„Der Fußball lässt dich nicht so leicht los“

 

Interview mit einer ehemaligen salvadorianischen Nationalspielerin

 

Magst du uns etwas über deine Fußballkarriere in El Salvador erzählen? Wann du mit dem Fußball angefangen hast, wann du in die Nationalmannschaft kamst, so ein bisschen über deine Geschichte als Fußballspielerin.

 

Ich habe von klein auf gespielt, obwohl Fußball normalerweise nicht für die Mädchen gedacht war. Das war etwas für Jungen. Aber die Jungen im Wohnviertel haben uns Mädchen mitspielen lassen. So habe ich Fußball spielen gelernt. Meine Mutter hat uns nicht gerne mit den Jungen spielen lassen, wir wurden immer getrennt. Aber letztlich haben wir dann trotzdem meistens mitgespielt. Als ich dann 1993, mit 19, an die Universität kam, bekam ich mit, dass es dort eine Mannschaft gab. Das interessierte mich und ich hab mir das mal angeschaut. Als ich dann gesehen habe, wie die Mädchen spielten, musste ich zunächst etwas schmunzeln. Einige von ihnen konnten spielen, aber andere nicht. Ich habe mich erkundigt, was ich tun muss, wenn ich mitspielen will. „Du musst nur mit dem Professor sprechen.“ Das habe ich gemacht und nachdem der sich mein Spiel angeschaut hatte, durfte ich mitmachen. So wurde ich Mitglied der Mannschaft der staatlichen Universität von El Salvador1 .

Mit dieser Mannschaft nahm ich dann an einem Turnier teil, das zwischen den wichtigsten Universitäten El Salvadors ausgetragen wurde. In dem Turnier spielten die UCA2 , die Matías3 , wir, die nacional, und die tecnológica4 . Es war eine Riesensache. Es war nicht nur ein Fußballturnier, sondern auch für Basketball und Softball, für Studentinnen und Studenten. Die Veranstaltung wurde von der Kleidermarke DOCKERS gesponsert. Es war großer Fußball, auf Landesebene, im Rahmen der Universitäten und wir Frauen waren dabei. Das war eine ganz andere Dynamik als normalerweise.

 

Wann war das?

 

Ich glaube 1995 oder 1996. Wegen der Rivalität zwischen der UCA und der nacional war die Situation ein wenig eigenartig. Die UCA war immer eine Universität gewesen, die der politischen Realität etwas kritisch gegenüber stand, aber gleichzeitig eine für Leute, die es sich finanziell leisten konnten. Die nacional hingegen war immer die Universität fürs Volk, für die Arbeiterkinder. Sie hat sich daher den Ruf erworben, eine Brutstätte für Gueriller@s zu sein. Deshalb haben sie uns immer „guerilleros“ zugerufen, wenn wir gegen die UCA spielten, worauf wir bzw. unsere Fans „compra títulos5 “ zurückgebrüllt haben. Das war eben der verbale Teil des Kampfes.

Und bei diesem Turnier waren das nicht die üblichen 30 Zuschauer_innen. Da kamen alle Student_innen, so viele, dass man sie manchmal trennen musste, um Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Bei diesen Spielen waren die Frauen immer der Clou. Die Männer spielten immer zuerst, aber die Frauenpartie war der Reiz der Veranstaltung. Ein Reiz, der zwar nicht lange angehalten hat, aber zu jener Zeit war die Begeisterung groß.

 

Welches Ansehen hat der Frauenfußball in El Salvador?

 

Der Frauenfußball wird kaum gefördert. Das ist in einem Land des machismo, wie in El Salvador, nicht überraschend. Es gibt zwar keinen Widerstand gegen den Frauenfußball, aber auch keine Unterstützung.

 

Gab es damals eine Nationalmannschaft im Frauenfußball?

 

Nach dem erwähnten Turnier wurde erstmals eine Frauennationalmannschaft gebildet. Das Turnier war ein großer Erfolg gewesen und hatte gezeigt, dass es viele gute Spielerinnen gab. Deshalb wurden weitere Turniere auf nationaler Ebene durchgeführt, an denen auch Mannschaften von Oberschulen und Stadtteilen teilnahmen. Der Frauenfußball erlebte einen richtigen Boom. Eine Zeit lang wollten alle Frauenfußball sehen.

