Der Kampf einer Organisation gegen das Ungeheuer „Machismo“

Nicola Philipp hat ein Jahr lang bei der Frauenrechtsorganisation Casa Luna (Mondhaus) in Honduras gearbeitet. In ihrem Beitrag erzählt sie vom Leben in Tocoa, der Hauptstadt des an der Nordküste liegenden Departments Colón, und vom Einsatz Casa Lunas für die Anerkennung der Rechte der Frauen.

Tocoa ist eine Stadt mit ca. 30.000 Einwohner_innen. Ihr Zentrum erkennt man an den sechs geteerten Straßen. Diese liegen zwischen dem „alten Boulevard“, der zum Markt und Busbahnhof führt, und der „carretera“, der Überlandstraße, die Tocoa diagonal durchzieht. Außer dem Zentrum gibt es seit einigen Monaten zwei weitere geteerte Straßen: die Straße zum Rathaus (benannt nach dem aktuellen Bürgermeister) und die, die zum staatlichen Krankenhaus führt. Der Rest der Stadt verfügt über – mit Schlaglöchern durchzogene – Sand- und Schotterstraßen. Es gibt nur wenige Straßennamen und nur selten Hausnummern. Man orientiert sich anhand der Namen der Viertel und der Anzahl der Blöcke, ausgehend von in der Nähe liegenden größeren Straßen, Läden oder öffentlichen Einrichtungen, und an Farbe und Bauweise der Häuser. So lautete meine Adresse: An der Grenze zwischen Blumenviertel und dem Viertel 18. September, hinter dem Mini-Supermarkt „Rapalo“, im zweistöckigen Apartmenthaus.

Es ist heiß in Tocoa und die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Schwitzen gehört zum Alltag, von 7:00 bis 21:00 Uhr. Die zahlreichen Geländejeeps und Busse wirbeln viel Staub auf, von dem Fußgänger_innen und Radfahrer_innen eingenebelt werden und der in alle Räume eindringt. Bei Regen verwandeln sich die Straßen entweder in kleine Flüsse oder sind von Pfützen durchzogen und man muss aufpassen, dass man von den Jeeps und Bussen nicht nassgespritzt wird. Hitze, Staub und Matsch ziehen einen nicht nur einmal am Tag unter die Dusche. Aber nicht jeder Haushalt verfügt jederzeit über Leitungswasser, manchmal fehlt der nötige Druck. Das Wasser kommt aus dem Fluss, der durch Tocoa fließt, bei gutem Wetter ist es relativ klar, bei Regen wird es braun, da durch den höheren Pegel Erdreich aufgewirbelt wird. Stromausfälle überraschen einen zu jeder Uhrzeit und es ist meist ungewiss, wie lange sie dauern werden.

Diese Situation bedingt viele Verhaltensweisen des Alltags. Ein anberaumtes Treffen findet bei starkem Regen nicht statt, vor allem dann nicht, wenn die eingeladenen Personen von weiter her kommen und zahlreiche Flüsse zu Fuß oder mit dem Fahrrad durchqueren müssen, die bei Regen schnell anschwellen und die Querung gefährlich machen. Brücken gibt es nicht überall. Und auch die Städter_innen, die kein Auto besitzen, gehen bei Regen möglichst nicht auf die Straße.

Schutz vor Sonne, aber nicht vor Anmache

Genau wie den Regen meiden die Tocoaner_innen auch die pralle Mittagssonne. Man sieht um diese Zeit weniger Personen auf den Straßen, die Frauen sind alle mit Regenschirmen ausgerüstet, die nicht umsonst eher „sombrilla“ (kleiner Schatten) als „paraguas“ (fürs Wasser) genannt werden. Nicht selten passen die Regenschirme exakt zum Outfit der Frauen, genau so wie Schmuck, Haarbänder, Schuhe oder Handtasche so gut wie immer perfekt abgestimmt sind. Als Frau muss man wohl schön sein?

Männer schützen sich gegen Sonne oder Regen mit Baseballmützen. Sie tragen lange Hosen mit Gürteln und Hemden oder T-Shirts. Und wo sie gehen, stehen oder fahren, schenken sie der Damenwelt ihre Aufmerksamkeit mit Sprüchen und Pfiffen. Es vergeht nicht ein Tag, an dem man nicht als junge Frau von Männern angesprochen oder angemacht wird. Egal ob zwölf oder 80 Jahre, sie versuchen, deine Aufmerksamkeit zu erlangen. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob man dem Schönheitsideal entspricht. Einzige Bedingung ist: „junge Frau“. Als Mann muss man wohl „Macho“ sein?

