Anmerkungen zum Leben des mexikanischen Bauern und Umweltschützers Felipe Arreaga
(Susana Nistal) Felipe Arreaga war einer der bekanntesten Umweltschützer Mexikos. In den Jahren 2003 und 2005 war er in Deutschland, im Herbst 2003 auf Einladung des Ökumenischen Büros auch in München. Im Alter von 60 Jahren, am 16. September 2009, kam Felipe Arreaga bei einem Unfall in der Gemeinde Petatlán, Guerrero, ums Leben. Er starb an den Verletzungen, die er erlitten hatte, als der Quad (leichtes, vierrädriges Geländefahrzeug; d. Red.), mit dem er unterwegs war, von einem Kleinlaster überfahren wurde. Der Fahrer des Kleinlasters beging Fahrerflucht.
Felipe Arreaga starb genau drei Jahre nach dem Tag, an dem er aus dem Gefängnis entlassen worden war. Eine Mitarbeiterin der Organisation Tlachinollan erklärte: „Mein einziger Trost ist, dass er zum Schluss doch nicht von den Kaziken oder den Militärs umgebracht worden ist.“ Wegen vermehrter Interventionen des Heeres und paramilitärischer Gruppen in der Gegend von Petatlán waren in den letzten Monaten für Felipe Arreaga neue Risiken aufgetreten. In einem Interview mit den Internationalen Friedensbrigaden (PBI) hatte er selbst erklärt, dass sein Name „in den Listen des Heeres stünde und dass die Kaziken der Holz-Mafia ihn nicht vergessen hätten“.
Der sozial engagierte Aktivist
Felipe Arreagas Leben war eine rastlose Suche nach Gerechtigkeit. Gerechtigkeit nicht nur für ihn, sondern auch für die Gemeinden, in denen er lebte. Diesen Weg begann er schon in jungen Jahren zu gehen, als er das Amt des Ejido-Vertreters in der Gemeinde übernahm, in der er damals lebte. Später, in den 1960er und 1970er Jahren, arbeitete er sowohl aktiv an der Basis der sozialdemokratischen Partei Mexikos mit als auch in christlichen Basisbewegungen und Bauernvereinigungen. Er forderte Zugang zu Bildung in den Gemeinden, gerechte Preise für die landwirtschaftlichen Produkte, bessere Lebensbedingungen für die Landbevölkerung und Mitbestimmungsmög-lichkeiten bei der Festlegung der Modelle für die ländliche Entwicklung. In den 1990er Jahren entdeckt Felipe Arreaga den Umweltschutz, der von da an immer stärker zum Zentrum seiner sozialen Forderungen wird. Die Liebe zum Leben auf dem Land und zur Schönheit der Wälder, die sein ganzes Leben geprägt haben, wird der Antrieb für sein politisches Engagement. Im Umweltschutz und im Umgang mit der Natur nach ökologischen Kriterien sieht er eine Chance, die Lebensbedingungen der Landbevölkerung zu verbessern.
In seiner Funktion als Mitbegründer der Ökologischen Bauernorgani-sation der Sierra de Petatlán, OCESP, unterstützt er 1998 aktiv die Errichtung von Straßensperren in der Gemeinde. Der Protest richtet sich gegen die maßlose Abholzung der Wälder und die Folgen für die Umwelt und das Leben der Bevölkerung. Auf diese Aktionen hin, mit denen es gelang, die massive Abholzung zu bremsen, werden einige Mitglieder der OCESP ermordet. Die mexikanischen Streitkräfte nehmen Rodolfo Montiel als Rädelsführer und Teodoro Cabrera als Beteiligten fest. Weil Felipe Arreaga um sein Leben fürchtet, verlässt er seine Gemeinde und versteckt sich acht Monate in den Bergen. Im Jahr 2000 gründet er zusammen mit seiner Ehefrau Celsa Valdovinos die Vereinigung der Um-weltschützer_innen der Sierra de Petatlán, OMESP.
