Almas de Arena, Über das Theater, das wir machen
Telon de Arena ist eine Theatergruppe aus Ciudad Juárez, Mexiko und trat mit den Stücken „Antigone“ und „Almas de Arena“ (Seelen aus Sand) in München auf. Nach dem letzten Auftritt baten wir die Gruppe um eine Darstellung ihrer Arbeit. Der Text wurde von Guadalupe de la Mora verfasst, die Übersetzung des spanischen Originals besorgte Eberhard Albrecht.
Telón de Arena (Vorhang aus Sand) ist ein Bühnenkunstprojekt, das unter diesem Namen 2002 an der Nordgrenze Mexikos entstanden ist, genau gesagt in Ciudad Juárez, in der Provinz Chihuahua.
Zuallererst würden wir es als die gemeinsame Arbeit einer Gruppe von Personen mit fünfzehn bis zwanzig Jahren Berufserfahrung definieren, die sich zusammen gefunden haben, um Theater in einer Stadt und in einem Land zu machen, wo dies fast unmöglich ist und vielleicht gerade deswegen nötiger als alles andere.
„Theater mit Qualität machen”, „auf die beste Art und mit dem Herzen”, haben wir uns damals vorgenommen, als es darum ging, unser „Anliegen“ zu erklären, als wir unser Projekt anderen zur finanziellen Unterstützung angeboten haben: „Telón de Arena ist ein gemeinnütziger Verein, dessen Anliegen es ist, qualitätsvolle Bühnenschauspiele zu fördern und aufzuführen. Dies geschieht durch Fortbildung, durch Beschaffung ausreichender Mittel, Schaffung der geeigneten technischen Voraussetzungen, durch Suchen von verschiedenen Spielräumen, Bindung an und Engagement in der Heimatgemeinde bei gleichzeitiger Schaffung eines Raumes für das Leben miteinander, Erholung und ästhetischen Genuss, wodurch die Werte des sozialen Zusammenlebens neu gegründet und der Aufbau einer sicheren und harmonischen Stadt positiv beeinflusst werden, damit sie in Zukunft zu einer Stadt werde, die kulturelle Beachtung auf internationaler Ebene erfährt.“ Was für eine Aufgabe. Die juristische Gründung geschah in der Folge einer öffentlichen, landesweiten Ausschreibung mit dem Motto „Theater für Theatergemeinden“. Sie ging vom Nationalen Rat für Kultur und Kunst aus und erlaubte die Wiederbelebung der Bühnenstruktur der mexikanischen Sozialversicherung (neun Theater in der Provinz und 16 im Bundesbezirk Mexiko-Stadt). Die Bühnen waren in vielen Fällen kaum genutzt oder sogar verfallen.
Diese Ausschreibung beinhaltete das Recht zur Nutzung eines Theaters in Ciudad Juárez, die erstmals im Jahr 1996 in der juristischen Form der leihweisen Überlassung bewilligt wurde. Träger war ein Verein, in dem auch die meisten von uns von Telón de Arena seit seiner Gründung mitarbeiten.
Diese Geschichte der leihweisen Überlassung ist Teil des nationalen Kulturgeschehens der letzten Jahre und erklärt zum Teil den Kurs von Telón de Arena als der Organisation, die dieses Theater von 2002 bis 2009 bespielen darf.
Die Bemühungen, die wir unternehmen, vollbringen unter unterschiedlichen Bedingungen auch etwa zehn andere Gruppen in verschiedenen Städten. In der Mehrzahl stellen sie sich dabei der Entwicklung langfristiger Kulturprojekte entgegen, unter anderem deshalb, weil sich gezeigt hat, dass die Instrumente zur Entwicklung dieses Programms von Anfang an in offenem Widerspruch zu ihren Zielen standen, nämlich „die Kontinuität von mittel- und langfristigen Projekten der Bühnenkunst anzuregen, die von der Gemeinde der Künstler_innen des Landes, die eine eigene Sprache atmen, geschaffen wurden für ein treues Publikum und eine Theaterlandschaft mit einem eindeutigen künstlerischen Profil“, um so „die künstlerische und administrative Autonomie der Projekte“ zu unterstützen.
