagd auf sie wurde die Lebensgrundlage der Bukanier_innen. Frei von Obrigkeit richteten sie sich ein Leben ein, das charakterisiert werden kann als „Sicherung der Subsistenz mit geringstmöglichem Aufwand an Energie“5 . Hierzu gehörte neben Jagd und Handel (Dörrfleisch, Felle) mit Schmugglern auch Seeraub. Geraubt wurden Dinge mit Gebrauchswert (Waffen, Werkzeuge, Segeltuch usw.). Bald nach der systematischen Landnahme der europäischen Nationen ab 1620 entwickelte sich ein langandauernder Konflikt zwischen ihnen und den Bukanier_innen. Zuerst ging es den Kolonialmächten darum, den Seeraub der Bukaniere zu professionalisieren. Mit Kaperbriefen ausgestattet sollten sie sich nützlichen Zielen zuwenden, d. h. spanischen Schatzschiffen, und vor allem von der Beute der Krone einen Teil abliefern. Zum Teil gelang dies auch, aber oft kollidierte der Freiheitsdrang der Bukanier_innen mit den Ordnungsvorstellungen der Verwaltung. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, nachdem sich die Herrschaft der europäischen Mächte auf den Antilleninseln konsolidiert hatte, wurde der Konflikt fundamental. Mit dem Beginn des Zuckeranbaus begann die systematische Ausbeutung der Kolonien. Jetzt waren „anständige“ Berufe – Kaufleute und Siedler_innen für die Zuckeplantagen – gefragt, für Bukanier_innen war kein Platz mehr. Ab 1700 werden ihre Rückzugsräume systematisch bekämpft. Zum Schluss bleibt ihnen nur noch das Meer. „Seeraub [...] wird zur schließlich letzten Möglichkeit, sich außerhalb der zur Dominanz drängenden Ordnung und der von ihr definierten Pflichten und Gesetze Kleidung, Nahrung, Ausrüstung usw. zu verschaffen.“6
Eine Gemeinsamkeit existierte aber immer noch, die Pirat_innen und die europäischen Mächte wollten Teil haben an Spaniens lukrativem Handel mit seinen Kolonien.

Vertrag von Tordesillas und das spanische Handelsmonopol in Amerika


 Spanien sah dies ganz anders: Das wichtigste Ziel seiner Politik in Amerika war von Anfang an, sich die dort gefundenen Reichtümer alleine zu sichern, die Gebiete alleine auszubeuten. Die juristische Grundlage dafür wurde schon 1494 im Vertrag von Tordesillas zwischen dem Papst und den katholischen König_innen (Spanien und Portugal) gelegt. Sinngemäß steht dort, „dass der Papst den Katholischen Königen und ihren Nachfolgern die neu entdeckten und in jener Gegend noch zu entdeckenden Inseln und Festländer überträgt, da die Könige sich zur Bekehrung der dort aufgefundenen Heidenvölker entschlossen und verpflichtet hätten. Um dieses Missionswerk nicht zu gefährden, verbietet der Papst allen anderen christlichen Herrschern, Schiffe in jene Gegenden zu entsenden oder gar Versuche zu unternehmen, sich dort festzusetzen.“7
Der Vertrag wurde von den „anderen christlichen Herrschern“ natürlich nicht anerkannt. Wobei es weder ihnen noch den „Katholischen Königen“ um das Seelenheil der „aufgefundenen Heidenvölker“ ging, sondern um die Ausbeutung der neu entdeckten Gebiete. Für Spanien war der Ausschluss der Konkurrenz aus dem Handel mit Amerika ein politisches Leitprinzip, das sie versuchten, während der gesamten Kolonialzeit durchzusetzen.
 Das gewählte Mittel war ein striktes Handelsmonopol8 . Organisiert wurde dies mittels zweier Institutionen. Der Zusammenschluss der mächtigen Kaufmannschaft für den Überseehandel, „Consulado de la Universidad de Cargadores de Indias“ in Sevilla, war eine private Institution. Sie kontrollierte den Amerikahandel nahezu uneingeschränkt. Sie selbst wurde theoretisch von der königlichen Behörde, der „Casa de la Contratación“, überwacht. Im Zentrum des Amerikahandels stand der Import von Edelmetallen, vor allem in Form von Silbermünzen und Silberbarren. Silber war während der gesamten Kolonialzeit der wichtigste Einfuhrartikel aus Amerika. Der Anteil lag immer zwischen 60 und maximal 80 Prozent des Gesamtimports.
Ein eindrucksvolles Bild des von außen angegriffenen Handelsmonopols sind die zweimal im Jahr in Sevilla startenden Schiffskonvois nach Amerika. Auf der Rückfahrt wurde zum großen Teil, Silber geladen. Schon seit 1512 waren diese Fahrten nur unter militärischem Geleitschutz möglich, da die Flotte permanent von Pirat_innen und den konkurrierenden europäischen Nationen gejagt wurde.
Der direkte Angriff auf die spanischen Handelsschiffe war zwar die spektakulärste Form, das Handelsmonopol in Frage zu stellen. Sie war aber weder die einzige, noch die wirkungsvollste Methode. Von Anfang an wurde auf den verschiedensten Ebenen geschmuggelt. Hohe Zölle und Steuern und das andauernde Unvermögen Spaniens, die kolonisierten Gebiete mit den nachgefragten Gütern zu versorgen, forderte dazu auf. Es kam zu Betrügereien und Korruption in den erwähnten Institutionen, Schmuggel beim Zwischenstopp auf den kanarischen Inseln und in den Kolonien sowieso.

