„Tenemos que recordar, ratos buenos, ratos tristes, aunque sea en la pintura...“

Erinnern in Ciudad Juárez

(ssch) Im November und Dezember 2006 entstanden in Ciudad Juárez drei Wandbilder als Teil eines Projektes, das Kunst verbindet mit einem sozialen und politischen Anliegen - nämlich den Müttern, Kindern, Familienangehörigen und FreundInnen von verschwundenen und ermordeten Frauen in Ciudad Juárez eine Stimme zu geben und eigene Formen zu finden, sich zu erinnern.

Wandbilder in Ciudad Juárez
Die Idee des Projektvorhabens war, Murales (Wandbilder) im Museum in San Agustin, ca. 35 km von Ciudad Juárez entfernt im Valle de Juárez, zu malen. In sechs Wochen im Oktober und November 2006 entstanden an drei großen Außenwänden im Patio des Museums drei Murales, die von den Kindern, Jugendlichen, Müttern, MitarbeiterInnen und FreundInnen der Organisation Nuestras Hijas de Regreso a Casa (NHRC) entworfen wurden. Das Projekt fand als Teil des Programms „Arte terapia, derechos humanos y educación para niñas y niños familiares de mujeres asesinadas y desaparecidas en Ciudad Juárez“ („Kunsttherapie, Menschenrechte und Bildung/Erziehung für Kinder und Familienangehörige von ermordeten und verschwundenen Frauen in Ciudad Juárez“) statt, um Kindern und Familienangehörigen von ermordeten und verschwundenen Frauen bei der Bewältigung ihrer traumatisierenden Erlebnisse zu helfen und die betroffenen Familien, die von anderer Seite keinerlei Hilfe erhalten, zu unterstützen. Gefördert wurde dieses Vorhaben vom Ökumenischen Büro und mit Unterstützung von Stiftungsgeldern sowie einer Spendenaktion konnten wir Farben, Pinsel, eine Videokamera, alles notwendige Material sowie Verpflegung und die Kosten der Einweihungsfeier bestreiten. Meine Aufgabe als Koordinatorin und Anleiterin dieses partizipativen Kunstprojektes war, mit den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zusammen die Entwürfe zu gestalten, anschließend auf die Wände zu projizieren und künstlerisch auszugestalten.

Deshalb verbrachte ich einige Monate in Ciudad Juárez, begleitete die Arbeit an den Wandbildern und widmete mich anschließend einige Wochen der Videodokumentation des Projektes. Die Arbeit an den Murales erforderte viel Einsatz und Zusammenarbeit von allen Beteiligten, sowohl was die künstlerische Ausführung als auch die Inhalte betraf. Aber auch für mich war die Arbeit sehr intensiv und interessant, da ich über den Zeitraum von einigen Monaten meines Aufenthalts in Ciudad Juárez viel über die persönlichen Lebensumstände der Familien mitbekam, die z.T. so unterschiedlich sind wie die Frauen, die sich in der Organisation NHRC zusammengefunden haben. Allen gemeinsam ist jedoch die Intention, die in den Murales deutlich wird, und die in allen Interviews, die ich anschließend führte, von den Frauen formuliert wurde. Es ist die Suche nach Formen, an das zu erinnern – was persönlich, aber auch in der Öffentlichkeit - durch die Ignoranz von Regierung und staatlichen Behörden und deren Versuchen, zu verharmlosen, zu leugnen und zu vertuschen, nicht in Vergessenheit zu geraten droht. Damit präsent bleibt, was sich in Ciudad Juárez in den vergangenen mehr als zehn Jahren ereignet hat: mehr als 500 brutale Morde an Mädchen und jungen Frauen, und mehr als 1.500 ungeklärte Fälle von entführten und verschwundenen Frauen. Obwohl die Rate der Morde an Mädchen und Frauen auch in anderen Teilen Mexikos wesentlich angestiegen ist, steht Ciudad Juárez auch für ein System, das die brutale Gewalt gegen Frauen unterstützt, Aufklärung bewusst verhindert und die Fälle des Feminicidio (systematische Morde an Frauen) zum großen Teil straflos bleiben lässt.

Obwohl schon der Unterschied zwischen Mittel- und Oberschicht und der ArbeiterInnenklasse deutlich macht, wie es möglich werden konnte, dass in den vergangenen 12 Jahren mehr als 500 Mädchen und junge Frauen entführt und ermordet werden konnten – es ist Ignoranz, Ausbeutung und Schutzlosigkeit, denen die Frauen, meist ArbeiterInnen in den Maquilas (Niedriglohnfabriken) ausgesetzt sind – hat sich in Ciudad Juárez jedoch zusätzlich in den vergangenen zwanzig Jahren der Ansiedlung von Maquilas, der Expansion und der Investition von viel Kapital eine Macht etabliert, die aus einem Geflecht vermögender Familien und Unternehmer von Ciudad Juárez, der Mafia und dem organisierten Verbrechen sowie den korrupten Regierungen, dem Polizeiapparat und der Justiz besteht. Dieses Machtgefüge hat bekannte Gesichter und Namen in der Stadt, und der größte Teil der mehr als 500 Morde und schätzungsweise 1.500 verschwundenen Frauen ist nach verschiedenen Recherchen und Aussagen der Angehörigenorganisationen wie NHRC diesen Gruppen und Personen zuzurechnen. 1 *
Abril

