Interview mit Reina Dionila Portillo von Pro-Búsqueda
Reina Dionila Portillo lebt in San Miguel und arbeitet für die Menschenrechtsorganisation Asociación Pro-Búsqueda.
Wie ist es dazu gekommen, dass du bei Pro-Búsqueda mitarbeitest?
Das hat damit begonnen, dass ich mich wegen meiner beiden Nichten an die Organisation wendete. Die Mädchen waren 1981 bei dem Massaker des Bataillons Atlacatl in El Mozote verschleppt worden. Bei dem Massaker wurden zehn Angehörige meiner Familie ermordet, nur die sechs Kinder – darunter meine zwei Nichten – wurden von den Militärs am Leben gelassen und entführt. Es gibt viele Zeugen, die sagen, sie hätten sie danach noch gesehen und mit ihnen gesprochen. Es gibt eine sehr wichtige Zeugin – die Patentante der beiden –, der die Mädchen für zwei Stunden von den Soldaten überlassen wurden. Sie wusch sie und kleidete sie um. In der Zeit konnten sie ihr berichten, was am Ort des Massakers geschehen war. Sie waren damals schon groß, 13 und 8 Jahre alt. Aber zwei Stunden später standen die Militärs wieder vor der Tür und sagten, es sei eine Anordnung ihres Generals, die Kinder mitzunehmen. Seitdem haben wir nichts mehr von ihnen gehört.
Mit diesen Informationen begannen meine Schwester – die Mutter der beiden – und ich, die beiden zu suchen. Zuerst suchten wir in Chalatenango, denn man hatte uns gesagt, dass die Soldaten von dort seien. Wir haben alles versucht, wir waren in Waisenhäusern, beim Roten Kreuz und sogar dort, wo uns angebliche Hellseherinnen hinschickten.
Dann, im Jahr 1994 – 13 Jahre nach dem Verschwinden – habe ich mit meinem Mann zufällig im Radio gehört, dass es die Organisation Pro-Búsqueda gibt. Das sei eine Organisation, die Kinder suche, die im bewaffneten Konflikt verschwunden sind. Wir haben dort angerufen und ich erinnere mich genau, dass der Mann am Telefon antwortete, er würde in drei Tagen zu uns kommen. Mein Gott, erst in drei Tagen! Er kam dann aber schon nach zwei Tagen. Ich erzählte den Fall, machte eine Anzeige und so kam es, dass ich anfing, bei der Organisation mitzuarbeiten. Seit 1999 bin ich im Leitungsgremium der Organisation. Das bedeutete, wesentlich mehr Arbeit und Verantwortung zu bekommen. Wir haben viele Erfolge und Misserfolge gehabt, aber im Ganzen ging es vorwärts. Als im Jahr 2005 der Gründer der Organisation, der Jesuitenpater Jon Cortina starb, fühlten wir uns völlig zerstört. Was sollte nur aus uns werden? Denn Padre Jon Cortina war das Herz der Organisation gewesen und sein Tod ließ uns als Waisen zurück. Wie sollten wir nach Europa fahren und die für die Suche nach den Kindern so wichtigen Gelder auftreiben? Die meisten von uns dachten, das sei das Ende der Organisation. Aber in der Leitung haben wir eine sehr energische, tolle Frau: Ester Alvarenga. Sie hat uns Mut gemacht, dass es weiter gehen wird. Ich bin überzeugt davon, dass es ohne sie die Organisation heute nicht mehr gäbe.
Wie sieht die Strategie aus, die ihr bei eurer politischen Arbeit verfolgt?
Im Jahr 2003, als Padre Jon Cortina noch bei uns war, haben wir den salvadorianischen Staat vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte verklagt1 und haben als erste Organisation eine Verurteilung erreicht. In seinem Urteil hat der Gerichtshof dem salvadorianischen Staat viele Auflagen gemacht. Der Staat hat aber nicht alle seine Verpflichtungen erfüllt. Erfüllt hat er nur einige wenige, die ihm leicht gefallen sind, wie
z. B. Geldforderungen. Aber die wichtigsten sind unerfüllt geblieben.
Wie viele Fälle habt ihr dokumentiert?
895. Davon sind 341 gelöst. Dazu gehören Tote und 100 Fälle, wo wir die Gesuchten nur lokalisieren konnten, es aber kein Treffen der Familienangehörigen gab.
Sind die Toten gefunden worden?
