Dieses Schicksal hat die Stadt nicht verdient
Interview mit Verónica Corchado aus Ciudad Juárez, Mexiko. Sie ist Mitbegründerin von Pacto por la Cultura und aktiv in verschiedenen Initiativen, u.a. für soz.-päd. Stadtteilarbeit mit Jugendlichen und Frauen. Das Interview führte und übersetzte Eberhard Albrecht.
Frage: Wir möchten mit einer persönlichen Frage beginnen: Wie ist das Leben in „der gefährlichsten Stadt der Welt”? Wie lebt man dort im Alltag? Vor allem als Frau?
Antwort: Ich wurde in Ciudad Juárez geboren, in der Stadt, die man heute die gefährlichste Stadt der Welt nennt. Wie man dort lebt? Bis vor ein paar Jahren konnte man dort relativ ruhig leben. Ein überaus ruhiger Ort war Ciudad Juárez aber nie, denn es gab dort immer Auseinandersetzungen. Nachdem die Maquila-Industrie nach Ciudad Juárez gekommen war, waren viele Menschen tagsüber nicht mehr zuhause. Die Kinder blieben alleine.
In meiner Familie hat meine Mutter ihr Leben lang in der Maquila-Industrie gearbeitet. Wir sind acht Geschwister, wobei ich zu den älteren gehöre. Ich habe dieses typische Familienleben der Maquila-Industrie miterlebt, wo die Mutter den ganzen Tag weg ist zum Arbeiten, früh um vier aufsteht und erst abends um sechs wieder kommt. Ich musste lernen, mit dem Herd umzugehen, das vorbereitete Essen zu wärmen und musste mich um die kleinen Geschwister kümmern. Das wichtigste dabei war aber, dass wir draußen auf der Straße sein konnten. Es war ein Leben in der Gemeinschaft. Trotz all der geschilderten Probleme konnte man mit den Nachbarn, den Freund_innen, den Kamerad_innen ein gemeinschaftliches Leben führen. Wir haben zusammen gespielt, sind zusammen aufgewachsen und haben viele interessante Dinge zusammen gemacht. Ich komme aus einer armen Familie, aus einfachen Verhältnissen. Wir lebten in einer Gegend, wo es weder Schulen noch Parks gab, es war die Schlafstadt der Maquila-Industrie. Ich glaube, was mir damals geholfen hat, war, dass ich anderen, Jugendlichen wie mir, begegnet bin, die nicht einverstanden waren mit dem, was in Ciudad Juárez passierte. Dadurch hat sich mein Denken geändert und mir wurde bewusst, dass es nicht normal war, wie wir lebten.
Heute in Ciudad Juárez zu leben, ist etwas völlig anderes. Heute haben wir eine Stadt, die zu groß ist und vor allem zu unsicher für Frauen. Wir Frauen, die wir zur Arbeit gehen, oder in die Schule, wir müssen viel zu Fuß gehen, denn einen öffentlichen Nahverkehr wie hier in Deutschland oder in Mexiko D. F. gibt es so nicht. Der öffentliche Verkehr bei uns ist der teuerste und der ineffizienteste des ganzen Landes. Das ist an sich schon ein Risiko für Frauen.
Obwohl wir an eine Situation systematischer Gewalt gewöhnt waren, ist die Lage heute eine neue Herausforderung für uns. Jetzt heißt es, dem Terror ausgeliefert zu sein. Wenn du auf der Straße gehst, wenn du mit dem Bus oder mit deinem Auto fährst, im Einkaufzentrum bist, zum Tanzen gehst, immer ist da die Gefahr, dass du oder Familienangehörige ermordet werden. Ciudad Juárez ist einer Logik des Terrors unterworfen. Ein ruhiges Leben ist da kaum möglich. Du fühlst die Gewalt bis in die Knochen. Das gilt besonders für Frauen. Aber ganz besonders gilt es für Frauen aus armen Verhältnissen. Als solche lebst du immer mit dem Risiko, dass sie dir die Legitimation absprechen, dich als Hure bezeichnen, dich vergewaltigen, dich töten. Das heißt, unter vielen Gesichtspunkten ist es eine hoch riskante Situation, wenn du eine arme Frau in Ciudad Juárez bist.
