Freies Wissen - Freie Güter - Die Freie Software-Bewegung

Vorbemerkung

Die kapitalistische Warenproduktion ist die zur Zeit weltweit dominierende Wirtschaftsweise. Sie ist auf ständige Steigerung der Profite angewiesen. Diese kann sie in der Konkurrenz der Unternehmen nur erreichen, wenn die Produktionskosten durch Rationalisierung der Produktion oder Senkung der Löhne verringert werden können, wenn neue Erfindungen zu besonders profitablen Waren entwickelt werden können, wenn neue (Rohstoff-)Märkte militärisch erobert oder politisch-kulturell erschlossen und dort die Regeln der Kapitalverwertung durchgesetzt werden, oder wenn staatlich-öffentliche Güter (z. B. Bildung, Wissenschaft, Straßen, Bibliotheken, öffentliche Verwaltung, Wasserversorgung, Gesundheitswesen) in Privateigentum bzw. Waren zwecks kapitalistischer Verwertung umgewandelt werden (vgl. Hirsch, Joachim 2004 und 2005). Kapitalistische Verwertung bedeutet immer die Herstellung von Knappheit. Nur knappe Güter können einen Preis haben und als mittels Lohnarbeit produzierte Waren über den Markt Profite realisieren. Der folgende Text beschäftigt sich mit der Umwandlung von Wissen in Ware – speziell Software für Computer – und der kapitalistischen Verwertung des Wissens als so genanntes „Geistiges Eigentum“ und mit dem Versuch, mit Freier Software Widerstand gegen den kapitalistischen Verwertungsprozess zu leisten. In diesem Text wird unter Freier Software alle Software verstanden, die unter der GNU-General Public License (GPL) lizenziert ist. Diese und der Begriff Copyleft wird weiter unten genauer erläutert.

Zur (Vor-)Geschichte der Freien Software

Die Vorgeschichte der Freien Software beginnt nach dem „Sputnik“-Schock 1957 und der anschließend vom amerikanischen Verteidigungsministerium gegründeten Advanced Research Projects Agency (ARPA). Mit diesem Projekt verbunden war die Einbindung ziviler Forschungsprojekte in die militärische Forschungsstrategie der USA und das Interesse der Forscher am offenen Austausch der Forschungsergebnisse. 1977 wurde UNIX zum einflussreichen „offenen“ Betriebssystem, weil es weitgehend unabhängig von Hardware einsetzbar war, 1984 endete die Geschichte des „offenen“ Betriebssystem UNIX. Betriebssystem-Software wurde ab diesem Zeitpunkt – unabhängig von Hardware – „geschlossen“ von Software-Unternehmen verwertet/verkauft. (vgl. Meretz, Stefan 2000: 9ff)

Die Freie Software Bewegung

GNU/Linux

Mit der Gründung des GNU-Projektes 1984 (GNU is not Unix), der Free Software Foundation 1985 und der Entwicklung der General Public License (GPL) durch Richard Stallman 1989 beginnt die Geschichte der Freien Software-Bewegung. Diese will, dass Software offen, veränderbar und frei zugänglich ist und bleibt. Freie Software ist also – nur – in dieser Hinsicht eine Gegenbewegung zur kapitalistischen Verwertung und der damit verbundenen Verknappung von Software. Zentrum der Bewegung ist seither das GNU/Linux-System. Es setzt sich zusammen aus dem von Linus Torvalds seit 1991 gemeinsam mit anderen entwickelten Kernel Linux und verschiedenen GNU-Komponenten. Heute umfasst die Bewegung eine Vielzahl von Freie Software-Entwicklungs-Projekten/Programmen, z. B. KDE, GNOME, Debian, Ubuntu, Knoppix, SAMBA u. v. m.

Wie funktioniert die Freie Software-Bewegung?

Die Freie Software-Bewegung ist heute ein weltweit verteiltes Netzwerk verschiedener informeller und formeller Organisationen und Gruppierungen/Projekten. Die Kooperation geschieht grundsätzlich freiwillig, nicht-hierarchisch und meistens ohne Vergütung. Die Motivation der Akteur_innen umfasst politische, moralische und instrumentell/technische Motive.

