Warum die Migration ein Teufelskreis ist
Von Grenzsituationen zentralamerikanischer MigrantInnen in Mexiko
(ta, ah) Jährlich brechen mehrere Tausend Menschen aus Zentralamerika in Richtung Norden auf, um den prekären Situationen in ihren Herkunftsländern zu entfliehen und für sich den „amerikanischen Traum“ wahr zu machen. Doch für zentralamerikanische MigrantInnen auf dem Weg in die USA wird es zunehmend schwieriger, überhaupt die mexikanische Nordgrenze zu erreichen. In Kooperation mit den USA rüstet der mexikanische Staat seine Grenze zu Guatemala auf. Diese südliche Grenze Mexikos ist mittlerweile zum gefährlichsten Abschnitt auf der Reise der zentralamerikanischen MigrantInnen geworden. Die undokumentierte Migration wird damit zwar nicht verhindert, aber für die MigrantInnen gefährlicher und teurer. Doch haben es die Migrant- Innen erst einmal geschafft, die Grenzen zu überwinden, dann tragen sie durch die Geldüberweisungen an ihre zurückgebliebenen Familien zum Funktionieren der Herkunftsökonomien bei, und damit zum Erhalt eben der Wirtschaftsmodelle, die sie in die Migration gedrängt haben.
Migration aus Zentralamerika
Die Migration in und aus Zentralamerika ist nichts Neues. Zunächst aber wanderten die Menschen vom Land in die Stadt beziehungsweise in die Nachbarländer. Während der militärischen Konflikte in El Salvador und Guatemala und der repressiven und autoritären Militärregierungen in Honduras in den 1980er Jahren nahm die Emigration jedoch sprunghaft zu. Obwohl die bewaffneten Auseinandersetzungen im Laufe der 1990er Jahre beendet wurden (freilich ohne die Ursachen gelöst zu haben) und trotz der Rückkehr einiger, die zuvor geflüchtet waren, begann die Zahl derer, die ihre Länder verließen, noch mehr anzusteigen. Ein wesentlicher Grund hierfür war und bleibt bis heute die ökonomische Entwicklung der zentralamerikanischen Länder.
Seit Anfang der 1990er Jahre setzte sich die wirtschaftliche Liberalisierung und Integration in den Weltmarkt als vermeintliches Erfolgsrezept für ökonomischen Aufschwung durch. Doch mit der neoliberalen Umstrukturierung der Ökonomien verschärfte sich die traditionelle Polarisierung der zentralamerikanischen Gesellschaften. Arbeitslosigkeit und soziale Marginalisierung nehmen seitdem ungehindert zu. Viele Menschen sehen in ihren Herkunftsländern daher keine Perspektiven für sich und setzen ihre Hoffnungen in die Migration.
Die zunehmende Migration hat zur Herausbildung einer breiten Palette von Schlepperdiensten geführt. Je nach dem, wie viel die MigrantInnen zu zahlen bereit sind, wird ihnen streckenweise Wegbegleitung bis hin zu einem professionellen, koordinierten Dienst angeboten, die den Kauf von PolizistInnen und der Migrationsbehörde beinhalten. Die Migration mit organisierten Strukturen verkleinert viele Risiken und macht sie für die Betroffenen sicherer. Dafür ist allerdings ein hoher Preis zu zahlen. Die Kosten für diese Dienste beispielsweise von El Salvador in die USA liegen zwischen 6000 und 8000 US-Dollar.
Spießrutenlauf durch Mexiko
Während ein Teil der MigrantInnen ganz legal im Zuge der Familienzusammenführung in die USA einreist, schaffen es andere, ein Touristenvisum zu bekommen und bleiben nach dessen Ablauf im Land. Diejenigen, die ohne Papiere, also als „mojados” (Durchnässte; weil sie Grenzflüsse durchwaten müssen) auswandern, haben es ungleich schwerer. Die zentralamerikanischen MigrantInnen können bis zur guatemaltekisch-mexikanischen Grenze weitgehend problemlos mit dem CA-4-Visum reisen, das für die vier zentralamerikanischen Länder El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua gilt. Da es aber für ZentralamerikanerInnen sehr schwer ist, ein mexikanisches Visum zu bekommen, werden viele, sobald sie die guatemaltekisch-mexikanische Grenze übertreten, illegalisiert. Von nun an beginnt ein gefährlicher „Spießrutenlauf“ für diejenigen, die das Wagnis auf sich nehmen. Auf den Weg dürfen sie nur das Nötigste mitnehmen, um möglichst nicht aufzufallen bzw. um nicht als MigrantIn erkannt zu werden. Oft haben sie nur eine kleine Tasche, eine Flasche Wasser dabei.
