Gouvernementalität und Selbst-Prekarisierung
Zur Normalisierung von Kulturproduzent_innen
(Isabell Lorey) Für manche von uns Kulturproduzent_innen 1 käme es gar nicht in Frage, auf Dauer einen festen Job in einer Institution haben zu wollen, höchstens für ein paar Jahre. Dann müsste es wieder etwas anderes sein. Denn ging es bisher nicht immer wieder auch darum, sich nicht auf eine Sache festlegen zu müssen, nicht auf eine klassische Berufsbezeichnung, mit der ganz viel ausgeblendet wird; sich nicht einkaufen zu lassen und dadurch viele leidenschaftliche Beschäftigungen aufgeben zu müssen?
War es nicht wichtig, sich nicht den Zwängen einer Institution anzupassen, um die Zeit und Energie zu behalten, die kreativen und eventuell politischen Projekte machen zu können, an denen das eigene Herzblut hängt? Wurde nicht gerne, wenn es die Gelegenheit dazu gab, für eine Zeitlang ein mehr oder weniger gut bezahlter Job angenommen, um dann, wenn es nicht mehr passte, wieder gehen zu können? Dann war ja zumindest wieder ein bisschen Geld da, um das nächste Herzensprojekt machen zu können, was wahrscheinlich schlecht bezahlt, aber vermeintlich viel befriedigender sein würde.
Bei der hier suggerierten Haltung ist es entscheidend zu glauben, die eigenen Lebens- und Arbeitsverhältnisse seien selbst gewählt und deren Gestaltung sei relativ frei und autonom. Tatsächlich sind die Unsicherheiten, die mangelnden Kontinuitäten unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen zu einem großen Teil durchaus auch bewusst gewählt. Im Folgenden geht es jedoch nicht um die Fragen ‚Wann habe ich mich wirklich frei entschieden?’, ‚Wann agiere ich autonom?’, sondern darum, in welcher Weise Vorstellungen von Autonomie und Freiheit konstitutiv mit hegemonialen Subjektivierungsweisen in westlichen, kapitalistischen Gesellschaften zusammenhängen. Der Fokus dieses Textes liegt dementsprechend darauf, inwiefern durch ‚selbst gewählte’ Prekarisierung die Voraussetzungen dafür mitproduziert werden, aktiver Teil neoliberaler politischer und ökonomischer Verhältnisse werden zu können.
Aus dieser Sicht können keine generellen Aussagen über Kulturproduzent_ innen abgeleitet werden, auch nicht über all diejenigen, die aktuell prekarisiert sind. Was durch eine Problematisierung dieser ‚selbst gewählten’ Prekarisierung jedoch deutlich wird, sind die historischen Kraftlinien 2 moderner bürgerlicher Subjektivierung, die unmerklich hegemonial sind, normalisierend wirken und möglicherweise „Gegen-Verhalten“ 3 blockieren. [...]
Biopolitische Gouvernementalität
Michel Foucault hat mit dem Begriff ‚Gouvernementalität’ die strukturelle Verstrickung zwischen der Regierung eines Staates und den Techniken der Selbstregierung in westlichen Gesellschaften bezeichnet. Diese Verstrickung zwischen Staat und Bevölkerungssubjekten ist keine zeitlose Konstante. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts setzte sich durch, was sich seit dem 16. Jahrhundert anbahnte: eine neue Regierungstechnik, genauer die Kraftlinien moderner Regierungstechniken bis heute. [...]
Zum Ende des 18. Jahrhunderts hingen die Stärke und der Reichtum eines Staates immer mehr von der Gesundheit seiner Bevölkerung ab. Eine daran orientierte Regierungspolitik bedeutet im bürgerlich liberalen Rahmen bis heute, Normalität festund herzustellen und dann zu sichern. Dazu wurde zunächst eine große Menge an Daten benötigt: Man stellte Statistiken auf, berechnete Wahrscheinlichkeiten von Geburten- und Sterblichkeitsraten, Krankheitshäufigkeiten, Wohnverhältnissen, Ernährungsweisen etc. Das genügte allerdings nicht. Um den Gesundheitsstandard einer Bevölkerung herzustellen und zu maximieren, benötigte diese produktive, das Leben fördernde biopolitische Regierungsweise ebenso die aktive Teilnahme jedes einzelnen Individuums, das heißt dessen Selbst-Regierung. [...]
