Interviews aus El Salvador

Über das Begehren jenseits gesellschaftlicher Normen oder warum uns die Angst unsichtbar macht

(ah/zp) Wenn sich das eigene sexuelle Begehren oder die eigene Geschlechtsidentität nicht der Norm „Mann/männlich/ heterosexuell“ oder „Frau/weiblich/ heterosexuell“ annähert, erzeugt dies Angst. Eine eigene innere Angst und eine äußere auf Seiten der gesellschaftlichen Mehrheit. Angst vor dem, was anders ist, vor dem, was die gesellschaftlichen Norm bedingt und in Frage stellt. Beide Angstformen, sowohl die des gesellschaftlichen Innen als auch die des individuellen Außen, stoßen sich gegenseitig an, können sich aufschaukeln, aber möglicherweise auch aufheben. So lautete zunächst unsere These, von der ausgehend wir Menschen in El Salvador Fragen zum Thema Angst in Bezug auf ihr von der gesellschaftlichen Norm abweichendes Begehren bzw. ihre Geschlechtsidentität gestellt haben. Die Auswahl der Interviewpartner_innen war zufällig und ist bereits bestehenden Kontakten und Anknüpfungspunkten geschuldet. Zwei der Interviews haben wir per Email und ein Interview im persönlichen Gespräch geführt. Positiv überrascht hat uns dabei die Bereitschaft und Offenheit, auf unsere Fragen zu antworten. Unser Angebot, die Antworten anonymisiert zu veröffentlichen, haben diejenigen, die uns geantwortet haben, abgelehnt. Marielos Romualdo alias Ejecat schreibt uns, dass für sie „die größte Diskriminierung die ist, unsichtbar zu sein .“

Wir könnten das Wort „Anders“ neu definieren

Interview mit Fàtima Polanco

Magst Du uns etwas über Dich erzählen?

Mein Name ist Fàtima Polanco, ich bin 23 Jahre alt, Salvadorianerin, lesbische und feministische Frau, Aktivistin und Halbtags-Dichterin. Ich studiere seit vier Jahren Marketing.

Ich bin Teil eines Kollektivs von lesbischen Frauen namens „DESCLOSETADAS“. Das ist ein Kollektiv, das die sexuelle Diversität mittels Kunst und Kommunikation thematisiert.

Wir glauben, dass das Anderssein als die Mehrheit der Bevölkerung Angst erzeugt. Auf der einen Seite eine eigene innere Angst, auf der anderen Seite Angst von Seiten der Gesellschaft und der Menschen, die uns umgeben. Hast Du ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie waren sie?

Wir könnten das Wort „Anders“ neu definieren … ich betrachte mich nicht als eine Person, die anders ist als die anderen, sondern als eine junge Frau, die ihre Art, das Leben zu sehen, vor den gesetzten Normen verteidigt hat.

Die Angst fühlen wir, wenn wir uns mit Dingen auseinandersetzen, die wir noch nicht kennen. Wenn wir den Mut fassen, unsere Ideale zu verteidigen, seien sie kulturell, sozial oder bezogen auf unseren Lebensstil, dann verliert man die Angst.

Persönlich habe ich am Anfang Angst gehabt, mich zu zeigen, wie ich bin; eine lesbische Frau und eine Frau wie jede andere, nur mit dem Wunsch, nicht mehr zu schweigen.

Die Erfahrungen, die Du gemacht hast, wie beeinflussen sie dein Verhalten? Und wie gehst Du damit um?

Sie haben mich gelehrt, die Angst zu verlieren, sie haben mir Mut gegeben, um diesen Kampf um Gleichheit zu beginnen, um Ebenbürtigkeit für die lesbischen Frauen. Sie haben mich gestärkt und dafür gewappnet, die heteropatriarchale Gesellschaft zu hinterfragen, in der wir in El Salvador leben.

Wie würdest Du gerne leben?

Also, ich würde gerne in einer gerechten und egalitären Gesellschaft leben, die Unterschiede respektiert.

Was müsste sich dafür verändern?

Die Art der Menschheit zu denken. Wir müssten menschlich sein, offener gegenüber der Diversität dieses Planeten. Das ist der Anfang von allem.

Acciones

¿Podría,
caminar días enteros sin hidratar mi cuerpo con una sola gota de agua.?

¿Podría,
mi imaginación florecer sin probar nada de alimento?

¿Podría,
correr con los pies descalzos para sentir mis ideas y pensamientos tan libres como yo?

¡Claro que puedo!... y haría mas...

Podría,
desnudarme en un lugar público para botar los viejos esquemas impuestos por esta sociedad.

Le preguntaría al mundo entero, gritando hasta que me quedase sin voz
¿Qué si una sola mujer puede cambiarle?

