Editorial
Schwerpunkt: Angst - Begehren
Liebe Leserinnen und Leser,
Unsere neue Untertitelung ist euch bestimmt aufgefallen. Altes neu verpackt. Wir haben einen neuen Untertitel: Zeitung für internationalistische und emanzipatorische Perspektiven und so.
Ein Infoblatt zum Themenschwerpunkt Angst/Begehren zu machen löst – wie wir beobachten konnten – zwei Arten von Reaktionen aus. Skepsis bei den einen, Neugierde bei den anderen. Tatsächlich war das Thema bisweilen eine Gratwanderung zwischen Theorie und Emotion, in dem aber auch - wie wir finden - der Reiz dieses Themas liegt. Wie kann mit etwas, das uns so unmittelbar betrifft wie unsere Angst und unser Begehren, politische Macht ausgeübt werden?
Der Artikel „Angst/Begehren“ versucht Angst und Begehren als Regierungs- und Selbsttechniken zu lesen. Der Artikel von Isabell Lorey behandelt die Selbstprekarisierung von Kulturproduzent_innen.
In den Interviews mit David Morales und Mitarbeiter_innen von CIEPAC haben wir gefragt, welche konkreten Auswirkungen eine Politik der Angst auf die Gesellschaft in El Salvador bzw. Mexiko hat. Der Artikel „Bonjour tristesse – Leben im Passauer Hinterland“ zeigt, wie in der BRD mit Angst Flüchtlingspolitik gemacht wird. Der Titel des Interviews „Über das Begehren jenseits gesellschaftlicher Normen oder warum uns die Angst unsichtbar macht“ spricht für sich.
Ein großes Gewicht haben in dieser Ausgabe Berichte über Nicaragua. Das ist der erfreulichen Tatsache zu verdanken, dass wieder einmal eine Brigade mit dem Ökumenischen Büro in diesem Land war. Leider sind aber einige Erfahrungen, die sie dort gemacht haben, gar nicht erfreulich. In dem Artikel „Eine Diktatur fällt nicht vom Himmel; Etwas soziale Politik und viel Repression“ geht es um die Ambivalenz der Politik der Regierung Daniel Ortega. Offensichtlich nimmt die Repression zu und es drängt sich der Verdacht auf, dass die sozialen Wohltaten, die es zweifelsohne gibt, für Ortega auch nur ein Mittel auf dem Weg zur Macht sind. Die Gemeindewahlen von Anfang November, über die im Artikal „Nach den Regeln des Pacto: Der FSLN gelingt ein höchst umstrittener Wahlsieg“ berichtet wird, jedenfalls wurden von der FSLN als wichtiger Schritt zur Konsolidierung der Macht angesehen. Kurz nach der Wahl, im Augenblick da dieses Heft erscheint, ist die Lage verworren und voller Spannung. Nichts kann ausgeschlossen werden, auch nicht, dass die FSLN für den Ausbau der Macht zum Mittel der Wahlfälschung gegriffen hat.
Um die Situation von Frauen in Lateinamerika geht es in den beiden Artikeln „If I can‘t abort, it‘s not my revolution“ und „Wir sind nicht da, um ewig für sie die Opfer zu spielen!“. Der erste gibt einen Überblick über Lateinamerikas Gesetze zur Abtreibung. Er zeigt nicht nur, dass die Gesetze dort zu den härtesten der Welt gehören, sondern auch, dass die auf dem Kontinent spürbare Hinwendung zu einer linkeren Politik wenig mit einer Liberalisierung beim Schwangerschaftsabbruch zu tun hat. Der zweite Artikel gibt ein Interview mit salvadorianischen Sexarbeiterinnen von der Organisation OTS wieder.
Schon im letzten Heft hatten wir von den laufenden Verhandlungen zum Assoziierungsabkommen zwischen der EU und Zentralamerika berichtet. In dem Artikel „Copy and paste? Die Außenhandelspolitik der EU in Zentralamerika“ werden diese Verhandlungen als Teil der aktuellen EUStrategie betrachtet. Global Europe Strategie nennt die EU selbst diese Strategie mit der sie ihr Ziel erreichen will „die Union zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt zu machen“.
Das Redaktionskollektiv
Das Redaktionskollektiv
"Editorial"
Erschienen in: Info-Blatt 73 des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2008
Förderung durch das