Du bist Mitglied des Netzwerkes Pacto por la Cultura. Könntest Du uns etwas zu euren Zielen erzählen? Wie reagiert ihr auf die Situation in Ciudad Juárez? Könntest Du uns vielleicht an einem Beispiel die Arbeit eurer Organisation verdeutlichen?
Unsere Gruppe vereint Künstler_innen, einige Hochschullehrer_innen und Leute wie mich, die aus der kommunalen Basisarbeit kommen, und einige Künstlerkollektive. Die dem Pacto por la Cultura zugrunde liegende Idee geht davon aus, dass es bisher in Ciudad Juárez das politische Ziel eines Lebens in Würde nicht gab. Kultur wurde nicht in einem umfassenden Sinn begriffen, als etwas, das mit Genießen und Fröhlichkeit zu tun hat. In der Stadt gibt es 321 Industriezonen und nur vier Theater. Deshalb sind wir mit unseren sehr unterschiedlichen Fähigkeiten zusammengekommen, um einen neuen Diskurs und eine neue Praxis zu schaffen, einer Kultur, bei der die Menschenrechte und die Politik gegenüber Frauen eine strategische Rolle spielen. Das Netzwerk existiert erst seit kurzem als eingetragener Verein, arbeitet aber schon seit mehr als acht Jahren. Arbeiten heißt Netzwerke und Bewegungen initiieren, nicht nur in Ciudad Juárez, sondern auch in der Provinz Chihuahua und in anderen Orten der Republik Mexiko. Dabei geht es darum, dass die Menschen sich dessen bewusst sind, dass sie einen Pakt schließen. Dass sie daran denken, dass ein anderes Leben möglich ist, durch die Kunst, durch ein Leben in Würde, durch die Respektierung der Menschenrechte. Unter „Pakt für die Kultur“ muss man sich so etwas wie ein Etikett vorstellen, ein Aushängeschild, unser Marketing für die Stadt. Mit Ciudad Juárez ist so viel Schmerz und Entwürdigung verbunden, dem wollten wir etwas entgegensetzen, etwas, das auch haften bleibt. „Aha, wir schließen einen Pakt für die Kultur, nicht für die Gewalt.“ Deshalb das Wort Pakt, weil es Bündnis und Vertrag bedeutet. Mit dieser Idee gehen wir in die Stadtviertel und schlagen vor, einen Pakt zu schließen. Der Pakt ist außerdem auch ein Dokument, das die Leute unterschreiben. Das sind einige der Gesichtspunkte des „Paktes für die Kultur“, die wir den Leuten erklären – man findet es auch im Internet1 – und die Leute sagen: leuchtet mir ein, da bin ich dabei. Dann gibt es Aktivitäten von Leuten, die sich überlegt haben, was können wir tun. Da gibt es Kunstinstallationen oder z. B. das Programm „Mein Leben in Juárez, Stimmen von Frauen“. Ein Jahr haben wir mit Frauen gearbeitet, damit sie ihr Leben erzählten und jetzt haben wir Texte, die veröffentlicht werden sollen. Außerdem haben wir zwei Bücher mit Zeugen_innenaussagen gemacht, die wir Funktionär_innen, Künstler_innen und den Bürger_innen der Stadtviertel zur Verfügung stellen werden. Wir hoffen, dass die Erfahrungen der Frauen, die sich dort in ihren Worten widerspiegeln, zu politischen Konsequenzen führen.