Pirat_innen, Schmuggel, Sklav_innenhandel

 

Bei Corn Island ehemalige Pirateninsel in der Karibik
Für England, das sich zum wichtigsten Konkurrenten Spaniens in Amerika entwickelte und, wie am Beispielen aus Nicaragua zu sehen ist, von den europäischen Mächten die größte Bedeutung für das Geschehen in Zentralamerika hatte, sollen die Hintergründe und Zusammenhänge etwas detaillierter aufgezeigt werden.
In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts begannen Spaniens europäische Rival_innen unbewohnte Karibikinseln zu besiedeln. Engländer_innen siedelte sich auf den Bermudas, Barbados, St. Kitts an und gelangten 1629 auf die Insel La Providencia, die heute als Teil der Inselgruppe San Andrés zu Kolumbien gehört. Es war ein hervorragender Stützpunkt für Piraterie und Schmuggel in Zentralamerika. So operierten die schon erwähnten Piraten Henry Morgan und Eduard Manvelt von hier aus. Beide hatten dabei zumindest zeitweise die Unterstützung der englischen Regierung. Ob die Pirat_innen die spanischen Häfen Zentralamerikas als Kaperer_innen im Auftrag Englands oder als Pirat_innen auf eigene Faust plünderten, machte im Ergebnis keinen großen Unterschied; Spanien wurde geschwächt.
Der wichtigste Erfolg für England in der Karibik war die Eroberung Jamaikas nach 1655. Im Vertrag von Madrid 1670 hat Spanien Englands Herrschaft über Jamaika anerkannt.
Auch Jamaika diente den England in den ersten Jahren, bis etwa 1671, vor allem als Stützpunkt für ihre Kaperunternehmen. Je nach dem, welcher Krieg gerade in Europa anstand, konnten sich solche Aktivitäten auch gegen die Holland oder Frankreich richten. Höhepunkt der Unternehmungen in diesen Jahren war der Überfall auf die spanischen Häfen Portobello und Panama. Unter Leitung von Henry Morgan gelang es den englischen Freibeuter_innen in Panama große Mengen an Silber zu erbeuten. Das Silber stammte aus Peru und überquerte auf dem Weg nach Spanien gerade die Landenge von Panama. Morgan wurde darauf hin in England geadelt und war in den folgenden Jahren mehrfach Gouverneur von Jamaika.
 Mit dem Vertrag von Madrid waren Englands koloniale Ambitionen in der Karibik zuerst einmal konsolidiert und Piraterie war nicht mehr opportun. Jetzt waren lukrativere Maßnahmen möglich: Jamaika wurde Freihandelszone. „Die englische Insel Jamaika – der Nabel allen Handels, wie ein Zeitgenosse sich ausdrückte – erlangte als Schmuggelzentrum große Bedeutung, nachdem die englische Regierung sie zum Freihafen erklärt hatte, wo englische Waren gegen Silber und andere amerikanische Rohstoffe zollfrei und ohne bürokratische Restriktionen eingetauscht werden konnten.“9
Zu diesem Zeitpunkt war das spanische Handelsmonopol de facto völlig unterminiert.
Einen Handelszweig muss man besonders erwähnen: Den Sklav_innenhandel. Auch hier hatte England das Monopol übernommen.Ohne Kolonien in Afrika hatte Spanien keine Sklav_innen. Für die Belieferung der amerikanischen Kolonien vergab die spanische Krone daher Lizenzen an europäische Unternehmen, die so genannten „Asiento de Negros“. Auch auf diesem Gebiet zeigte England unternehmerische Weitsicht: Als Sieger aus dem spanischen Erbfolgekrieg hervorgegangen, sicherte es sich das Monopol auf den Sklav_innenhandel nach Spanisch-Amerika. Im Frieden von Utrecht 1713 ließ man sich in einem zwischenstaatlichen Vertrag ein alleiniges „Asiento de Negros“ für 30 Jahre überschreiben.