Die „Kunst des Regierens“ - wie Foucault Gouvernementalität auch genannt hat - besteht in modernen Gesellschaften also nicht in erster Linie darin, repressiv zu sein, sondern in ‘nach innen verlagerter’ Selbstdisziplinierung und Selbstbeherrschung. 4 Analysiert wird eine Ordnung, die den Menschen, den Körpern, den Dingen nicht nur aufgezwungen wird, sondern von der sie gleichzeitig aktiver Teil sind. Nicht die Frage nach der Regulierung autonomer, freier Subjekte steht im Mittelpunkt der Problematisierung gouvernementaler Regierungstechniken, sondern die Regulierung der Verhältnisse, durch die sogenannte autonome und freie Subjekte überhaupt erst zu solchen werden. [...]
Normalisierte freie Subjekte
In biopolitisch gouvernementalen Gesellschaften ist die Konstituierung des Normalen immer auch mit dem Hegemonialen verwoben. Mit der Aufforderung, sich am Normalen zu orientieren - was bürgerlich, heterosexuell, christlich, männlich weiß, weiblich weiß, national sein konnte -, musste im Zuge der Moderne die Perspektive entwickelt werden, den eigenen Körper, das eigene Leben zu kontrollieren, indem man sich selbst regulierte und so selbst führte. Das Normale ist damit nicht identisch mit der Norm, kann aber deren Funktion einnehmen. Normalität ist allerdings nie etwas Äußerliches, denn wir sind es selbst, die diese garantieren und mit Verschiebungen reproduzieren. Wir regieren uns demnach im Dispositiv von Gouvernementalität, Biopolitik und Kapitalismus selbst, indem wir uns normalisieren. Gelingt dies – und das ist meistens der Fall –, sind Machtund manche Herrschaftsverhältnisse kaum wahrnehmbar und äußerst schwierig zu reflektieren, weil wir sie mit unseren Selbstverhältnissen, Denk- und Verhaltensweisen, mit unseren Körpern zugleich mit herstellen. Denn die Normalisierungsgesellschaft und die darin stattfindenden Subjektivierungen sind ein historischer Effekt einer auf das Leben gerichteten Machttechnologie. Das normalisierte Subjekt selbst ist wiederum ein historisches Konstrukt in einem Ensemble aus Wissensformen, Technologien und Institutionen. Dieses Ensemble ist sowohl auf die einzelnen Körper gerichtet als auch auf das Leben der Bevölkerung im Ganzen. Gelebt wird Normalisierung durch als selbstverständlich und natürlich wahrgenommene alltägliche Praktiken. Darüber hinaus wird das Normale mit dem Effekt der Eigentlichkeit, der Authentizität naturalisiert. So glauben wir beispielsweise, der Effekt von Machtverhältnissen sei das Wesen unseres Selbst, unsere Wahrheit, unser eigener, eigentlicher Kern, der Ursprung unserer selbst. Diese normalisierende Selbst-Regierung basiert auf einer Imagination von Kohärenz, von Einheitlichkeit und Ganzheit, die auf die Konstruktion eines männlichen, weißen Subjekts zurückgeht. Kohärenz ist wiederum eine der Voraussetzungen moderner Souveränität. Das Subjekt muss glauben, es sei „Herr im eigenen Haus“ (Freud). Scheitert diese fundamentale Imagination, findet meist nicht nur eine Fremdwahrnehmung als ‚anormal’ statt, sondern auch eine solche Selbsteinschätzung. Bleiben wir bei dem für die biopolitisch gouvernementale Moderne so existenziellen, erlernten Selbstverhältnis, welches auf sehr unterschiedliche Weisen für die gesamte Bevölkerung gilt. Dieses Selbstverhältnis basiert auf der Vorstellung, eine innere Natur zu haben, ein inneres Wesen, das letztlich die eigene Individualität ausmacht. Derart imaginierte ‚innere, natürliche Wahrheiten’, solche Konstruktionen von Eigentlichkeit werden meist als unveränderbar verstanden, lediglich zu unterdrücken oder zu befreien. Sie nähren bis heute die Vorstellungen, sich selbst und ihr/sein Leben frei, autonom und nach eigenen Entscheidungen gestalten zu können oder zu müssen. Solche Machtverhältnisse sind auch deshalb nicht leicht wahrzunehmen, da sie häufig als eigene, freie Entscheidung, als persönliche Einsicht daherkommen und bis heute das Begehren danach produzieren, zu fragen ‚Wer bin ich?’ oder ‚Wie kann ich mich selbst verwirklichen?’, ‚Wie kann ich zu mir selbst kommen, das Wesen meines Selbst zur größtmöglichen Entfaltung bringen?’. Der im Zuge neoliberaler Umstrukturierungen so häufig gebrauchte Begriff der Eigenverantwortlichkeit liegt, wie erwähnt, ebenfalls in dieser liberalen Kraftlinie von Besitzindividualismus und Eigentlichkeit und funktioniert nur darüber als neoliberal einsetzbare Anrufung zur Selbstregierung.