Motivation

Im Vordergrund steht das Motiv, gut funktionierende, stabile, offene und freie Software zu produzieren. Dabei geht es nicht zuletzt darum, Software zu entwickeln, die ein individuelles Bedürfnis der jeweiligen Entwickler_innen befriedigt. Wenn dadurch auch die Bedürfnisse anderer Nutzer_innen/Entwickler_innen befriedigt werden können, macht diese Arbeit noch mehr Spaß. Ein weiterer Aspekt der Motivation ist auch, der monopolistischen Marktdominanz der Firma Microsoft entgegen zu wirken. (zur Motivation der Akteur_innen siehe Hertel, Guido et. al. 2003)

Was ist an Freier Software frei?

In den Anfängen der Software-Entwicklung war der ungehinderte und freie Austausch von Informationen und Programmen unter Wissenschaftler_innen selbstverständlich. Von freier Software zu sprechen wurde erst notwendig, als Betriebssysteme und Programme unfrei gemacht wurden, indem sie von Unternehmen getrennt von der Hardware als eigenständige Waren – und damit unfrei – auf den Markt gebracht wurden. Diese Unfreiheit, d. h. die Begrenzung von Nutzung und Verteilung, wurde dadurch möglich, dass Programme (der von speziellen Computerprogrammen in binären Code umgewandelte Quellcode-Text) ausschließlich in dieser binären Form (d. h. nur vom Computer intern lesbarer, binärer Programmcode) an die Kund_innen oder Interessent_innen ausgeliefert wurden, der Quellcode selbst aber geheim gehalten wurde. Der Quellcode-Text ist der von Programmierer_innen immer zuerst von Hand geschriebene Text in Form mathematischer Formeln, ein Text also, der deshalb auch von allen anderen Menschen gelesen werden kann. Programmierer_innen und andere Menschen können die (Fehl-)Funktionen von Computerprogrammen im Computer jedoch nur verstehen und Programme weiter entwickeln, wenn der Quellcode-Text verfügbar ist und gelesen werden kann. Freie Software bedeutet nun, dass der Quellcode-Text der Programme immer frei zugänglich sein muss, dass er beliebig benutzt, verändert, kopiert und frei verteilt werden kann.

Eine Folge der Einführung nicht-freier/kommerzieller (d. h. proprietärer) Hard- und Software war, dass die Freiheit der Freien Software ihrerseits eingeschränkt werden musste, um ihre Freiheit zu erhalten und ihre missbräuchliche Nutzung durch privat-kommerzielle Aneignung und Austausch gegen Geld zu verhindern. Dies geschah und geschieht durch die Bindung von Freier Software an eine von Richard Stallman und der Free Software Foundation initiierte Lizenz, die GNU General Public License (GPL). Deren Prinzipien können kurz folgendermaßen beschrieben werden:

l Das Programm kann frei heruntergeladen und benutzt werden.

l Es können beliebig viele Kopien des Programms erstellt und – mit Quellcode – verbreitet werden.

l Das Programm kann beliebig verändert werden.

l Veränderte Programme können beliebig – mit dem neuen Quellcode – verbreitet werden.

Allerdings gelten gleichzeitig die folgenden Einschränkungen:

l Der Quelltext muss jederzeit frei verfügbar sein und bleiben.

l Die an das Programm gebundene GPL-Lizenz darf nicht geändert werden.

l Das an die GPL gebundene Programm darf nicht Bestandteil nicht-freier (kommerzieller) Software werden.

Um den Unterschied zu dem von profitorientierten Unternehmen verwendeten „Copyright“-Verwertungsrecht zu charakterisieren, wird das Verwertungsrecht der GPL auch „Copyleft“ genannt.

Produktionsweise

Basis der Produktion sind persönliche Interessen und Vorlieben der Produzent_innen. Im Vordergrund steht dabei die Maxime des „Mach es selbst“ und veröffentliche möglichst schnell dein funktionierendes Programm. Es finden sich dann aufgrund der Veröffentlichung und Nutzung des Programms Gruppen von interessierten und engagierten Entwickler_innen, Dokumentator_innen, Übersetzer_innen, Bugreporter_innen (d. h. Menschen, die mit Fehleridentifizierung und -berichten beschäftigt sind), die gemeinsam an einem Produkt arbeiten und weiter entwickeln. Dieser Prozess der Kooperation und Kommunikation wird hauptsächlich über das Internet ausgeführt.

