Das Böse bekämpfen und Seelen retten – wenn „mareros“ zu „cristianos“ werden


Vera Suschko

Casper kann nicht mehr zurück. Nachdem er sich gegen seine Gang aufgelehnt hat und einen Homie1  getötet hat, um das Leben eines Mädchens zu retten, bleibt ihm nichts anderes übrig als zu fliehen. Doch seine Gang La Mara Salvatrucha ist „die gefährlichste Gang der Welt“. Sie lässt ihm keine Chance und verfolgt ihn bis an die Grenze zu den USA. Diese Geschichte erzählt der neue mexikanische Spielfilm Sin Nombre.
Spätestens seit diesem Film scheinen Mittelamerikas kriminelle Jugendbanden in aller Munde zu sein. Ihren Ursprung haben sie in US-amerikanischen Großstädten wie Los Angeles oder New York. Nach einer Gesetzesänderung in den 1990er Jahren, welche massenhafte Abschiebungen junger, straffällig gewordener Zentralamerikaner_innen zufolge hatte, fanden und finden die Maras bis heute besonders in den Ländern El Salvador, Guatemala, und Honduras immer mehr und immer jüngere neue Mitglieder.
Nun haben sie es sogar auf deutsche Kinoleinwände geschafft. Der Film lässt keine Details aus, um zu zeigen mit welcher Grausamkeit und Brutalität die Gang La Mara Salvatrucha (kurz: MS13) vorgeht. Es wird geraubt, vergewaltigt und gemordet. Ist ein Verräter in der Bande, wird dieser verfolgt und hingerichtet. Wer einmal in die Mara eingetreten ist, so wird erzählt –  und das nicht nur im Spielfilm –, kann diese nur tot verlassen. Schon wer sich ohne Erlaubnis aus dem Barrio, das von der Mara kontrolliert wird, entfernt, kann von seinen Kollegen mit dem Tod bestraft werden.2  Ein Ausstieg aus der Bande erscheint daher als nahezu unmöglich. Zwar gibt es die Möglichkeit, vom aktiven Gangleben zu einer Art passiven Status überzuwechseln. So können zum Beispiel ältere Mitglieder, die Kinder bekommen haben, zu Calmados /as werden (wörtlich: Beruhigte), sofern ihnen das von der Bande genehmigt wird. Doch die Zugehörigkeit zur Mara bleibt weiterhin bestehen. Denn ein wirklicher Ausstieg aus der Bande wird von dieser nicht geduldet.
Doch es gibt eine Ausnahme. Religiös zu werden, scheint ein von den Maras weitestgehend akzeptiertes Motiv zu sein, den Homies den Rücken zu kehren. Was zunächst absurd klingt, ist ein Phänomen, von dem in ganz Mittelamerika berichtet wird. Bandenmitglieder geben ihr von Drogen und Gewalt geprägtes Leben auf, um dieses einer ganz neuen Bestimmung zu widmen: einem Leben in der Kirchengemeinde. Eine besondere Anziehungskraft haben dabei die Pfingstkirchen, welche durch gezielte Missionierung zum Beispiel in Gefängnissen versuchen, kriminelle Jugendliche zu bekehren. Die Konversion der ausstiegswilligen Mareros läuft immer nach einem  ähnlichem Muster ab: Der Jugendliche befindet sich zunächst an einem Tiefpunkt seines Lebens. Er wurde inhaftiert, hat viele Freunde verloren, der Gangalltag hat ihm psychische und physische Wunden zugefügt, oder seine Hoffnung auf Freundschaft und Zusammenhalt in der Mara wurde enttäuscht. Ein völliger Neuanfang in Form einer „spirituellen Wiedergeburt“ ist daher ein willkommener Rettungsanker, der Schutz vor Gewalt und zudem die „Rettung der Seele vor dem Teufel“ verspricht. Das eigentliche Konversionserlebnis ist höchst emotional und geschieht oft spontan. Ein ehemaliges Mitglied einer Mara beschreibt diese Erfahrung folgendermaßen: „(...) I couldn´t leave the drugs, I couldn´t leave my former life, I couldn´t stop thinking about evil things, but one day I came and I gave myself to the Lord. The Lord touched my life, washed my spirit and my soul, and since that day I am a new person.“3   
Nach diesem einschneidenden Erlebnis ändert sich der Alltag der Jugendlichen drastisch: In ihrer neuen Familie, wie sie die Glaubensgemeinschaft nun nennen, erhalten sie Bibelunterricht, besuchen Gottesdienste und versuchen nun selbst, „verlorene Seelen“ zu retten, indem sie Sünder zu einem christlichen Leben bekehren. Der Konsum von Alkohol, Zigaretten und Drogen, außerehelicher Sex sowie das Tanzen in Diskotheken sind von nun an verboten.
Auch der Kleidungsstil der Konvertiten ändert sich grundlegend. Gebügelte, weiße Hemden, Krawatten, geputzte Schuhe und ein gepflegter Kurzhaarschnitt lösen den Gangsterlook ab. Sogar Sprache und Klang der Stimme wandeln sich und werden sanfter.
Ihre kriegerische Gesinnung legten die Mareros trotz neuer Schale nicht ab, wie der Lateinamerikanist und Religionssoziologe Manuel Vasquez in seiner Studie beschreibt. Sie ordneten diese nur einem neuen Ziel unter: dem „Kampf gegen das Böse“ für das „Reich Gottes“. Nach pfingstlichem Glauben nämlich ist die Welt, welche im Begriff ist, an Satan verloren zu gehen,   verantwortlich für erlittenes und begangenes Unrecht. Dass man als Gangmitglied selbst einst ein Sünder war, wird als Zeichen dafür interpretiert, dass Satan versuchte einen hereinzulegen. Ihn gilt es nun zu bekämpfen.  Pablo, der sich nach seiner Konversion selbst zum Pfarrer in der Kirche La Asamblea de Dios in El Salvador ausbilden ließ, erklärt: „(...) all we can do is be soldiers for him (Gott), fight Satan, and convince people to join his castle. And because we really know sin, ex-mara members are some of the best soldiers. (...)“4  Nach Pablos Logik wird die Gangerfahrung sogar zur besonderen Auszeichnung. Sie befähigt ihn zur besseren Bekämpfung der Sünden.