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… Diese Angst, dass du raus fällst, dass dich niemand mehr ansprechen wird, dass du im Grunde nicht mehr Teil bist von dieser produktiven Bewegung, diese Angst, die ja so projiziert wird in diesem neoliberalen Wir-müssen-uns-selber-Erfinden … |
Im Grunde findet gouvernementale Selbstregierung in einem scheinbaren Paradox statt. Denn sich zu regieren, sich zu beherrschen, zu disziplinieren und zu regulieren bedeutet zugleich, sich zu gestalten, zu ermächtigen und in diesem Sinne frei zu sein. Nur durch dieses Paradox findet die Regierbarkeit souveräner Subjekte statt. Denn gerade weil Techniken des Sich-selbst-Regierens aus der Gleichzeitigkeit von Unterwerfung und Ermächtigung entstehen, aus der Gleichzeitigkeit von Zwang und Freiheit, werden die Individuen in dieser paradoxen Bewegung nicht nur zu einem Subjekt, sondern zu einem bestimmten modernen, ‚freien’ Subjekt. Solchermaßen subjektiviert, (re)produziert dieses Subjekt die Bedingung für Gouvernementalität immer wieder aufs Neue mit, da in diesem Szenario überhaupt erst Handlungsfähigkeit entsteht. „Macht“, so Foucault, „wird nur auf ‚freie Subjekte’ ausgeübt und nur sofern diese ‚frei’ sind.“
Im Kontext von Gouvernementalität sind Subjekte demnach sowohl unterworfen als auch gleichzeitig handlungsfähig und in einem bestimmten Sinne frei. Diese Freiheit ist gleichzeitig Bedingung und Effekt liberaler Machtverhältnisse, also von biopolitischer Gouvernementalität. Trotz aller bis heute geschehenen Veränderungen ist diese Kraftlinie seit dem Ende des 18. Jahrhunderts eine derjenigen, durch die Individuen in modernen Gesellschaften regierbar werden.
Diese normalisierte Freiheit biopolitisch gouvernementaler Gesellschaften existiert niemals ohne Sicherheitsmechanismen und ebenso wenig ohne Konstruktionen des Anormalen, Devianten, welche wiederum subjektivierende Funktionen haben. Die Moderne scheint ohne eine „Kultur der Gefahr“ nicht denkbar zu sein, ohne die permanente Gefährdung des Normalen, ohne imaginäre Invasionen ständiger, alltäglicher Bedrohungen, wie Krankheit, Dreck, Sexualität oder die „Angst vor Entartung“ (Foucault). [...]
Ökonomisierung des Lebens und ausbleibendes Gegen- Verhalten
[...] Mit „Ökonomisierung des Lebens“ sind meist die vereinfachten Thesen gemeint, nicht mehr nur die Arbeit, sondern auch das Leben falle wirtschaftlichen Verwertungsinteressen anheim, eine Trennung zwischen Arbeit und Leben sei nicht mehr möglich und im Zuge dessen fände zudem eine Implosion der Trennung zwischen Produktion und Reproduktion statt. Solche totalisierenden Implosionsthesen reden allerdings eher einem kollektiven Opferstatus das Wort und verstellen eine Perspektive auf Subjektivierungsweisen, auf Handlungsfähigkeit und letztlich auf Gegen-Verhalten.