Wir wurden tatsächlich von einigen Männermannschaften eingeladen, Spiele der obersten Liga zu eröffnen. Da gab es dann Frauenfußball als einleitende Unterhaltung und dann die Spiele der Mannschaften ALIANZA, Santa Ana usw.

Wenn wir alleine spielten, waren die Stadien nicht so voll. Vor allem kamen Familien und Freundinnen und Freunde.

 

Du sprichst jetzt von Stadien in San Salvador, wie dem „Flor blanca“?

 

Wenn wir in den großen Stadien wie Flor blanca spielten, ging es um Unterstützung, meist vor den Spielen der internationalen Wettkämpfe der Männer. Das erste Mal, dass wir in einem Oberliga-Stadion spielten, war beim Endspiel zwischen der UCA und der nacional bei diesem DOCKERS-Turnier. Da hatten sich diese für den Fußball so typischen Spannungen aufgebaut, dass man sich entschied, das Spiel ins Mágico González zu verlegen, um die Fans trennen zu können. Bei dem Spiel war auch das Fernsehen dabei. Das war der Sender Canal 4, ein rechter Sender, was sich auch auf die Übertragung auswirkte. Die Spielerinnen der nacional wurden immer dann in Großaufnahme gezeigt, wenn sie ein Foul begingen. Da spielte die Politik mit hinein, die verschiedenen Schichten und ihre Vertretung an den verschiedenen Universitäten. Das war leicht zu erkennen, z. B. auch an den Schuhen der Spielerinnen. Da gab es große Qualitätsunterschiede. Und bei uns ist es auch häufig vorgekommen, dass eine Spielerin, wenn sie ausgewechselt wurde, ihre Schuhe ausgezogen und an eine andere weitergegeben hat. Man spürte so etwas wie Klassenkampf.

Das zeigte sich auch bei den Fangruppen der verschiedenen Universitäten. Einmal, als wir in der Matías spielen mussten, wurde nur erlaubt, dass 25 unserer Fans mitkommen. Normal waren es mehr als das Doppelte an Karten gewesen, die wir Spielerinnen verteilen konnten. In dem Fall haben wir die Karten an die kämpferischsten Fans verteilt. Die haben sich organisiert und beschlossen: Wir gehen alle zusammen. Sie beschlagnahmten sechs oder sieben Linienbusse und unter der Drohung, diese anderenfalls anzuzünden, ließen sie sich damit ins Stadion der Matías fahren. Alle haben im Bus bezahlt und gelangten ins Stadion. Da hatte ein einzelner Aufseher keine Chance und es wurde eine tolle Kulisse.

 

Und die Fans waren Männer und Frauen?

 

Ja, aber vor allem Student_innen. In ihren Student_innenvereinigungen haben sie Transparente gemacht, mit denen sie uns unterstützt haben, genauso wie sie sonst Transparente für Demos gemalt haben. Bei den Turnieren der Universitäten war es einfacher für Frauen. Keine wurde dort ange-fasst oder als Frau beleidigt. Ich glaube, das hat etwas mit dem Bildungsstand zu tun.

 

Wie verlief denn die Gründung der ersten Nationalmannschaft?

 

Es war damals eine irre Fußballbegeisterung im ganzen Land. Alle Mädels wollten Fußball spielen, überall in den Stadtteilen bildeten sich Mannschaften und es gab tolle Turniere. Bei einigen Leuten, die mit der Organisation im Fußball befasst waren, wie z. B. dem Sportlehrer der Escuela Americana6 , kam die Idee auf: „Warum stellen wir nicht eine Auswahl zusammen?“ Die Trainer der stärksten Mannschaften trafen sich und beschlossen, eine Nationalmannschaft zu bilden. Es wurde ein Trainer gefunden, der ehrenamtlich arbeitete. Dann wurden, glaube ich, 23 Spielerinnen aus den verschiedenen Teams ausgewählt, aber nur Spielerinnen aus den Universitätsmannschaften. Damals gab es in El Salvador insgesamt rund 1000 Fußballspielerinnen. Nach den Probespielen wurden von uns, der nacional, neun in die Mannschaft aufgenommen.