Von einer Gang zur nächsten?


Trotz der großen Unterschiedlichkeit beider Phänomene weisen die Jugendbanden und die Jugendgruppen der pfingstlichen Kirchengemeinden auch Gemeinsamkeiten auf. Sowohl in der Gang als auch in der Religionsgemeinschaft wird eine Gruppenidentität auf der Basis einer scharfen Trennung zwischen „der eigenen Gruppe“ und „den Anderen“ geschaffen. Was für die Gang die verfeindete Bande ist, ist für die Mitglieder der Pfingstgemeinden die sündige Welt, welche im scharfen Kontrast zur eigenen Frömmigkeit gesehen wird. Beide Gruppen sind hierarchisch strukturiert und bestehen auf einem ausnahmslosen Bekenntnis zur Gruppe.5  Diese strukturellen Ähnlichkeiten  weisen darauf hin, dass ausstiegsgewillte Jugendliche in der Glaubensgemeinschaft möglicherweise genau das suchen, was sie bereits mit dem Einstieg in die Mara erhofften: Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung.

Nur ernst gemeinte Konversion wird geduldet


Die Entscheidung, die Mara zu verlassen, um einer religiösen Gemeinschaft beizutreten, wird scheinbar von den ehemaligen Kollegen in der Bande weitestgehend akzeptiert und respektiert, im Gegensatz zu anderen Ausstiegsmotiven. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass diejenigen, die sich der neuen Ordnung der Kirche völlig unterwerfen und die alten Gewohnheiten vollständig aufgeben, meist einer Hinrichtung durch die einstigen Homies entgehen. Im Kontrast dazu riskieren diejenigen ihr Leben, die auch nach ihrer Konversion weiterhin alten Beschäftigungen nachgehen, welche die Mara für sich beansprucht. Wer seine Konversion für andere nicht sichtbar werden lässt, wird beschuldigt, diese nur vorzutäuschen und nur ein „Spiel zu spielen“. Wer also, obwohl von der Mara zur Kirchengemeinde übergetreten, weiterhin in Diskos oder rauchend auf der Straße „herumlungernd“ erwischt wird, muss mit harten Strafen nicht durch die Kirche, sondern durch die ehemaligen Kollegen der Mara rechnen. Ein Mitglied der MS13 erwähnte unter anderem diese Regel in einem Interview: „Wenn du aussteigst, um Gottes Weg aufzusuchen, gut (dann) unterstützen wir dich. Spielst du aber mit dem Barrio und Gott ein Spiel, schießen wir dir in beide Hände oder Füße, so dass du nicht stirbst, aber verletzt bleibst. (...)„Wir glauben an Gott. Jesus Christus ist der, der (uns) bis zu den Chefs der Maras kontrolliert. (...)“6
Diejenigen hingegen, die sich voll und ganz in die christliche Gemeinschaft integrieren, genießen den Respekt der Mara. Arturo, ein aktives Gangmitglied beschreibt die Beziehung der Maras zu den Cristianos folgendermaßen: „you mess with a cristiano, it´s like you´re messing with God, and he who messes with God ends up losing everything, even life. So this is about respect (...)You have to respect them, because they are the children of God.“7