Dabei macht die These von der „Ökonomisierung des Lebens“ aus einer biopolitisch gouvernementalen Perspektive durchaus Sinn. Sie verweist auf die Macht- und Herrschaftsverhältnisse einer bürgerlich liberalen Gesellschaft, die sich seit mehr als zweihundert Jahren um die Produktivität des Lebens herum konstituiert. Das Leben war in dieser Perspektive nie die andere Seite der Arbeit. Die Reproduktion war in der westlichen Moderne immer Teil des Politischen und des Ökonomischen. Nicht nur die Reproduktion, sondern das Leben generell war nie außerhalb von Machtverhältnissen. Vielmehr ist das Leben gerade in seiner Produktivität, das heißt Gestaltbarkeit immer deren Effekt. Und gerade diese Gestaltbarkeit ist konstituierend für das vermeintliche Paradox moderner Subjektivierungen zwischen Unterordnung und Ermächtigung, zwischen Regulierung und Freiheit. Liberale Prekarisierung fand als immanenter Widerspruch nicht jenseits dieser Subjektivierung statt, sondern ist ein daraus mögliches Bündel sozialer, ökonomischer und politischer Positionierungen.
In diesem Sinne ist die zurzeit viel beklagte „Ökonomisierung des Lebens“ kein gänzlich neoliberales Phänomen, sondern eine Kraftlinie biopolitischer Gesellschaften, die gegenwärtig vielleicht auf eine neue Weise intelligibel wird. Die damit verbundenen Subjektivierungen sind nicht derart neu, wie dies meist behauptet wird. Vielmehr sind deren biopolitisch gouvernementale Kontinuitäten noch kaum begriffen.
Denn waren Lebens- und Arbeitsverhältnisse, die im Kontext sozialer Bewegungen seit den 1960er Jahren entstanden sind, tatsächlich in keiner Weise gouvernemental? Zwar wollten sich die durchaus dissidenten Praktiken alternativer Lebensweisen, die Wünsche nach anderen Körpern und Selbstverhältnissen (in feministischen, ökologischen, linksradikalen Kontexten) immer auch vom Normalarbeitsverhältnis und den damit verbundenen Zwängen, Disziplinierungen und Kontrollen abgrenzen. Stichworte hierzu sind: selbst entscheiden können, was und mit wem gearbeitet wird; bewusst prekäre Lebens- und Arbeitsformen wählen, weil dabei mehr Freiheit und Autonomie möglich schien, gerade wegen der eigenen Zeiteinteilung und ganz wichtig: der Selbstbestimmung. Auf eine gute Bezahlung kam es dabei oft nicht an, war die Entlohnung doch, Spaß an der Arbeit zu haben. Die vielen eigenen Fähigkeiten zur Geltung zu bringen, darum ging es. Generell war die bewusste, die freiwillige Aufnahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse sicherlich auch Ausdruck für ein Bedürfnis, die moderne, patriarchale Aufteilung in Reproduktion und Lohnarbeit anders zu leben als innerhalb des Normalarbeitsverhältnisses.
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… Was wir hier erleben, ist doch nichts singuläres, sondern Prekarität betrifft viele in anderen Berufen auch, diese Angst um die eigene Existenz auf einer finanziellen Ebene. Selbst wenn man es nicht reduzieren kann auf das Finanzielle, aber der Auslöser ist, ob du Geld hast oder nicht … |
In den vergangenen Jahren sind jedoch genau diese alternativen Lebens- und Arbeitsverhältnisse immer stärker ökonomisch verwertbar geworden, weil sie die Flexibilisierung begünstigten, die der Arbeitsmarkt forderte. So waren Praktiken und Diskurse sozialer Bewegungen in den vergangenen dreißig, vierzig Jahren nicht nur dissident und gegen Normalisierung gerichtet, sondern zugleich auch Teil der Transformation hin zu einer neoliberalen Ausformung von Gouvernementalität.
Aber inwiefern werden ehemals als dissident verstandene prekäre Lebens- und Arbeitsweisen aktuell in ihrer hegemonialen, gouvernementalen Funktion offensichtlich? Und weshalb scheinen sie ihr Potenzial zu einem Gegen-Verhalten zu verlieren? Im Folgenden nur einige wenige Überlegungen, ohne Anspruch auf eine umfassende Analyse.