Kontrollposten und so genannte Abschiebestationen gibt es in ganz Mexiko, im Süden aber sind sie am zahlreichsten. Der Isthmus von Tehuantepec, der schmalste Landstrich in Mexiko zwischen zwei Ozeanen, bildet einen Engpass, der als Filter für die Migrationsbehörde zur Jagd auf die Durchreisenden dient. Da die Wege, die von den meisten MigrantInnen auf ihrem Weg in Richtung Norden benutzt werden, aber zunehmend kontrolliert werden, weichen die MigrantInnen auf einsamere Strecken durch spärlich besiedelte Gebiete aus. Dadurch werden sie noch leichter zu Opfern von Übergriffen von Polizei, Militär, Banden und Dieben und den extremen klimatischen Bedingungen.
Die meisten Übergriffe auf MigrantInnen geschehen durch die korrupten staatlichen Behörden, die die MigrantInnen als Einnahmequelle, quasi als wandelnde Geldbörsen, sehen. Mexikanische Migrationspolizei, Polizei, Armee, sie alle versuchen sich an der prekären und weitgehend rechtlosen Situation der MigrantInnen zu bereichern. Zu einem kleineren Anteil gehen die Übergriffe auf die Durchreisenden auf das Konto von gewalttätigen Jugendbanden, den so genannten Maras, und allgemeiner Kriminalität. Nur der kleinste Teil der Übergriffe auf die MigrantInnen geschieht durch SchlepperInnen.
Die südliche Grenzregion Mexikos gilt als das gefährlichste Stück der Reise aus Zentralamerika in den Norden und als noch gefährlicher als der eigentliche Grenzübertritt in die USA. In Kooperation mit den USA rüstete der mexikanische Staat insbesondere seit 2001 mit dem Plan Sur seine Südgrenze auf und machte diese so zur geopolitischen Grenze der USA mit dem Ziel, die MigrantInnen in Richtung Norden so früh wie möglich festzunehmen und abzuschieben. Das betrifft jährlich über 200.000 Menschen. Im eigenen wirtschaftspolitischen Interesse lässt Mexiko so wenig Durchreisende wie möglich durch, um die politischen Beziehungen zu den USA und die eigene, mexikanische Migration in die USA nicht zu gefährden.
Um die Kontrollen auf mexikanischem Staatsgebiet zu umgehen, brauchen MigrantInnen aus Zentralamerika meist mehrere Versuche, bis sie es schaffen, die Nordgrenze Mexikos zu erreichen. Einige Quellen sprechen sogar von acht bis neun Versuchen.
Die Güterzüge sind die schnellste, billigste, aber auch gefährlichste Möglichkeit, um das große Transitland Mexiko zu durchqueren. Zweibis dreimal pro Woche fahren Güterzüge, in denen Treibstoff und Düngemittel transportiert werden, von Chiapas und Tabasco aus über Veracruz und Mexiko Stadt in Richtung texanische Grenze. Zu Hunderten warten die MigrantInnen an den Gleisen, um auf die anfahrenden Züge aufzuspringen.
Diese Güterzüge werden von den MigrantInnen „tren de la muerte“ (Todeszug) oder „la bestia“ (die Bestie) genannt. Fast jede Woche kommt es zu Unfällen, bei denen die mitfahrenden Menschen unter den Zug fallen und ihre Gliedmaßen von den Stahlrädern des Zuges abgetrennt werden. Nicht wenige sterben dabei. Aber nicht nur die Reise auf dem Zug an und für sich ist gefährlich: Die mexikanische Migrationsbehörde INM führt Razzien durch, bei denen die Züge auf offener Strecke abrupt gestoppt werden. Viele verlieren dabei den Halt und kommen unter die Räder. Todesfälle werden von den staatlichen Einheiten damit fahrlässig in Kauf genommen. Berüchtigt sind die Züge auch wegen der extrem brutalen Überfälle der Jugendbanden auf MigrantInnen. MigrantInnen, die ihnen nicht das geforderte Wegegeld zahlen (können), werden mit der Machete zerhackt oder willkürlich in die Räder des Güterzuges gestoßen. Oft werden Frauen und auch junge Männer vergewaltigt.
Wer die finanziellen Möglichkeiten hat, versucht diese Risiken zu vermeiden und stattdessen in kleineren Transportern, Leihwagen oder versteckt in Lastern den schwierigsten und gefährlichsten Teil der Reise bis Mexiko Stadt hinter sich zu bringen.
Kommen die MigrantInnen im Norden Mexikos an, treffen sie auf eine extrem militarisierte Grenze, die mit Hightech überwacht wird. Sie müssen Zäune, Mauern, Infrarotkameras, satellitengestützte Sensoren und Helikopter sowie zahlreiche Patrouillen überwinden. Zu den regulären Patrouillen der American Border Patrol an der Grenze zwischen Mexiko und den USA kommen Patrouillen von US-amerikanischen Freiwilligen hinzu, die für paramilitärische Organisationen (hier weiß niemand, wer die Minutemen waren) arbeiten und im Grenzgebiet Jagd auf MigrantInnen machen.
Natürlich gibt es kaum gesicherte Daten über die illegalisierte Migration. Regierungsunabhängige Organisationen sowie zentralamerikanische Regierungen sprechen aber von 450 Menschen, die jährlich ihr Leben bei dem Versuch verlieren, Mexiko ohne Dokumente zu durchqueren. Mehr als 100 werden in Folge von Zugunfällen und Polizeiübergriffen zu InvalidInnen.