Struktur und Produktionsweise Freier Software am Beispiel des KDE-Projektes

KDE (K-Desktop-Environment) ist eines der großen und weit verbreiteten Projekte der Freie Software-Bewegung für den privaten und kommerziellen Einsatz. Mehr als 50 in KDE integrierte Anwendungen ermöglichen Internetrecherche, das Erstellen von Dokumenten am Computer, das Erstellen von CDs etc. Die populärsten Anwendungen sind Konqueror (ein Webbrowser und Dateimanager) und das E-Mail-Programm KMail. (vgl. Hirsch, Hans Frieder 2004)

Menschen, die KDE machen – Akteur_innen und Organisation

Die Menschen sind vorwiegend jung (Altersdurchschnitt ca. 27 J.), männlich, haben Hochschulbildung, eine abgeschlossene IT-Ausbildung oder eine entsprechende Berufstätigkeit. Sie arbeiten freiwillig ohne Vergütung, spendenfinanziert oder bezahlt im Auftrag von Unternehmen oder Organisationen für KDE. Sie sind mit Programmentwicklung (Quellcode), Programmdokumentation, Übersetzung von Dokumentationen, Fehleridentifizierung und -berichten, Fehlerkorrektur, Öffentlichkeitsarbeit, Webseitenadministration u. v. m. beschäftigt.
Die einzelnen Projekte sind nicht-formell hierarchisch organisiert, es gibt jedoch eine informelle Einflussstruktur aufgrund von Menge, Qualität und Bedeutung der geleisteten Beiträge zum Projekt. Diese werden häufig koordiniert von so genannten Maintainer_innen, Menschen, die ein Projekt gestartet haben und/oder sich mit Zustimmung aller Beteiligten darum kümmern, dass das Projektziel im Mittelpunkt der gemeinsamen Aufmerksamkeit bleibt und die gemeinsam akzeptierten Standards, Regeln und Termine eingehalten werden. Oft haben die Projekt-Gründer_innen diese Rolle.
Welche neuen oder weiter entwickelten Programme nach Abschluss ihrer Entwicklungsphase schließlich akzeptiert und ins KDE-Programmsystem aufgenommen werden, wird in einem Entscheidungsprozess geregelt, in dem die Möglichkeit zur Beeinflussung der Entscheidung von der Reputation (Zahl und Qualität der Beiträge) der jeweiligen Teilnehmer_innen abhängt. Die Regelung von Konflikten und notwendige Entscheidungen erfolgen möglichst im Konsens. In Ausnahmefällen ist eine Entscheidung durch Maintainer_innen nach ausführlicher Diskussion notwendig. Dabei ist zu beachten, dass bei freiwilliger Partizipation und Kooperation die „Macht“ von Maintainer_innen sehr begrenzt ist.

Freie Software, ihre Produkte und sozialen Wirkungen

Es ist eine faszinierende soziale Wirkung der General Public License (GPL), dass sie Menschen zusammenführt, ohne andere auszuschließen, dass sie Kreativität und arbeitsteilige, offene Kooperation fördert. Weil das unter der GPL veröffentlichte Wissen (hier: Freie Software) frei zugänglich und kommunizierbar ist, gibt es keine Konkurrenz um Profit und Reichtum, sondern Wettbewerb um Ideen und um den elegantesten und sichersten „Code“. Freie Software erzeugt neue soziale Gebilde, Projekte, Communities, Institutionen und Gruppen nicht über mit Exklusivität verbundene Geld- und Gewinnerwartungen, sondern über die Lust an und die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit. Entwickler/innen Freier Software brauchen freie Partner/innen, weil der Umfang der Arbeit mit der Zeit vielleicht zu groß wird oder andere Ideen und spezielle Fähigkeiten benötigt werden. Die Belohnung für die Arbeit am Programm kann auch mit Geld verbunden sein, wenngleich das Programm selbst – aufgrund des „Copyleft“ – nur ohne Einschränkung der Freiheiten verkauft werden kann (vgl http://www.gnu.org/philosophy/selling.de.html). Es ist somit auch möglich, mit freier Software direkt oder indirekt Geld zu verdienen. Man kann freie Software im Unternehmen selbst nutzen und so z. B. Lizenzkosten sparen. Man kann Dienstleistungen anbieten, z. B. durch Anpassung von Software an besondere Bedürfnisse der Anwender/innen, durch Handbücher oder Vertrieb von Nebenprodukten. Durch die Mitwirkung von Unternehmen wie SuSE, Red Hat, IBM, Sun, TrollTech u. a., die das Konzept der Freien Software akzeptieren, sind Freie High-Tech-Software-Programme entstanden, die einen Vergleich mit Microsoft Windows-Programmen nicht zu scheuen brauchen und in Privathaushalten wie Unternehmen zum produktiven Einsatz kommen. Dazu gehören beispielsweise der Webserver APACHE, das betriebssystemübergreifende Dateiverwaltungsprogramm SAMBA, das Datenbankprogramm MySQL, das Büroprogramm OPEN OFFICE, der Webbrowser FIREFOX, das Bildbearbeitungsprogramm GIMP u. v. a. m. Diese und andere Programme werden vielfach in kleinen und großen Unternehmen (z. B. Karstadt AG) und Behörden (z. B. Auswärtiges Amt, Stadt München) erfolgreich genutzt.

