Deswegen wollen wir uns erinnern.
An was erinnern sich unsere Partner_innen in Nicaragua, El Salvador und
an was wollen sie erinnern? Sind die Daten, die wir von außen für wichtig
halten, die gleichen? Wir konnten nur mutmaßen, versuchten uns vorzustellen,
aber stellvertretend für sie zu reden, das konnte auch nicht sein. Deshalb
fragten wir einige Partner_innen. Aus El Salvador bekamen wir viele Antworten,
aus Nicaragua eine.
Antwort von Damian Alegría
Damian Alegría kommt innerhalb der FMLN vom Flügel der Kommunistischen Partei El Salvadors (PCS), dessen Generalsekretär Schafik Hándal war. Er führt in San Salvador das Hotel Oasis, in dem seit vielen Jahren die El Salvador-Brigaden des Ökumenischen Büros Unterkunft finden.
1. Erinnerst Du Dich an den 24. März 1980? Wo warst du an diesem Tag und was hast du gemacht?
An diesem Tag war ich mit einer Gruppe Compañeros zusammen und arbeitete mit ihnen an einigen Details der organisatorischen Arbeit, die für den Fortschritt im revolutionären Kampf nötig waren.
Wir hatten uns über die Predigt von Monsignore Romero vom Vortag unterhalten, wie mutig er war und wie er sich mit dem Streben der armen Bevölkerung von El Salvador nach Gerechtigkeit identifizierte. Am nächsten Tag war ich verzweifelt, da mir einige meiner Compañeros erzählt hatten, was sich am Tag zuvor ereignet hatte. Ich fragte mich, wie weit diese Militärs wohl gehen würden in ihrem Eifer, das Verlangen nach Gerechtigkeit in unserem Land zu unterdrücken.
2. Erinnerst Du Dich selbst, oder jemand aus deiner Familie oder deinem Bekanntenkreis, an die Jahre des bewaffneten Konfliktes? An was erinnerst Du dich?
Ja, ich erinnere mich an die Angst, die die Militärs in der ganzen Bevölkerung erzeugten, sodass viele die Körperteile von zerstückelten Menschen, das Werk der Todesschwadronen, die neben die Körperteile Drohbotschaften an die von ihnen so genannten Kommunisten legten, die im Allgemeinen Gewerkschaftsmitglieder, Bauern, Professoren, Studenten etc. waren, die den Mut hatten, gegen die Repression und den von den Militärs begangenen Wahlbetrug zu protestieren, lieber nicht sahen.
Aber ich erinnere mich auch daran, dass viele Menschen trotz allem und trotz des Terrors, den diese Bilder hervorriefen, Mut fassten und sich für den Kampf wappneten, sicher wissend, dass sie zwar irgendwann sterben würden, aber in dem Bewusstsein, dass sie angesichts der ganzen Bosheit nicht mit verschränkten Armen sitzen bleiben konnten. Ich erinnere mich daran, wie mir bei meinen ersten Guerillaaktionen die Beine zitterten und wie ich diese Angst überwinden lernte, im Gefecht, im Gefängnis, beim Kampf in der Stadt.
Ich erinnere mich an das Leiden vieler Mütter und Väter, Kampfgefährtinnen und -gefährten, die einsam und alleine weinten bei der Erinnerung an ihre Kinder und sich selbst das Versprechen gaben, unermüdlich für die Schaffung eines Landes zu kämpfen, in dem es Gerechtigkeit und Glück für alle geben würde, speziell für die Allerärmsten.
Und ich erinnere mich auch an die Freude angesichts der Beendigung des Krieges, das unendliche Glück zu wissen, dass wir zurückkehren und unsere Freunde wiedersehen würden und dass Grupo FMLN California wir überall im Land frei auf den Straßen herumlaufen würden, ohne die Angst, wegen unserer politischen Überzeugungen verfolgt zu werden, und wie wir unseren im Kampf gefallenen Kameraden versprachen, ihre Träume, ihren unnachgiebigen Kampf und ihre Liebe zu den Besitzlosen nie zu vergessen.
3. Welche Bedeutung haben diese Erinnerungen heute?
Mir dienen sie dazu, den Liebesund Blutspakt mit meinem Volk hochzuhalten, mit seinem Streben nach Demokratie, Gerechtigkeit und Glück für alle. Das war nicht einfach ein weiteres Kapitel unserer Geschichte, das war die schönste Seite unseres Lebens, die uns erlaubte, in eine neue Etappe [in der Geschichte] unseres Landes einzutreten, nämlich auf den langen Weg hin zu mehr Entwicklung für unser Volk, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch hin zu größerem Nationalstolz, mehr kultureller Entwicklung, Verwirklichung einer menschlichen Entwicklung.
4. Wie wird heute an den bewaffneten Konflikt und die Aktivitäten der Todesschwadronen erinnert?
Viele Menschen haben eine traurige Erinnerung an all das, was sie während des bewaffneten Kampfes erlitten haben, daran, wie sie ihre Familie verloren, ihre Kinder, ihre liebsten Freunde und Freundinnen. Vielen Menschen sträuben sich immer noch die Haare und sie fangen an zu weinen bei der Erinnerung an jene bittere und unheilvolle Nacht, als die Todesschwadronen ihre Lieben entführten und sie unter grausamsten Folterungen ermordeten. Die Mehrheit der salvadorenischen Bevölkerung will keinen neuen bewaffneten Konflikt und wünscht, dass die Praktiken der Todesschwadronen auf immer verschwinden. Der Gedanke daran, dass sie wieder mitten in der Nacht an unsere Türen klopfen könnten und mit großer Grausamkeit unsere Kinder, Verwandten, Freunde töten, erfüllt uns mit Schrecken. Deshalb fordern wir von der Regierung, dass sie das Gesetz respektiert und nicht zu den in den 1970er-Jahren üblichen Praktiken des Wahlbetrugs zurückkehrt. Das Problem dabei ist, dass die ARENARegierungen dabei sind, erneut zu diesen unheilvollen Praktiken der Vergangenheit zu greifen.
5. Wird im Rahmen des schulischen Lehrplans die Geschichte des bewaffneten Konfliktes in El Salvador behandelt?
Ja, aber sehr halbherzig. Man bildet sich weder eine unvoreingenommene Meinung über die autoritären und repressiven Praktiken jener Zeit, noch vergleicht man sie mit den Praktiken der Regierenden heute. Es besteht die Gefahr, dass man die Vergangenheit auf sehr akademische Weise studiert, ohne zu zeigen, dass einige der heutigen politischen Praktiken die gleichen sind, wie sie vor dem Konflikt angewendet wurden, und die schließlich zum Bürgerkrieg führten.
Übersetzung: Eva-Maria Bach


(red_kol)
Antwort von Damina Alegría
Erschienen in: Info-Blatt 70 des Ökumenischen Büros
München
Juli 2007
Förderung durch das