Maras in Zentralamerika – und warum es in Nicaragua keine gibt

 

Vera Suschko

Mara 18 und Mara Salvatrucha (kurz: MS 13), bekannt als die beiden größten und gefährlichsten Jugendbanden der Welt, haben Mitglieder in den USA, Mexiko, Guatemala, Honduras und El Salvador. Nur in Nicaragua, dem Nachbarland von Honduras, gibt es die Maras bisher nicht. Generell wird weniger von Gewalt und Morden unter Jugendlichen in Nicaragua berichtet. Dies verwundert auf den ersten Blick, da scheinbar alle Faktoren, die Jugendliche dazu bringen, sich einer Gang anzuschließen, auch in Nicaragua vorkommen: Armut, soziale Desintegration und  Perspektivlosigkeit. Viele Jugendliche haben kaum Zugang zu Bildung, Arbeitsmarkt und Freizeitkultur. Laut einer Studie von ECLAC1  im Jahr 2005 hat Nicaragua sogar ein höheres Level an Armut und Exklusion. Dennoch ist die Mordrate in Nicaragua niedriger als in El Salvador, Honduras oder Guatemala. Im Jahr 2002 lag Nicaraguas Mordrate bei 12,26 Morden pro 100.000 Einwohner_innen, während Honduras bei 36,11, Guatemala bei 30,2 und El Salvador bei 43,4 Morden pro 100.000 Einwohner_innen lag. Dass mehr Armut auch zu mehr Gewalt führt, ist demnach eine unzulässige Vereinfachung des Themas (vgl. Rocha). Um zu verstehen, warum es in Nicaragua keine Maras gibt, muss man bis in die Entstehungsgeschichte der Maras und deren Vorgängern zurückblicken.

Pandillas – die Vorläufer der Maras

2005 El Salvador Mara-Rehabilitationsprojekt


Schon vor der Entstehung der Mara 18 und MS 13 gab es in Mittelamerika Jugendbanden, Pandillas genannt. Deborah Levenson, die als erste dieses Thema wissenschaftlich untersuchte, beschrieb bereits im Jahr 1987 eine große Vielfalt an Jugendbanden in Guatemala-Stadt. Diese frühe Form der Jugendbanden war im Unterschied zur späteren Form der Maras nur in vergleichsweise kleinen lokalen Gruppen organisiert und noch nicht so gewalttätig. So setzten sie bei ihren Kämpfen noch keine Schusswaffen ein, sondern nur Messer und Ketten. Außerdem gab es noch nicht bei allen Banden die später so herausragend starke Identifikation mit einem bestimmten Stadtviertel.
Auch in Nicaragua, besonders auf Managuas Straßen, kannte man schon in den frühen 1990er Jahren das Phänomen der Pandillas. Ihre Entstehung führt der Ethnologe Dennis Rodgers sowohl auf die Zeit des Krieges als auch auf die Veränderungen nach Beendigung des Krieges zurück. Nach der Wahlniederlage der Sandinist_innen im Jahr 1990 war zwar auf dem Papier offiziell Frieden, auf den Straßen der Städte kam es jedoch weiterhin regelmäßig zu Gewalttaten. Viele ehemalige Guerrilleros und ehemalige Wehrpflichtige schlossen sich nun Banden an, in denen sie alte Kameradschaft und Solidarität wiederaufleben ließen. Traditionelle institutionalisierte Formen der Solidarität („compadrazgo“) waren nach dem Regimewechsel entwertet und zusammengebrochen. Stattdessen „atomisierte“ sich das soziale Leben und Menschen in Nachbarschaften wurden zu Einzelkämpfer_innen. Rodgers sieht daher die Entstehung der Gangs als Antwort auf den Zusammenbruch sozialer und kollektiver Identität.
Bei seiner Feldforschung in einem Barrio Managuas beobachtete er, dass sich die dortige Nachbarschaft trotz der kriminellen Aktivitäten der Jugendbanden mit der lokalen Pandilla identifizieren konnte. Sie erzählten von deren (Helden-)Taten und fühlten sich durch diese eher vor fremden Kriminellen beschützt als bedroht. (Rodgers 2006: 278, 283f)