Die Toten, die wir gefunden haben, sind noch nicht exhumiert. Dies ist ein Projekt, das wir uns für 2010 vorgenommen haben. Mit den DNA-Banken haben wir jetzt ein Werkzeug, von dem wir uns viel erhoffen.
Wie werden solche Fälle gelöst? Kannst du uns ein Beispiel geben?
Wir gehen aufs Land und haben keine Ahnung, wem wir begegnen werden. Sogar Pistolen und Macheten hat man schon gegen uns erhoben und natürlich die Türen zugeschlagen. Die Kinder – heute sind sie natürlich schon junge Erwachsene – befinden sich ja zum Teil in den Händen von Militärs. Da ist zum Beispiel der Fall von einem Jungen, Alberto Guevara heißt er. Er war in den Händen eines Soldaten. Alberto ist aus Morazán. Der Soldat ist aus Chalatenango. Der Junge erzählt heute, der Soldat hätte ihn auf den Schultern mitgenommen. Seinen Patenonkel, mit dem er zusammen war, hatten die Soldaten zuvor getötet. Alberto wuchs dann bei diesem Soldaten auf, von dem er aber nicht gut behandelt wurde.
Wenn junge Leute ihre Familie suchen, dann vergleichen wir diese Suchanfragen mit Fällen, wo Familien ihre Kinder suchen. Dabei hilft uns natürlich die Gendatenbank sehr. Aber wir vermeiden es, falsche Erwartungen zu erwecken, und machen gegenüber den Suchenden keine Aussagen über Erfolgsaussichten.
Wir haben auch Familienzusammenführungen durch Interviews in Radio und Fernsehen bewirkt. Zum Beispiel hat ein Mann aus Washington, USA, uns angerufen, nachdem er ein Interview gesehen hatte. Er kannte den von uns dargestellten Fall der Frau, die als Kind verschleppt worden war und jetzt ihre Familie suchte. Der Mann aus Washington hatte damals das Mädchen selbst mitgenommen. Aber die Militärs sind gewöhnlich sehr verschlossen, vielleicht weil sie Angst haben. In anderen gelösten Fällen mit solchen Militärs mussten zwei oder sogar drei Personen zu den Ermittlungen gehen, denn die Militärs können gefährlich werden und uns bedrohen.
Stoßt ihr bei eurer Arbeit auf viele Widerstände?
Ja. Wir bekommen zu hören: „ Warum sucht ihr die, sie sind doch tot“ oder dass wir alte Wunden aufreißen würden und unsere Arbeit zu nichts nütze. Wir hören viele solche Sachen.
Aber diese Argumente lassen etwas ganz Wichtiges außer Acht: Da ist zum Beispiel dieser Junge, Eduardo, der glücklich in seiner Adoptivfamilie in Italien lebt. Er selbst sagt: „Meine Familie liebt mich. Mir geht es gut. Ich habe eine Arbeit, bin verheiratet und habe eine Tochter“. Aber dann sagt er auch: „Ich habe meine eigentliche Familie verloren, von der bin ich getrennt worden und ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist“. So etwas treibt einen um. Da ist eine Leere, die gefüllt werden muss.
Ich kenne es ja selbst. Ich habe meine beiden Nichten verloren. Nachdem es im Jahr 2003 schien, als ob man ihre Gräber gefunden hätte, sie es aber dann doch nicht waren, ist für mich klar, dass sie nicht tot sind.
Eine andere Situation, in der wir auf großen persönlichen Widerstand gestoßen sind, war der Fall eines Mädchens, das von einem Abgeordneten adoptiert worden war. Wir haben ihren Aufenthaltsort herausgefunden. Aber die Adoptiveltern haben nicht akzeptiert, dass das Mädchen eine leibliche Familie hat und dass sie sich mit dieser treffen muss! Sie haben die Erlaubnis dazu nicht gegeben, und es vergingen Monate und Jahre. Wir haben dem leiblichen Vater erzählt, dass wir seine Tochter gefunden haben und der fragte natürlich: „Wann kann ich sie treffen und wo?“ Bis das Mädchen sich zum Schluss ein Herz fasste und sich mit seinem Vater traf. Später, als wir gerade den Geburtstag von Pro-Búsqueda feierten, kam die Adoptivmutter, die inzwischen herausbekommen hatte, dass sich ihre Adoptivtochter mit ihrem leiblichen Vater traf, und beleidigte uns und ihn. Aber das Mädchen sagte ihr, sie sei erwachsen und habe damit das Recht zu tun, was sie für richtig halte.