Ein wichtiger Aspekt, den wir mit dem Pakt für die Kultur verbinden, ist, dass wir damit den Leuten die Gelegenheit bieten, ihren Schmerz und die Ungerechtigkeit zu verarbeiten, ihnen helfen, anders zu denken. Dazu reicht es nicht, die Wirklichkeit zu beschreiben, wie es die Akademiker_innen oder die Medien machen. Sehr sehr wichtig ist es, Bilder zu schaffen. eine Performance der Wirklichkeit. Wir haben noch ein Musikprogramm mit Schlaginstrumenten. Wir gehen in die Wohnviertel und bieten Malunterricht an. Alle die beschriebenen Aktivitäten nennen sich „Tage des Paktes für die Kultur“. Mit diesen Tagen wandern wir von Viertel zu Viertel. Mit der Zeit schließen sich uns Leute an und verpflichten sich zu bestimmten kleinen Dingen, die sie für ihr Wohnviertel machen wollen.
Im März 2008 begann die Regierung Felipe Calderón den „Krieg gegen den Drogenhandel“. Was hat das für deine Heimatstadt Ciudad Juárez bedeutet? Was hat sich damit für euch geändert?
In dem Moment, als Präsident Calderón in unverantwortlicher Art und Weise dem Drogenhandel den Krieg erklärte, wurde aus meiner geliebten Heimatstadt Ciudad Juárez, die bis dahin eine stigmatisierte, ausgeschlossene und gottverlassene Stadt gewesen war, eine Stadt im Krieg. Das finde ich ein großes Problem, dass man sich nicht das Ziel setzt, ein Leben in Würde zu erreichen, nicht den Rechtszustand in der Stadt wieder durchsetzen will, sondern den Weg der Politik des Krieges wählt. Dieser Krieg beinhaltet den Tod und die Ermordung tausender Jugendlicher und Frauen, von denen die Regierung annimmt, sie seien Verbrecher oder Bandenmitglieder oder sie seien in den Drogenkrieg verwickelt. Oder man sagt, es herrscht Krieg, da sterben immer Leute, das sind die Kollateralschäden des Krieges. Das ist sehr traurig und die Stadt hat dieses Schicksal nicht verdient und die mexikanische Regierung trägt die Verantwortung dafür. Wir haben verschiedene Vorschläge gemacht, die diskutiert und beschlossen worden sind. Sie zielen darauf ab, dass dieser Krieg nicht die einzige Strategie sein kann, sich dem Drogenproblem entgegenzustellen. Ich bin der Meinung, die Militärs müssen zurück in ihre Kasernen, der Kampf gegen die Drogenkartelle muss zurück in die Hände der Polizei. Das wichtigste aber ist, dass eine Politik betrieben wird, die sich an den Menschenrechten orientiert und die Kinder, Jugendliche und Frauen stärkt. Denn wenn die Familien die Mittel haben, den Jugendlichen ein Leben in Würde zu garantieren, dann gibt es weder einen Grund dafür, dass sie Drogen verkaufen, noch konsumieren. Während der vergangenen 40 Jahre Vernachlässigung hat die Jugend – 60 % der Bevölkerung sind Jugendliche – keine Chance gehabt. Ich beklage es zutiefst, aber der Drogenhandel war eine Antwort darauf. Sicherlich nicht die beste. Aber Tatsache bleibt, dass den Jugendlichen nie ein gangbarer Weg für ihr Leben gezeigt worden ist und man ihnen dort Macht, Waffen und Geld bietet. Meiner Meinung nach müsste die Regierung intensiv über die Bedingungen nachdenken, in denen sich Tausende von Jugendlichen nicht nur in Ciudad Juárez, sondern im ganzen Land befinden. Man kann sagen, dass Mexiko das Land ist, in dem die Jugend keine Möglichkeiten hat. Es gibt keine Möglichkeiten, weder im Bereich der Ausbildung, noch in der Technologie, noch bei der Freizeitgestaltung. Politische Initiativen der letzten Jahre beschränkten sich auf die Polizeimaßnahmen, Ausbau der Gefängnisse und stärkere Repression gegenüber der Jugend. Es existiert ein erschreckend hoher Drogenkonsum. Ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob dieser Krieg tatsächlich mit dem Drogenhandel aufräumen will, oder ob da nur etwas simuliert wird. Wenn man dem Drogenhandel wirklich an den Kragen wollte, dann müsste man die finanzielle Basis der Drogenkartelle angreifen, so dass die nichts produzieren könnten. Es scheint so, als ob man in der Kette des Drogenhandels die unterste Ebene der Konsumenten und Kleindealer ausrotten will. Und viele andere Jugendliche, die damit nichts zu tun haben, Student_innen, solche die einfach auch nur da sind, werden auch brutal umgebracht. Ich habe das Gefühl, die Kugeln zielen auf einen bestimmten Teil der Bevölkerung. Warum? Vielleicht nur, um den Krieg zu rechtfertigen. Um sagen zu können, das Drogenproblem ist da und dafür benötigen wir militärische Mittel, die Soldaten müssen auf die Straße. Wenn es nicht so ist, dann verstehe ich nicht, wieso die Drogen weiterhin an den Soldaten vorbei in die USA gelangen. Der Drogenhandel geht ja weiter. Und es ist bekannt, dass sowohl auf der Seite Mexikos als auch der USA Amtsträger verwickelt sind. Getötet werden nur die Jugendlichen und das erscheint uns zumindest verdächtig, willkürlich und schmerzhaft für die Wohngebiete, aus denen sie stammen.