Fàtima Polanco

... was sich ändern muss, ist die Gesellschaft

Interview mit Gabriela Nicol Bustamante

Magst Du uns etwas über Dich erzählen?

Schon mit sieben Jahren fühlte ich mich damit identifiziert, eine Frau zu sein. Aber meine wahre Identität entdeckte ich mit 13 Jahren, als ich mich in einen 15-jährigen Jungen verliebte. Wir waren zusammen, aber ich hatte Gefühle für ihn und er sah mich nur auf sexuelle Weise. Dann begann er, eine Freundin von mir zu verführen und ich fühlte mich traurig. So kam es, dass ich mit ungefähr 17 Jahren begann, mich zu prostituieren, weil ich dachte, dass mich die Leute wie etwas Sexuelles sehen würden und dann beschloss ich, dies in einen Vorteil für mich zu verwandeln.

Mit 21 Jahren kam ich in eine Krise und dachte daran, dass ich jemanden an meiner Seite bräuchte und versuchen müsste, es mir gut gehen zu lassen. So habe ich die Prostitution aufgegeben und lernte einen Mann kennen, den, mit dem ich jetzt zusammen bin. Ich habe beschlossen, treu zu sein, mich selbst zu schätzen und unabhängig, ohne die Hilfe der Familie zu sein. Und ich habe es geschafft. Ich bin stolz darauf, so zu sein, wie ich bin. Ich mag es, ehrlich zu mir selbst und zu anderen zu sein. Und wenn mir gesagt würde, ich solle meine Identität durch eine andere tauschen, so würde ich es nicht machen. Ich bin stolz, das zu sein, was ich bin. Ich habe sogar eine Friseurinnenausbildung gemacht, die mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin.

Wir glauben, dass das Anderssein als die Mehrheit der Bevölkerung Angst erzeugt. Auf der einen Seite eine eigene innere Angst, auf der anderen Seite Angst von Seiten der Gesellschaft und der Menschen, die uns umgeben. Hast Du ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie waren sie?

Angst … Angst hatte ich vielleicht ein wenig vor meinem Vater. Ich musste mich mit ihm konfrontieren. Er sagte mir, dass er mich so akzeptiert, wie ich bin. Aber dass ich zu spüren bekommen würde, dass er es nicht akzeptieren würde, mich als Frau angezogen zu sehen. Er hat mich bedroht. Aber mit der Zeit habe ich mich als Frau gekleidet. Ich habe auch wenig Glück in der Liebe gehabt. Meine Freunde sagen mir immer, wenn sie mich mit jemanden zusammen sehen, dass er nicht mit mir zusammen ist, weil er mich mag, sondern aus materiellen Gründen, um mich zu verunsichern. Und manchmal denke ich, dass ich nicht viel wert bin, aber ich weiss auch, dass das nicht stimmt. Manchmal denke ich, dass ich alles habe, aber auch, dass ich nichts habe. Vielleicht ist es mein Unterbewusstsein.

Die Erfahrungen, die Du gemacht hast, wie beeinflussen sie dein Verhalten? Und wie gehst Du damit um?

Wegen der bitteren Erfahrungen bin ich heute das, was ich bin. Ich schätze mich im wahrsten Sinne des Wortes als liebevoll, ehrlich, gefühlsbetont, uneigennützig mit den anderen ein. Ich erwarte nur Liebe und Ehrlichkeit, ich gebe alles, ohne etwas im Gegenzug zu erwarten. Manchmal machen sie, dass ich mich schlecht fühle und manchmal weine ich sogar. Aber ich schaue immer nach vorne und weiß, dass ich immer dann, wenn ich auf die Nase falle, am meisten lerne. Und ich sage meinem Partner, dass ich ihn verlassen werde, wenn er mich betrügt und ich dahinterkomme (und ich würde sicher dahinterkommen). Das hat er verstanden.

Manchmal fühle ich mich diskriminiert. Wenn man zum Beispiel in ein Einkaufszentrum geht, dann gehen die Wachmänner einem nach, um zu sehen, was man macht, sie gehen hinter einem her, um zu sehen, ob man etwas konsumiert, also ob man etwas kauft oder ob man sich da nur aufhält. Die Wahrheit ist, dass man herumgehen kann wie jeder, aber man fühlt sich unwohl, wenn man überwacht wird.

Wie würdest Du gerne leben? Was müsste sich dafür ändern oder was müsste dafür anders sein?

Ich würde gerne wie ein normales Paar leben, wo der Mann nach Hause kommt und ich ihn mit dem Abendessen erwarte. Ich würde gerne alles auf unsere Art machen, auf eine normale, natürliche Art.

