„La otra campaña“ – Die andere Kampagne zur Demokratisierung Mexikos
(ssch) Im Sommer vergangenen Jahres rief die EZLN einen sogenannten „Roten Alarm“ für die autonomen Zonen in Chiapas aus. Diese Maßnahme kam überraschend für die meisten BeobachterInnen, schien zunächst unverständlich und regte zu vielen Spekulationen an, denn der Zeitpunkt wirkte losgelöst von aktuellen Ereignissen. Die EZLN hatte jedoch wieder mal ein gutes Gefühl für die Verbindung von zeitlichen und inhaltlichen Überlegungen und so stellte sich der Auftakt für die zunächst internen Beratungen, die darauf folgten, im Nachhinein als gut getimt heraus. Denn Mexiko befand sich schon im Vorwahlkampfgetöse, man erinnere sich nur an den Versuch, Andrés Manuel López Obrador, den mittlerweile aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten der PRD, seines Amtes zu entheben und damit auch eine Kandidatur unmöglich zu machen, was eine öffentliche Protest- und Solidarisierungswelle großen Ausmaßes nach sich zog. In diesen Tagen des „Roten Alarms“ wurden interne Beratungen in den autonomen Gemeinden abgehalten. Die anschließende Formulierung und Bekanntgabe der sogenannten „Sexta Declaración de la Selva Lacandona“, das Ergebnis dieser Beratungen, zielten dann auch – durchaus passend zur allgemeinen Vorwahlkampfaufregung – auf eine gesamte politische, soziale und ökonomische Veränderung im ganzen Land. Im Gegensatz zu den inhaltsleeren Wahlkampfslogans der Parteien schlagen die ZapatistInnen darin jedoch eine konkrete Analyse der derzeitigen Verhältnisse aus ihrer Sicht sowie eine Gegenstrategie vor: Als eines der ehrgeizigsten Ziele dabei wird sogar die Erarbeitung einer neuen Verfassung für Mexiko ins Auge gefaßt.
Dies liegt allerdings noch in weiter Ferne, was auch den VerfasserInnen der „Sexta Declaraciòn“ durchaus klar ist. Der Vorschlag und das Angebot an die Linke Mexikos lautet daher, gemeinsam Strategien zu erarbeiten, um das neoliberale Wirtschaftsmodell zu bekämpfen, die parteipolitischen machtorientierten Wahlkampf- und Regierungsstrategien abzulehnen und einen breiten sozialen Block aufzubauen, der gemeinsam solidarisch handlungsfähig ist. Dies bedeutet, dass sich die EZLN nun erstmals ganz real mit anderen sozialen Sektoren des Landes zusammentun will, die gleichermaßen unter Entbehrung, Ausgrenzung und Unterdrückung leiden, um damit von „links unten“ die politische und soziale Realität Mexikos zu verändern.
Bemerkenswert und neu an dieser Vorgehensweise ist, dass sich die ZapatistInnen weder als SprecherIn und noch weniger als AnführerIn dieser sogenannten „Anderen Kampagne“ „La otra campaña“ – Die andere Kampagne zur Demokratisierung Mexikos Preguntando viajamos … - Auftakt der otra campaña in San Cristobal / Chiapas am 1. 1. 2006 (“La Otra”, wie sie in Mexiko nur noch genannt wird) sehen, sondern dass auch sie einfach daran teilnehmen wollen. Dies bildet einen Teil ihrer schon lange verfolgten Strategie, „die Welt zu verändern, ohne die Macht zu ergreifen“.
Diese Form von Politikverständnis kann durchaus als machtbedrohender Faktor gesehen werden, wenn es die Linke Mexikos schafft, damit in den kommenden Jahren einen Reformprozess für die mexikanische Verfassung in Angriff zu nehmen und diesen vielleicht sogar erfolgreich zu beenden.
Eine Rundreise in Mexiko …
Auftakt der Kampagne war der 1. Januar 2006. In San Cristobal de las Casas, Chiapas, brach der Delegado Zero (der “Delegierte Null”, so der neue Name von Subcomandante Marcos für diese erste Reise) zu einer sechsmonatigen Rundreise durch ganz Mexiko auf. Seit einigen Monaten ist er nun “auf Tour” und besucht die verschiedensten Orte, Gruppen, AktivistInnen, kurz alle, die ihn einluden und die Interesse haben, ihre Realitäten und Lebensumstände, Vorschläge und Meinungen zu erzählen, zu sammeln und zu bündeln und Strategien zu finden, mit denen die Verhältnisse des Landes von unten verändert werden können. Wie dieser Aktionsplan letztendlich aussehen wird, wird sich erst noch herausstellen: In der derzeitigen Phase werden viele Verbindungen hergestellt, Meinungen und Bedürfnisse ausgetauscht, diskutiert und zugehört, es wird an einem großen Netz von Beziehungen und Austausch gewebt – wie tragfähig es werden wird, wird die Zukunft zeigen.
