„Wir sind nicht da, um ewig für sie die Opfer zu spielen!“

Im Gespräch mit salvadorianischen Sexarbeiterinnen über autonom organisierte Sexarbeiterinnen, das deutsche Prostitutionsgesetz, was Menschenhandel mit Sexarbeit zu tun hat und ihr Verhältnis zur feministischen Frauenbewegung.

Das Gespräch wurde geführt, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Eva Bahl.

Über eine Freundin hatte ich Kontakt zu Adriana Ospina bekommen. Sie ist Psychologin bei Flor de Piedra 1 und arbeitet mit den Sexarbeiterinnen zusammen. Mit ungefähr zehn Frauen saß ich in einem Stuhlkreis, es war laut, manche kamen dazu, andere standen auf und gingen. Dementsprechend schlecht war dann auch die Qualität meiner Aufnahme. Dies ist der Versuch, ein Gespräch nachvollziehbar zu machen.

Seit wann gibt es Euch als Organisation OTS (Organización de Trabajadoras de Sexo) und was war der Anlass für Eure Gründung?

Gegründet haben wir OTS im Jahr 2004. Wir waren 12 Frauen, die auf der Straße oder in Parks anschaffen. Wir hatten bereits einen längeren Prozess der Aus- und Weiterbildung, des Empowerment und der Politisierung mit Flor de Piedra hinter uns, als wir entschieden, unsere eigene Organisation zu gründen. Bis heute teilen wir uns die Räume mit Flor de Piedra.

Anlass war die verstärkte Verfolgung durch kommunale (CAM) und nationale (PNC) Polizei. Es kam in jener Zeit verstärkt zu Geldstrafen und zu gewalttätigen Übergriffen uns gegenüber. Unsere Ziele sind es, die Diskriminierung zu bekämpfen und uns dafür einzusetzen, dass Sexarbeit als Dienstleistung anerkannt wird.

Wie viele Frauen sind bei Euch organisiert?

In unseren besten Zeiten hatten wir 100 Mitglieder, alles aktive Sexarbeiterinnen. Derzeit sind wir ungefähr 70. Das hängt aber auch mit der internen Migration zusammen. Viele gehen zurück aufs Land oder ziehen um in eine andere Stadt.

Was sind Eure Aktivitäten?

An den Internationalen Tagen wie 8. März (Internationaler Frauentag) oder 25. November (Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen) gehen wir mit unseren Transparenten auf die Straße und auch am 1. Mai demonstrieren wir gemeinsam mit den Arbeiter_innen, denn wir sehen uns ja auch als Angehörige der Arbeiterinnenklasse. Genauso wie die Lohnsituation Bauern und Bäuerinnen und Angestellte betrifft, sind auch wir von ihr betroffen …

Außerdem geht es viel um eine Selbstermächtigung der compañeras. Wir machen viele Workshops mit den Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen von Flor de Piedra.

Und wir, die wir heute hier sind, sind so etwas wie eine „Eingreiftruppe“ (grupo de incidencia). Es geht uns darum, Einfluss auf die kommunale Politik zu nehmen. Derzeit arbeiten wir an einem Beschlussvorschlag für die Stadtverwaltung von San Salvador, um das 4. Statut 2 (ordenanza municipal) der städtischen Verwaltungsordnung zu ändern.

Habt Ihr Fragen an mich?

Ist Sexarbeit in Deutschland legal?

Ja, seit 2002 gibt es ein Prostitutionsgesetz und die Sexarbeiterinnen können sich jetzt regulär in den Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherungen versichern. Außerdem sind Entgeltforderungen einklagbar geworden und gleichzeitig hat es im Strafgesetzbuch Änderungen gegeben, so dass die Schaffung eines angemessenen Arbeitsumfelds jetzt nicht mehr strafbar ist, solange keine Ausbeutung stattfindet. Aber es gibt noch viele Schwierigkeiten mit der Einführung dieses Gesetzes, da viele Frauen sich weiterhin nicht melden, da sie Angst vor Steuernachzahlungen etc. haben. Außerdem sind ja viele der Frauen Migrantinnen und haben nochmal ganz andere Schwierigkeiten mit Aufenthalts- und (vor allem) Arbeitserlaubnissen.

Und wie ist es zu diesem Gesetz gekommen? Haben das die Sexarbeiterinnen erreicht oder ist die Regierung da von selber drauf gekommen?