Ich glaube, dass die Gesellschaft einen mehr wegen des sozialen Status marginalisiert als wegen dem, was man ist. Wenn man also ein studierter Gay ist, dann wird man mehr respektiert, aber wenn man zum Beispiel jemand ist, der nichts hat und keine feste Arbeit hat, dann diskriminieren einen die Leute. Ich fühle mich so zwischendrin. Ich habe meine Ausbildung als Friseurin fertig gemacht und besitze meinen eigenen Frisiersalon.

Ich glaube, dass es die gesellschaftliche Diskriminierung der Gays nicht geben dürfte, dass aus der Verfolgung Würde entsteht. Ich würde nichts in meinem Leben ändern. Ich führe ein alltägliches Leben, was sich ändern muss, ist die Gesellschaft.

Mit der Zeit habe ich entdeckt, dass viele dieser Ängste meine eigenen Gespenster waren

Interview mit Marielos Romualdo/Ejecat

Magst Du uns etwas über Dich erzählen?

Ich bin eine lesbische, feministische, salvadorianische Frau, ich bin 43 Jahre alt und vom Sternzeichen Jungfrau. Mein Name in Nahuat ist EJECAT, was LUFT bedeutet. Gegenwärtig habe ich eine Beziehung mit zwei Frauen, die sehr wichtig in meinem Leben sind. Meine erste Beziehung mit einer Frau hatte ich mit 27 Jahren, kurz nachdem ich den Feminismus kennengelernt hatte. Es war eine verwirrende Erfahrung, mit viel Angst, Schuld und Schmerz, weil ich sehr religiös war. Es war aber auch bewegend, faszinierend und orgasmisch, weil ich komplett in eine Frau verliebt war.

Wir glauben, dass das Anderssein als die Mehrheit der Bevölkerung Angst erzeugt. Auf der einen Seite eine eigene innere Angst, auf der anderen Seite Angst von Seiten der Gesellschaft und der Menschen, die uns umgeben. Hast Du ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie waren sie?

Ich glaube, dass ich am Anfang eine Krise durchgemacht habe, weil ich meinem Leben eine komplett andere Wendung geben musste. Das hat mir Angst gemacht, aber ich glaube, dass meine größte Angst war, Zuneigung zu verlieren, besonders die Liebe meiner Mutter, das Nicht-akzeptiert- werden in der katholischen Kirche, dass Gott mich bestrafen könnte oder auf der Straße angegriffen zu werden, wenn ich mit einer Partnerin unterwegs war ... Mit der Zeit habe ich entdeckt, dass viele dieser Ängste meine eigenen Gespenster waren.

Heute kann ich mich lächelnd an den Tag erinnern, an dem ich meiner Mutter erzählt habe, dass ich lesbisch sei und sie mir erwiderte, dass sie schon vier Jahre vorher deswegen gelitten habe, als sie es entdeckt hatte und dass sie mich liebe.

Die Angst, Freundschaften zu verlieren … eine Freundin sagte mir sehr zutreffend, dass ich einige Freundschaften verlieren würde und so war es. Dass, wenn ich neue Freundschaften aufbauen wollte, meine sexuelle Option eines der ersten Dinge sein müsste, die sie von mir wissen müssten. Denn man kann keine Freundschaft mit jemand haben, der einen so wichtigen Teil deines Lebens nicht kennt. Und so habe ich es gemacht. Heute habe ich sehr gute Freundinnen, denen ich über meine Partnerschaft erzähle, so wie sie mir von der ihren.

Am Anfang dachte ich, dass sie mich auf der Straße angreifen könnten, wenn ich hänchenhaltend mit meiner Partnerin unterwegs sei. Aber die Angst verschwand und heute genieße ich es, wenn ich im Park im Gras liege und mich mit Luz küsse. Und wenn jemand uns anschaut, dann sage ich nur in scherzhaften Ton: „Ja, wir sind zwei Frauen.“

Auch mein Gottesbild hat sich verändert und heute bin ich versöhnter mit einem Bild des Universums und habe nicht mehr die jüdisch-christliche Vision von Gott.

Die Erfahrungen, die Du gemacht hast, wie beeinflussen sie dein Verhalten? Und wie gehst Du damit um?

Ich glaube, dass ich auf dem Weg gelernt habe, ich selbst zu sein. Ich bin eine lesbische Frau und wenn ich mich nicht benenne, dann existiere ich nicht. Ich will damit sagen, dass alle Welt denkt, dass die Menschen heterosexuell sind, weil es für sie das Normale ist. Mir gefällt es, sichtbar zu sein, weil ich glaube, dass die größte Diskriminierung die ist, unsichtbar zu sein, nicht zu existieren.

