Bonjour tristesse – Leben im Passauer Hinterland

Ein Bericht aus den Flüchtlingsheimen Hauzenberg und Breitenberg

 (Martina Mauer/Stefan Klingbeil) „Berge, Hügel, Abhänge, Täler, Wälder, Wiesen, Felder, unzählige Häuser, Ortschaften; man kann Jahre lang hier weilen und ersättigt sich nicht an den Mannigfaltigkeiten der Gestaltungen“, schwärmte der Schriftsteller Adalbert Stifter vor 150 Jahren vom Unteren Bayerischen Wald. 1 Das Passauer Hinterland im Dreiländereck hat auch heute noch seinen Reiz – kommt man als ErholungsurlauberIn und sucht Ruhe und frische Landluft. Für einen asylsuchenden jungen Mann aus der nigerianischen Millionenstadt Abuja oder eine politisch verfolgte Muslimin aus Grosny ist die tiefkatholische abgelegene Gegend allerdings ein befremdlicher und reizloser Ort. Die allgegenwärtigen Wahlplakate der NPD sind da auch kein Trost. Trotzdem müssen die Flüchtlinge hier wohnen. Gemäß §7 der Verordnung zur Durchführung des Asylverfahrensgesetzes wurden sie dem Landkreis Passau zugewiesen. Dieser Landkreis wiederum verteilte die Flüchtlinge in die Lager der Kleinstadt Hauzenberg und der 2000-Seelen Gemeinde Breitenberg. Die Residenzpflicht untersagt ihnen, den Landkreis zu verlassen, verfügen sie nicht über eine spezielle Erlaubnis.

Gefangene der Idylle

„Wir leben wie in einem Gefängnis“, sagt S. aus Nigeria, der vor sechs Monaten nach Breitenberg geschickt wurde. „Bevor ich hier her kam, wusste ich nicht, dass es so einen Ort gibt.“ In der Tat ist man ohne Auto in dieser Gegend wie eingesperrt. Es fahren zwar Busse in die kreisfreie Stadt Passau, allerdings nur sporadisch. Sonntags nur einmal. Die Busfahrkarten können sich Flüchtlinge kaum leisten. Die einstündige Busfahrt nach Passau und zurück kostet 8,50 Euro. Das ist nahezu ein Viertel des monatlichen Taschengeldes. Dennoch sind viele gezwungen zur Verlängerung ihrer Aufenthaltspapiere nach Passau zu fahren. Die Fahrtkosten werden nicht erstattet. Der Antrag auf Erlaubnis zum Verlassen des Landkreises kostet 10,- Euro, rechnet man die Fahrtkosten zur Beschaffung des Antrags mit hinein, zahlen Flüchtlinge für die Option auf ein bisschen Freiraum 18,50 Euro. Anders als in größeren Städten haben Flüchtlinge hier keine Möglichkeit, außerhalb des Lagers Kontakt zu Flüchtlingen gleicher Herkunft aufzubauen, in Afrika- oder Asienläden einzukaufen oder ehrenamtliche Hilfsangebote wahrzunehmen. Selbst der kostenlose Deutschkurs der evangelischen Studentengemeinde in Passau bleibt für viele unerreichbar. Die Flüchtlinge sind isoliert.

Rassisten sind im Passauer Umland kein seltenes Gewächs

Neben der geografischen Isolation sind die Flüchtlinge von sozialer Ausgrenzung betroffen. Obwohl einige schon seit Jahren in den Unterkünften wohnen, haben sie keinen Kontakt zu einheimischen BürgerInnen. „Wir würden gerne, aber die wollen nicht.“, berichtet ein Afghane aus Hauzenberg. Vor allem schwarze Heimbewohner bekommen die Ablehnung der BürgerInnen zu spüren. Rassismus ist auf jeder gesellschaftlichen Ebene präsent. Gemeindemitglieder wechseln die Kirchenbank, wenn sich ein afrikanischer Flüchtling neben sie setzt, PassantenInnen die Straßenseite, kommt ihnen ein Flüchtling entgegen. Besonders perfide ist das Verhalten der BusfahrerInnen. Diese brechen mitunter die Fahrt schon vor der Endhaltestelle in Breitenberg ab, befinden sich unter den Fahrgästen nur noch Flüchtlinge. Diesen bleibt dann nichts anderes übrig, als den kilometerlangen Weg ins Lager zu laufen. Beschweren sich Flüchtlinge über diese rassistischen Verhältnisse, ist guter Rat teuer. Umsonst ist: „Geh heim nach Afrika, du schwarze Kuh.“