Viele der selbst-prekarisierten Kulturproduzent_innen, um die es hier pauschalisierend geht, würden sich auf eine bewusste oder unbewusste Geschichte ehemals alternativer Existenzweisen beziehen, meist ohne einen direkten politischen Bezug dazu zu haben. Sie sind mehr oder weniger irritiert über ihre Verschiebung hin in die gesellschaftliche Mitte, also dorthin, wo sich das Normale und Hegemoniale reproduziert. Das heißt allerdings nicht, dass ehemals alternative Lebens- und Arbeitstechniken gesellschaftlich hegemonial werden. Es verhält sich eher genau anders herum: Die massenhafte Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen wird mit der Verheißung, die eigene Kreativität zu verantworten, sich nach den eigenen Regeln selbst zu gestalten, für all diejenigen, die herausfallen aus dem Normalarbeitsverhältnis, als zu begehrende, vermeintlich normale Existenzweise erzwungen. Um diese gezwungenermaßen Prekarisierten geht es hier indes nicht, sondern um diejenigen, die von sich sagen, sie hätten prekäre Lebensund Arbeitsverhältnisse als Kulturproduzent_ innen freiwillig gewählt.
Es ist erstaunlich, dass es hierzu noch keine systematischen empirischen Untersuchungen gibt. Die gängigen Parameter von Kulturproduzent_ innen dürften jedoch darin bestehen, dass sie gut bis sehr gut ausgebildet sind, zwischen fünfundzwanzig und vierzig Jahren, kinderlos und mehr oder weniger gewollt prekär beschäftigt.
Sie gehen befristeten Tätigkeiten nach, leben von Projekten und Honorarjobs, von mehreren gleichzeitig und einem nach dem anderen, meist ohne Kranken-, Urlaubs- und Arbeitslosengeld, ohne Kündigungsschutz, also ohne oder mit minimalen sozialen Absicherungen. Die 40-Stunden- Woche ist eine Illusion. Arbeitszeit und freie Zeit finden nicht entlang klar definierter Grenzen statt. Arbeit und Freizeit lassen sich nicht mehr trennen. In der nicht bezahlten Zeit findet eine Anhäufung von Wissen statt, welches wiederum nicht extra honoriert, aber selbstverständlich in die bezahlte Arbeit eingebracht und abgerufen wird, usw.
Dies ist keine „Ökonomisierung des Lebens“, die etwa von Außen kommt, übermächtig und totalisierend. Es geht hier vielmehr um Praktiken, die sowohl mit Begehren als auch mit Anpassung verbunden sind. Denn diese Existenzweisen werden immer wieder auch in vorauseilendem Gehorsam antizipiert und mitproduziert. Die nicht existierenden oder geringen Bezahlungen, im Kultur- oder Wissenschaftsbetrieb zum Beispiel, werden allzu häufig als unveränderbare Tatsache hingenommen, anderes wird gar nicht erst eingefordert. Die Notwendigkeit, anderen, weniger kreativen, prekären Beschäftigungen nachzugehen, um sich die eigene Kulturproduktion finanzieren zu können, wird hingenommen. Diese erzwungene und gleichzeitig selbst gewählte Finanzierung des eigenen kreativen Schaffens stützt und reproduziert genau die Verhältnisse immer wieder, unter denen man leidet und deren Teil man zugleich sein will. Vielleicht sind die kreativ Arbeitenden, diese selbst gewählten prekarisierten Kulturproduzent_ innen deshalb so gut ausbeutbare Subjekte, weil sie ihre Lebens- und Arbeitsverhältnisse wegen des Glaubens an die eigenen Freiheiten und Autonomien, wegen der Selbstverwirklichungsphantasien scheinbar unendlich ertragen. Sie sind in einem neoliberalen Kontext dermaßen ausbeutbar, dass sie von staatlicher Seite sogar als Rolemodels angeführt werden.
Mit dieser Selbst-Prekarisierung sind Erfahrungen von Angst und Kontrollverlust verbunden, Gefühle von Verunsicherung durch Verluste an Sicherheiten, sowie Angst vor und die Erfahrung von Scheitern, sozialem Abstieg und Armut. Auch deshalb sind ‚Loslassen’ oder Formen des Ausstiegs und Abfallens vom hegemonialen Paradigma schwierig. Man muss ‚on speed’ bleiben, sonst könnte man rausfallen. Klare Zeiten für Entspannung und Erholung gibt es nicht. Solche Reproduktion hat keinen klaren Ort, was wiederum eine unerfüllte Sehnsucht und ein fortwährendes Leiden an diesem Mangel zur Folge hat. Das Begehren nach Entspannung, danach, ‚zu sich selbst zu kommen’, wird unstillbar. Derart reproduktive Praktiken müssen meist neu erlernt werden. Sie entbehren jeder Selbstverständlichkeit und müssen gegen sich und andere hart erkämpft werden. Das macht diese Sehnsucht nach Reproduktion, nach Regeneration wiederum so überaus vermarktbar.