Ich bin stärker und sicherer als früher. Ich glaube, dass viele Ängste verschwunden sind, wie die, die Zuneigung meiner Liebsten (meiner Familie und Freundschaften) zu verlieren. Aber da sind meine neuen Liebsten wie meine Nichten und Neffen. Ich weiß, dass ich eines Tages mit ihnen diesen Teil meines Lebens teilen muss, obwohl sie schon ein anderes Bild von ihrer Tante Marielos haben und mich immer fragen: „Und Marta?“. Und Marta fragen sie: „Wo hast Du meine Tante Marielos gelassen?“.

In meiner Arbeit war es Teil meiner Vorstellung. Ich sage nicht notwendigerweise, dass ich Lesbe bin, aber wenn ich gefragt werde, sage ich, „ja, ich habe eine Partnerin und sie heißt Marta“.

Wie würdest Du gerne leben? Was müsste sich dafür ändern oder was müsste dafür anders sein?

Mir gefällt es, wie ich heute lebe. Ich weiß, dass mein Leben eine unerwartete Wendung genommen hat, als ich meine sexuelle Option geändert habe. Aber es hat mir die Gelegenheit gegeben, mein Umfeld anders zu sehen. Ich bin sensibler, nicht nur der Diskriminierung von Lesben gegenüber geworden, sondern von allen Personen, die wir anders sind, wie die Sexarbeiterinnen, die Mütter im Teenageralter, die Homosexuellen, die Personen anderer Hautfarbe …

In diesem Moment meines Lebens fahre ich fort, Liebe zu versprühen, weil die Welt, die ich erträume, möglich ist und setze darauf von Tag zu Tag. Ich bin sicher, dass die großen Veränderungen in jeder und jedem von uns begonnen werden.

No soy lo que esperaban

No soy medica...no soy heterosexual.......No soy monja...no soy madre...no soy monogama...no soy...no soy...

Soy artesana...soy lesbiana...soy feminista....soy tia...soy poligama.... soy aire...soy....soy....soy... soy feliz de ser YO.

Con el amor de siempre...porque el mundo que soñamos es posible.

Ejecat (aire)

... und welche Antworten geben wir selbst?

Eine offene Frage wäre, warum wir unsere Fragen Menschen in El Salvador stellen und uns selbst auf die Position der Fragenden zurückziehen. Eine wirklich zufriedenstellende Antwort auf diese Frage haben wir nicht. Was für Antworten geben wir uns also, wenn wir uns die Fragen, die wir unseren Interviewpartner_innen gestellt haben, selbst stellen? Ja, das eigene Begehren ist in verschiedenen Kontexten und unterschiedlichen Lebensphasen mehr oder weniger angstbehaftet. Angst vor Ablehnung, Ausgrenzung, Angriffen. Nein, wir möchten kein öffentliches Bekenntnis über unsere Angst und unser Begehren abgeben. Die Frage, in welchem Kontext das eigene Begehren öffentlich gemacht wird und in welchem Kontext nicht, die Frage, oute ich mich am Arbeitsplatz, die Frage, küsse ich meine_n Partner_in in der Öffentlichkeit etc., drängt sich uns – ob wir wollen oder nicht – immer wieder auf. Unser Begehren wird zum Kern unserer Identität stilisiert, die wir entweder „mutig offenbaren“ oder „ängstlich verschweigen“. Dass nicht jedes Verschweigen ängstlich und nicht jedes Bekenntnis mutig sein muss, bleibt so lange unsichtbar, solange wir die Vorstellung von einer „wahren“ Identität aufrechterhalten. Solange sich der Zwang, eine wie auch immer geartete „Wahrheit“ über die eigene Identität zu sagen, nur auf diejenigen von uns erstreckt, die von der Norm abweichen, und solange wir diese Norm nicht als Konstrukt entlarven, bleibt uns die Wut darüber, dass wir, wenn wir uns nicht äußern, unsichtbar gemacht werden.

Danken möchten wir Fàtima Polanco, Gabriela Nicol Bustamante und Marielos Romualdo/Ejecat für ihre Offenheit und Bereitschaft, unsere Fragen zu beantworten.

Zu entscheiden, ob sich unsere anfangs genannte These bestätigt, überlassen wir unseren Leser_innen, die sich die gestellten Fragen gerne selbst stellen können. Den hier veröffentlichten Text werden wir unseren Interviewpartner_ innen zukommen lassen.

Den hier veröffentlichten Text werden wir unseren Interviewpartner_ innen zukommen lassen.
 

(ah/zp)
Über das Begehren jenseits gesellschaftlicher Normen oder warum uns die Angst unsichtbar macht
Erschienen in: Info-Blatt 73  des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2008

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