Widersprüche der Koexistenz freier und privat-kapitalistischer Waren (Software)

Die gegenwärtige Krise der Kapitalverwertung 1 äußert sich nicht nur in der politisch-militärisch gewaltsamen Erschließung und/oder Sicherung von Märkten und Rohstoffen, sondern auch in der mit politisch-juristischen Mitteln durchgesetzten erweiterten Unterwerfung öffentlicher Güter und Wissensbestände unter den Zwang der kapitalistischen Verwertung. So wird – bisher schon – erfolgreich versucht, natürliche und freie Ressourcen zu patentieren (z. B. Patente auf Gene). Dasselbe Ziel verfolgen die Bestrebungen, Patente auf Software zu ermöglichen, sowie die Erweiterung von Verwertungsrechten (Copyright) bezüglich Umfang, Dauer und Gegenstand. Letztendlich sollen damit auch noch die letzten Refugien nicht-kapitalistisch regulierter und verwerteter öffentlicher Bereiche (z. B. Wissen, Bildung und Gesundheit, Freie Software) dem Privateigentum und damit dem Diktat des kapitalistischen Warentausches und der Profitmaximierung unterworfen werden.

Um Freie Software auch der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie verfügbar zu machen, wurde 1998 die „Open Source Initiative“ (OSI) gegründet (Eric. S. Raymond, Bruce Perens) mit dem Ziel, das „Copyleft“ der General Public License (GPL) zwar zu umgehen, die Vorzüge des offenen Quellcodes aber trotzdem zu erhalten. In der Folgezeit haben sich dann auch Big-Player-Firmen wie IBM, Hewlett Packard, Dell, SUN Microsystems und Novell der Open Source-Software, aber auch Freier Software zugewandt und erfolgreich in ihre Geschäftsmodelle integriert (vgl. Gabriel, Richard P.; Goldman, Ron 2003).

Kann das Prinzip Freier Software auf andere Güter übertragen werden?

Güter

Güter müssen folgende allgemeine Eigenschaften haben (vgl. Meretz, Stefan 2007a, Wikipedia: „Güter“):

l Sie müssen aus einem physikalisch-chemischen Material bestehen und/oder mit einem anderen Material verbunden werden, von ihm umhüllt oder in es eingeprägt sein.

l Sie müssen von der sie produzierenden Instanz unabhängig werden/sein.

Güter unterscheiden sich:

l durch den zu ihrer Herstellung/Produktion erforderlichen Arbeitsaufwand und den dafür erforderlichen Aufwand an Zeit und Geld,

l bezüglich ihrer materiellen Lebensdauer in Abhängigkeit von ihrem Gebrauch und

l bezüglich des Aufwands, der für die Herstellung von vielen Exemplaren (Kopien) eines Gutes erforderlich ist.

Waren

Wenn Güter mittels kapitalistischer (Lohn-)Arbeit produziert werden, werden sie Waren. Waren sind jene Güter (einschließlich Lohnarbeit), die auf dem Markt gegen Geld eingetauscht werden und zwar so, dass mehr Geld eingenommen wird als zur Produktion und Verteilung der Waren eingesetzt wurde.

Softwareprogramme als digitale Güter (d. h. auf Trägermedien gespeicherte digitale Daten) sind als Waren zwar mit anderen Gütern wie z. B. Autos vergleichbar, unterscheiden sich von ihnen aber wesentlich durch folgende Eigenschaften:

l Die Kosten für die notwendigen Produktionsmittel (Computer) sind relativ gering.

l Sie sind unbegrenzt vermehrbar (Kopie).

l Die Kosten ihrer Verteilung (über das Internet) sind vernachlässigbar.

l Sie unterliegen (fast) keinem physikalischen Alterungsprozess (Verschleiß).