Im Kreise solcher Menschen haben wir viele Feinde. Wenn wir bei ihnen Fälle untersuchen und die hören den Namen Pro-Búsqueda, dann machen die gar nicht erst die Tür auf. Außerdem haben sie diese großen geschützten Häuser und diese Monster mit den riesigen Pistolen. Andere leugnen einfach alles.
Aber ich habe die unvergleichliche Freude gesehen bei diesen Wiedersehen, wo alle weinen mussten, die dabei waren. Sogar ich musste weinen, obwohl es nicht meine Familie war. Das Ereignis anzusehen, wenn sie sich nach über 20 Jahren wieder treffen, bewegt einen sehr. Mir bereitet es Zufriedenheit, das Wiedersehen anderer Familien mitzuerleben, denn viele dieser Wiedersehen sind nicht einfach zu bewerkstelligen. Wie schon gesagt, viele Kinder sind in den Händen von Militärs. Andere sind in Adoptivfamilien in den USA oder Europa, die teilweise selbst nichts genaues über die Geschichte ihrer Adoptivkinder wissen und davon ausgehen, sie seien Kriegswaisen.
Glaubst du, dass sich mit der neuen Regierung etwas ändern wird?
Die Vorgängerregierung hat eine Suchkommission gebildet, weil ihr das der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof auferlegt hatte. Aber wir wurden als Organisation gar nicht in diese Kommission berufen. Die Regierung Saca, oder genauer gesagt seine Außenministerin, hat dann noch um Vergebung gebeten, aber die haben nur eine Show abgezogen. Die Außenministerin hat einen Haufen Leute versammelt, sich ein Mädchen besorgt, dessen Eltern schon vorher wussten, wo sie war, und mit einem riesigen Medienrummel eine „Familienzusammenführung“ veranstaltet. Aber Gott sei Dank waren die Rechtsanwälte der Familie sehr gerissen und haben die Show im letzten Moment verhindert, indem sie die Familie von der damit verbundenen Gefahr überzeugt haben.
Bei der aktuellen Regierung erscheinen die Menschenrechte zumindest ein bisschen in ihrer Agenda. Der Außenminister hat uns angerufen und angekündigt, dass er sich mit allen Beteiligten zusammensetzen und das Urteil im Fall der Schwestern Serranos Cruz neu behandeln will. Die vom Gerichtshof gemachten Auflagen sollen jetzt erfüllt werden und wir sollen in die neu gegründete Kommission2 berufen werden.
Was hältst du von den Worten Funes3, wo er davon gesprochen hat, dass man nach vorne schauen muss und dass er die Wunden der Vergangenheit nicht erneut antasten wird?
Das ist eine klare Aussage. Als man Funes gefragt hat, ob er das Amnestiegesetz aufheben würde, wenn er könnte4 , hat er das verneint. Das wussten wir allerdings schon vor der Wahl und uns war klar, dass wir Druck ausüben müssen. In die schon erwähnte Suchkommission werden wir jemanden schicken, der wachsam sein wird. Wir vertrauen nicht blind darauf, dass es Verbesserungen geben wird, denn wir wissen, wie schwierig das in El Salvador ist. Wir erinnern uns an die Zeit, als Funes als Journalist arbeitete. In dem Programm mit dem Namen „Ohne Zensur“ hat er die Regierung hart kritisiert. Das führte dazu, dass das Programm abgeschafft wurde und der Sender wirtschaftliche Probleme bekam, weil die Firmen, die von der Regierung unter Druck gesetzt worden waren, keine Werbung mehr schalteten. All dies wissen wir. Es wird also nicht leicht werden. Andererseits muss man auch daran Zweifel haben, ob Funes sich wirklich für das Volk interessiert. Wenn es ihn interessieren würde, dann würde zum Beispiel dieses Staudammprojekt „El Chaparral“ (siehe Artikel im Infoblatt 69) nicht realisiert werden.
Bearbeitet ihr nur die Fälle von Verschwundenen der Zeit des Krieges oder auch aktuelle Fälle?
Das ist nicht immer klar zu trennen. Es gibt einige Jugendliche, die bei uns eine Anzeige aufgegeben haben, aber nur wissen, dass sie adoptiert worden sind. Häufig kennen sie also den Kontext ihrer Adoption nicht genau. Zum Beispiel ist da der Fall des Jungen Eduardo (siehe Frage 6.). Er hat Fotos aus der Zeit, als er klein war. Das ist Material, mit dem man arbeiten kann. Bei ihm kann man aus den Fotos ableiten, dass alles auf ein Massaker zurück geht.