Kannst Du uns sagen, um welche Größenordnung es bei den Ermordeten geht?
Seit der Kriegserklärung im März 2008 bis heute wurden allein in Ciuadad Juárez mehr als 6.000 Menschen ermordet. Im selben Zeitraum gab es 28.000 Ermordete im ganzen Land, davon entfallen fast 50 % auf den Bundesstaat Chihuahua. Das ist für uns überaus schmerzlich, vor allem, wenn man sich klar macht, dass davon sehr sehr viele, einen genauen Prozentsatz kenne ich nicht, Jugendliche unter 25 Jahren sind. Unter den Jugendlichen wiederum sind mindestens zehn Prozent Kinder.
Kinder?

In den Zeitungen wird von schwangeren Frauen berichtet, von Kindern, die mit ihren Eltern zusammen sind, und alle werden ermordet, Kinder von acht, vier, zwölf oder dreizehn Jahren. Der Vater sollte ermordet werden, der holte die Kinder von der Schule ab und alle wurden umgebracht. Viele andere sind Schüler_innen oder Student_innen. So ist es. Es ist ein schädlicher Krieg, der sich vorwiegend gegen den schutzlosesten Teil der Bevölkerung richtet. Mich überzeugt die Behauptung nicht, er richte sich gegen den Drogenhandel. Für mich ist es ein von der Regierung aufgezwungener Diskurs, den sie in Mexiko und im Ausland durchsetzen will. Gerade während der aktuellen Reise ist mir klar geworden, mit welcher Intensität die mexikanische Regierung den Diskurs betreibt, dass sie den Krieg gegen den Drogenhandel gewinnen werden. Also, ich kann dies nicht erkennen. Das Einzige, was zu sehen ist, ist der Schmerz, und der Hunger, dem man inzwischen in Ciuadad Juárez auch begegnet. Mit letzterem muss ich noch etwas anderes ansprechen, nämlich, dass es in Ciuadad Juárez keinerlei Arbeit gibt. Früher zogen die Menschen hierher, weil es Arbeit gab. Seit der Rezession in den USA ist das vorbei. Die Maquila-Industrie verschwindet und die Leute stehen ohne Arbeit da und die Themen Ernährung und Gewalt spitzen sich zu. Im Augenblick sind mehr als 100.000 ohne Arbeit. Wir haben also auf der einen Seite die Arbeitslosigkeit und auf der anderen die ungelöste Problematik der Frauenmorde und dann noch den Krieg mit mehr als 10.000 Soldaten in der Stadt und die Jugend ohne Perspektiven. Wir leben also in einer Stadt, die den Menschen weder Sicherheit noch Zukunftsperspektiven bietet. Wie sich all die beschriebenen Faktoren vermischen, das ist schrecklich für die Stadt.