Dieses Verhalten der Männerwelt nervt, nicht nur mich, sondern alle Frauen, mit denen ich gesprochen habe. Und wenn man, wie ich, in einer Frauenorganisation arbeitet, die sich für die Rechte der Frau einsetzt, dann bekommt man manchmal einen Hass auf diese Unverblümtheit, dieses Gehabe, diese Reduzierung der Frau auf ein Objekt der Begierde.

Umso wichtiger und anerkennenswerter ist es, dass es in Tocoa die „Asociación Casa Luna“ (Vereinigung Mondhaus) gibt. Sie besteht aus acht aktiven Frauen, die sich für die Rechte der Frauen und gegen Gewalt gegen Frauen einsetzen. Ein Kampf, den sie, wie sie selbst sagen, gegen ein großes Ungeheuer führen. Die Strategie der Vereinigung ist dabei ein ganzheitlicher Ansatz aus Beratung, Bildung und Weiterbildung. Und sie versuchen, die nationale Frauenpolitik umzusetzen, die aber oft nur aus Vorschlägen und nicht aus Gesetzen besteht.

Kostenlose Beratung für jede Frau und jeden Mann

Jede Person, die bei Casa Luna Rat sucht, findet ein offenes Ohr bei Maria de la Luz Sarmiento und Elicelda Yadira Guardado, den Beraterinnen von Casa Luna. Sehr selten sind es Männer, die Rat suchen. Meist kommen Frauen, weil sie Opfer von häuslicher Gewalt sind und die Kraft gefunden haben, etwas dagegen zu unternehmen. Oder die Gewalt gegen sie hat einen Höhepunkt erreicht, den sie nicht mehr ertragen und schweigend hinnehmen.

Zum Beispiel der Fall von Carolina (Name geändert): Jahrelang litt sie unter der krankhaften Eifersucht und Kontrollsucht ihres Mannes, der sie keinen Schritt aus dem Haus ließ. Er kaufte für sie die Kleidung, er begleitete sie zum Friseur und suchte den Schnitt für sie aus. Er bestimmte über sie und ihren Körper. Sie verlernte, für sich Entscheidungen zu treffen. Eines Tages, bei einem Streit, schlägt er sie. Es ist die erste physische Gewalt, die er anwendet, und das öffnet ihr die Augen. Sie geht zu Casa Luna und holt sich Rat. Sie erfährt, dass es vielen Frauen so geht, dass nach der physischen Gewalt oft eine Entschuldigung kommt, aber die Gewalt dann nach und nach wieder zunimmt, bis ein neuer Höhepunkt erreicht wird, der oft heftiger ausfällt. Dann wieder die Entschuldigung, ein paar Monate Ruhe und der Gewaltzirkel geht wieder von vorne los.

Oder der Fall von Victorina. Ihr Mann lebte und arbeitete jahrelang in den USA und schickte Geld, damit sie und die gemeinsamen Kinder überleben konnten. Als er zurückkommt, will er nicht mehr für seine Familie sorgen und setzt sie auf die Straße. Da das Haus nur auf seinen Namen eingetragen ist, steht sie erst mal ohne Dach über dem Kopf da und muss bei Verwandten unterkommen.

Die Beraterinnen von Casa Luna zeigen diesen Frauen die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten auf, die sie laut Gesetz haben, und informieren sie über Instanzen und Behörden, an die sie sich wenden können. Dabei achten Maria de la Luz und Elicelda darauf, dass die Frauen die Entscheidung über ihr Handeln selbst treffen. Und sie wissen, dass einige Frauen wiederkommen werden, denn der Weg durch die Instanzen, in deren Entscheidungspositionen oft auch Männer sitzen, ist schwierig und aufreibend. Häufig entscheiden sich Frauen nach einiger Zeit dafür, ihr altes Leben an der Seite ihres Mannes wieder zu ertragen, statt als allein erziehende Frau gegen Arbeitslosigkeit, Hunger und schlechtes Ansehen zu kämpfen.