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…Ich arbeite eigentlich immer in Gruppen oder Kollektiven, die sich Projekte ausdenken und dann versuchen, sie zu realisieren. Arbeit sickert dann so in dein Leben … Mein ganzes Leben steht unter dieser Arbeitsmöglichkeit. Ich muss die Grenze, wann die Arbeit aufhört, selber setzen, weil du tendenziell überall immer noch mehr reinstecken kannst. Diese Selbstunternehmerisierung funktioniert nicht unbedingt über einen starken Außendruck, sondern über die Konfrontation mit einem starken Innendruck. Arbeit ist für mich auch irre bedrohlich. Freie Zeit empfinde ich auch nicht als freie Zeit, sondern denke permanent: Oh scheiße, dann musst du noch das machen, und dann musst du noch das machen ... |
Nicht nur die Seite der Arbeit, die der Produktion, ist demnach prekär geworden, sondern auch die so genannte andere Seite, die oft als „Leben“ bezeichnet wird, die Seite der Reproduktion. Fallen Produktion und Reproduktion demnach zusammen? Bei diesen Kulturproduzent_innen auf eine alte neue Weise, ja. [...]
Im gegenwärtigen Kontext von prekarisierter immaterieller, meist individualisierter Arbeit und ebensolchem ‚Leben’ verändert sich folglich die Funktion von Reproduktion. Sie wird nicht mehr nur auf andere, vornehmlich Frauen ausgelagert. Individuelle Reproduktion und Generativität, die Produktion des Lebens individualisiert und verlagert sich nun zum Teil in die Subjekte selbst hinein. Es geht um Regeneration jenseits von Arbeit, auch durch Arbeit, aber immer noch sehr häufig jenseits von angemessen bezahlter Lohnarbeit. Es geht um Regeneration, um Erneuerung, Aus-sichselbst- Schöpfen, sich selbst aus eigener Kraft wieder herstellen: eigenverantwortlich. Die Selbstverwirklichung wird zur reproduktiven Aufgabe für das Selbst. Arbeit soll die Reproduktion des Selbst gewährleisten.
Wenn prekarisierte Kulturproduzent_ innen in ihrer ganzen Heterogenität in dieser Weise vereinheitlichend dargestellt werden, lässt sich über deren Subjektivierung im Neoliberalismus sagen, dass sie offensichtlich in einem Widerspruch stattfindet: in der Gleichzeitigkeit von Prekarisierung zum einen, das heißt immer auch Fragmentierung und Nicht- Linearität, und Kontinuität von Souveränität zum anderen. Die Kontinuität moderner Souveränität findet durch die Stilisierung von Selbstverwirklichung, Autonomie und Freiheit, durch Selbstgestaltung, Selbstverantwortung und die Wiederholung der Idee von Eigentlichkeit statt. [...] Generell scheint Souveränität bei den hier beschriebenen Kulturproduzent_innen in erster Linie auf der ‚freien’ Entscheidung zur Prekarisierung, mithin zur Selbst-Prekarisierung, zu beruhen. Dies wiederum könnte ein zentraler Grund dafür sein, dass die strukturelle Prekarisierung als tendentiell gesamtgesellschaftliches, neoliberal gouvernementales Phänomen, dem kaum eine freie Entscheidung zugrunde liegt, derart schwer gesehen werden kann. Kulturproduzent_ innen geben deshalb eines von vielen Beispielen dafür ab, inwiefern ‚selbst gewählte’ Lebens- und Arbeitsweisen, mitsamt deren Vorstellungen von Autonomie und Freiheit, mit politischen und ökonomischen Umstrukturierungen kompatibel sind. Wie ließe sich sonst erklären, dass bei einer Untersuchung über Lebensund Arbeitsverhältnisse kritischer Kulturproduzent_innen auf die Frage nach dem ‚guten Leben’ von diesen keine Antworten zu bekommen waren? 5 Wenn Arbeit und Leben zunehmend voneinander durchdrungen sind, dann heißt das zwar, wie es eine Interviewte ausdrückt: „Die Arbeit sickert in dein Leben.“ Aber offensichtlich sickern nicht genügend Vorstellungen von ‚gutem Leben’ in die Arbeit, wodurch diese dann wiederum zu etwas transformiert werden könnte, was kollektiv ein ‚gutes Leben’ bedeutet. Das Gegen-Verhalten mit der Perspektive auf ein besseres Leben, das immer weniger eine gouvernementale Funktion hat, bleibt aus.