Sowohl Arturos Aussage als auch die vorherige Schilderung lassen vermuten, dass auch unter den aktiven Bandenmitgliedern ein Glaube an Gott vorhanden ist, auch wenn die meisten von ihnen laut einer Studie8  der salvadorianischen Jesuitenuniversität UCA konfessionslos sind. Auf diese Weise erscheint es jedenfalls plausibler, dass ein Ausstieg aus der Mara in Form einer Konversion als einzige Ausnahme geduldet wird.

Die Wirksamkeit des heiligen Geistes - Maras als Prestigeobjekt


Das explizite Interesse der Pfingstkirchen an einer Missionierung der Bandenmitglieder erklärt sich dadurch, dass die Konversion besonders „sündiger“ Menschen als Zeichen für besondere Wirksamkeit des heiligen Geistes interpretiert wird. Deshalb spielen die kriminellen Jugendbanden eine so wichtige Rolle für die Missionsarbeit der Kirche. Zum einen liefern sie die Sünden, welche als Zeichen weltlicher Verdorbenheit gedeutet werden. Zum anderen werden sie durch die Konversion zum lebenden Beweis, dass eine Veränderung des eigenen Lebens mit Gott möglich ist. Ehemalige Bandenmitglieder werden daher als Missionare in Gefängnissen eingesetzt. Diese direkte Missionierung jugendlicher Bandenmitglieder ist vornehmlich die Strategie der Pfingstkirchen, welche jede säkulare Lösung ablehnen und eine persönliche, spirituelle Transformation für die einzige Möglichkeit halten, die Welt zu verbessern. Im Gegensatz dazu versuchen andere, beispielsweise katholische und lutherische Kirchen in Mittelamerika, hauptsächliche präventive Arbeit zu leisten und Jugendliche vor einem Einstieg in eine Bande zu bewahren. Wiederum andere Herangehensweisen in der Anti-Gang-Arbeit zeigen nichtkirchliche Projekte: Die Nichtregierungsorganisation Homies Unidos hingegen versucht, Bandenmitglieder durch Workshops und Ähnliches zu einem gewaltfreien Leben zu bewegen, ohne einen Ausstieg aus der Gang vorauszusetzen. Die Zugehörigkeit zur Mara 18 oder MS13 bleibt somit bei vielen weiterhin erhalten. Auf diese Weise entgehen sie zwar der Verfolgung durch die eigene Mara, jedoch geraten sie weiterhin mit der verfeindeten Bande in Konflikt. Staatliche Resozialisierungsprogramme, die zumeist Berufsausbildungen ermöglichen sollen, scheiterten weitestgehend. Ihnen wurde vorgeworfen, sie würden von Maras vornehmlich zum Austausch der einzelnen Untergruppen, der sogenannten Clikas untereinander und zur Rekrutierung neuer Mitglieder genutzt. Die religiöse Konversion unterscheidet sich von diesen Ansätzen, insofern sie einen endgültigen Bruch mit der Vergangenheit fordert. Doch möglicherweise hat sich auch bei den Pfingstkirchen die Herangehensweise  inzwischen geändert. So betonte ein Pfarrer der Pfingstkirche „Castillo del Rey“ in El Salvador, es wäre keineswegs sein Ziel Jugendliche, welche schon zu viele „satanische Pakte“ geschlossen hätten, durch „friendship evangelism“ zu gewinnen. Seine Aufmerksamkeit gelte eher den fünf bis achtjährigen Kindern aus Gegenden mit Maras.9