Daraus folgt, dass Softwareprogramme und anderes digitalisiertes Wissen (Texte, Bilder, Musik) nicht knapp sein können. Diese besonderen Eigenschaften sind es, die kapitalistische Unternehmen dazu treiben, Software und andere digitalisierte Daten aus Profitstreben absichtlich zu verknappen. Dazu benutzen sie technische Mittel (Digital Rights Management (DRM) Systeme) sowie die Unterwerfung unter das Copyright oder unter Patente. Freie Software, die unter der General Public License (GPL) oder Texte, die unter der GNU Free Documentation License (GFDL) veröffentlicht ist (wie dieser Text), können nicht verknappt werden und leisten somit erfolgreich innerhalb des Kapitalismus Widerstand gegen private, kapitalistische Aneignung, Ausgrenzung und Verwertung. (vgl. Meretz, Stefan 2007a und 2007b)

Computer und Software sind zwar eng verknüpft mit der kapitalistischen Expansion als derzeit bestimmendem Moment der Globalisierung, aber nicht deren Ursache. Sie sind aber Ursache für die verschärften Auseinandersetzungen um das so genannte „Geistige (Privat-)Eigentum“. Die tendenzielle Aufhebung der Beschränkung von Zeit und Ort und die dramatisch gestiegene Fähigkeit zur Verarbeitung und Speicherung großer Datenmengen eröffnen neue Möglichkeiten der Erzeugung von freiem Wissen und Informationen, der Kooperation und der Verteilung (Distribution). Gleichzeitig werden aber auch völlig neue Mechanismen der Überwachung, Kontrolle, Ausgrenzung und Ausbeutung zu Gunsten machtgesteuerter, kapitalistischer Verknappung erzeugt und angewandt, gegen die sich allerdings Widerstand regt. Freie Software, entstanden aus dem Bedürfnis, Verknappung aufzuheben, wird künftig noch viel stärkere Bedeutung als Modell der arbeitsteiligen, freien Kooperation und als ihr Mittel bekommen. Sie selbst bietet durch ihre Offenheit die Gelegenheit zum Lernen und Erfahren, von der Benutzung bis zur Programmierung. Das ihr zugrunde liegende Konzept selbst und ihre technischen Möglichkeiten werden Unterstützung leisten können für die Verbreitung von Wissen und Bildung und die Möglichkeiten zur Kooperation verbessern.

Diese Entwicklung bietet jedoch auch Ansatzpunkte für die Befreiung von anderen Gütern. So könnte/kann vergegenständlichtes Wissen in Form von Konstruktionsplänen, Materiallisten, Prozessbeschreibungen, Musik, Noten, Filmen und Bildern, Rezepten, medizinischem Wissen und Therapien, wissenschaftlichen Texten unter eine freie Lizenz gestellt und so für alle Menschen verfügbar und nutzbar gemacht werden. So könnte auch der Biopiraterie entgegen gewirkt werden, indem das Wissen über Pflanzen aufgezeichnet und unter der GNU Free Documentation License (GFDL) – wie dieser Text – oder einer anderen Lizenz veröffentlicht wird. Allerdings können auch freie Güter (z. B. Freie Software) nicht ohne die Inanspruchnahme von Machtstrukturen – insbesondere staatlicher Macht und staatlicher Institutionen (Recht) – existieren. So benutzt Freie Software das Urheberrecht, um mit Hilfe einer darauf aufbauenden Lizenz ihre profitorientierte Verknappung zu unterbinden. Die Existenz freier Güter ist also von Macht und aktuellen Kräfteverhältnissen in der kapitalistischen Gesellschaft abhängig.