Offenbar kann mithilfe einer widersprüchlichen Subjektivierung zwischen Souveränität und Fragmentierung der Glaube an Prekarisierung als eine liberal gouvernementale Widerspruchsposition aufrechterhalten werden. Dabei werden allerdings fortwährend Macht- und Herrschaftsverhältnisse unsichtbar und Normalisierungsmechanismen als selbstverständliche und autonome Entscheidung des Subjekts naturalisiert. Dazu trägt die totalisierende Rede von der „Ökonomisierung des Lebens“ bei, da Hegemonieeffekte und damit Kämpfe und Widersprüche aus dem Blick geraten. Die eigenen Imaginationen von Autonomie und Freiheit werden nicht in der gouvernementalen Kraftlinie moderner Subjektivierung reflektiert, andere Freiheiten nicht mehr vorgestellt und so die Perspektive auf mögliches Gegenverhalten zur hegemonialen Funktion von Prekarisierung im Kontext neoliberaler Gouvernementalität verstellt.
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…Meine Tage sind von permanenten Operationen der Mikrokrisenbewältigung, der Selbstorganisation und der Selbstmotivation durch Selbstverführung, Selbstüberlistung, einem permanenten Tricksen am Ich strukturiert. Immer wieder nehme ich mir vor, mit Hilfe eines zuverlässigverbindlichen Fahrplans so durch den, von einem wohldurchdachten und von „Personal“ und Angehörigen geführten Haushalt abgesicherten Tag getragen zu werden, wie es die regelmäßigkeitsbesesessenen „großen“ Schriftststeller und Künstler in ihren Autobiografien entwerfen. 7 Uhr Schreibtisch, 9 Uhr Frühstück, 10 Uhr Schreibtisch, 12 Uhr den Hund ausführen, 13 Uhr Mittag, 14 Uhr Korrespondenz, 16 Uhr Schreibtisch, Korrektur des am Vormittag Geschriebenen, 19 Uhr Abendessen, 20 Uhr Hund ausführen. 23 Uhr Bettruhe. Stattdessen: lauter Irregularitäten und Unberechenbarkeiten … |
Was ist der Preis dieser Normalisierung? Was bekommt im Neoliberalismus die Funktion des Anormalen, Devianten? Was ist nicht dermaßen ökonomisch und politisch verwertbar? Statt den Fokus augenblicklich auf das messianische Kommen von Widerständigkeit und neuen Subjektivitäten zu legen, wie es zum Beispiel Deleuze rhetorisch mit der Frage „Finden nicht die Veränderungen des Kapitalismus ein unerwartetes Gegenüber im allmählichen Auftauchen eines neuen Selbst als Brennpunkt des Widerstands?“ formuliert, glaube ich, dass davor noch weiter und genauer an den Genealogien der Prekarisierung als hegemonialer Funktion gearbeitet werden muss, an der Problematisierung der Kontinuitäten bürgerlicher gouvernementaler Subjektivierungsweisen im Kontext von sich auch als dissident verstehenden Vorstellungen von Autonomie und Freiheit. 6
Eine ungekürzte fassung des Textes sowie weiterführende Literaturangaben finden sich unter http://eipcp.net/transversal/1106/lorey/de Weitere Texte von Isabell Lorey unter http://eipcp.net/bio/lorey
Zitate aus dem Projekt „Kamera läuft! Ein kleines postfordistisches Drama“ Vgl. Fußnote 1 Quelle: http://arranca.nadir.org/arranca/article.do?id=303
1
‚Kulturproduzent_innen’ wird hier als paradoxe Bezeichnung verstanden. Sie
verweist auf eine Imagination der bezeichneten Subjekte, nämlich die des
eigenen Produzierens und des Gestaltens des Eigenen. Gleichzeitig aber geht es
darum, dass diese Subjektivierungsweisen Instrumente des Regierens, mithin
funktionale Effekte biopolitisch gouvernementaler Gesellschaften der
abendländischen Moderne sind. Deshalb hat ‚Kulturproduzent_innen’ eine
widersprüchliche, nicht kohärente Bedeutung. Bei ‚Kulturproduzent_innen’ geht
es nicht in erster Linie um Künstler_innen. Ich beziehe mich dabei auch auf die
Definition der Gruppe kpD/ kleines postfordistisches Drama, der ich, zusammen
mit Brigitta Kuster, Katja Reichard und Marion von Osten, angehöre. „Den
Begriff ‚Kulturproduzent_Innen’ setzen wir sehr strategisch ein. Wir sprechen
damit weder von einem bestimmten Sektor (Kulturindustie), noch von einer
erhebbaren sozialen Kategorie (beispielsweise Mitglieder der
Künstlersozialkasse in Deutschland) oder von einem beruflichen Selbstverständnis.
