Verlassene Waisen

(dt) Der „femenicidio” in Ciudad Juárez hinterlässt nicht nur ermordete Frauen, sondern auch eine große Anzahl Waisenkinder, um die sich die Behörden nicht kümmern wollen.

Seit 1993 wurden in Ciudad Juárez, Bundesstaat Chihuahua, mehr als 400 Frauen vergewaltigt und systematisch ermordet (siehe Infoblatt 66). Doch das Problem der „femenicidios“ endet nicht bei den Frauenmorden. Jenseits der Straflosigkeit und der Gelassenheit der Behörden, die Fälle zu lösen, sind die Folgen der „femenicidios“ bis heute ein Alptraum für die Angehörigen der Opfer.

Viele der ermordeten Frauen hatten Kinder, und wie wir in vergangenen Ausgaben erwähnt haben, handelte es sich oft um alleinerziehende Mütter. Heute gibt es in Ciudad Juárez 60 Waisenkinder, die mit verschiedenen Problemen konfrontiert werden. Die Grenzstadt Juárez besitzt kaum (soziale) Infrastruktur. Das Maquila-Modell bietet nur Arbeit. Die großen Gewinne, die dort realisiert werden, werden nicht wieder in die Region investiert, um die Lebensqualität der ArbeiterInnen zu erhöhen.

Vor diesem Hintergrund wird klar, dass die Kinder der ermordeten Frauen sich selbst und ihrem Glück überlassen sind. Viele der ermordeten Frauen hätten das Recht auf Sozialversicherung, womit ihren Kindern eine Waisenrente zustünde, aber die Mehrheit bekommt keine und die wenigen, die etwas bekommen, erhalten sehr wenig. In fast allen Fällen müssen sich die Verwandten um die Waisenkinder kümmern.

Da die ermordeten Frauen zumeist als Einzige in der Familie ein Einkommen hatten, verschlechterte sich mit ihrem Tod die sowieso schon schwierige finanzielle Situation ihrer Familien, die sich noch zusätzlich um die Waisenkinder kümmern müssen. Das wird an den folgenden gravierenden Fällen deutlich: Eines der Kinder von Lorenza Isela González lebt auf der Straße, die Tochter von Perla Patricia Sáenz Díaz hat mehrere Selbstmordversuche unternommen, eines der Kinder von Silvia Arce sitzt im Jugendknast und das andere ist bei einer befreundeten Familie in den USA. Die Kinder von Alejandra García wohnen zusammen mit ihrer Oma, die selbst krank ist. Viele der Kinder leiden unter Krankheiten, die man sonst nur von Erwachsenen kennt, wie z. B. Migräne. Dies sind einige Fälle, die wir durch unsere Zusammenarbeit mit Nuestras Hijas de Regreso a Casa (NHRC) kennen, aber wie sie uns erzählt haben, gibt es noch viele ähnliche Fälle in Juárez.

NHRC, eine Organisation von Angehörigen der Opfer, ist die Partnerorganisation des Öku-Büros in der Kampagne Ni una mas!. Ein Teil der Arbeit von NHRC ist die Betreuung einiger Waisenkinder. Marisela Ortiz, Direktorin der Organisation, erzählte uns: „ ... Wenn unsere Organisation die Unterstützung für diese Minderjährigen fordert, sagen sie uns, dass jeder Familie maximal 900 Pesos* alle zwei Wochen zustehen. Doch dies wird von der Regierung entschieden und die Entscheidungen werden sehr selektiv gefällt. Die Kinder und Jugendlichen sind allein und oft auf der Straße und es gibt keine Institution, die sich um sie kümmert. Nach unseren Informationen wurde die einzige Institution dieser Art von der aktuellen Stadtregierung geschlossen. Es ist entmutigend zu sehen, wie alle Tore geschlossen werden, wenn man Hilfe sucht, um einige dieser Probleme zu lösen. Es ist frustrierend zu wissen, dass diese Kinder auf der Straße zu Erwachsenen werden. ... “

Eine weitere Sorge für die Organisation sind die Integrationsprobleme dieser Kinder und Jugendlichen. Sie haben nicht nur den Mord ihrer Mütter erlebt, sondern sind auch sehr stigmatisiert worden. Die soziale Situation der Jugendlichen führt in Kombination mit dem großen Angebot an harten Drogen in Ciudad Juárez zu einem hohen Drogenkonsum unter diesen Jugendlichen.

NHRC kämpft dafür, dass diese Kinder wahrgenohmmen werden und auch auf ihre Probleme eingegangen wird. Dies ist mittlerweile eine der wichtigsten Säulen der Arbeit von Nuestras hijas geworden. Das Ökumenische Büro unterstützt diese Arbeit. Von Oktober bis November wird eine unserer ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen ein Partizipatives Wandbild mit den Waisenkindern in Ciudad Juárez erstellen (siehe Kasten )

* 1€ = 13,10 pesos mexicanos

 

(dt)
Verlassene Waisen
Erschienen in: Info-Blatt 68  des Ökumenischen Büros
München
Mai 2006

Zurück