Piraterie fällt nicht vom Himmel


Weder in Nicaragua noch im übrigen Zentralamerika fanden sich während der Kolonialzeit große Reichtümer, die Spanien zur Ausbeutung oder Pirat_innen zur Aneignung verlockt hätten. Im Zentrum des Interesses standen das Silber aus Mexiko (Zacateca) und Bolivien (Cerro Rico in Potosi) und die dazugehörigen Ausfuhrhäfen und Handelsrouten. Zentralamerika befand sich dazu in einer Randlage und hatte zusätzliche geografische Nachteile für die Inwertsetzung. Die Bevölkerung lebte auf der Pazifikseite, und es gab keine Verkehrsverbindungen zu den wenigen kleinen Häfen an der Karibik. Das erschwerte zwar die Ausbeutung durch Spanien, aber die schwach besiedelte, herrschaftsfreie Karibikküste machte die Gegend anziehend für Pirat_innen, Freibeuter_innen und England. Ähnlich wie auf der schon erwähnten Inselgruppe San Andrés war es auch vor der Küste Honduras auf der Insel Roatán. Zuerst benutzten Pirat_innen sie als Stützpunkt, dann nahm England sie in Besitz.
Die Übergänge zwischen Piraterie, kriegerischer Auseinandersetzung und Schmuggel waren fließend. Bei den Überfällen auf die zentralamerikanischen Hafenstädte handelte es sich vor allem um militärische Unternehmungen, hinter denen England stand. Zwar wurden die Aktionen von Pirat_innen, bzw. Freibeuter_innn durchgeführt – zwischen beiden ist schwer zu unterscheiden –, aber in den historischen Quellen wird vor allem von Zerstörungen berichtet, nicht von geraubten Gütern. Und nachdem England seine Herrschaft in Jamaika gefestigt hatte, keine Kaperbriefe mehr ausstellte und auf Schmuggel statt auf Freibeuterei setzte, scheinen auch einige Pirat_innenen auf Schmuggel umgesattelt zu haben. Und es wird berichtet, dass Schmuggler_innen, wenn die gewünschten Geschäfte sich nicht realisieren ließen, zu Gewalt griffen und kleinere Orte einfach plünderten.
 

Freihandel statt Freibeuterei


Ausschlaggebend für die Art und Intensität der Aktionen in Zentralamerika waren die politischen Interessenslagen der europäischen Rivalen Spaniens. Wenn sich die Spannungen verschärften, häuften sich die Fälle von Plünderungen durch Freibeuter_innen oder Pirat_innen, wobei es wahrscheinlich in Zentralamerika meistens um Freibeuterei ging. Bei kriegerischen Auseinandersetzungen in Europa kam es auch zu direkten militärischen Aktionen in Zentralamerika, wie bei dem Angriff auf die Festung Inmaculada Concepción am Río San Juan. Sehr wahrscheinlich ist diese britische Aktion als Teil des Siebenjährigen Krieges (1756 - 1763) anzusehen. Jedenfalls wurde der Krieg auch in Amerika geführt. So eroberte England im gleichen Jahr 1762 Havanna, und hielt es bis Kriegsende in seiner Gewalt. Im anschließenden Frieden von Paris wurde es gegen Florida eingetauscht.
Bei den Interessen stehen die ökonomischen ganz oben. Freibeuterei und militärische Aktionen ebnen ihnen nur das Feld. Wenn sie die erwünschte Position der Stärke geschaffen haben, wird auf Freihandel gesetzt. Bezeichnend für diese Macht des Ökonomischen ist der allgemeine Niedergang der Kaperei im 18. Jahrhundert. Eine wichtige Rolle spielten dabei englische Versicherungsgesellschaften, die sich gegen Verluste durch Freibeuterei wehrten.
Auch wenn Nicaragua und Zentralamerika damals am Rande der geschilderten Entwicklung lagen, sind heute noch viele Spuren davon zu erkennen. Neben den kolonialen Festungsanlagen sind dies vor allem die Nachkommen der Sklav_innen an der Atlantikküste. Das Zentrum dieser Ansiedlungen, der nicaraguanische Ort Bluefields, verdankt seinen Namen übrigens dem holländischen Piraten Bleeveldt, der den Ort schon vor den Engländer_innen als Stützpunkt genutzt hatte.


 1    Die Festung der unbefleckten Empfängnis
 2    Defensa del castillo Inmaculada Concepción, eine Veröffentlichung des nicaraguanischen Erziehungsministeriums, http://www.mined.gob.ni/castillo.php
 3     Die indianische Wurzel des Namens bezieht sich auf die Angewohnheit der Bukanier_innen, Fleisch zu räuchern.
 4     Bardelle, Frank, Freibeuter in der Karibischen See: Zur Entstehung und gesellschaftlichen Transformation einer historischen „Randbewegung“, Münster, Westfäl. Dampfboot, 1986
 5     Bardelle, Frank, S. 91
 6     Bardelle, Frank, S. 122
 7    Handbuch der Geschichte Lateinamerikas, Band 1, Mittel-, Südamerika und die Karibik bis 1760, Stuttgart 1994, S. 235
 8    Die folgenden Aussagen stützen sich auf den Beitrag „Das spanische Handelsmonopol und seine inneren Widersprüche“ im Handbuch der Geschichte Lateinamerikas, Band 1.
 9    Handbuch der Geschichte Lateinamerikas, Band 1, Mittel-, Südamerika und die Karibik bis 1760, Stuttgart 1994, S. 427

 

Zurück