Katastrophen fallen nicht vom Himmel

Der Hurrikan Felix und die folgenden anhaltenden Unwetter sind eine Nagelprobe für die Ortega-Regierung in Nicaragua. Wer aber ist für die Schadensbeseitigung verantwortlich?

(as) „Seine Heiligkeit hat tief betrübt die traurige Nachricht über die vielen Opfer und die materiellen Schäden erhalten, die der Hurrikan verursacht hat“, erklärte Kardinal Tarcisio Bertone vom Sekretariat des Heiligen Stuhls in Rom 1 .

Dieses recht gelassene Aussprechen des Mitgefühls ist nicht ungewöhnlich für eine Reaktion aus dem reichen und sicheren Norden. Zumindest, solange nicht geklärt ist, worin die Ursache für die rasante Zunahme der Hurrikane in Zahl und Intensität seit den 1970er Jahren besteht.

Treibhausgase – Erd- und Wassererwärmung – Hurrikane

Die Frage, inwieweit die globale Erderwärmung hierfür verantwortlich ist, wird derzeit zum Gegenstand handfester Interessen in internationalen Verhandlungen zum Klimaschutz. Anerkannte Tatsache ist, dass hohe Oberflächentemperaturen in den tropischen Meeren Voraussetzung für die Entstehung von Hurrikanen sind. Nachweisbar ist weiterhin, dass diese Temperaturen analog zur globalen Erderwärmung ansteigen.

Die Vermutung liegt nahe, dass der Zusammenhang Treibhausgase – Erderwärmung – Wassererwärmung – Zunahme von Hurrikanen trotzdem immer noch kontrovers diskutiert wird, weil die Anerkenntnis dieses Zusammenhangs schwerwiegende politische Folgen haben könnte: Mit welchem Recht könnte man den hurrikangebeutelten Ländern Mittelamerikas und der Karibik zum Beispiel den Anspruch auf Entschädigungszahlungen verweigern?

In den Jahren seit 1998 ist es zu über zehn schweren Hurrikan-Katastrophen in der Karibik, Mexiko und Mittelamerika und dem Süden der USA gekommen, die meisten davon in den Jahren 2004, 2005 und 2007.

Das von Armut und politischen Krisen geschüttelte Nicaragua hatte die bisher schwerste Hurrikan-Saison 2005 einigermaßen glimpflich überstanden. Dieses Jahr ist es stark betroffen:

Am Morgen des 4. September traf der Hurrikan Felix auf die nördliche Atlantikküste Nicaraguas. Er wurde mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 km/h in die höchste Kategorie 5 eingestuft (nicht zu verwechseln mit der hierzulande üblichen Messung in Windstärken). Starke Zerstörungen gab es ebenfalls in Honduras, wohin der Hurrikan später abzog.

In der Hafenstadt Bilwi (Puerto Cabezas) wurden 90 Prozent der Gebäude zerstört, selbst der Kontrollturm des Flughafens stürzte ein. Schlimmer noch traf es die landeinwärts gelegenen, größtenteils von Indigenas bewohnten Gemeinden. Viele waren über längere Zeit von der Außenwelt abgeschnitten, sodass das gesamte Ausmaß der Schäden erst nach und nach deutlich wurde:

Laut offiziellen Statistiken sind ca. 200.000 Menschen betroffen. Bisher wurden 102 Tote und weitere 133 Vermisste gemeldet. Der größte Teil der Infrastruktur in den betroffenen Städten und Gemeinden wie Straßen, Stromnetz, Telefonkabel, Funktürme, Hafenanlagen wurde ganz oder teilweise zerstört. Außerdem wurden 90 bis 100 Prozent der erwarteten Ernten in den betroffenen Gebieten zerstört und das Trinkwasser in den Brunnen kontaminiert. Ebenfalls schwer beschädigt sind die Fischerei-Ausrüstungen der KüstenbewohnerInnen. Laut Umweltministerin Juana Argeñal ist das Bosawas-Biosphärenreservat, das 1997 von der UNESCO zum Schutzgebiet der Menschheit erklärt worden war, vom Hurrikan Felix verwüstet worden. Bosawas, das 10 Prozent der Biodiversität der Welt enthält, wird als das wichtigste Naturschutzgebiet in Mittelamerika betrachtet.

Der staatlichen Katastrophenschutzbehörde SINAPRED zufolge werden 30 Millionen US-Dollar Soforthilfe benötigt, um den unmittelbaren Bedarf für die Wiederherstellung der grundlegenden Infrastruktur für die Betroffenen zu decken. Nahrungsmittelhilfe werde mindestens für die nächsten fünf Monate notwendig sein.