Juristische Unterstützung hatten die zentralamerikanischen MigrantInnen von den mexikanischen Behörden bislang nicht zu erwarten, waren es doch eben diese, welche die meisten Übergriffe auf MigrantInnen verübten. Durch langsame und ineffektive Ermittlungen sicherten die staatlichen Einrichtungen den TäterInnen quasi Straflosigkeit zu. Doch es scheint sich eine Wende in der mexikanischen Migrationspolitik anzudeuten. Ende April 2008 wurden die Migrationsgesetze, die bislang alle kriminalisierten, die sich ohne Aufenthaltspapiere auf mexikanischem Territorium befanden, geändert. Demnach begehen heute diejenigen, die sich ohne Aufenthaltsgenehmigung in Mexiko aufhalten, eine Ordnungswidrigkeit, aber keine Straftat mehr. Dadurch verspricht sich Mexiko eine Entkriminalisierung der MigrantInnen und hofft offenbar auch, dass mehr Übergriffe zur Anzeige gebracht werden. Aber erst in den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob die längst überfällige Gesetzesänderung eine Verbesserung der Lage der MigrantInnen zur Folge hat.
Der Teufelskreis der Migration
Zwei Drittel der MigrantInnen, die es schließlich in den Norden geschafft haben, schicken Geldüberweisungen, remesas genannt, in ihre Herkunftsländer. El Salvador, Guatemala und Mexiko zählen zu den wichtigsten Empfängerländern dieser remesas in Lateinamerika. Mittlerweile sind diese Überweisungen und damit die Migration unabdingbar für die zentralamerikanischen Ökonomien geworden – sowohl für die Familienökonomien als auch auf makroökonomischer Ebene. Zum Beispiel El Salvador: Ein Viertel bis ein Fünftel der Haushalte in El Salvador erhalten remesas und verwenden dieses Geld für den alltäglichen Konsum. Und waren früher traditionelle Exportprodukte wie Kaffee und Zuckerrohr die Haupteinnahmequelle für Devisen, so sind es heute die remesas, die 70 Prozent der Deviseneinnahmen des Landes ausmachen und damit die salvadorianische Ökonomie aufrecht erhalten.
Wie in ganz Zentralamerika, hat das neoliberale Wirtschaftsmodell in El Salvador in den letzten zwei Jahrzehnten zu immer mehr sozialem Ausschluss und immer größerer Armut geführt und mehr als ein Drittel der Bevölkerung in die Migration gedrängt. Dieses Modell, von dem eine kleine wirtschaftliche und politische Gruppe profitiert, ist ein Teufelskreis: Es führt zu Marginalisierung, diese schafft Migration und Migration erzeugt remesas, die die Wirtschaft aufrecht erhält, was wiederum immer mehr Menschen marginalisiert. So sorgen die Ausgeschlossenen schließlich selbst für die Weiterexistenz dieses Modells. Migration ist also nicht nur eine Folge einer verfehlten Wirtschaftspolitik, sondern auch ihr elementarer Bestandteil.
Als Nebeneffekt tauchen Ausgewanderte nicht mehr in den Statistiken als Arbeitslose, Arme oder Unterernährte auf, sondern sorgen im Gegenteil dafür, dass Hundertausende in El Salvador zumindest zeitweise der Armut entfliehen und ihre Ernährung, Bildung und Gesundheit gesichert ist. Für die sozialen Strukturen auf dem Land wie in den Städten ist die Migration aber eine Katastrophe: da oft tragende Mitglieder der Basisorganisationen weggehen, werden diese durch die Migration geschwächt. Für die Regierungen ist das allerdings von Vorteil, da eine Gemeinde, wenn sie nicht organisiert ist, ihr Recht auf Bildung, Gesundheit, Wasser, Umweltschutz etc. nicht einfordern kann. Sind erst einmal alle sozialen Netze zerstört, kann der Staat mit meist paternalistischen Programmen seine Regierungspolitik durchsetzen und entledigt sich damit seiner Verantwortung für eine nachhaltige Wirtschaftspolitik und ein funktionierendes Sozialsystem.
Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag der Autorinnen, Teresa Avila und Angelika Haas, gehalten am 13. April 2008 an der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie in Hamburg.
Zahlen und Fakten sind v. a. folgenden Publikationen entnommen:
- FESPAD (2007): Políticas Públicas, Migraciones, exclusión y DESC
- FESPAD (2006): Políticas Públicas, Exclusión social y remesas familiares
- Zeiske, Kathrin (2005): Die Südgrenze als geopolitische Grenze der USA. Die
Regionalisierung der Migrationskontrolle und ihre Auswirkungen auf die
Situation von MigrantInnen. Universität
Bonn
- Miguel Pickard (2005): Entre fuegos cruzados: Los migrantes mesoamericanos en
su travesía hacia el norte, online
- Francisco de Alba (2001): Papeles de Población, Hacia una evaluación de las
negociaciones migratorias de 2001, Colegio de México
Förderung durch das