Besonders in den 1990er Jahren gab es eine starke und sehr aktive Hurenbewegung, die auch lange für dieses Gesetz gekämpft hat. Jetzt hat die Organisierung ein wenig abgenommen. Auch deswegen hat es mich sehr interessiert, mich mit Euch zu treffen, weil ich ja sehe, dass es selbst in einem relativ liberalen Ambiente (wie mit der bundesdeutschen Gesetzeslage) wenig autonome Organisierung gibt.

Der Vorteil, den die organisierten Sexarbeiterinnen in Deutschland hatten, war, dass man ihnen zugehört hat und sie Einfluss nehmen konnten. Ein Traum von uns wäre es, so etwas wie das Prostitutionsgesetz in Deutschland durchzusetzen. Dass unsere Arbeit als legal anerkannt wird und dass es nicht mehr so viele Verletzungen unserer Rechte gibt. Es ist hier sehr schwer für uns, Einfluss zu nehmen, auch auf die Kommunalregierungen (gobiernos municipales).

Es soll jetzt ein neues Gesetz gegen Frauenhandel geben. Was für einen Einfluss hat das auf Eure Arbeit?

Die neue Verordnung sollte sich auf Migration beziehen, tut sie aber nicht, sie redet davon, wo wir unseren Job ausüben und uns bewegen dürfen. Wir werden also angegriffen und gestraft. Wenn es doch eigentlich um eine Strafe für die Menschenhändler_innen gehen sollte, nicht für uns.

Aber ich sehe nicht so ganz, von wo sie da an das Thema herangehen wollen. Dieses Gesetz ist ja offensichtlich da, um uns zu schützen und nicht, um uns Schutz zu entziehen …

Ich verstehe also nicht, wie sie diese Verordnung lancieren wollen. Aber sie arbeiten bereits an ihr. Unserer Ansicht nach muss es darum gehen, Frauen bei all ihren Migrationsbewegungen zu schützen und hat erst mal nichts mit Sexarbeit zu tun.

Manchmal denke ich mir, diese Leute haben einen tollen akademischen Titel und denken, alles zu wissen, dabei wissen sie einfach gar nix! Ich sehe keinen Sinn in diesem Entwurf und denke, dass er ein totales Desaster für sie sein wird. Aber wir haben eben auf vielen Ebenen gegen den Moralismus zu kämpfen. Ob in der gesetzgebenden Versammmlung, wo sie jede Gelegenheit nutzen, uns einzuschränken ... oder in der Frauenbewegung ...

Wie ist Euer Verhältnis zur salvadorianischen Frauenbewegung/feministischen Bewegung?

Es gibt moralistische Tendenzen innerhalb der Frauenbewegung. Es gibt so einige Frauen, die wichtige Posten in den verschiedenen Stadtund Gemeinderäten haben, aber gegen die Sexarbeit sind. Wie kann denn das sein, dass wir Frauen uns untereinander angreifen und uns so wenig solidarisieren?

Ihre Argumente sind, dass Sexarbeit keine Arbeit sei, dass wir in der Geschichte zurückgeblieben seien, dass das nicht in die Politik mit einbezogen werden sollte, weil es das schon gar nicht mehr geben sollte …

Wir müssen uns den Respekt auch bewegungsintern immer sehr erkämpfen. Letztes Jahr ist es uns passiert, dass wir bei einem Frauentreffen von Arbeitskreis zu Arbeitskreis gingen, um uns Gehör zu verschaffen und überall wurden wir ausgeschlossen.

Mit ihren Kommentaren werden wir abqualifiziert, sie erklären uns für geistig zurück geblieben. Und sie behandeln uns ewig wie die Opfer von irgendwas. Aber die Wahrheit ist, dass die meisten von uns sich für diese Arbeit und diesen Lebensunterhalt entschieden haben. Und das haben wir auch in Treffen und auf Versammlungen immer wieder klar gemacht: „Wir sehen uns nicht als Opfer!“

Ich als Frau, wenn ich eine gute Ausbildung hätte, könnte ich vielleicht etwas anderes arbeiten. Ich kann aber auch ein gutes Ausbildungsniveau haben und trotzdem hiermit mein Geld verdienen. Das ist meine Option und meine Entscheidung. Wir wollen nicht als die gesehen werden, die nur hier sind, weil wir nirgends anders sein können … Als Frauen haben wir die gleiche Verantwortung, die gleichen Verpflichtungen und die gleichen Rechte.

Aber mit einer breiten Unterstützung von Seiten der Frauenbewegung können wir hier nicht rechnen. Vielleicht eher noch auf persönlicher Ebene, aber nicht auf institutioneller Ebene.