Die Frage, ob die Produktions- und Verteilungsmechanismen sowie die besondere Form der Lizenzierung auf andere „materielle“ Güter übertragen werden können und somit weitere Formen freier Güter entstehen könnten, wird seit einiger Zeit intensiv diskutiert, unter anderem bei Oekonux e.V. (http://www.oekonux.de). Doch das erweist sich als nicht so einfach.
Wie oben gezeigt ist bei Gütern, die Wissen in binärer Form enthalten – wie die Freie Software – die Verbindung von Wissen mit einer Lizenz vergleichsweise einfach. Man fügt dem Quelltext und/oder der Binärcode-Datei auf der CD ROM einfach die Lizenz hinzu. Wie ein Sack Weizen dagegen unter einer GPL-ähnlichen Lizenz frei verteilt und genutzt werden könnte, ist allerdings unklar. Trotzdem bestehen aktuell viele Möglichkeiten, die Voraussetzungen für die Produktion freier Güter zu schaffen. Ohne eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse – insbesondere an Grund und Boden – und ohne Abschaffung des politisch-ökonomischen Zwangs zur Lohnarbeit und Warenproduktion, ist eine Gesellschaft in der alle Güter frei produziert, bearbeitet und verteilt werden können, aber kaum zu realisieren.

Ausblick

Wenn Globalisierung auch Deregulierung und kapitalistische Verwertung freier und öffentlicher Güter durch Privatisierung bedeutet (vgl. Altvater, Elmar 2003) und Teil der (imperialistischen) Gegenmaßnahmen des Kapitals gegen die Schwierigkeiten ist, sich profitabel zu verwerten (vgl. Hirsch, Joachim 2004, 2005), so bedeutet derzeit „Befreiung der Güter“ alle Aktionen und Handlungen, die das Ziel haben, die kapitalistische Verwertung freier und öffentlicher Güter zu verhindern oder sie rückgängig zu machen. Aber: „(...) Solange der Zweck der herrschenden Wirtschaftsweise nicht zur Disposition steht, kann es also nur darum gehen, den offenen Zugang zu Wissen zu erhalten und zu erweitern. Dies ist aber nicht einfach eine Frage von alternativen Geschäftsmodellen, sondern von sozialen Kämpfen um ein öffentliches Gut. Derartige Kämpfe sollten sich nicht auf das Thema Software beschränken.“ (Heller, Lydia, Nuss, Sabine 2004)

Es bedarf also der Entwicklung und Verbreitung anderer Gesinnungen, Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Regeln des Zusammenlebens und -arbeitens, damit über die derzeit noch dominierenden kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse hinaus geblickt werden kann und Bilder einer veränderten Gesellschaft ansatzweise entdeckt werden können. Das Projekt Freie Software ermuntert zu Fantasien über einen Weg dahin und macht Wegbegleiter_innen vorstellbar, die diesen Weg mitgehen könnten. Den Anfang eines neuen Weges zu finden ist einfach. Die Nutzung Freier Software auf dem eigenen PC/Notebook ist gut möglich. Dann macht man nicht nur Erfahrungen mit sehr guten Programmen, sondern hat auch die Chance, interessante und hilfreiche Verbindungen zu den Communities der Freie Software-Bewegung aufzunehmen.

Credits

Für kritisch zugewandte und hilfreiche Anregungen und Einwände danke ich der Redaktion des Infoblatts herzlich.
Frieder Hirsch
Version 1.0.7
02.12.2007
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http://www.gnu.org/licenses/fdl.html

Literatur:

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http://www.wem-gehoert-die-welt.de/engl/01/altvater_0312.pdf ; zuletzt besucht: 29. 05. 2004, 21:47 Uhr
http://www.rosalux.de/cms/fileadmin/rls_uploads/wemgehoertdiewelt/altvater_0312.pdf

– Brucherseifer, Eva (2004), Die KDE-Entwicklergemeinde – wer ist das? in: Open Source Jahrbuch 2004, Zwischen Softwareentwicklung und Gesellschaftsmodell; Gehring, Robert A.; Lutterbeck, Bernd (Hrsg.) (
http://ig.cs.tu-berlin.de/Think-Ahead.ORG/OpenSourceJahrbuch2004.pdf ; zuletzt besucht: 26. 03. 2004, 10:17 Uhr

– Gabriel, Richard P.; Goldman, Ron (2003), Open Source: Beyond the Fairytales Sun Microsystems
http://opensource.mit.edu/papers/gabrielgoldman.pdf

– Heller, Lydia; Nuss, Sabine (2004), Open Source im Kapitalismus: Gute Idee – falsches System? in: Open Source Jahrbuch 2004 ( http://ig.cs.tu-berlin.de/Think-Ahead.ORG/OpenSourceJahrbuch2004.pdf ), zuletzt besucht: 26. 03. 2004, 10:17 Uhr