Viele Probleme in Ciuadad Juárez ergeben sich sicherlich aus der Lage der Stadt an der Grenze zu den USA. Drogenhandel, Migration, Maquiladoras usw. Gibt es eigentlich auf der anderen Seite der Grenze, z. B. in El Paso (Texas), Organisationen, mit denen ihr Kontakt habt? Mit denen ihr reden könnt, die die Probleme in Ciudad Juárez als gemeinsame Probleme begreifen?
Ja, das ist richtig, viele Probleme, die Ciuadad Juárez hat, sind die Folge der geografischen Lage an der Grenze zu den USA. In dem Zusammenhang möchte ich auf etwas sehr wichtiges hinweisen: Während Ciuadad Juárez als die gefährlichste Stadt der Welt angesehen wird, gehört El Paso (Texas) zu den drei sichersten Städten der USA. Das scheint mir sehr wesentlich zu sein. Man muss nur über die Grenze und schon befindet man sich an einem der sichersten Orte.
Seit vielen Jahren haben wir in Juárez Kontakte und Verbindungen zu vielen Menschen und Gruppen in anderen Orten. Darunter sind auch einige aus El Paso, aber nicht sehr viele, unter anderem, weil El Paso nicht groß ist. Es hat weit weniger als eine Million Einwohner_innen. Mit etwa drei Organisationen haben wir regelmäßig Kontakt. Wir besuchen uns wechselseitig. Unser Hauptinteresse, nicht nur im Kontakt mit diesen Organisationen aus El Paso, dabei ist, dass sie unsere Informationen und Sorgen nach Washington weiterleiten, dass diese Organisationen unsere Sache dort vertreten. Gegenüber den Organisationen aus El Paso argumentieren wir, dass unsere Sache auch die ihre sei. Zwischen uns existieren ja verwandtschaftliche Beziehungen, wir haben gemeinsame Freund_innen. Viele Hochschulprofessor_innen der University of Texas at El Paso haben Reportagen geschrieben und Briefe nach Austin (Texas) und Washington geschickt, um Druck zu machen. Wir haben gefühlt, dass sie uns begleiten, denn sie haben kritisch über Ciuadad Juárez und über die unheilvollen Folgen dieses Krieges geschrieben. Sie haben vor allem auf ein Unheil hingewiesen, das sich als Konsequenz der aktuellen Situation erst in der Zukunft zeigen wird. Was bisher noch nicht ermessen wird, sind die langfristigen emotionalen Auswirkungen bei den Jugendlichen und vor allem den Kindern. Denken wir an die Kosten der Angst, und die psychischen Probleme als Folge dieser ständigen Militarisierung. Denn wir sind alle verdächtig und infolgedessen könnten wir alle exekutiert werden. Und so werden wir behandelt. Also, mit einigen Organisationen haben wir reden können, aber es gibt auch solche, die noch nicht einmal nach Ciuadad Juárez kommen wollen. Aus den Gründen, die ich genannt habe, dass sie so ruhig leben können, kann man nicht sagen, dass wir die gleichen Probleme hätten. Wir haben nur freundschaftliche Beziehungen. El Paso ist ein Ort geworden, der sehr mit uns mitfühlt. Wir haben sogar manchmal unsere regelmäßigen Treffen in El Paso. Eins möchte ich noch ergänzen; die Menschen, die heute in El Paso leben, stammen ja aus Ciuadad Juárez. Schließich sind wir die gleichen Menschen. Die Leute aus El Paso waren immer sehr solidarisch. Zum Beispiel ist es üblich, dass sie wegen der herrschenden Unsicherheit ihre Familienangehörigen zu sich einladen.
Noch eine Frage zu den Frauenmorden. Ende vergangenen Jahres hat der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte (CIDH) den mexikanischen Staat in dem Fall, der unter dem Namen Campo Algodonero bekannt geworden ist, verurteilt2 . Welche Konsequenzen wird dieses Urteil haben?