Wie häufig es dazu kommt, dass Mareros sich in die Obhut der Kirche begeben, ist nicht klar. Auch weiß man nicht viel darüber, wie lange sie nach der Konversion in der Glaubensgemeinde bleiben.  Eine regelrechte Massenkonversion findet man nur dort, wo Jugendliche sich aufgrund äußerer Umstände dazu gezwungen sahen. Zum Beispiel berichtete die Presse Guatemalas im Jahr 2005 von einem Fall in Palin. Dort sollen sich, nachdem Bürger des Ortes zur Selbstjustiz griffen und drei Jugendliche folterten und lebendig verbrannten, insgesamt 45 Bandenmitglieder in die Obhut der Kirche „Santidad y Poder“ begeben haben. Dort verweilten sie mindestens drei Tage zum spirituellen Rückzug. Laut eines Kommunalbeamten wurden nur fünf von ihnen „rückfällig“ und kehrten zur Mara zurück, weitere fünf von ihnen wurden durch ehemalige Kollegen getötet. 10

Dass die Maras und Pfingstkirchen in einer, auf wechselseitigem Interesse beruhenden Beziehung zueinander stehen, ist im Spielfilm Sin Nombre nicht zu erkennen. Sehr wohl aber wird die Alternativlosigkeit für Jugendliche, die sich aus den Bandenstrukturen lösen wollen, thematisiert. Die Migration, durch die Casper versucht, sich der Rache seiner Bandenkollegen zu entziehen, ist mangels Perspektiven eine weitere riskante Option, für die sich täglich viele hundert Jugendliche aus Zentralamerika entscheiden.
 
Der Artikel basiert auf einer Magisterarbeit in Ethnologie mit dem Titel „Religiöse Konversion als Ausstieg aus der Jugendbande – Kriminelle Jugendbanden und Pfingstkirchen in Mittelamerika“


 1     Homie ist die Kurzform des US-amerikanischen Slang-Begriffs Homeboy und bedeutet Freund bzw. Mitglied der gleichen Gang.
 2     Vgl. Castro, Misael und Carranza, Marlon (2001): Las maras en Honduras. In: ERIC, IDESO, IDIES, IUDOP (Hrsg.): Maras y pandillas en Centroamérica. Vol.1. Managua: UCA. S.218-323
 3     Vgl. Wolseth, Jon (2008): Safety and Sanctuary. Pentecostalism and Youth Gang Violence in Honduras. In: Latin American Perspectives, Issue 161, Vol. 35 No. 4, Juli 2008.
 4     Vgl. Vasquez, Manuel A. (2003): Saving Souls Transnationally: Pentecostalism and Gangs in El Salvador and The United States. Electronic Document. <http://www.livedtheology.org/pdfs/m_vasquez.pdf >[27.1.2009]
 5     Vgl. Rocha, José Luis (2008): Youth Gangs and Religion: Links and Differences. In: envío - Revista mensual de la Universidad Centroamericana (UCA) Nr. 322.Electronic Document. <http://www.envio.org.ni/articulo/3778> [1.7.2009]
 6     Vgl. Castro, Misael und Carranza, Marlon (2001): Las maras en Honduras. In: ERIC, IDESO, IDIES, IUDOP (Hrsg.): Maras y pandillas en Centroamérica. Vol.1. Managua: UCA. S.218-323
 7     Vgl. Wolseth, Jon (2008): Safety and Sanctuary. Pentecostalism and Youth Gang Violence in Honduras. In: Latin American Perspectives, Issue 161, Vol. 35 No. 4, Juli 2008.
 8     Vgl. IUDOP Instituto Universitario de Opinión Pública. (Hrsg.) (1997): Solidaridad y violencia. Los jóvenes pandilleros en el gran San Salvador. Estudios Centroamericanos (ECA), Juli-August, Nr. 585-586. Electronic Document < www.uca.edu.sv/publica/ued/eca-proceso/ecas_anter/eca/585art2.html > [5.7.2009]
 9 E-Mail-Kontakt im Mai 2009

 10 Vgl. Noticia Cristiana (Hrsg.) (2005): Jóvenes guatemaltecos se hacen evangélicos para dejar las pandillas. Electronic Document. <http://www.noticiacristiana.com/policialjudicial/2005/07/jovenes-guatemaltecos-se-hacen-evangelicos-para-dejar-las-pandillas.html> [1.10.09]

 

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