– Hertel, Guido et.al. (2003), Motivation of Software Developers in Open Source Projects: An Internet-based Survey of Contributors to the Linux Kernel, Guido Hertel, Sven Niedner, Stefanie Herrmann, University of Kiel
http://opensource.mit.edu/papers/preso-hertel.pdf

– Hirsch, Hans-Frieder (2004), KDE - Ein Überblick, in:
http://www.cercos.de/Texte/html/Was_ist_KDE.html

– Hirsch, Joachim (2004), Was ist eigentlich Imperialismus?, in: links-netz (Onlinezeitschrift)
http://www.links-netz.de/K_texte/K_hirsch_imperialismus.html ; zuletzt besucht: 25. 05. 2004

– Hirsch, Joachim (2005), Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, VSA-Verlag, Hamburg 2005

– Holtgrewe, Ursula (2004), Heterogene Ingenieure – Open Source und Freie Software zwischen technischer und sozialer Innovation in: Open Source Jahrbuch 2004.pdf, S. 354 ( http://ig.cs.tu-berlin.de/Think-Ahead.ORG/OpenSourceJahrbuch2004.pdf ); zuletzt besucht: 26. 03. 2004, 10:17 Uhr)

– Lohoff, Ernst (2007), Der Wert des Wissens, in: Krisis 31/2007, hier zitiert: Kurzfassung des gleichnamigen Artikels auf
http://www.balzix.de/el%200707%20Wert%20des%20Wissens%20-%20kurzfassung.html

– Luthiger, Benno (2004), Alles aus Spaß? Zur Motivation von Open-Source-Entwicklern, BENNO LUTHIGER in: Open Source Jahrbuch 2004,
http://ig.cs.tu-berlin.de/Think-Ahead.ORG/OpenSourceJahrbuch2004.pdf ; zuletzt besucht: 26. 03. 2004, 10:17 Uhr)

– Meretz, Stefan (2000), „Linux & Co – Freie Software – Ideen für eine neue Gesellschaft“; AG SPAK Publikationen, Neu-Ulm 2000 ( http://www.leibi.de/spak-buecher ) und
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– Meretz, Stefan (2007 a), Universalgüter, Informationsgüter als genuin gesellschaftliche Güter, in: Streifzüge 40/2007,
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– Meretz, Stefan (2007 b), Der Kampf um die Warenform. Wie Knappheit bei Universalgütern hergestellt wird, in: Krisis 31/2007, www.balzix.de; zuletzt besucht: 23.10.2007

– Nuss, Sabine (2006), Copyright & Copyriot – Aneignungskonflikte um Geistiges Eigentum im Informationellen Kapitalismus, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2006

– Thie, Hans (2004), „Den Druckpunkt treffen“ in: Freitag vom 24. 5. 2004 http://www.freitag.de/2004/22/04220401.php ; zuletzt besucht: 24. 05. 2004

Weitere Links zum Thema

(alle zuletzt besucht: 11. 11. 2007)

– Privatisierung: http://www.who-owns-the-world.org/wp/langswitch_lang/de

– Die deutsche Website von KDE: http://www.kde.de

– Die Debian Website – Prinzip nur Freie Software zu verwenden: http://www.de.debian.org/devel/constitution

– Diskussionsforum zur Möglichkeit der Übertragung der GPL-Prinzipien auf andere gesellschaftliche Bereiche: http://www.oekonux.de

– Die General Public License: http://www.gnu.org/copyleft/gpl.html

– Freie Software verkaufen: http://www.gnu.org/philosophy/selling.de.html

– Aktion gegen Software-Patente: http://eupat.ffii.org/index.de.html

– Die Free Software Foundation Europe: http://www.germany.fsfeurope.org/

– Die Website der Free Software Foundation: http://www.fsf.org


1
Unter Kapitalverwertung wird hier der Zwang verstanden, dem sämtliche kapitalistischen Unternehmen unterworfen sind, das eingesetzte Kapital zu verwerten, indem Waren auf dem Markt gegen Geld getauscht werden und zwar so, dass mehr Geld eingenommen wird als zur Produktion und Verteilung der Waren eingesetzt wurde (G-W-G’).

 

(red_kol)
Freies Wissen - Freie Güter - Die Freie Software-Bewegung
Erschienen in: Info-Blatt 71  des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2007

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