Im Oktober 2004 wird er des Mordes bezichtigt und festgenommen. Obwohl es dafür keinerlei Beweise gibt, wird er zehn Monate im Gefängnis festgehalten, bis im September 2005 ein Gericht seine Unschuld bescheinigt. Die Menschen-rechtsorganisation Centro de Derechos Humanos de la Montañan Tlachinollan übernimmt seine Verteidigung vor Gericht und macht den Fall international bekannt. Im Jahr 2005, als er im Gefängnis ist, erkennt ihn Amnesty International als Gefangenen aus Gewissensgründen an. Unter anderen fordern Greenpeace, die Deutsche Menschenrechtskoordination Mexiko und WOLA (Washington Office on Latin America) seine Freilassung. Im selben Jahr erhält er vom Sierra Club den Chico-Mendes-Umweltpreis und den Preis Sergio Méndez Arceo der gleichnamigen Organisation aus Cuernavaca. Auf Grund von Drohungen gegen Felipe Arreaga und Celsa Valdovinos werden die beiden auf Initiative der Menschenrechtsorganisationen S.O.S Bahía und Tlachinollan ab 2005 bei ihrer Arbeit für den Umweltschutz von PBI begleitet.
„Ja, es hat sich gelohnt, denn obwohl wir verfolgt und geschlagen wurden, sind wir durch den Kampf vorwärts gekommen.“1
Ein Leben, das von Gewalt gezeichnet ist
Felipe Arreaga wurde 1949 geboren und verbrachte sein ganzes Leben in der Sierra de Petatlán in Guerrero, Mexiko. Man muss die schwer zugänglichen Ortschaften der Sierra mit ihren ungeteerten Straßen gesehen und mit den Bewohner_innen gesprochen haben, wenn man den Kämpfer für soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz auf dem Land, Felipe Arreaga, verstehen will.
„Wenn wir von Petatlán sprechen, dann sprechen wir davon, dass das Militär und die Kaziken die Sierra de Petatlán kontrollieren. Das Thema Wälder ist eine Sache von Kaziken, Drogenhändlern und Militär. Warum? Beim Wald geht es darum: Wer kontrolliert den Wald, wer kontrolliert, was in den Wäldern wächst? Wir wissen, dass dort Mohn und Marihuana angebaut werden. Der Bauer fühlt sich gefangen genommen. Rodolfo, Teodoro und Felipe fangen an, auf die Zerstörungen, die maßlose Abholzung zu reagieren. Sie sagen sich: Wir werden den Wald verteidigen. Dabei hatten sie niemals daran gedacht, dass dies ein tiefer Eingriff in das Machtgeflecht der Kaziken ist. Nie hatten sie damit gerechnet, dass die Verteidigung der Natur in den Bergen ihr Leben in Gefahr bringen würde, dass die Militärs sie verfolgen und foltern würden.“2
Als Kind wurde er Zeuge des gewaltsamen Todes seines Vaters, der umgebracht wurde, weil er öffentlich die Leute anklagte, die das Vieh der Gemeinde gestohlen hatten. Nicht nur, dass dieses Verbrechen ungesühnt blieb, die Familie musste sogar aus berechtigter Angst um ihr Leben den Ort, in dem sie lebten, verlassen. Diese Elemente – Forderung nach Gerechtigkeit, straffreie Gewalt, Tod und die daraus resultierende Notwendigkeit, den Wohnort zu wechseln – wiederholten sich immer wieder in seinem Leben. Als er schon erwachsen ist, wird er Opfer eines gewaltsamen Angriffs, weil er für seine Gemeinde arbeitet. Seine Mutter und seine Tante kommen dabei um, er selbst überlebt schwer verletzt. Dieser Überfall, bei dem sein Haus stundenlang mit Maschinengewehren beschossen wurde und bei dem seine Ehefrau Celsa und sein erster Sohn mit Glück überlebten, traumatisierte sein gesamtes weiteres Leben. Wieder einmal muss er mit seiner Familie in einer anderen Gemeinde neu anfangen. In den 1980er Jahren wird er vom Militär festgenommen und angeklagt, zur Guerilla zu gehören. Erst im allerletzten Augenblick, als man ihn schon exekutieren will, kommt er wieder frei. In den 1990er Jahren, wie schon gesagt, führt sein Kampf gegen die Abholzung dazu, dass er monatelang, ohne Kontakt zu seiner Familie, versteckt in den Wäldern leben muss. Und zum Schluss, im Jahr 2004, wird er für elf Monate ins Gefängnis geworfen.