Wie ist eure Organisation ganz konkret im Fall dieser Fotos vorgegangen?
Wir haben die Leute befragt. Wobei uns geholfen hat, dass der Junge noch vage Erinnerungen an einige Orte hat. Aber in diesem Fall hat uns das leider nicht weiter gebracht. Aber es gibt andere Fälle. So haben wir in Pro-Búsqueda zum Beispiel Kontakte nach Italien knüpfen können und dort Unterstützer gefunden, die für uns suchen. Diesen ist es gelungen, vier Kinder zu finden. Es sind zwei Geschwisterpaare. Von dort ist vor kurzem eine DVD mit Fotos bei uns angekommen, die wir an die leibliche Mutter weitergeleitet haben. Und – so Gott will – wird eines der Mädchen den Jahreswechsel hier bei seinen Eltern verbringen. Die Mutter ist überglücklich [...]
Eure Organisation hat eine Zeitschrift. Kannst du mir dazu etwas erzählen?
Die Zeitschrift erscheint drei- bis viermal pro Jahr. In der letzten Ausgabe, die vor kurzem erschienen ist, berichten wir über die Feier im August anlässlich des 15-jährigen Bestehens von Pro-Búsqueda. Der Außenminister war bei der Feier anwesend. Dabei hat er uns öffentlich Versprechungen gemacht. Die Familien, die bei uns Anzeigen eingereicht haben, haben wir darüber informiert und ihnen gesagt, dass wir im Außenministerium Krach schlagen werden, wenn nichts passiert. In der Zeitschrift veröffentlichen wir auch gelöste Fälle. In diesem Jahr waren es bisher vier. [c]
Arbeitet ihr mit anderen Organisationen zusammen?
Ja, zum Beispiel mit den Menschenrechtsorganisationen „Pro Memoria Historica – von denen ist das Denkmal im Cuscatlán-Park5 – und mit dem „Centro para la Promoción de los Derechos Humanos Madeleine Lagadec (CPDH), die an verschiedenen Stellen des Landes Exhumierungen durchgeführt haben. In bestimmten Fällen arbeiten wir alle zusammen, vor allem bei öffentlichen Kundgebungen. In diesen Fällen sind auch Organisationen dabei, die sich mit erwachsenen Verschwundenen beschäftigen.

Demonstartion zum Parlament
Foto: Pro-Búsqueda
Sind es mehr Frauen oder mehr Männer, die ihre Familienangehörigen suchen?
Frauen. Die Männer sind wohl kälter. Nur wenige Männer suchen ihre Kinder. Bei den Fällen, die wir bearbeitet haben, waren immer die Frauen in der Überzahl.
Glaubst du, dass der Erfolg von Pro-Búsqueda damit zusammenhängt, dass mehr Frauen beteiligt sind?
In der Organisation arbeiten Frauen und Männer. Wir hatten einen Fall, den ein Mann untersuchte und dabei den Aufenthalt eines Mädchens nicht ermitteln konnte. Es war ein besonderer Fall, denn drei Ermittler konnten ihn nicht lösen. Aber nachdem eine Frau damit beauftragt worden war, war der Fall schnell gelöst. Alle Beteiligten lebten im gleichen Dorf. Vielleicht haben Frauen mehr Talent, die Leute zum Reden zu bringen.
Interview Vera Suschko
Übersetzung E. Albrecht
1 Reina Portillo bezieht sich hier auf den „Fall der Schwestern Serrano Cruz gegen El Salvador“
http://www.corteidh.or.cr/docs/casos/articulos/seriec_118_esp.doc
2 http://www.radiolaprimerisima.com/noticias/resumen/59677
3 Mauricio Funes. Präsident El Salvadors seit seinem Amtsantritt am 1. Juni diesen Jahres.
4 Über die Abschaffung des Amnestiegesetzes kann nur das Parlament entscheiden, der Präsident könnte aber einen Gesetzesvorschlag einbringen.
5 Seit 2003 gibt es im zentral gelegenen Parque Cuscatlán in der Hauptstadt San Salvador das Denkmal für Erinnerung und Wahrheit, das den Verschwundenen des Bürgerkrieges gewidmet ist.
Förderung durch das