Wir sprechen vielmehr von der Praxis, Unterschiedliches zu durchqueren:
Theorieproduktion, Gestaltung, politische und kulturelle Selbstorganisierung,
Formen der Kollaboration, bezahlte und unbezahlte Jobs, informelle und formelle
Ökonomien, temporäre Zusammenschlüsse, Projekt bezogenes Arbeiten und Leben.“
2
Unter Kraftlinien verstehe ich Formationen von Handlungen oder Praktiken, die
sich über die Jahrzehnte oder Jahrhunderte hinweg in Raum und Zeit
homogenisiert und normalisiert haben und letztlich Hegemonieeffekte sind.
3
Mit diesem Begriff, im Französischen „contre-conduite“, bezeichnet Foucault
Kämpfe gegen solche Regierungsweisen, die er ‚Gouvernementalität’ nennt.
4
Ich gehe davon aus, dass sich Selbstführung nicht erst im Neoliberalismus nach
‚innen’ verlagert und dann ein regulatorisches Prinzip einsetzt. Regulation und
Kontrolle sind keine Techniken, die sich gegen die Disziplin erst im
Neoliberalismus durchsetzen.. Gerade wenn mit Hygiene und Gesundheit den
Peproduktionstechniken eine zentrale biopolitische Produktivität von
(vergeschlechtlichten und rassifizierten) Körpern zugestanden wird, müssen
diese Subjektivierungspraktiken mit dem Beginn der Moderne, spätestens zum Ende
des 18. Jahrhunderts für das Bürgertum angesetzt werden.
5
Wir, die Gruppe kpD (kleines postfordistisches Drama), haben im Rahmen des
Filmprojekts „Kamera Läuft!“ Ende 2003 fünfzehn Berliner Kulturproduzent_innen
(inklusive uns selbst) interviewt, „mit denen wir für eine spezifische Form der
politischen Praxis im kulturellen Feld zusammenarbeiten oder auf deren Praxis
wir Bezug nehmen. (...) Unsere Fragen waren angelehnt an die von ‚Fronte della
Gioventù Lavoratrice und Potere Operaio’ Anfang 1967 in Mirafiori durchgeführte
Umfrageaktion ‚Fiat ist unsere Universität’, die unter anderem nach den
Vorstellungen von ‚gutem Leben’ und nach Organisierung fragt. (...) Im Hinblick
auf eine potentielle Politisierung von Kulturproduzent_innen waren wir jedoch
auch an kollektiven Verweigerungsstrategien interessiert und an den damit
verbundenen Wünschen nach Verbesserung des eigenen Lebens, des Lebens von
anderen, also letztlich nach Gesellschaftsveränderung. Das einzige, was sich
jedoch auf einer allgemeineren Ebene in allen Interviews durchzog, war das
Leiden an einem Mangel von Kontinuität. (...) Auch wir selbst fanden in unserem
Vorstellungshorizont kaum alternative Lebenskonzepte, die den schon bestehenden
Verhältnissen etwas Klares und Eindeutiges entgegenzusetzen hätten.“
6
Brigitta Kuster, Katharina Pühl und Gerald Raunig sei Dank für kritische
Diskussionen.
Isabell Lorey
Gouvernementalität und Selbst-Prekarisierung
Erschienen in: Info-Blatt 73 des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2008
Förderung durch das