Um im Vorhinein solche Situationen zu vermeiden, bildet Casa Luna Frauen in ihren Rechten aus. Die Ausbildung zur Rechtspromotorin gibt es seit 1996. Im Moment wird sie von der 24-jährigen Maria Adanelis Escoba geleitet, selbst eine Schülerin von Casa Luna. Mit Hilfe von partizipativen Methoden lehrt sie nicht nur die Inhalte der verschiedenen bereits bestehenden Gesetze, die Frauen schützen. Es geht vor allem auch darum, dass die Frauen lernen, sich selbst wertzuschätzen und sich etwas zuzutrauen. Denn nur wer weiß, dass er etwas wert ist, wird sich auch verteidigen. Viele Honduranerinnen lernen das erst in Casa Luna, da ihre Eltern ihnen beigebracht haben, dass eine Frau dem Mann treu zu dienen hat und er die Entscheidungen trifft. Auch über den Körper der Frau.

Inzwischen ist Casa Luna nicht mehr die einzige Beratungsstelle für Frauen im Department Colón. Dank kontinuierlicher Arbeit gibt es endlich in allen zehn Landkreisen des Departments Frauenbeauftragte, die an die Gemeindeverwaltungen angegliedert sind. So schlägt es die nationale Frauenpolitik vor, ohne es jedoch in Gesetzen zu verankern. Darum mussten die Mitarbeiterinnen von Casa Luna jahrelange Überzeugungsarbeit leisten, bis die Gemeinderäte sich schließlich auf die Einsetzung einer Frauenbeauftragten einließen. Doch diese haben es nach wie vor sehr schwer, vom Gemeinderat als Mitglied anerkannt und in die Sitzungen einbezogen zu werden. Keine bekommt bisher ein angemessenes Gehalt oder verfügt über ein eigenes Budget. Darum werden sie von einem durch Casa Luna ins Leben gerufenen Komitee unterstützt, das sich aus etwa 20 Frauen der jeweiligen Gemeinde zusammensetzt und sich einmal im Monat trifft. Sowohl die Frauenbeauftragten als auch einige Mitglieder des Unterstützungskomitees werden von Casa Luna weitergebildet. So können sie sich auch vernetzen und über ihre Arbeitssituation austauschen. Dieses Projekt wird kommendes Jahr weiter finanziert werden, durch eineN internationaleN Geldgeber_in.

Schritt für Schritt zu mehr Unabhängigkeit

Die Abhängigkeit von internationalen Geldgebern ist groß und es ist nicht so einfach, Instanzen zu finden, die Bildungsprojekte für Frauen bezahlen oder deren strategische Ausrichtung mit der von Casa Luna übereinstimmt. Es ist sehr zeitaufwändig, mögliche Geldgeber_innen zu suchen und die Anträge, Zwischenberichte und Abrechnungen nach den unterschiedlichen Vorschriften zu verfassen. Um irgendwann in der Zukunft mehr Unabhängigkeit zu erlangen, versucht Casa Luna Schritt für Schritt finanziell auf eigenen Füßen zu stehen. Die Rechtspromotorinnen zahlen für ihre Ausbildung im Monat 100 Lempira, umgerechnet etwa vier Euro, und zusätzlich 100 Lempira für die Einschreibung. Dafür bekommen sie aber ein Mittagessen, sodass nicht sehr viel übrig bleibt, um die anfallenden Verwaltungskosten zu zahlen. Der bezahlte Betrag bleibt damit eher ein symbolischer. Casa Luna will zwei Dinge erreichen. Einmal soll klargestellt werden, dass die Zeit des Übermaßes an Finanzmitteln, die den Nichtregierungsorganisationen nach Hurrikan Mitch Ende 1998 zur Verfügung standen, vorbei ist. Zweitens geht Casa Luna davon aus, dass die Bereitschaft, etwas fürs Lernen zu bezahlen, gleichzeitig eine höhere Lernmotivation mit sich bringt und die öffentliche Anerkennung des Lehrgangs erhöht.

Eine schon gut funktionierende, Einkommen schaffende Maßnahme ist der kleine Gastroservice von Casa Luna, geführt von Norma Leticia Cruz Ortíz. Jeden Tag wird Mittagessen verkauft und auf Bestellung beliefert Casa Luna andere Organisationen in Tocoa mit Essen. Vom Gewinn der Küche werden im Moment vor allem laufende Kosten wie Strom, Trinkwasser, Telefon und anfallende Reparaturen bezahlt. Eine Perspektive für die Zukunft bietet für Casa Luna das noch leere Terrain hinter dem Bürogebäude. Hier könnte etwas aufgebaut werden, das eine Finanzierung der Arbeit gewährleistet, beispielsweise ein Konferenzraum oder ein Apartmentgebäude.

 

(Nicola Philipp)
Der Kampf einer Organisation gegen das Ungeheuer „Machismo“
Erschienen in: Info-Blatt 71  des Ökumenischen Büros
München
Dezember 2007

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