Dieses Urteil ist von sehr großer Bedeutung für unseren Kampf. Hinter diesem Urteil verbirgt sich sehr viel Arbeit von sehr vielen Organisationen, sowohl lokalen und nationalen als auch internationalen. Dankbar betone ich, dass das Urteil ohne die jahrelange Arbeit von so vielen Leuten nicht zustande gekommen wäre. In der Zeit von 1993 bis 2005 sind mehr als 500 Morde an Frauen in Ciuadad Juárez dokumentiert worden. Für solche Mordserien wird das Wort feminicidio verwendet, ein Begriff, der auf eine extreme Gewalt hinweist, die sich besonders gegen Frauen und Mädchen der Unterschicht richtet und mit sexueller Gewalt, Folter und verschiedenen anderen schrecklichen Sachen verbunden sein kann. Der Fall Campo Algodonero ereignete sich im November 2001. Man fand damals an dem Campo Algodonero genannten Ort in Ciuadad Juárez die Körper von acht Frauen, die ermordet, vergewaltigt, gefoltert und zerstückelt worden waren. Einige der Mütter, unterstützt von anderen Frauen, die schon organisiert waren, begannen, die Fälle zu dokumentieren, eigene Akten anzulegen. Sie wussten schon, dass die Regierung nichts unternehmen würde. Später brachten sie die Fälle vor den Interamerikanischen Gerichtshof. Dieser akzeptierte die Klage nur in drei Fällen. Die Gründe hierfür waren unterschiedlich: Zum Beispiel waren in einigen Fällen die vorgebrachten Informationen nicht ausreichend usw. Dieser Fall hat für uns Frauen eine sehr hohe Bedeutung. Mit dem Urteil wurde die mexikanische Regierung verpflichtet, 16 Auflagen zu erfüllen. Die erste ist die Verpflichtung, das Urteil öffentlich zu machen. Darin ist der Versuch zu sehen, eine Wiederholung der Fälle zu verhindern. Deshalb wird verbreitet, worum es ging und warum der mexikanische Staat verurteilt worden ist. Eine andere Auflage ist, dass die Regierung alle Fälle, die es bisher in Ciudad Juárez gab, veröffentlichen muss, sowohl die Fälle der Ermordeten als auch die Fälle von Frauen, die weiterhin verschwunden sind. Eine weitere Auflage verpflichtet den Staat, ein Denkmal für die Opfer der Frauenmorde in Ciudad Juárez zu errichten. Damit muss der mexikanische Staat anerkennen, dass es sich hier um ein Staatsverbrechen handelt, das bisher nicht gelöst ist und dass es sich um ein schwerwiegendes Problem handelt. Für dieses Denkmal haben wir schon einige Vorschläge gemacht. Es sollte an einem Ort sein, der den Frauen Anerkennung zollt, mit ihren Namen, ihrem Lebensweg, und ihre Schmerzen und die ihrer Familien würdigt. Außerdem wird der Staat dazu verpflichtet, ein Kursprogramm über Genderproblematik für seine Funktionär_innen einzurichten, wo diese lernen sollen, mit den Fällen umzugehen. Eine weitere Auflage befasst sich mit ökonomischen Angelegenheiten. Da geht es um Entschädigung für die Familien der drei Mädchen.
Wir möchten mit einer Frage zur Rundreise, die gerade zu Ende geht, abschließen. Welche Eindrücke hinterlässt diese Reise bei dir? Besonders bezieht sich die Frage auf die offiziellen Treffen in Berlin, Brüssel und Genf. Welche Ergebnisse nimmst du mit nach Hause?