Erinnern in der Öffentlichkeit
„Tenemos que recordar, ratos buenos, ratos tristes, aunque sea en la pintura...“
(Wir müssen uns erinnern, an gute und schlechte Zeiten, auch mit Hilfe der Malerei...“) Mit diesem Satz beendet Eva Arce, Mutter der seit einigen Jahren verschwundenen Silvia Arce, das Interview, das wir in ihrem Wohnzimmer auf Video aufnehmen. Diese Gespräche mit Doña Eva sowie den anderen Frauen von NHRC sollen dokumentieren, wie sie sich an ihre verschwundenen und ermordeten Töchter erinnern und warum es ihnen wichtig ist, diese Erinnerungen in Bildern, Aktionen, Liedern etc. in der Öffentlichkeit zu zeigen und aufrechtzuerhalten.

Doña Eva erzählt viele Details der gemeinsamen Arbeit und betont, dass ohne öffentliche Aktionen, Film- und Radioproduktionen, Kunstprojekte etc. die verschwundenen und ermordeten Töchter von Ciudad Juárez in der Öffentlichkeit nicht präsent wären: „Den jetzigen Bürgermeister von Ciudad Juárez interessiert in erster Linie die Ökonomie der Stadt. Wenn er auf die ungeklärten Morde angesprochen wird, gibt er dazu ungern oder gar kein Statement ab, sondern erklärt, dass er sich lieber zur ökonomischen Entwicklung von Ciudad Juárez äußert. Er hat kein Interesse daran, dass in der Öffentlichkeit etwas daran erinnert, was in den letzten Jahren hier geschehen ist – im Gegenteil, am liebsten wäre ihm, dass nach und nach die Erinnerungen verblassen.“

In der Zusammenarbeit mit den Frauen von NHRC als auch in vielen Gesprächen mit Menschen, die ich kennen lernte, wurde klar, wie in der Öffentlichkeit mit dem Feminicidio umgegangen wird. Und auch, warum wichtig ist, dass das Thema präsent bleibt. Nach den Interviews für die Videodokumentation bestätigt sich der Eindruck, dass durch das Leugnen und die Ignoranz der staatlichen Behörden versucht wurde, abzulenken, abzuwiegeln und keinerlei Verantwortung zur Aufklärung zu übernehmen – und dies mit Erfolg. In der öffentlichen Wahrnehmung kursieren nach wie vor die verschiedensten Theorien über die Motive, kritisiert wird oft das Verhalten der Frauen, die die Taten provozieren, viele vermuten, dass die Mordserie aufgehört hat, oder gehen davon aus, dass die Schuldigen verfolgt und bestraft werden. Es ist deutlich, dass nach wie vor für viele Menschen in Ciudad Juárez unklar bleibt, was hinter dem Feminicidio steht. Die Strategie der Regierung scheint aufgegangen zu sein, und deshalb fahren die Frauen von NHRC 29 Mexico Infoblatt 70 fort, durch öffentliche Aktionen zu erinnern und Gerechtigkeit zu fordern.

„El Corrido de Airis“
Seit langem schon halten viele der Frauen ihre Trauer, den Verlust und die Erinnerung in Gedichten, Liedern, Bildern und Geschichten fest. Ruby Panda, Mutter der damals siebenjährigen Airis Estrella, die vor zwei Jahren entführt, brutal gefoltert und ermordet wurde, schreibt Lieder, die von der Realität in Ciudad Juárez erzählen, und von dem Wunsch, dass die Mädchen und Frauen der Stadt ohne Angst leben können. Zu dem Lied „Corrido de Airis“, (Corrido: populäre Musik, Tanzmusik im Stil des nördlichen Mexikos), erklärt sie, dass sie nicht nur ihre persönlichen Erinnerungen aufrechterhalten will, sondern dass auch die EinwohnerInnen der Stadt nicht vergessen, dass Airis eine Tochter von Ciudad Juárez war. Der Corrido ist Repertoire einer Band und ist in verschiedenen Cantinas in der Stadt zu hören, auch gibt es mittlerweile Aufnahmen einiger Lieder, die von der Band sowie von Abril, einer der Töchter Rubys, interpretiert werden.

Alle diese Texte, Bilder und Geschichten sind Spiegel der politischen und sozialen Realität einer Stadt, die durch die Morde und die Gewalt gegen Mädchen und Frauen sowie deren Straflosigkeit geprägt und verändert wurde. Sie sind sichtbarer Ausdruck gegen die Ignoranz und das Vergessen – und ein wichtiger Aspekt in dieser Form von Erinnern ist, dass diese Geschichten direkt von den Müttern, den Kindern, Jugendlichen und den Familienangehörigen der Opfer erzählt werden.

1
* Gute Recherchen und Publikationen: „Bajo Juárez“, Dokumentarfilm von Alejandra Sánchez und Antonio Cordero, 2006 „La escritura en el cuerpo de las mujeres asesinadas en Ciudad Juárez“, Studie von Rita Laura Segato, 2004 „Cosecha de mujeres“, Publikation von Diana Washington, 2005

Abril

Mural


(ssch)
Tenemos que recordar, ratos buenos, ratos tristes, aunque sea en la pintura...
Erschienen in: Info-Blatt 70  des Ökumenischen Büros
München
Juli 2007

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