Anfangs beabsichtigte Telón de Arena, die Arbeit der vorhergehenden Gruppe fortzusetzen, indem ohne Unterbrechung weiterhin ein aktives Programm von qualitätsvollen Stükken angeboten wurde, das Ganze aber unter Verwendung neuer Organisations- und Verwaltungsstrukturen und vor allem zusätzlicher finanzieller Mittel. Doch schon nach kurzer Zeit sahen wir uns angesichts der beschriebenen Verhältnisse genötigt, Diskussionen und liegen gebliebene Aufgaben um die Themen Professionalisierung der Bühnenarbeit, Technik und Verwaltung wieder aufzunehmen. Auch die Bedingungen des Theaters, die Heranbildung eines Publikums und die Notwendigkeit, die gemachten Erfahrungen einzuordnen und zu bewerten, mussten bedacht werden. Wir mussten darüber nachdenken, was unsere Aufgabe war.
Wir mussten begreifen, dass diese Aspekte Teil des Projektes waren. Eines Projektes, das nicht unmittelbar mit der Erfüllung des anfänglichen Traums „Theater machen“ enden konnte, das sich nicht auf die Ausschreibung beschränken konnte.
Andererseits haben die Bedingungen der Stadt und unser Bestreben, uns mit unserer Gemeinde zu verbinden, dazu geführt, die Behandlung klar bestimmter sozialer Themen vorzuschlagen. Themen, von denen wir glauben, dass das Theater dazu nicht Wahrheiten beitragen soll, sondern einfach Überlegungen. Themen wie Rauschgifthandel, Migration, Frauenmorde, religiöser Fanatismus, Armut, die Doppelmoral einer korrupten Gesellschaft, Kinder …
Telón de Arena betreibt das Projekt Theater der Nation (Teatro de la Nación) mit Mitteln des nationalen Fonds der Kultur und der Künste (Fondo Nacional para la Cultura y las Artes) und weiterer Unterstützung durch die Autonome Universität von Ciudad Juárez und mit Mitteln von Seiten des Staates und der Gemeinde.
Das Projekt hat auch aus dem Wettbewerb Programm des nationalen Theaters für Schulen (Programa Nacional de Teatro Escolar) Mittel erhalten, welches unter der Schirmherrschaft des Nationalen Instituts der Schönen Künste (Instituto Nacional de Bellas Artes) steht, ebenso aus dem Programm Unterstützung für die Gemeinde- und Gemeinschaftskultur (Programa de Apoyo a las Culturas Municipales y Comunitarias), vom Kulturinstitut der Provinz Chihuahua, aus dem Programm zur Entwicklung der Gemeindekultur (Programa de Desarrollo Cultural Municipal) und neuerdings auch von der Stiftung des Unternehmerverbandes von Chihuahua (Fundación del Empresario Chihuahuense).
Dieser letzte Unterstützungsbeitrag ist einer der bedeutendsten für Telón de Arena und hat uns erlaubt, ein größeres Projekt in Angriff zu nehmen, das wir „Theater in deiner Stadt“ genannt haben. Außer der Einrichtung von Workshops für Jugendliche und ältere Erwachsene haben wir vorgeschlagen, an der Herausbildung eines Publikums für das Theater zu arbeiten, indem wir unsere schöpferische Arbeit zu marginalisierten Gruppen bringen, die keinen Zugang zu diesen Aktivitäten haben, indem wir sie bei den Fahrtkosten unterstützen und sie unsere Vorstellungen kostenlos besuchen können. Wir machen auch Theateraufführungen an wechselnden Orten in der Nähe ihrer Gemeinden und Versammlungsorte. Das gemeinsame Ziel ist es, das Theater näher zu seinem Publikum zu bringen und die Zuschauer und Beteiligten in eine lehrreiche und schöpferische Erfahrung einzubinden, die sich gleichzeitig in einen Prozess des Lernens, der Unterhaltung und der Reflexion verwandelt. Meiner Ansicht nach hat Telón de Arena sechs Jahre nach seiner Gründung sein kulturelles Projekt als soziale Verpflichtung angenommen, in klarem Bewusstsein dessen, was noch zu tun ist.

(ea)
Almas de Arena, Über das Theater, das wir machen
Erschienen in: Info-Blatt 72 des Ökumenischen Büros
München
Juni 2008
Förderung durch das