Aber wir sind auch nicht da, um ewig für sie die Opfer zu spielen. Dann ziehen wir uns eher zurück, wenn sie uns nicht zuhören. Obwohl sie das wirklich lernen sollten … Wir werden uns auf jeden Fall nicht von den Idealen verabschieden, die wir haben.

Aber es fühlt sich natürlich schon hart an, dass dir aus deinen eigenen Reihen gesagt wird, dass dein Kampf ein Rückschritt ist. Und das in einer Arbeitsgruppe, in der es gerade um die ökonomischen, sozialen und kulturellen Rechte geht. Und das sind doch die, die uns Frauen hier in El Salvador am meisten fehlen. Wenn wir vermögend wären, wären wir doch keine Huren!

Sie (die Feministinnnen von der Concertación Feminista Prudencia Ayala 3 ) sind Frauen aus einer anderen sozialen Klasse. Aber wir geben uns sehr viel Mühe und mit aller Geduld versuchen wir, ihnen zu erklären, dass wir eine Herausforderung angenommen haben, nämlich die Anerkennung von Sexarbeit in El Salvador durchzusetzen.

Und außerdem: Welche Frau ist denn nicht ausgebeutet? Welche Frau in welcher Arbeit ist denn nicht ausgebeutet? Und das gilt für alle Länder dieser Welt.

Uns mangelt es an vielem. Wie eben in jeder anderen Arbeit. Denn in diesem Land hier wird dir niemand sagen, dass er/sie glücklich mit seiner/ ihrer Arbeit ist. Nicht mal die, die für die Regierung oder für irgendeine private Firma arbeiten.

Wir sind alle ausgebeutete Frauen! Warum können sich dann nicht die Sexarbeiterinnen mit ihrem Beruf durchsetzen? Ausbeutung gibt es doch auf allen Ebenen, auf allen Gebieten, in allen Arbeitsbereichen …

Aber die Concertación Feminista von El Salvador versucht gerade, so etwas wie einen sozialen Gender- Normenkatalog durchzusetzen. Und dann reden wir davon, dass sie weiterhin die Körper der Frauen versklaven. Sie leisten doch genau einen Beitrag dazu, dass unsere Körper weiterhin kontrolliert werden … Denn wir Huren sind Schlüsselpersonen für die Entwicklung einer Gender-Debatte in diesem Land. Weil, wir bewegen uns im öffentlichen Raum. Und die Polizei legt uns Geldstrafen auf …

Wir überschreiten Grenzen im Kampf für die Bewegungsfreiheit in diesem Land und wir setzen uns ein für eine Befreiung des Körpers. Denn dieser ist mein Körper und mit dem mache ich, was ich will.


1
Flor de Piedra wurde 1991 von der Lutherischen Universität als Weiterbildungsprojekt gegründet. Den Frauen sollten berufliche Alternativen ermöglicht werden. Allerdings wurde es sowohl von den Angestellten als auch von den Klientinnen als zu assistenzialistisch empfunden. Die Sexarbeiterinnen sollten „gerettet“ werden. Daraufhin wurde die Organisation autonom und begann, das Projekt auf den Gesundheitssektor zu erweitern (HIV-Prävention, Kondombenutzung). Sie wird heute von aktiven, ehemaligen und nie gewesenen Sexarbeiterinnen gemeinsam geleitet.

2
Dieses Statut trägt den Titel „contravencionales“, was soviel heißt wie „den Verstoß/die Übertretung betreffend“. Diese Übertretung wird definiert als „jegliche Tat und jegliches Versäumnis, die das harmonische soziale Zusammenleben, dem Gemeinwohl zuträgliche Verwaltungstätigkeit und die Rechtssicherheit verletzt“. Als Sanktionen für diese „Verstöße“ können Sozialstunden und Geldstrafen verhängt werden. Im Kapitel III dieses Statuts, in dem es um Angriffe auf die „öffentliche Moral“ geht, wird im Artikel 36 auch der „Handel mit sexuellen Dienstleistungen“ reglementiert und sanktionierbar gemacht. (siehe auch: http://www.amss.gob.sv/pages/gobmuni/normativas/ordenanza/contravencional/contravencional.htm )

3

http://www.concertacionfeministaprudenciaayala.org/index.php

Flor de Piedra


Eva Bahl
„Wir sind nicht da, um ewig für sie die Opfer zu spielen!“
Erschienen in: Info-Blatt 73  des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2008

 

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