Nicaraguanische und internationale Hilfeleistungen

Innerhalb Nicaraguas gab es große Spendenkampagnen und viele Freiwillige beteiligten sich an den Aufräumarbeiten. SINAPRED und das nicaraguanische Militär leisteten Nothilfe, ebenso Teams kubanischer Ärzte. Etliche internationale Organisationen beteiligten sich mit Spenden und Hilfsleistungen, ebenso die Regierungen von Honduras, El Salvador, den USA, Venezuela, Kanada, der Europäischen Union, Kolumbien und Panama. In Deutschland gab es unter anderem Spendenaufrufe von medico international und verschiedenen kirchlichen Organisationen.

Die Regierung Ortega legte zwei Wochen nach dem Hurrikan einen Plan zur Wiederherstellung der Region vor. Verglichen mit dem Verhalten seines Vorgängers Arnoldo Alemán beim Hurrikan Mitch stellten die KommentatorInnen der unabhängigen Medien Nicaraguas der jetzigen Regierung gute Kritiken aus. Es fehlte jedoch an einer funktionierenden Katastrophenprävention, wie sie z.B. 1989 bestanden hatte, als im Südosten des Landes bereits vor dem Eintreffen des Hurrikan „Juana“ der sandinistische Zivilschutz die Bevölkerung evakuierte.

Angehörige der Opfer des Hurrikans beklagten vor der Ständigen Menschenrechtskommission (CPDH), dass viele Tote hätten verhindert werden können, wenn ein funktionierender Katastrophenplan bestanden hätte. So seien Fischer ungewarnt ausgefahren, obwohl das Eintreffen des Hurrikans bereits bekannt war.

Regenfälle: Die schleichende Katastrophe danach

Nach dem Hurrikan kam es in vielen Gegenden Nicaraguas wochenlang zu sintflutartigen Regenfällen. Ursache waren der Hurrikan selbst und zwei weitere tropische Tiefdruckgebiete. Die Niederschlagswerte lagen über denen, die im Jahr 1998 beim Hurrikan Mitch gemessen wurden. Landesweit sind ca. 40.000 Familien betroffen, es kam zu Erdrutschen, Überschwemmungen, Ernteverlusten und Zerstörungen wichtiger Verkehrswege. Am schlimmsten betroffen sind die Regionen Chinandega und Leon im Nordwesten sowie Matagalpa im Norden.

In Matagalpa trat der Rio Grande de Matagalpa über die Ufer und richtete verheerende Schäden im Gebiet von Matagalpa Stadt an. In den Notunterkünften wurden 1.037 Menschen gezählt.

Unterdessen hat die Regierung Ortega den Katastrophenzustand ausgerufen. Sie kündigte an, Reis und Bohnen zu säen, um einer Hungersnot durch weitere Ernteausfälle vorzubeugen, allerdings ohne zu konkretisieren, wie diese Maßnahme vonstatten gehen soll. Vorübergehend wurde die Streichung des Einfuhrzolls auf Bohnen angeordnet, die eines der Grundnahrungsmittel darstellen und durch die aktuellen Ernteausfälle im Land knapp werden.

Ortega steht in Verhandlungen mit den nationalen Banken, angesichts des akuten Mittelbedarfs für Notmaßnahmen und Wiederaufbau die Rückzahlung der internen Staatsschulden zu stunden.

Mit Sicherheit war dies nicht die letzte Katastrophe dieser Art, die über die Region hereinbrach. Neben den vielen Toten und Verletzten und den volkswirtschaftlichen und ökologischen Schäden ist es besonders die hohe Wahrscheinlichkeit weiterer Katastrophen, die die BewohnerInnen der Region belastet. Die Bedrohlichkeit solcher Katastrophen ist in Regionen, wo die Menschen ohnehin schon unter Armutsbedingungen leben, weit höher als in Ländern mit Sozialsystemen und Versicherungsschutz.

Aber die Katastrophen fallen nicht vom Himmel. Es wäre an der Zeit zu fragen, ob die Länder mit hoher Atmosphärenbelastung nicht für den Ausgleich solch enormer Schäden stärker in die Verantwortung genommen werden müssten, da ihre Beteiligung an deren Ursache kaum noch von der Hand zu weisen ist.

Aber auch Regierungen wie die von Daniel Ortega sind weit entfernt davon, diese Zusammenhänge beim Namen zu nennen. Für ihn sind die Naturkatastrophen „unberechenbar“. Sein Katastrophenmanagement hebt sich jedoch wohltuend von dem ab, was Arnoldo Alemán beim Hurrikan Mitch 1998 in dieser Hinsicht geboten hatte: Er ließ die Betroffenen weitgehend allein und bereicherte sich an den Hilfsleistungen.


1 laut der nicaraguanischen Tageszeitung „El Nuevo Diario“ vom 9. September 2007

Brücke in Matagalpa

zerstörte Brücke in Matagalpa, Quelle: nicanet.org


(as)
Katastrophen fallen nicht vom Himmel
Erschienen in: Info-Blatt 71  des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2007

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