Die sozialen Protestbewegungen in Guerrero seit 1950
Der mexikanische Bundesstaat Guerrero wird immer wieder von Widerstandsbewegungen der Basis erschüttert, die aus Landkonflikten herrühren. Abel Barrera3 ist der Meinung, dass die autoritäre und repressive Art und Weise, in der der Staat schon immer regiert wurde, wo es um Unterwerfung und Kontrolle geht, entscheidend für Guerrero ist. Das Kazikentum und die bewaffnete Macht des Heeres, die Gewalt und der Gebrauch der Folter schufen Notlagen in der Bevölkerung und ließen auch diese zu den Waffen greifen. Die Entstehung sozialer Bewegungen, sowohl der zivilen als auch der bewaffneten, ist eine Konsequenz der dauernden gewaltsamen und ungesühnten Unterdrückung aller Demokratisierungsbestrebungen. In den 1950er und 1960erJahren entstanden soziale Bewegungen, in der Bauernschaft und bei den Lehrer_innen. Sie demonstrierten gegen die niedrigen Preise der landwirtschaftlichen Produkte, die Verarmung, die strukturelle Gewalt und die Straflosigkeit in den ländlichen Gebieten, Ergebnisse der Kazikentums und der Korruption unter den Regierungen der Partei der institutionellen Revolution (Partido Revolucionario Institucional – PRI). Im Jahr 1959 gründete der Lehrer Genaro Vázquez Rojas die Bäuer_innenorganisation Asociación Cívica Guerrerense (ACG) und später auf nationaler Ebene die Central Campesina Independiente (CCI). In Atoyac gründete der Lehrer Lucio Cabañas Barrientos die Partei der Armen (PDLP), eine Student_innen- und Bäuer_innenorganisation. Die Proteste dieser Organisationen wurden von der Polizei des Bundesstaates stark unterdrückt, was dazu führte, dass sich einige dieser Bewegungen radikalisierten und schließlich zu den Waffen griffen. 1967 gründete Cabañas die Brigadas Campesinas Justicieras und im Jahr darauf gründete Vázquez die Acción Cívica Nacional Revolucionaria (ACNR).
Daraufhin entwickelte der mexikanische Staat eine militaristische Vorstellung der nationalen Sicherheit.4 Zusammen mit der Bundespolizei und der Polizei des Einzelstaates führte das Militär einen irregulären Krieg, der bis Anfang der 1980er Jahre dauerte, die Zeit des schmutzigen Krieges. Opfer der Repression waren sowohl die sozialen Organisationen als auch die Bevölkerung im Allgemeinen. Hauptsächliches Ziel war es, die bewaffneten Organisationen von Vázquez und Cabañas zu erledigen. Die dabei verwendeten Methoden umfassten willkürliche Verhaftungen, Machtmissbrauch, Folter, Hinrichtungen und vor allem das Verschwindenlassen von Personen. Aus dieser Zeit sind mehr als 640 Fälle von Verschwundenen dokumentiert. Festgenommene wurden den Militärs übergeben, weswegen diesen die direkte Verantwortung für all diese Ereignisse zugewiesen wird.5
Wir, das Ökumenische Büro für Frieden und Gerechtigkeit, möchten Celsa Valdovinos und ihrer Familie unser tiefstes Beileid aussprechen. Es war für uns alle, die wir die Gelegenheit hatten, mit Felipe Arreaga zusammen arbeiten zu dürfen, eine große Ehre. Wir werden OCESP und OMESP in ihrer wertvollen Arbeit beim Umweltschutz und bei der Förderung der Grundrechte der bäuerlichen Bevölkerung Guerreros weiterhin unterstützen. Dabei stehen wir im Angedenken des Umweltschützers und Verteidigers der Wälder Guerreros, Felipe Arreaga.6
1 Felipe Arreaga Sánchez,OCESP/OMESP, in einem Interview mit PBI am 19 Juli 2007
2 Interview mit dem Anthropologen Abel Barrera, Direktor des Centro de Derechos Humanos de la Montaña Tlachinollan, 24 Juli 2007.
3 Siehe 2
4 Centro de Derechos Humanos de la Montaña Tlachinollan, Militarización en Guerrero, San Cristóbal de Las Casas, Primer encuentro hemisférico frente a la militarización, del 6 al 9 de mayo de 2003 http://www.laneta.apc.org/sclc/desmilitarizacion/encuentro/ponencias/santiago.htm.
5 Interview mit Tita Radilla,Vizepräsidentin von AFADEM, 19 Juli 2007.
6 Für weitere Informationen verweisen wir auf die Websites von Amnesty Internacional, Tlachinollan, Cencos, Cimac Noticias, Sierra Club und die Internationalen Friedensbrigaden.
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