 

Und mit der Nationalmannschaft seid ihr zu internationalen Turnieren gefahren?

 

Ja, aber erst später. Zuerst teilten wir uns in zwei Gruppen auf, die weiße und die blaue Auswahl. Die spielten in Vorspielen der Obersten Liga der Männer gegeneinander und machten damit die Nationalmannschaft der Frauen bekannt. Da war ich häufig die Spielführerin.

Diese Auswahlmannschaften wurden auch gesponsert. und zwar ausgerechnet von einem Unternehmen, das Damenbinden vertreibt: die Marke KOTEX. Das war schon etwas speziell. Es war immer peinlich, zum Laden zu gehen und die KOTEX-Binden zu kaufen, und dann liefen wir auf einmal mit dem Riesenschriftzug über der Brust auf dem Spielfeld herum.

Einmal sind wir zu einem Turnier nach Guatemala gefahren. Da erhielten wir auch Reisespesen, aber das war fast nichts, kaum mehr als ein Dollar am Tag. Wir kamen zwei Tage vor Turnierbeginn in unserem Quartier an, trainierten vormittags und spielten dann etwa eine Woche lang das Turnier. Es war ein zentralamerikanisches Turnier mit Costa Rica, Honduras, Nicaragua, Guatemala und uns. Da wir aus dem Quartier sowieso nicht heraus durften, haben wir immer Karten um unsere Spesen gespielt. So hatten wir etwas Zerstreuung.

Ich erinnere mich noch an ein anderes Turnier. Da besuchten uns die Spielerinnen von Honduras in unserem Quartier, als sie in der Tabelle sehr schlecht standen. Sie fragten uns, ob wir nicht was trinken wollten. Wir antworteten: „Klar, warum nicht”, legten unsere Reisespesen zusammen und kauften eine Flasche Schnaps. Aber ihnen ging es um das Spiel gegen uns am nächsten Tag, das sie unbedingt gewinnen mussten, um weiter zu kommen. Wir haben grauenhaft schlecht gespielt am nächsten Tag, weil wir uns betrunken hatten. Was für ein schrecklicher Tag! Aber wir hatten verstanden und haben denen nie wieder vertraut.

 

Habt ihr euch auch Fußballspiele der Männer im Stadion angeschaut?

 

Ja. Aber wenn du als Frau in El Savador in ein Stadion gehst, egal, ob du dich für Fußball interessierst oder nicht, musst du damit rechnen, dass du angegrabscht wirst. Also überlegen sich das die Frauen sehr gut. Denn wenn dich jemand anfasst, weißt du nicht einmal, bei wem du dich beschweren kannst, denn alle grabschen. Also haben wir uns Jeans, weite Hemden und Mützen angezogen und haben unser Haar bedeckt. Wir haben uns praktisch als Männer verkleidet. Und so konnten wir uns einschleichen. Manchmal wurden wir entdeckt: “Wie sind die Frauen hier herein gekommen?”, schrien sie und nahmen uns die Mützen weg usw. Ja, man muss sagen, es ist schon schwierig, ein Spiel der obersten Liga der Männer oder der Nationalmannschaft zu sehen. Für eine Frau ist das ein Risiko. Für einen Mann gibt es dieses Problem nicht, der wird nicht angefasst. Außer, sie sind der Meinung, dass er sich wie ein Homosexueller bewegt, dann ist es ähnlich. Da hat niemand Respekt davor.

 

Wann hast du aufgehört zu spielen und warum?

 

Meine Mutter hat es mir verboten. Sie behauptete, seitdem ich Fußball spielte, würde ich nicht mehr vernünftig gehen. Ich würde immer das Knie beugen. Außerdem sagte sie, das Fußballspiel würde zu viel Zeit kosten, die mir dann beim Studium fehlen würde. Viele Professoren teilten diese Meinung. Bis dahin hatte ich Glück mit meinen Professoren, sie hatten mir immer wieder frei gegeben. Aber ich hatte selbst schon gemerkt, dass meine Noten schlechter wurden. Außerdem habe ich angefangen, mit Straßenkindern zu arbeiten und diese Arbeit wurde mir wichtiger als der Fußball. Eine Zeit lang habe ich wirklich viel Zeit mit der Mannschaft verbracht, von morgens bis abends, wenn ich nach Hause kam. Manchmal kam ich nur nach Hause, um die Wäsche zu wechseln.