Die Rundreise hatte zwei Abschnitte. Zum einen bin ich alleine durch verschiedene deutsche Städte gereist. Dabei ging es darum, Informationen über die Situation in meiner Heimatstadt zu verbreiten und ein Gefühl für das zu fördern, was wir mit „SOS sozialer Ausnahmezustand in Chihuahua“ bezeichnen. Denn wir befinden uns in einer Ausnahmesituation, wovon die Menschen in anderen Ländern wissen müssen. Ganz offensichtlich interessiert dies die mexikanische Regierung nicht, aber für uns ist es wichtig, die Wirklichkeit darzustellen, zu erzählen von der Barberei, die vor sich geht. Ich habe viele Zeichen der Solidarität von Seiten der Menschen in Deutschland erfahren, wofür ich mich hier bedanken möchte. Bei den Treffen in Berlin, Brüssel und Genf waren wir zu dritt aus Mexiko, so dass nicht nur der Norden, sondern auch der Süden und das Zentrum des Landes vertreten waren. Das war interessant, da wir uns gegenseitig ergänzen konnten in der Art und Weise, wie wir die Situation in Mexiko einschätzen. Wir haben uns mit verschiedenen Menschenrechtsbericherstatter_innen (relatores de derechos humanos) unterhalten. Allgemein kann man sagen, dass uns überall zugehört wurde und dass wir freundlich empfangen wurden. Manchmal stießen wir auf Erstaunen, logischerweise. Denn sie sagten: Wie bitte? Wenn Mexiko ein fortschrittliches Land ist, wie kann es da die Menschenrechte verletzen? Da wurde uns klar, dass die mexikanische Regierung gut täuschen kann, dass sie ein echtes Interesse hat, dass die Dinge in der Welt in Ordnung erscheinen. Die Regierung ist wirklich gut darin, Dokumente zu produzieren. Uns wurden wichtige Dokumente und Pläne vorgestellt, und wir sind inzwischen davon überzeugt, dass wir in Mexiko mit Papier wirklich gut sind. Aber das Problem ist, dass wir nicht den Übergang in die Praxis schaffen. Wenn wir nicht zur Praxis gelangen, werden wir niemals das Leben der Menschen ändern. Dies beunruhigt mich sehr. Das haben wir in unseren Gesprächen auch zum Ausdruck gebracht. Wir müssen die Dinge so darstellen, wie wir sie sehen. Die Herausforderung für uns besteht darin, weiter zu machen, die Räume zu nutzen, die wir haben. Ich glaube, wir haben noch nicht genügend dafür getan, dass unsere Worte in den Räumen, wo Außenpolitik gemacht wird, gehört werden. Wir haben dies bisher nicht ausreichend gemacht, nicht, weil wir es nicht gewollt hätten, sondern weil uns Mittel, Voraussetzungen und Kontakte fehlten. Insofern ist dies jetzt eine außergewöhnliche Situation, die ohne die Unterstützung der Menschenrechtskoordination Mexiko und des Ökumenischen Büros nicht möglich gewesen wäre. Denn wir sind weit weg und haben nicht den Apparat, den die Regierung hat. Uns ist klar geworden, dass wir die Art und Weise, wie wir die Probleme sehen, in Zukunft ändern müssen. Es sind nicht nur lokale Probleme. Was ich auch als persönliche Herausforderung annehme, ist der Vorsatz, laufend Informationen zu schicken an diese Institutionen, zu denen wir jetzt Kontakt haben. Nicht dass es passiert, wenn wir das nächste Mal wieder kommen, wir wieder gefragt werden, was ist eigentlich los in Mexiko? Ich glaube, damit könnte es uns allmählich gelingen, auf die Regierung einzuwirken. Denn anscheinend schmerzt es sie sehr, wenn ihnen gesagt wird, sie würden die Menschenrechte verletzen. (…) In den drei Orten haben wir die Berichterstatter_innen nach Mexiko und Chihuahua eingeladen, damit sie sich selbst von dem Zustand der Barbarei überzeugen können, in dem wir uns befinden. Wir haben ihnen gesagt: Sie müssen uns nicht glauben, kommen Sie zu uns und schauen Sie selbst. Wir laden Sie ein, dass Sie sich mit den sozialen Organisationen treffen und diesen zuhören. Sie können mit einigen betroffenen Familien reden. Das kann etwas bewirken, wenn sie kommen und selbst Erfahrungen machen und nicht mehr allein dem Diskurs der Regierung ausgeliefert sind. (…)
Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.
1 http://www.pactoporlacultura.org/
2 Details zu dem Fall siehe unter: http://www.campoalgodonero.org.mx/
Förderung durch das