Maras – das neue Schreckenssymbol

2005 El Salvador Mara-Rehabilitationsprojekt


Ein völlig anderes Bild zeigt sich in den Ländern mit einer hohen Präsenz an Maras. Dort ist die Angst vor den Maras so groß, dass sie zu einem neuen Symbol für Terror geworden sind. Laut einer Umfrage von Cecilie Ranum im Jahr 2005 ist die Angst vor den Maras in Guatemala größer als die Angst vor allen anderen Arten der Kriminalität. Auch wenn man nicht weiß, wie viele der den Maras unterstellten Morde tatsächlich von ihnen verübt werden, werden diese dennoch von Politiker_innen und Medien als Hauptverursacher_innen der allgemeinen großen Unsicherheit dargestellt. Die Regierungen in Guatemala, Honduras und El Salvador reagierten daher bisher nahezu ausschließlich mit repressiven Methoden und einer Politik „der harten Hand“.
Die Ursprünge der heute größten Maras, Mara 18 und Mara Salvatrucha liegen außerhalb Mittelamerikas in den „Elendsvierteln“ US-amerikanischer Großstädte wie Los Angeles und New York. Dorthin gelangten in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren tausende Zentralamerikaner_innen, welche durch die Auswanderung versuchten, den zahlreichen Bedrohungen in ihren von Bürgerkriegen geplagten Heimatländern zu entfliehen. Nach und nach kam es dazu, dass bereits vorhandene Streetgangs auch lateinamerikanische Jugendliche und junge Erwachsene aus den selben Vierteln aufnahmen. Die Mara 18, benannt nach der 18. Straße im Stadtteil Rampart von Los Angeles, hatte anfänglich hauptsächlich Mitglieder afro-amerikanischer Herkunft. Die Mara Salvatrucha bildete sich auch in Los Angeles zunächst als eine rein salvadorianische Bande. (vgl. Peetz) Mit der Zeit zogen die Jugendbanden, deren Mitglieder hauptsächlich Migrant_innen waren, durch Bandenkriege, Überfälle, Drogenhandel und Morde zunehmend die Aufmerksamkeit der US-amerikanischen Öffentlichkeit auf sich, so dass es schließlich zu Gesetzesänderungen kam, die eine Abschiebung straffälliger Ausländer_innen erleichtern sollten.
Im Jahr 1992 wurde in Kalifornien ein Gesetz eingebracht, das es ermöglichte, auch minderjährige Gangmitglieder nach dem Strafrecht für Erwachsene zu behandeln. Schließlich wurden 1996 die Anti-Gang-Reformen weiter verschärft, so dass bereits kleinere Delikte für eine Abschiebung ausreichten. (vgl. Arana) Dies bewirkte Mitte der 1990er Jahre pro Jahr eine Abschiebung von rund 40.000 undokumentierten Migrant_innen in ihre Heimatländer. (vgl. Thompson) Die meisten von ihnen stammten aus Lateinamerika und der Karibik. Im Zeitraum von 2000 bis 2004 wurden weitere 20.000 Zentralamerikaner_innen gezwungen, die USA zu verlassen. (vgl. Arana)
Viele von ihnen waren zum Zeitpunkt der Abschiebung Mitglieder einer Gang. Im Fall El Salvadors wird beispielsweise geschätzt, dass die Hälfte der 1.200 im Jahr 1996 deportierten El Salvadorianer_innen Mareros waren. Für viele Abgeschobene war die Rückführung in ihre „Heimat“ eine Abschiebung in ihnen weitestgehend fremde Länder, da sie als in den USA Aufgewachsene diese Länder gar nicht (mehr) kannten. In El Salvador, Guatemala und Honduras angekommen, schlossen sich die abgeschobenen Mareros den lokalen Pandillas an und weckten besonders in den großen Städten schnell das Interesse neuer jugendlicher Mitglieder. Die aus den USA kommenden Gangmitglieder genossen ein besonderes Ansehen und besetzten oft höhere Positionen in der Bandenhierarchie. Durch die aktive Rekrutierung neuer sowohl männlicher als auch weiblicher Mitglieder, aber auch durch den Wechsel vieler Pandilleros und Pandilleras in die Maras wurden die kleinen lokalen Pandillas von den Maras nahezu absorbiert, und diese wuchsen schließlich zu einem Länder übergreifenden Phänomen an. (Vgl. Ranum)