Also habe ich gesagt: Tschüss Mädels, ich geh!

Aber schon eine Woche später habe ich jemanden getroffen, der mich gefragt hat, ob ich nicht mit seiner Freundin in der Mannschaft von BAYER spielen wollte. Ich stimmte zu, denn so ist das Leben, der Fußball lässt dich nicht so leicht los. In dieser neuen Mannschaft, sie spielte Hallenfußball, haben sie mir nach dem ersten Spiel 25 colones7 in die Hand gedrückt. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich mit Fußball Geld verdient. Das Unternehmen hat das bezahlt.

Später bin ich dann aber wieder in die Mannschaft der Universität und in die Nationalmannschaft zurückgekehrt. Bei der Nationalmannschaft gab es einen Trainerwechsel. Der neue Trainer hatte früher in der obersten Liga gespielt und dann die Mannschaft der UMO8 , der Organisation zur Aufrechterhaltung der Ordnung der Zivilpolizei, trainiert. Daraus ergab sich eine etwas komische Erfahrung, denn es wurde entschieden, dass wir gegen die von der UMO spielen sollten. Um Kraft zu trainieren, sollten wir mit Männern spielen. Aber was für Männern! In El Salvador sind sie berüchtigt für die Repression, die sie bei Demonstrationen ausüben. Das sind die, die immer in der vordersten Reihe marschieren und alles niederwalzen. Die meisten von uns fanden das sehr seltsam. Wir fuhren also zu ihnen und es sollte gespielt werden.

 

Und wer hat gewonnen?

 

Warte einen Moment. Unsere Torhüterin war auch von der Polizei, riesengroß und streitsüchtig, aber selbst die hatte Angst. Aber dann haben wir Mut gefasst und uns gesagt, wenn die gewinnen, unmöglich, die müssen wir packen. Also sind wir angetreten. Es wurde dann so etwas wie die Konfrontation bei einer Demo, wir hier und die dort. Irgendwann haben sie dann vergessen, dass wir Frauen sind und sind richtig zur Sache gegangen. Aber wir haben auch draufgehalten und, ich glaube, ihnen auch einiges verpasst. Es war wie Krieg. Wir hatten nur die Chance, ihnen den Schneid mit Technik abzukaufen. Schnell spielen, schnell abgeben und laufen, das war das sicherste, denn die waren hinter uns her wie die Teufel. Es war total komisch, aber wir hatten viele Verletzte. Anschließend durften wir nicht mehr mit Männern spielen, schon gar nicht mit denen von der UMO.

 

Wann hast du letztendlich mit dem Fußball aufgehört?

 

Zum Schluss haben alle mit die Universität abgeschlossen, sie haben sich eine Arbeit gesucht und mussten ihre Familien unterstützen. Da bin ich auch weg. Es war ein allmählicher Abschied. Zwischen 1993 und 1997 habe ich Fußball gespielt, vor allem in der Universität und während drei Jahren in der Nationalmannschaft.

 

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Du hattest auf dem Spielfeld den Spitznamen "violentilla" (die kleine Ungestüme). Wieso eigentlich? Eure Torhüterin war riesengroß. War sie eigentlich auch gut?

 

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Wie war das als ihr gegen die Männer der UMO gespielt habt? Wie fühlt man sich, wenn man Trikotwerbung für Damenbinden macht? Habt ihr euch auch Fußballspiele der Männer im Stadion angeschaut?

Alle Fotos von Tess Treiber

 

Interview und Übersetzung: Eva Bahl und Eberhard Albrecht

 

1 Universidad de El Salvador (UES), im Interview umgangssprachlich nacional genannt

2 Universidad Centroamericana „José Simeón Cañas“ (UCA)

3 Universidad Dr. José Matías Delgado (Matías)

4 Universidad Tecnológica de El Salvador (UTEC), im Interview umgangssprachlich tecnológica genannt

5 Examenskäuferinnen

6 Escuela Americana, Privatschule in San Salvador

7 Knapp drei Dollar

8 UMO: Unidad de Mantenimiento del Orden de la Policia Nacional Civil

 

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