Gewerkschaften, Gruppen, Kollektive und Einzelpersonen aus Mexiko und dem Ausland haben sich mittlerweile angeschlossen und bilden ein buntes Spektrum, das die Vielfalt von Protesten, kreativen Aktionen sowie der Suche und realen Umsetzung von Alternativen zu den derzeit herrschenden Strukturen widerspiegelt. Ob es nun die Jugendlichen eines selbstverwalteten Zentrums sind, Prostituierte, GewerkschafterInnen, ArbeiterInnen oder Bauern und Bäuerinnen, die die Umstände ihres Arbeits- und persönlichen Lebens schildern, – es ist in den vielen Gesprächen und Konferenzen spürbar, dass es viele einzelne Geschichten sind, die sich jedoch gleichen in dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung und einem würdigen Leben, und damit ihre Anknüpfungspunkte finden in der solidarischen Idee der Kampagne. Die Otra Campaña ist damit auch ein Hoffnungsträger geworden, dass sich in Mexiko demokratische Strukturen durchsetzen und der Ausschluss vieler Gruppen und Sektoren der Gesellschaft durch menschenwürdigere soziale und ökonomische Konzepte beendet wird.
... und eine Karawane in Europa
In Mexiko ist diese Idee einer „anderen Kampagne“ damit schon auf dem Weg, zur Realität zu werden. Im Rahmen dieser Kampagne gibt es in Mexiko den Plan einiger Menschen, 2007 eine „andere Karawane“ zu initiieren, die quer durch einige Bundesstaaten ziehen soll. Sie soll dem Austausch und der Kommunikation auf kultureller und politischer Ebene dienen, um die Otra Campaña zu unterstützen und weiterzuentwickeln. Daraus entstand nun auch in Deutschland die Idee einer europaweiten Karawane, die die mexikanische Kampagne ergänzen will. Bisher trägt diese Idee in Deutschland den Titel „Karawahnsinn“ – eine Idee, die schon durch einige andere Namen in verschiedenen Sprachen übersetzt wurde (s. Kasten ).
Jan Klein von der Vorbereitungsgruppe erklärt in einem Interview in der ILA (Ausgabe April 06) diese „etwas größenwahnsinnige Idee“ (so der Titel des Interviews ...): „Dahinter steht die Idee, dass wir, die wir etwas am Zustand dieser Welt verändern wollen, uns dringend darüber austauschen müssen, wie wir das machen wollen. Und dass wir diesen Austausch und diese Diskussionen wesentlich breiter führen müssen, als das zumindest in unserem Umfeld bisher geschieht. ... Die Karawane will sich auf die Suche machen nach dem anderen Europa, dem Europa von unten, dem Europa der Widerständigkeiten. Auch hier ist es zentral, ein würdiges Leben für alle zu ermöglichen, und zwar unabhängig davon, wo und als was die Menschen geboren werden. Die Idee, wie wir das erreichen wollen, besteht aus drei Teilen: Zum einen ist unser Vorschlag, eine Reihe von Festival-Treffen quer durch Europa zu organisieren, die sowohl Kultur in einem politischen Kontext bieten, als auch Räume darstellen, in denen eben dieser Austausch Platz hat. Der zweite Teil besteht in einer Art Karawane, die sich aus Menschen, Gruppen und Kollektiven zusammensetzt, die an Teilen dieser Festivalreihe teilnehmen, sich aber zwischen den einzelnen Treffen möglichst nicht als Tross fortbewegen, sondern stattdessen in die Breite gehen und ihre eigenen Wege und Kontakte suchen. Zu den Treffen hin laufen die Wege dann wieder zusammen und können einen neuen Knotenpunkt des Austausches bilden. Der dritte Teil schließlich besteht aus einer europaweiten Consulta, also einer Befragung. Dabei sollen einige grundlegende Fragen ausgearbeitet werden, die während des gesamten Projektes mitgetragen und möglichst vielen Menschen gestellt werden. ... Die Umstände und Hintergründe unserer Leben und Kämpfe unterscheiden sich natürlich fundamental voneinander. Aber in diesem Bestreben danach, die Dinge zu ändern, auf eine menschliche Weise zu ändern, darin stehen wir auf der gleichen Seite.“
Dies klingt nach einem großen Vorhaben, das bis jetzt von einem (noch) kleinen UnterstützerInnenkreis geträumt, vorwärtsentwickelt und verbreitet wird. Es wird sich herausstellen, welche Dimensionen diese Idee annehmen wird – auch hier liegt noch vieles in der Zukunft, doch die Hoffnung auf Veränderung und das Bedürfnis, nach würdigen Lebensbedingungen zu suchen, sind auch in diesem Vorhaben die zentrale Motivation. Und damit steckt wohl einiges an zapatistischem Spirit im Karawahnsinn.
Mit Blumen und Macheten - Atenco, Texcoco und die "andere Kampagne" leisten Widerstand
(ssch)
„La otra campaña“ – Die andere Kampagne zur Demokratisierung Mexikos
Erschienen in: Info-Blatt 68 des Ökumenischen Büros
München
Mai 2006
Förderung durch das