Die Methoden der Lagerleitung

Manchen gelingt es, der Depression im Lager länger fern zu bleiben. Diese Flüchtlinge wohnen dann bei Freunden oder Verwandten in Passau oder München und kommen nur zur monatlichen Taschengeldausgabe und zum Abholen der Post zurück. Das Zeitfenster von 15 Minuten, das für beide Dienste von der Lagerleitung (bzw. dem Sozialamt) offengehalten wird, ist eine weitere Schikane, um Flüchtlingen ein Entkommen aus der Isolation so schwer wie möglich zu machen. Die Leiterin des Lagers, Frau W., empfindet es als überaus „unverschämt“, wenn Flüchtlinge das Lager für längere Zeit verlassen. Frau W. droht Flüchtlingen damit, eine Herabsetzung der Duldungsdauer beim Ausländeramt zu erwirken, falls sie sich nicht ihren Vorstellungen gemäß verhielten. Die Vergangenheit hat gezeigt, die „Chefin“ (so lässt sich die Lagerleiterin nennen), belässt es nicht bei Drohungen. Lassen sich Flüchtlinge längere Zeit nicht blicken, werden sie gezwungen, alle drei Tage zur Verlängerung der Duldung nach Passau zu fahren. Gerne geht die Lagerleitung auch die Zimmer ab und weckt schlafende Bewohner, denn es gehört sich nicht, tagsüber zu schlafen.

Die stark beschränkte Bewegungsfreiheit, die soziale Isolation und die mangelnde Beschäftigung führt zu einer enormen psychischen Anspannung unter den Flüchtlingen. Viele leiden an Depressionen und Angstzuständen und sind auf Medikamente angewiesen. Das Gefühl, hoffnungslos ausgeliefert zu sein, ist omnipräsent. Es scheint absurd, dass Flüchtlinge, die oftmals unter traumatisierenden Erinnerungen leiden, hier leben sollen. Doch so absurd ist es nicht. Diese Verhältnisse sind Folge des proklamierten Ziels der bayerischen Staatsregierung, die Rückkehrbereitschaft der Flüchtlinge durch Zermürbung zu erzwingen. Hauzenberg und Breitenberg sind dafür wie geschaffen.

Mannigfaltig bist du!

Ein Blick hinter die Kulissen der Idylle von Hauzenberg und Breitenberg ist ernüchternd. Die herausragendste Mannigfaltigkeit, um im Bilde Stifters zu bleiben, sind die diversen Rassismen: die amtliche Zuweisung, die Residenzpflicht, die Taschengeldregelung, die Fresspakete und die Duldungszeiträume. Nahezu grenzenlos ist der Einfallsreichtum im Passauer Hinterland, wenn es darum geht, rassistische

Ausgrenzung in die Tat umzusetzen. Die Flüchtlinge sind den Repressalien von SchreibtischtäterInnen, Lagerleitung und BürgernInnen ausgesetzt. Mannigfaltig, wahrlich mannigfaltig bist du, ach deutsche Seele in deinen Bergen, Hügeln, Abhängen, Tälern, Wäldern, Wiesen, und Feldern!


1
Siehe http://www.breitenberg.de

Hauzenberg

Foto: Matthias Weinzierl

 

 

(Martina Mauer/Stefan Klingbeil)
Bonjour tristesse – Leben im Passauer Hinterland
Erschienen in: Info-Blatt 73  des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2008

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