Fast keine Maras in Nicaragua


Nach Nicaragua aber gelangten fast keine Anhänger_innen der Mara 18 oder MS 13. Dies hat verschiedene Hintergründe. Zum einen gab es nur wenige Gangmitglieder mit nicaraguanischer Herkunft in den USA, weil in den Städten, in denen die Maras entstanden, viel weniger Nicaraguaner_innen lebten als Guatemaltek_innen, El Salvadorianer_innen oder Honduraner_innen. Migrant_innen aus Nicaragua wanderten nicht so ausschließlich in die USA aus wie aus den nördlichen Nachbarländern, sondern zu einem erheblichen Teil auch nach Costa Rica. wenn sie in die USA zogen, dann gelangten sie weniger in Städte wie L. A., wo die Maras entstanden. Zum anderen wurden Nicaraguaner_innen im Vergleich zu anderen Zentralamerikaner_innen deutlich weniger häufig nach Mittelamerika abgeschoben, sondern kamen dafür häufiger in den Genuss einer Einbürgerung. Dies lag vor allem daran, dass Nicaraguaner_innen in der Zeit der sandinistischen Regierung und auch in den darauf folgenden Jahren als „Flüchtlinge vor dem Kommunismus“ bevorzugt aufgenommen wurden.
So kam es in Nicaragua zu keinem Absorbieren der Pandillas durch die Maras, wie es von den mittelamerikanischen Ländern mit Marapräsenz bereits beschrieben wurde. (Vgl. Rocha)
Warum aber ist der Einsatz von Gewalt bei den Jugendbanden in Nicaragua, also den Pandillas und nicht den Maras, weiterhin vergleichsweise gering? Zum einen ist die Anzahl der Waffen in zivilen Händen in Nicaragua deutlich niedriger als in El Salvador, Guatemala und Honduras, und es ist zu vermuten, dass dies zu einer niedrigeren Mordrate führt. Zum anderen sind die Methoden der nicaraguanischen Polizei weniger repressiv und provozieren damit auch weniger Gewalt und Rache durch die Jugendbanden.
In El Salvador, Honduras und Guatemala hingegen führten Anti-Mara-Gesetze wie „plan escoba“ („Plan Besen“) oder „plan mano dura“ („Plan der harten Hand“) zu einem immer härteren Durchgreifen der Polizei und des Militärs mit groß angelegten Razzien im öffentlichen Raum. Durch die Gesetzesänderungen wurde es in diesen Ländern möglich, Jugendliche aufgrund äußerer Kennzeichen wie z. B. Mara-Tattoos festzunehmen. Die Mordraten konnten trotz Intensivierung der polizeilichen Maßnahmen nicht gesenkt werden. Im Gegenteil: es stieg die Gewaltbereitschaft der Maras. Sie antworteten mit Racheaktionen. Nur einen Monat nach der Ausarbeitung der neuen Anti-Mara-Gesetze 2003 überfielen Gangmitglieder in San Pedro Sula, Honduras, einen öffentlichen Bus, töteten dabei 14 Menschen und hinterließen eine Nachricht an den Präsidenten Ricardo Maduro mit der Forderung nach Aufhebung der neuen Gesetze. (Vgl. Rocha)
Ähnliches passierte zuletzt im Juni 2010 in San Salvador, als Mitglieder der Mara 18 einen öffentlichen Bus in Brand setzten und dabei 18 Menschen töteten. Nach diesem Vorfall kündigte der Präsident Mauricio Funes ein neues Anti-Jugendbanden-Gesetz an, das nicht nur die Mitgliedschaft, sondern auch die Kooperation mit einer Mara mit Gefängnis bestrafen soll. Damit führt Funes wider Erwarten die Gesetzesentwürfe der ARENA-Regierungen weiter und ignoriert die große Kritik, die Menschenrechtsorganisationen und Justiz üben. (Vgl. Lambert)

Literatur:
- Arana, Ana (2005): How the Street Gangs Took Central America. Foreign Affairs 84 (3) http://www.foreign affairs.com/articles/60803/anaarana/how-the-street-gangs-took-central-america [11.2.2008]
- Lambert, Tobias (2010): Kampf gegen Jugendbanden. Portal Amerika21.de http://amerika21.de/nachrichten/inhalt/2010/jun/maras-72637-elsal [18.10.2010]
- Levenson, Deborah  (1988): Por si mismos. Un estudio preliminar de las „maras“ en la ciudad de Guatemala. Cuadernos de Investigación No. 4. Guatemala-Stadt: AVANCSO
- Peetz, Peter  (2004): Zentralamerikas Jugendbanden. „Maras“ in Honduras, El Salvador und Guatemala. In: Institut für Iberoamerika-Kunde: Brennpunkt Lateinamerika. Nr. 5. Hamburg. S.49-63
- Ranum, Elin Cecilie (2006): Pandillas juveniles transnacionales en Centroamérica, México y Estados Unidos. Diagnóstico Nacional Guatemala. http://www.insumisos.com/lecturasinsumisas/Pandillas %20juveniles%20transnacionales.pdf [1.7.2009]
- Rocha, José Luis (2006): Why are - there no maras in Nicaragua? In: Rodgers, Dennis und Rocha, José Luis: Gangs of Nicaragua. 1st Edition. Managua. S. 136-165.                         http://gangresearch.net/Globalization/centralamerica/rrnicgangs.pdf[1.7.09]
- Rodgers, Dennis  (2006): Living in the Shadow of Death: Gangs, Violence and Social Order in Urban Nicaragua, 1996-2002. In: Journal of Latin American Studies. Vol. 38: part 2: May 2006. Cambridge University Press S.267-292
- Thompson, Ginger und Dan Alder (2004): Between Nations, Latino Gangs Confound the Law. The New York Times, vom 26.9.2004 http://select.nytimes.com/gst/abstract.html?=FA0A16F8345D 0C758EDDA00894DC404482 [27.1.2009]

 1    ECLAC = Economic Commission for Latin America and the Caribbean (UN)

 

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